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Celeri 1 - März 2006
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Vorbemerkung

Beim Schreiben an meinen Büchern bleiben immer wieder Texte übrig, die in den Büchern keinen Platz finden, mir für den Abfall aber zu schade sind. Da kam mir die Idee, sie wenigstens auf dem Weg vom Schreibheft zum Papierkorb Lesern in einer Art Magazin zugänglich machen. Ich habe vor, dieses Magazin monatlich zu erweitern.

Prinzipiell finde ich ja, daß es eher zuviel Geschriebenes gibt und zu viele Meinungen gehabt und geäußert werden, und zwar nicht nur allgemein, sondern auch individuell: jeder Mensch scheint mir zu viel zu wissen und zu viele Meinungen zu zu vielen Themen zu haben, und wiederum zu viele Menschen zu glauben, ihre Ansichten mitteilen zu müssen. Ich selbst kenne die Last des zu großen Wissensbesitzes und weiß, wie verführerisch es ist, damit anzugeben, und weiß, wie schwer es ist, sich endlich davon zu trennen.

Es mag heikel sein, dem allgemeinen Geplapper, Geraschel, Geschall und Geklatsche noch etwas hinzuzufügen - es wird unweigerlich Teil des Gebells. Ich tue es dennoch, und zwar aus demselben Grund, warum ich Bücher schreibe: aus keinem anderem, als aus Laune. Mir ist danach. Warum dieses Magazin Celeri heißt? Ich weiß es noch nicht, werde es aber umgehend mitteilen, sobald es mir einfällt.

In Celeri sind immer wieder Gedankengänge zu finden, auf die ich von selber gar nicht gekommen wäre; die Texte sind nämlich Antworten auf Fragen. Dies wird vermutlich auch der Entstehungsgrund künftiger Beiträge sein.

Um es deutlich zu wiederholen: bei den Beiträgen zu Celeri handelt es sich um Abfälle. Da solche auch bei meiner zeichnerische Tätigkeit anfallen, werden hin und wieder auch Kritzeleien in Celeri zu finden sein. Ich beschränke mich übrigens vorerst auf eigene Beiträge (es ist also müßig, Manuskripte einzusenden, sie werden ungelesen vernichtet). Zitiert werden darf nur nach Absprache sowie Angabe der Quelle (siehe auch Impressum).
Nun liegt der Verdacht nahe, daß die Texte in Celeri, da Abfälle einer literarischen Arbeit, selbst auch literarischen Anspruch haben. Nein. Ihnen fehlt die Ausgearbeitetheit; mit der Ausformulierung gehe ich etwas lax um. Und ich sag's lieber gleich vorab: Die Welt der Literatur ist mir fremd, und so soll es auch bleiben. Ich habe vor, darin ein Fremdling zu bleiben. Warum? Ich hab dort wenig zu suchen und zu finden. Ich bleibe lieber abseits. (Im Abseits ist es schön. Waren Sie schon einmal da? Ein Nachmittag im Abseits ... traumhaft!). Dennoch werde ich mich hin und wieder zu Literatur äußern; denn aus Fremdlingsaugen gesehen nehmen sich die vertrautesten Dinge, interessant, merkwürdig oder wie neu aus. Wenn ich im übrigen gelegentlich von mir und meinem Schreiben schreibe, dann nicht, weil ich es (oder gar mich) für so wichtig halte, daß ich meine, andere davon unterrichten zu müssen, sondern weil mir scheint, daß im Persönlichen etwas Allgemeingültiges sichtbar wird; Letzteres allein ist der Grund der Erwähnung - auch wenn für manche Autoren die Aussicht, Persönliches zu veröffentlichen der Antrieb für ihr Schreiben ist: ich selbst halte Privatheit für einen unverzeihlichen Fehler.

Wie man Celeri liest? Ich stelle es mir in etwa so vor: wie eine Ferienlektüre am Strand. Schläfrig-interessiert. Die Leistung des Vergnügens liegt ganz auf Seiten des Gelesenen, nichts des Lesers. Das Geschrei von Kindern und Möwen, das Rauschen der Wellen im Ohr und das Gebrumm eines hochfliegenden Flugzeugs; man zerstreut sich, unterhält sich, und wenn abends am Speisesaal die Glocke angeschlagen wird, zieht man sich an und nimmt die Illustrierte nicht mehr mit. (Haben Sie bemerkt, daß ich das Wort "Vergnügen" verwendet habe? Das ist hierzulande im Zusammenhang mit Literatur eine Seltenheit! Die zudem nicht selten sogar als Indikator für mangelnde Qualität gilt). Aber im übrigen lesen Sie Celeri ganz wie Sie wollen. Oder auch gar nicht. Denn: Die Lektüre ist völlig freiwillig.

Literatur wird zu Papier gebracht und befaßt sich mit Dingen, die nicht auf Papier zu finden sind: Leidenschaften, Tragödien, Glück, Schicksal und dergleichen, kurz: mit allem, was zum menschlichen Leben gehört. Schreibend lebt man nicht, lebend schreibt man nicht.

Ich habe einiges aus Büchern erfahren, weit mehr aber aus Begegnungen. Über eines kann ich nie hinwegsehen: Lesen ist Denken, Fühlen und Erleben aus zweiter Hand. Das mag seine Berechtigung haben, wenn es um Dinge geht, die jemandem versagt sind, so daß er zu Beschreibungen einer Forschungsreise, einer Krankheit, eines unerwarteten Abenteuers greift. Aber wenn sich dieses Erleben aus zweiter Hand auf das alltägliche Leben erstreckt, erscheint es mir nicht empfehlenswert, etwas Uninteressantes durch Lesenswertes zu ersetzen. Geraten scheint mir vielmehr, das Leben so interessant und lebenswert zu gestalten, daß es wieder beschreibenswert und für andere interessanter Lesestoff wäre (was übrigens gar nicht so schwer ist), und dann zu sehen, nach welchen Büchern man noch Verlangen hat.

Ein Buch ... Was ist ein Buch? Ein Fechtsaal, eine Zirkusmanege, eine Belästigung, eine Bereicherung, ein Sternschwarm, ein Plus und ein Minus, ein Nachtlicht und eine Tageshelle, eine Klugheit und eine Dummheit, ein Muß und eine Laune, ein Gewächshaus, eine Struwelpeterei, eine Krokodilfärberei, eine Haarspalterei, eine Zitronenfalterei, eine Behindertenanstalt, ein Wörterparadies, eine Akkordlöhnerei, ein Geraschel, ein Stiefelknecht, eine Zuckerbäckerei, ein Salzgarten, ein Narrensprung, ein Winterschlaf, ein Rübenacker, ein Blattwerk, eine Teufelbeschwörerei, ein Paar Stelzen, eine Sämerei, eine Gestelztheit, ein Trostpflaster, ein Jahrmarkt, ein gefrorener See, ein Schützenfest, ein Waldfest, eine Tulpengärtnerei, ein fliegender Name, ein Klumpfuß, eine Drachenwerft, eine Wörterklauberei, ein Ballsaal, eine Strafkolonie, eine Clownerie, ein Rührkuchen, eine Spiegelfechterei, ein Zaubertrick, eine Rezeptsammlung, eine Besserwisserei, eine Armseligkeit, ein Vergißmeinnichtbeet, ein belegtes Brot, ein Misthaufen ... das und noch viel mehr, kurz : alles, was auch der wässerigste Mensch sein könnte. Seien Sie's doch! Es ist ganz einfach. Sie müssen es nur tun. Vielleicht erfahren Sie in Celeri, wie Sie es anstellen müssen.
 
 

Beerdigungen und Rummelplätze

Beerdigungen und Rummelplätze finden zur gleichen Zeit statt, womöglich nah beieinander. Die Trauermärsche blähen sich in das Rummelplatzgeklingel hinüber, das Gemisch aus Schlagern und Blaskapellen mischt sich unter die Begräbnismusiken, und die Kettenkarussellpassagiere hören beide Musiken, fliegen hindurch und haben wechselnd im linken Ohr die eine, im rechten die andere. Und dann gehen Wolkenbrüche nieder, und der Fluß tritt über die Ufer, und nebeneinander treiben die Glasfiber-Monster aus der Geisterbahn, der Hauptpreis der Losbude - ein rosa Riesenteddy -, Stoffbälle und zerbeulte Blechbüchsen, die ertrunkene Kellnerin in bayrischer Tracht, gefolgt von kondolierenden Bratwürsten und aufgeweichten Brezeln. Ein Sarg aus dem Gruselkabinett "Horrlogius" und einer vom nahegelegenen Friedhof, ein Wohnwagen, zerfledderte Zigarren, kopflose Hüte und herrenlose, planschende Dackel, Brathühner sowie die Brotzeit des Schiffschaukelbremsers, eine Flasche Bier und ein Wurstbrot. Das Riesenrad dreht sich, die Kabinen versinken im Wasser, und wenn sie wieder auftauchen, sitzen wasserspeiende Ertrunkene darin. Die Pauke der Bierzeltmusik, eine Tuba und die Kinderkarussellfeuerwehr schlagen aneinander und Maßkrüge klingeln dazu; am Dachrand der Crèpesbäckerei läßt ein Mensch die Beine ins Wasser baumeln und sinniert über den Umstand nach, daß der schwere Hau-den-Lukas-Hammer soeben an ihm vorbei schwimmt. Eine Trauergesellschaft folgt in feierlichen Schwimmzügen etlichen Särgen, die unternehmungslustig vom Friedhof herübertreiben, dem Pfarrer fällt das Segnen schwer, dem Zauberer das Zaubern; der eine schwimmt, jener ist versunken. Der eine hat nur den Freischwimmer, ist aber schon über 15 Minuten im, der andre kann gar nicht schwimmen, ist aber schon eine Stunde unter Wasser. Da hilft weder segnen noch zaubern. Ertrunkene schlagen mit den Köpfen an die Särge, aber die Särge sind schon besetzt. Der Herr vom Kasperltheater, ein tüchtiger Schwimmer, strebt, Kasperl und Gretel noch an den Händen, crawlend dem Rettungsboot der Berufsfeuerwehr zu. Die Schießbudenschönheit hat noch nichts bemerkt, sitzt summend in ihrem schaukelnden Wohnwagen und zieht den Lidstrich nach. Ein Dauerhöflicher fragte nach dem Toilettenwagen. Als er, bis zu den Knien im Wasser, auf dessen Dach steht, uriniert er nachdenklich einen Kreis und schaut zu, wie der wieder vergeht und seufzt, dann sieht er auf die Armbanduhr: Zeit, heimzukehren. Grabkränze und Trauergestecke schwimmen wippend und schaukelnd herbei und nicken und tun, als seien sie Gewinne der Losbude und hätten mit den frischen Erdhügeln des Friedhofs nichts zu schaffen. Die Gondeln des Karussells sind endlich, endlich, in richtigem Wasser, und das Kettenkarussell läßt seine Sitze wie eine angekettete Gänseherde schwimmen. Dann läßt sich ein Schwarm quakender Enten nieder.

 

Wofür wir nichts können

Manchmal fragt man mich nach den Umständen, unter denen ein Buch entsteht, nach den Bedingungen und Beweggründen, wie ich es schreibe, woher die Ideen kommen, usw. Ich habe mich um die Beantwortung immer herumgemogelt, weil ich mit der Frage nichts Rechtes anfangen konnte.

In den Erwartungen der Fragesteller sowie in den Erörterungen von Voraussetzungen und Entstehungsbedingungen von Kunst wird stillschweigend fast ausschließlich von einem Kunstwerk ausgegangen, das Ergebnis eines abgeschlossenen, autarken Prozesses ist und die Hervorbringung eines ganz aus sich und seinen Fähigkeiten schaffenden, von äußeren Einfluß unabhängigen, nach seinen Ideen und Inspirationen vorgehenden und entscheidenden Einzelkämpfers, eines alleinigen und allein verantwortlichen Urhebers des Kunstwerks.

Doch es gibt auch noch andere Faktoren, die außerhalb der schaffenden Person liegen, und die gleichfalls am Zustandekommen eines Kunstwerks beteiligt, ja dafür unerläßlich sind. Um sie darzustellen, gehe ich hier von mir und meiner Schriftstellerei aus.

Eine wichtige Rolle bei der Buchwerdung eines Manuskripts kommt dem Verlag zu; und die für mich im Verlag wichtigste Person ist meine Lektorin. Sie begleitet mich durch die verschiedenen Wachstumsphasen des Manuskripts, macht sich Gedanken, weist mich auf Unstimmigkeiten und auf Vernachlässigtes, auf ein Zuviel oder ein Zuwenig und auf dieses und jenes hin; sie animiert mich, zu verbessern. Ohne ihre Hilfe wären meine Bücher nicht wie sie sind. Dann gibt es Korrekturleser, Graphiker, Schreibkräfte, Sekretärinnen, Drucker, Buchbinder, Packer. Andere Menschen beschäftigen sich damit, Lesungen zu organisieren, wieder andere werben für das Buch, Vertreter preisen es in den Buchhandlungen an, Buchhändler preisen es ihren Kunden an, meine Leser beschäftigen sich damit. Einige meiner Freundinnen und Freunde haben mit meinem Buch zu tun, gestalten meine Internetseite, verschicken Mails, beraten mich bei Problemen mit dem Computer.

Über diese unmittelbar mit dem Buch befaßten Menschen hinaus gibt es noch weitere, die indirekt mit dem Buch zu tun haben. Die Räume des Verlags müssen sauber gehalten, die Fenster geputzt werden. In den Wäldern, in den Säge- und Papiermühlen, bei der Post arbeiten Menschen.

Wir können getrost davon ausgehen, daß ich eine ganze Menge vergessen habe und eine weitere Menge mir gar nicht bewußt ist.

Und nicht nur Menschen sind am Entstehen eines Buchs beteiligt. Alle Menschen müssen essen, das Gemüse muß wachsen, Tiere müssen sterben. Das Papier für das Buch muß hergestellt werden, und die Bäume, die dafür gefällt werden, wachsen erst in Jahren heran. Der Leim des Buchhändlers wird aus den Knochen von Tieren hergestellt.

Und nicht nur die Jetztzeit spielt eine Rolle, sondern auch die Vergangenheit. Jeder Beteiligte hat Eltern, hat eine Geschichte, eine Vorbedingung, ein Herkommen, eine Abhängigkeit, jeder Gegenstand, jedes Verfahren mußte erfunden und hergestellt werden, ein Verlag gegründet werden. Irgend jemand in der Vergangenheit kam auf die Idee, etwas mittels eines Zeichens festzuhalten. Alle Schriftsteller vor mir haben in gewisser Weise das Schreiben miterfunden und weiterentwickelt. Ohne meine Vorgänger, ob ich mit ihnen etwas anfangen kann oder nicht, würde ich anders schreiben. Mit Sicherheit schlechter. Frühere Schriftsteller haben Techniken erfunden, derer ich mich selbstverständlich bediene, ohne die aber meine Bücher fehlerhafter wären. Die Fehler, die sie machten, brauche ich nicht mehr zu machen.

Wer dies als Selbstverständlichkeiten, Äußerlichkeiten oder Lächerlichkeiten abtut, den erinnere ich daran, wie z.B. fehlendes Schreibpapier - z.B. in Afrika - einen Einfluß auf die Entwicklung eines Menschenlebens hat. Ich bin weit davon entfernt, meinen Lebensmittelhändler für den eigentlichen Urheber meiner Bücher zu halten, weil ich ohne seine Waren verhungern würde. Aber wer sich als alleinigen, "selbstschaffenden" Urheber seiner Werke betrachtet, sollte sich einmal vorstellen, ob er seine Gedichte auch unter anderen Bedingungen geschrieben hätte - wenn er krank wäre, wenn Krieg wäre, bei großer Armut, bei geringeren Geistesgaben, bei, bei, bei ...

Bislang war von mir selbst noch gar nicht die Rede. Aber wenn ich all diese in die Breite und in die Tiefe sich erstreckenden Zusammenhänge betrachte, fällt es mir schwer, beim Nachdenken über die Entstehungsbedingungen meiner Bücher, mich dann noch auf mich selbst zu konzentrieren. Aber ich bin natürlich auch am Zustandekommen eines Buches beteiligt - immerhin schreibe ich es ja; und wenn ich es nicht schriebe bliebe es ungeschrieben (vermute ich jedenfalls - von der großen Weltmechanik habe ich aber zugegebenermaßen kaum eine Ahnung).

Um ein Buch zu schreiben, muß man zunächst eines schreiben wollen. Das klingt etwas läppisch. Ich erwähne es aber, weil ich a) zu den Menschen gehöre, die ihr Wollen nicht als ausschließlich in ihrer Macht liegend betrachten, und weil b) etwas wollen zu können durchaus nicht selbstverständlich ist. Auch dazu muß ein Mensch in der Lage sein - nämlich sich Gedanken zu machen und aus diesen einen Wunsch abzuleiten. Und diesen Wunsch wiederum in eine Tat umzusetzen, ist ein weiterer Schritt; auch für das Vorhandensein der dazu erforderlichen Kraft und Energie ist jemand nicht selbst verantwortlich - auch wenn dies zu glauben übliche Gepflogenheit ist; Menschen verkehren miteinander, indem sie so tun, als seien ihre Fähigkeiten - vor allem die erwünschten -, ihr eigener Verdienst, ja als haben sie sozusagen sich selbst erfunden.

Auch ich selbst habe eine Geschichte, eine Vorbedingung, ein Herkommen, eine Abhängigkeit, auch ich mußte erst "hergestellt" werden. Ich habe Eltern, die mich erzogen haben, die meine Kindheit beschützt haben. Die Ausdauer und der Fleiß, die nötig sind, um ein Buch zu schreiben, ganz abgesehen von anderen Faktoren wie Selbstkritik, Nüchternheit, Inspiration und unzähliges mehr, sind Faktoren, für die ich selbst nichts kann. Ich habe sie zwar vertieft, eingeübt oder verstärkt, aber sie nicht aus dem nichts geholt. Ich hatte nicht nur die Begabung, zu schreiben, sondern darüber hinaus auch die Beharrlichkeit, diese Begabung zu einer Fähigkeit zu machen und zu vervollkommnen.

Dazu kommen weitere, umfassende Bedingungen: keine Armut; Frieden; zuversichtlicher Charakter; Gesundheit. Für all das kann ich nichts oder wenig, auch nicht für das Allerpersönlichste, weder für meinen Charakter, meine Begabung, noch für meine Existenz. Letzteres dürfte die wichtigste Voraussetzung sein: Ich lebe. Das scheint so selbstverständlich, daß man leicht vergißt, daß man keinen Verdienst daran hat.

Noch ein Faktor soll nicht vergessen werden. Als ich einmal im Abenddämmer durch eine Ruinenstadt streifte und auf einer Anhöhe stehenblieb, um mir einen Überblick über die Anlage verschaffte, sprang ich unvermittelt zurück. Ich hatte erst nach einer Weile des Mich-Umsehens mit ungläubigem Entsetzen festgestellt, daß der Boden einen Schritt vor mir senkrecht abfiel. Im Zwielicht hatte sich die Struktur des Vordergrunds von der des Hintergrunds kaum unterschieden. Ein andermal ging ich durch die Stadt, zögerte vor einer Bäckerei kurz und ging, als mir einfiel, daß noch Brot zuhause war, dann doch weiter; nach wenigen Schritten krachte vor mir eine Dachplatte auf die Straße. Glück ist etwas ganz Entscheidendes. Es spielt praktisch bei allen Entstehungsschritten eine Rolle mit. So auch bei der Suche nach einem Verlag. Nicht jedem passiert es, daß er die Aufmerksamkeit eines Verlags gewinnt.

Selbst Schriftsteller, die sich als jemand sehen, der seine Werke gegen Verhältnisse oder Widerstände schafft, hängen von Faktoren ab, die nicht gegen, sondern für sie wirken.

Natürlich wird dies bestritten. Denn mit dem Anerkennen dieser Faktoren, mit dem Abblättern der Alleinverantwortlichkeit, verschwinden auch die Gründe für Anerkennung und Bewunderung. Ich glaube in der Tat, daß, um das Bild vom allein und ganz aus sich schaffenden Künstler und Gestalter seines Werks und Lebens aufrechtzuerhalten, man mit tief gesenkten Augen herumgehen muß und nicht allzu gründlich nachdenken darf.

Nachdem ich gesehen habe, daß sich hinter einem Buch die Mithilfe einer unübersehbaren Anzahl von Menschen verbirgt, die alle selbst nicht am Buch schreiben, ohne die es aber dennoch nicht gedruckt werden könnte, zudem eingedenk der zahllosen, nahen und entfernten Faktoren, an die ich noch gar nicht gedacht habe, ist mir fast etwas schwindlig und kommt mir der Stolz auf das eigene Werk vor wie der Stolz auf den eigenen Namen, den Bartwuchs oder die Augenfarbe - dumm wie jede Einbildung auf etwas, wofür man nichts kann. Und ich habe keine Lust mehr, der Frage nach meinem Verdienst am Zustandekommen eines Buches nachzugehen.

Und nachdem ich gesehen habe, wie von allem, was mir meine eigenen Schöpfungen zu sein scheinen, bei genauem Hinsehen mein Verdienst daran abblättert, fällt mir nichts mehr dazu ein. Vermutlich ginge es mir ebenso, wenn ich mich auf die Suche nach dem Verantwortlichen machen würde, dem Ich nämlich, das diese Bücher schreibt. Vermutlich würde auch dieses Ich nach und nach abblättern. Selbst bei der Betrachtung meiner allerureigensten Ingredienzien - meinem Gemüt, meinem Charakter, meinen Gefühlen, meinem Denken -, wo ich mich am konsistentesten vermute, würde das Kompakte und Konsistente abblättern, und vermeintlich typische Ingredienzien meiner Person würden sich als Schnittmengen verschiedenster Einflüsse, ineinandergreifender Anlagen und Kausalkettenglieder erweisen - und ehe ich mich's versehe, pfeift mir der Wind durch die Rippen - ein Wind, der kompakter und wirklicher erscheint als das Ich, das er durchbläst - eigentlich beruhigend, finden Sie nicht?

 

Hinterher

Einer der schönsten Aspekte am Schreiben ist, daß man Personen beschreiben kann, die längst nicht mehr sind. Sie porträtierend kann man ihnen hinterher rufen: "Ich denke immer noch an dich".
 

Hausaufgaben

Bis zum nächsten Mal haben Sie folgendes auf:
Schreibend lebt man nicht, lebend schreibt man nicht - gilt dieses Schema auch fürs Lesen? Finden Sie andere Wortpaare (entspr. schreiben/leben) für die das gilt.
Beantworten Sie die Sätze dieser Ausgabe, die mit einem Fragezeichen enden.
Erläutern Sie, warum Sie lesen. Einem Außerirdischen, der weder "Buch" noch "Lesen" etc. überhaupt kennt.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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Stand: 25. Februar 2014