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Celeri 2 - April 2006
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Fehlende Wegweiser zur Wunderbarkeit

Schon einem Neuling des schreibenden Gewerbes, erst recht einem, der bislang keine Buchbesprechungen las, fällt bald eines der kuriosesten Zubehöre des Literaturbetriebs auf: die Literaturkritik. Ihm wird bewußt, daß er nicht nur Leser hat, sondern daß es auch ... ja, wie wäre es denn zu beschreiben? - - - Menschen gibt, die seine Bücher lesen, ihre Leseeindrücke veröffentlichen und damit Geld verdienen (deren Arbeitgeber der Schreibende also ist). Was für eine Seltsamkeit ist erst die veröffentlichte Kritik. Niemand scheint an ihr Bedarf zu haben, und dennoch gibt es sie. Ihr Informations- und Inspirationsgehalt ist gering, sie ist wenig unterhaltsam oder originell, und vertraut man ihr, fällt man herein; das hochgelobte Buch erweist sich als ungenießbar zäher Brocken, und das verrissene ist zwar nicht gut, aber auch nicht schlecht. Man weiß nicht so recht, wofür die Literaturkritik da sein und was man mit ihr anfangen soll. (Manchmal könnte man meinen, sie sei selbst die einzige, die an sich Bedarf hat.) Und es hatte anfangs etwas Kurioses, zu lesen, was mir völlig unbekannte Menschen zu meinen Büchern zu sagen hatten.

Kritiken meiner Bücher beschäftigen mich wenig, ich lese sie mit flüchtigem Interesse, meistens erst Tage nach dem Erscheinen (schlimm, nicht? Wo doch bekanntlich nichts älter ist als die Zeitung vom Vortag) und selten öfters als einmal. Ich freue mich jedoch über Lob, Ablehnung kümmert mich hingegen praktisch gar nicht. Schriftsteller, die aufgrund eines Zeitungsartikels aufheulen und zähneknirschen (oder, von einer Glückswelle getragen, in tagelanges, grinsendes Delirieren verfallen und stündlich einmal die Rezension lesen, um den Rausch zu verlängern) kann ich nicht verstehen. Ich halte das für einen Irrtum. Es soll nach ablehnenden Rezensionen sogar schon zu Todesdrohungen gegenüber Kritikern gekommen sein. Ist das nicht eine Art von charakterlicher Verwahrlosung? Soweit sollte man es mit der Abhängigkeit vom Urteil anderer nicht kommen lassen. Besonders die Abhängigkeit von Zustimmung und Lob hat fatale Folgen, schwächt und macht anfällig für allerhand Schwachsinnigkeiten; als Quelle von Freude oder Glück taugt sie jedenfalls nicht.

Sowohl in zustimmenden wie in ablehnenden Kritiken finde ich Gedanken, die ich nicht verstehe oder nicht nachvollziehen kann. Im Großen und Ganzen fühle ich mich aber gut behandelt. Ich habe den Eindruck, daß sich die Rezensenten, auch die ablehnenden, Mühe geben. Ein Kritiker hat, wie jeder andere Mensch, sich zu qualifizieren - durch das, was er tut. Die meisten haben das begriffen und vermeiden es tunlichst, durch Äußerungen von Unfug ihren Kredit in punkto Ernstgenommenwerden zu verspielen. (Natürlich versäumen das manche Kritiker, lassen statt dessen die Hosen runter (und wollen dafür bewundert werden), nörgeln oder schleimen herum, rülpsen, erigieren oder gebärden sich sonstwie furchterregend. Pressefreiheit - eine schöne Sache; doch kommt es darauf an, was frei wird. Frei sich austobende Banalität ist unerfreulich und kein Gewinn für die Zuschauer. Die Bangemacher, Weihräuchler, Schlamper, Schnapsler, Buckler, Ignoranten, Aromaölverstäuber, Mütchenkühler, Lobhudler und Rummäkler, die im Feuilleton ihre schlechte Laune und ihren schlechten Geschmack verbreiten und nicht verstanden haben, daß es zu wenig ist, nur den Hosenstall aufstehen zu lassen, um das Klima zu verbessern und Beifall zu ernten, sind jedoch, so zumindest mein Eindruck, in der Minderzahl - aber kurioserweise haben sie manchmal das, was ihren ernstzunehmenden Kollegen meist abgeht: Unterhaltungswert.)

Auf die Gefahr hin, all jene zu enttäuschen und zu kränken, die sich zustimmend über meine Bücher äußerten, möchte ich doch eines klarstellen: es gibt kaum noch Kritik. Jenes klare, feste, und reine Urteil, das durch seine Unbestechlichkeit, Strenge, Schärfe und Genauigkeit auf eine eigentümliche Weise unpersönlich bleibt und das der Schriftsteller mit Ehrfurcht liest.

Was momentan als "Kritik" bezeichnet wird, ist kaum mehr als ein wortreiches "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht". Kritiker ziehen einen in ihre allerprivatesten Vertraulichkeiten, Vorlieben und Abneigungen. Doch eben diese zum Kriterium für die Beurteilung von Literatur zu machen, finde ich falsch und zudem uninteressant. Es berührt mich wenig, wenn ein mir unbekannter Mensch berichtet, wie ihm dies oder jenes Buch gefallen habe. Bei engen Freunden ist das anders, aber Privatmeinungen Fremder vermögen - egal in welchem Medium sie verbreitet werden - mich nicht recht zu interessieren. (Ich persönlich finde es übrigens unnötig, negative Kritiken zu veröffentlichen (oder zu lesen). Es erscheint mir degoutant und stillos, öffentliche Geschmacksempfehlungen zu geben, erst recht, öffentlich von etwas abzuraten. Darüber redet man doch einfach nicht. Und eben darin vermeine ich eine gewisse Borniertheit und Ignor- und Arroganz zu erkennen; von etwas abzuraten, obwohl man weiß, daß alles und jedes seine Liebhaber hat - ist das nicht Mißachtung anderer Empfindungen?).

Daß es so verführerisch ist, mit der eigenen Meinung an die Öffentlichkeit zu treten und so üblich ist, den persönliche Geschmack als Beurteilungskriterium zu verwenden, mag daran liegen, daß in unserer unpersönlichen, anonymisierenden Welt nach Darstellungsmöglichkeiten für das Persönliche gesucht wird. Das ist verständlich, macht aber die Sache nicht gehaltvoller. Es entspricht dem Zeitgeist (und wird bekanntlich auf allen Sektoren praktiziert), nicht mit seinen besonderen Fähigkeiten an die Öffentlichkeit gehen zu wollen, sondern mit der unverstellten Persönlichkeit und solcherart zu zeigen, daß man - einfach so, wie man ist - schon Gegenstand der Aufmerksamkeit ist. Das erhöht natürlich den Banalitätsgehalt der Öffentlichkeit beträchtlich.

Apropos Banalität. Das in der Knetschüssel des Literaturbetriebs benützte Backtriebmittel Wichtigkeit mißfällt mir, aufgrund seiner blähenden Wirkung, sehr. Ich habe eine Eigenschaft: Ich kann jemanden um so weniger ernst nehmen, je wichtiger er sich selbst nimmt; und besonders schwer fällt es mir bei einem Menschen, der andere gar nicht ernst nimmt. (Sich wichtig gebende und nehmende Menschen kommen mir immer vor, wie überkostümierte Karnevalsnarren, die sich bei genauem Hinsehen als graue Mäuse in Bunter-Hund-Verkleidung entpuppen.) Solche Menschen sind mir peinlich, und ich halte mich von ihnen fern, da ich in ihrer Gegenwart meinem eigenen Anspruch, andere Menschen stets ernst zu nehmen, selbst nicht gerecht werde und mich genaugenommen für das tadeln müßte, das ich an ihnen für tadelnswert halte.

Höre ich: "Eines der wichtigsten Bücher der vergangenen ..." usw., dann weiß ich: Nichts für mich. Ich habe gern Größe, Weite und verehre Eigenschaften wie Groß- und Weitherzigkeit, Selbstlosigkeit, Großmut und Großzügigkeit. "Wichtig" aber kommt von "Wicht". Und Wichte sind bekanntlich vor allem mit sich selbst beschäftigt; damit, ihre Kleinwüchsigkeit vergessen zu machen; eben damit beschäftigt, sich wichtig zu machen.

Bücher zu besprechen sollte (wie übrigens das Schreiben selbst auch) bestenfalls eine reizvolle Nebenbeschäftigung sein - mit leichter Hand beiläufig ausgeführt, leger aber sicher, wie die Fertigkeit des Messerwerfers, und ebenso kunstvoll und raffiniert. Gewichtigkeit aber riecht doch leicht nach Schweiß, und Schweißgeruch - bei einem Handwerker zwar ehrenvoll, grundsätzlich aber bedauerlich - ist bei einem Buch völlig deplaziert.

Lesen ist - übrigens auch Schreiben -: freiwillig. Das wird gern vergessen (und vermutlich auch verschwiegen, denn mancher Anlaß zu gewichtiger Sprachentfaltung und Entrüstung entfiele, denn Gejammer über freiwillig Getanes klingt immer etwas falsch. Jemandem, der darüber lamentiert, wie schwer es ihm fällt, allabendlich seinen Fernsehsessel ums Haus zu tragen, würde man raten: "Dann laß es doch bleiben." Schriftsteller, die klagen, daß sie schreiben müssen, reagieren auf denselben Ratschlag beleidigt (komisch eigentlich: sie wollen fürs Ungern-Tun bewundert werden, nicht fürs Können); und auch Kritiker, denen man vorschlägt, doch einfach andere Bücher zu lesen oder zu besprechen, sind nicht gesonnen, sich ihre Mißgelauntheit nehmen zu lassen. Ich kann Menschen nicht recht ernst zu nehmen, die sich vorwurfsvoll und wie persönlich Beleidigte aufführen, als habe ich mir meine Bücher ihnen zum Tort ausgedacht (habe ich nicht), und als würden sie zum Lesen und Rezensieren gezwungen (von mir jedenfalls nicht). Ich kann nur sagen: Selbst schuld.

Ich möchte niemandem den Spaß verderben, und wer Freude daran hat, mit anderen um die Wette auf Teelöffeln rohe Eier durchs Dorf zu tragen, den lasse ich gern gewähren. Doch ich finde die üblichen literarischen Debatten überflüssig und vor allem langweilig. Ein einfaches Schema: Der eine versucht, die Vorlieben des anderen schlecht zu machen und ihm seine eigenen aufzuschwatzen. Was für ein seltsamer Sport. Das dümmliche Streitgespräch zwischen einem Birnen- und einem Apfelliebhaber, die sich gegenseitig ihre Lieblingsfrucht anpreisen bzw. madig machen wollen. Glaubt tatsächlich irgend jemand an den Sinn dieser Übung? Anderen seine Leibspeise aufzuschwatzen? Ist der Dummheitsgehalt dieser Situation schon ohnehin ziemlich hoch, so wird er durch das Wissensgebalze, die Gewundenheit und Umständlichkeit des Gesprächs, durch das Ankarren von Wissen, Gründen und Argumenten (manchmal zwar kaschiert, jedoch meistens) noch erhöht. Doch im übrigen bin ich der Auffassung, daß Platz für alle ist - für mich ebenso wie für das, was ich für überflüssig halte.

Das Naturell von Meinungsinhabern ist in der Regel so beschaffen, daß sie es schlecht vertragen, wenn andere Menschen andere Meinungen und Gepflogenheiten haben. Von jeder Abweichung und Andersartigkeit fühlen sie sich persönlich in Frage gestellt und hätten es am liebsten, daß es alle Menschen ebenso machen wie sie selbst. Nur gut, wenn sich solche Menschen redender Weise erschöpfen. Wenn sie mit dieser Veranlagung gesellschaftlich wirksam werden, zeigt sich schnell ihre Gefährlichkeit.

"Kritik! Aber konstruktive!" versprach mir einmal ein Rezensent. Ich verbat es mir strikt. Ich kann es nicht leiden, wenn andere, zumal Nichtkünstler, ankündigen, bei der Herstellung meiner Kunst "mitmachen" und mich "unterstützen" zu wollen. Konstruktive Kritik ist ein rasch dahergeplappertes Märlein, in dem von einem fruchtbaren Austausch zwischen Kunst und Kritik geraunt wird. Wir sehen eines Kritikers aufgerichteten Zeigefinger, mager und mahnend; wir sehen den lauschenden Künstler, der, stirnrunzelnd aber im Grunde dankbar, eifrig in seinem Notizbuch mitschreibt, sich endlich erhebt und in seine Werkstatt eilt, um die notwendigen Verbesserungen vorzunehmen. Konstruktive Kritik ist ein Märchen, nicht mehr. (Von einem fruchtbaren Austausch zwischen Schriftsteller und Kritiker kann keine Rede sein. Was hätte allein jener diesem anzubieten? Ein Schriftsteller hat in der Regel über sein Buch wesentlich länger nachgedacht, als es andere Menschen je tun werden. Einwände und Ratschläge sind daher unwillkommen und werden nur unter erheblichem Aufwand an Höflichkeit angehört.) Kritiken sind oft verdeckte Vorschläge, wie der Autor es zu machen hätte, damit es dem Kritiker gefällt. Konstruktive Kritiken sind manchmal vielleicht auch die Versuche unschöpferischer Menschen, indirekt kein wenig bei künstlerischen Prozessen mitzutun.

In Wirklichkeit kann konstruktive Kritik nur von Menschen geübt werden, die nicht nur Sachverstand, sondern auch das Vertrauen des Autors haben. Ansonsten ist sie vor allem Sache des Autors selber (und nebenbei bemerkt, das tauglichste Mittel, um die Qualität zu steigern. Und man wird verstehen, daß von sich eingenommene Menschen dazu kaum in der Lage sind). Ansonsten, zum Beispiel im unverkünstelten Alltag, wird konstruktive Kritik ja eher selten praktiziert. Ein Bäcker würde sich an die Stirn tippen, wenn ich damit an ihn heranträte. In der Praxis wird ganz anders verfahren. Man kauft gleich bei dem Bäcker ein, dessen Seelen einem schmecken.

Doch zurück zu jener wirklichen Kritik, deren Abwesenheit ich bedauere. In einer Zeit, in der Kritik nur aus privatem Geplauder besteht (dem zudem auch leider der Charme extravaganter Subjektivität fehlt), fehlen mir die herzerwärmenden Plädoyers für phantastische Bücher, jene Wegweiser ins Wunderbare. Das Fehlen echter Kritik wird gar nicht bemerkt. Da wundern sich die Deutschen, warum in der Schweiz die billigste Schokolade besser schmeckt als hier eine teure deutsche. Aber in ein Land anspruchsloser Grobmäuler wird schon vorab nur noch Kakao in B- oder C-Qualität geliefert. Solange man nicht über die Grenze geht, fällt nichts auf.

Die völlige Abwesenheit von Kritik zeigt sich auch daran, daß niemand mehr zu sagen weiß, worin diese denn bestehen könnte? Und mit dieser Frage beende ich diesen kleinen Aufsatz voller leichter, ländlicher Gedanken zu einem pflastersteinschweren, großstädtischen Thema. Der Schnee fällt lautlos. Der Fuchs hustet. Die Gedanken flehen: "Laß uns ungedacht. Laß uns in Ruhe." Die Schafe blöken. Zeit zum Füttern, Zeit, trockenes Brot zu holen.


Jubiläen, Nachrufe und längst vergangene Neuigkeiten aus ländlichen Anzeigern

Am Freitagabend ereignete sich nach dem Discobesuch dreier junger Burschen ein tragischer, aus der Kurve getragener Unfall. Da wegen eines Hörfehlers zunächst in eine andere Ortschaft geeilt und dann wegen unbeabsichtigten Unfalls in ebenfalls einer Kurve mit erhöhter Geschwindigkeit selbst stark verhindert, erschien der herbeigerufene Arzt nicht am Unfallort. Die dadurch entstehende Wartezeit wirkte sich nachteilig aus, einer der Burschen wurde unterkühlt und in Decken gewickelt, ein anderer am Schlüsselbein eingegipst, der dritte kam mit dem Schrecken davon.

Höhen und Tiefen hatten sich im Leben des Schriftwechslers Knallhuber abgewechselt und nun genieße er es, die reiche Ernte eines erfüllten Lebens einzufahren. Er habe viel durchmachen müssen, aber nie den Glauben an das Gute im Menschen verloren. Gerade als leitender Antifaschist habe er einiges ertragen müssen. Obwohl er im Verborgenen einen stillen Kampf gegen das Böse geführt habe und manchem Armen Gutes getan habe, sei er nach dem Krieg wegen seiner Funktion als Blockwart von seinen jüdischen Mitbürgern attackiert worden. Aber er verzeihe ihnen jetzt und trage nichts nach. Nach dem Rezept für sein hohes Alter befragt, meinte er schmunzelnd: "Bissele rauchen, bissele trinken und viel lachen!" Und daß es etwas zu lachen gebe, dafür müsse man halt notfalls selber sorgen. Seine Gattin habe er leider schon vor acht Jahren zu Grabe tragen müssen, aber man müsse vorwärts schauen, er könne nicht klagen, denn mit Essen auf Rädern sei das Ernährungsproblem zufriedenstellend gelöst.

Ein unbekannter Spaßvogel hatten am Zweirad, mit dem der Stadtrat P. wegen der Vorbildfunktion zum Rathaus fährt, ein Schild mit der Aufschrift "zum Mitnehmen" angebracht, so daß P. nach Sitzungsende vergeblich nach seinem Transportmittel Ausschau hielt und von einem Stadtratskollegen nach hause überführt werden mußte. Ein Anwohner hatte das Zweirad mit dem verhängnisvollen Schild entdeckt, bei sich als willkommenes Zweitrad in der Garage eingestellt, es aber nach Bekanntwerden der Umstände seinem Besitzer sogleich wieder ausgehändigt. Er selbst, so P., sei als humoriger Mensch bekannt, aber von Scherz könne er hier beim besten Willen nicht mehr reden. Er denke über Maßnahmen nach, was aber wegen der Unbekanntheit der Täter nicht einfach sei. Die Redaktion erinnert an einen ähnlich gelagerten Fall (wir berichteten) im März vorigen Jahres, wo ein gleichlautendes Schild an einem vor der Metzgerei angeleinten Dackel angebracht worden war. Vermutungen über die Identität des Täters liegen nahe.

 

Einige Bemerkungen zu Natalia Ginzburg

Ein nur einmal gelesenes Buch als Lieblingsbuch zu bezeichnen, wäre voreilig. Manche Bücher vertragen ein Wiederlesen nur schlecht. Einige, die früher durchaus Zauberkraft besaßen, fangen während einer Wiederholung plötzlich an, nach Absicht und Schweiß des Verfassers zu riechen. So erging es mir mit manchen Lieblingen, wie etwa ... ach, lassen wir das; sie haben immerhin zwei, drei Mal Freude gemacht (und mit Bangen frage ich mich, wie oft meine eigenen Bücher gelesen zu werden vertragen, ehe sie zu rascheln beginnen - und wünsche mir jenes Wohlwollen und jene Nachsicht, mit denen ich selbst oft etwas knickrig bin).

Unterhaltsamkeit ist eine freundliche, aber keineswegs unabdingbare Begleiterscheinung. Von Büchern erwarte ich mehr. Das kann ich mir leisten; da mir nie langweilig ist, lese ich auch nie zum Zeitvertreib. Ich erwarte Einblicke in andere Welten, Menschen und Leben; um Welt, Menschen und Leben zu verstehen.

1991 las ich, daß Natalia Ginzburg gestorben war. Bis dahin hatte mir die Vorstellung, daß sie - einige hundert Kilometer südlich - auf der selben Welt wie ich wohnte, immer gefallen; damit war es nun also vorbei.

Ursprünglich begann ich mit: Natalia Ginzburg schreibt von Menschen. Ich verbessere: Sie schreibt von Erwachsenen, jenen großgewordenen Kindern, die verfroren und stirnrunzelnd, irgendwie herumstehen; von diesen Menschen also und ihren Lebensmethoden: Träumen. Warten. Planen. Zögern (dann dasselbe mit der Vorsilbe "Weiter").

"Ich verstand gar nichts mehr", sagte eine Frau.

Das Leben ist ein kompliziertes Gemengsel aus nicht Zusammenpassendem, und ebenso ist das Tun ein Gemengsel aus Beabsichtigtem und Unbeabsichtigtem. Erwachsene tun anderes als das, was sie zu tun für wichtig halten. Sie versuchen, ihr Leben in die Hand zu nehmen, aber das Leben scheint es nicht zu mögen, von Menschen in die Hand genommen zu werden. Erwachsene träumen und warten; die Gedanken fliegen weit hinaus, getan wird das Nächstliegende. Erwachsene tun heute etwas, an das sie gestern nicht einmal dachten und das sie, im Grunde, immer noch unglaublich finden. Wagen sie einen größeren Wurf, zögern sie lange, und wenn sie sich entschließen, sind die Verhältnisse so verändert, daß aus ihren Plänen etwas anderes wird. Natalia Ginzburg zeigt, wie sie mit den Resultaten weiterleben und weiterträumen; sie läßt keinen Zweifel, daß Menschen eine Wahl haben, sie aber selten wahrnehmen.

Manchmal fällt das Wort "Schuld". Die Personen handhaben es fast, als hofften sie, das es so etwas gibt.

Einer sagt, daß es ihm "nie gelingt, etwas ernsthaft zu betreiben", und man kommt auf die Idee, daß Menschen tatsächlich wenig selbst betreiben, sondern betrieben werden.

"Ich stelle mir immer eine Menge vor", sagt eine Frau.

Oft kommt - nicht das Schicksal, Schicksal ist heutzutage eine Rarität - etwas dazwischen, auf das man keinen Einfluß hat. Unfall, Krankheit, Verbrechen, Tod.

Menschen warten. Zum Beispiel auf die Liebe. Wer endlich erscheint, ist nicht der ersehnte. Man gibt sich trotzdem mit ihm ab.

"Wer war denn der Alte?" fragt eine Freundin. "Welcher Alte?" sagen wir.

Man entschließt sich schließlich, das, was man empfindet, als Liebe zu bezeichnen.

Natalia Ginzburg beschreibt ohne Klageton die Tragödien, die Menschen um das Leben bringen als Farcen, die so unscheinbar sind, daß man sie gar nicht als tragisch oder gar tödlich wahrnimmt.

Ihre Weise, das Äußere ihrer Personen zu beschreiben, ist eigenartig. Manchmal verzichtet sie sogar darauf und überläßt es unserer Imagination, die Vorstellung von einer Person einzig anhand von Gesprächen entstehen zu lassen. Oder wir zunächst nur, daß jemand blaß ist. Zuweilen reicht sie uns unzusammenhängende Details. Eine struppige Frisur und eine Latzhose. Engstehende Augen und dünne Beine. Natalia Ginzburg scheint ihrem Personal nicht zu nahe treten zu wollen, und doch ist sie - bei aller respektvollen Zurückhaltung - weder distanziert noch kühl, sondern erzählt warm, anteilnehmend.
Sie kommentiert oder interpretiert nie, auch nicht indirekt durch ihre Figuren. Sie scheint nicht selbst zu schreiben, vielmehr, wenn die Figuren sich eigenständig zu regen beginnen, sogleich mit schreiben aufzuhören, um dann selbst weiterlesend zu beobachten, wie sich die Handlung entwickelt, ab und zu einen Federstrich anfügend. Sie scheint den Figuren nicht in deren Leben dreinreden zu wollen.

Man macht sich im Allgemeinen keine Gedanken, welche Mittel der Einflußnahme Autoren in der Hand haben, um ihre Protagonisten zu drangsalieren. Die Personen sind dem Autoren völlig ausgeliefert, kein Wort, kein Stilmittel, das sich nicht gegen sie richten kann. (Dies sei, mag man mir entgegnen, nicht nur das Recht des Schriftstellers, sondern es werde von ihm auch erwartet. Das sehe ich etwas anders. Der Belästigung von Personen durch ihre Erfinder wird wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl sie in aller Öffentlichkeit stattfindet.

Auch der Lebensfülle suggerierende Detailreichtum mancher Bücher entspringt nicht künstlerischen oder sinnlichen Erwägungen, sondern dem tyrannischen Übereifer eines Autors, der seinen Untertanen keinerlei Freiheiten gestattet, seinen Figuren kein Quentchen Eigenleben gönnt und seinen Lesern die geringste eigene Phantasie aus dem Kopf schlägt.)

Ein weiterer Umstand macht Natalia Ginzburgs Bücher eigenartig, ein Umstand, den ich lange nicht bemerkte. Natalia Ginzburg berichtet aus einer Welt, die, obwohl modern, auf eine ungreifbare Weise schlicht, ja zuweilen ärmlich wirkt. In Natalia Ginzburgs Büchern werden die Bestandteile der sog. Lebensqualität (lifestile) - Einrichtung, Essen, Kultur - nur gestreift. Das wirkt merkwürdig in einer Zeit, in der die Fähigkeit zur Würdigung von Rotweinen und zu Abschmecken von Soßen als Qualitätsmerkmal von Menschen gilt und in der das Gourmet-, Einrichtungs- und Lebensgenußwesen längst Einzug in die Literatur gehalten hat und Autoren ihre Protagonisten mit entsprechenden Expertisen ausstatten. Natalia Ginzburg läßt unerwähnt, was die Personen essen, oder ob sie Vorlieben haben. Man erfährt, daß es ein Bild oder eine Tagesdecke gibt, aber darüber hinaus nicht mehr. Erwähnt sie ein Kleidungsstück oder ein Möbel, so hat das Stück sofort etwas Merkwürdiges, wie aus einer Fremdheit Herauspräpariertes und vor einen Hingestelltes, ganz und gar nicht in die Zeit (welche?) Passendes. Jemand erinnert sich an ein Restaurant, aber man erfährt nicht, was dort gegessen wurde. Es spielt keine Rolle, ob jemand Feinschmecker ist oder nicht, ob er Tee oder Latte Macchiato trinkt, ob ein Gespräch bei Kerzenlicht stattfindet, ob er raucht oder nicht, ob er Weinsorten auseinanderkennt oder kochen kann. Kocht jemand, wird es als Sonderbarkeit erwähnt. Manchmal verweigern Kinder einen bestimmten Brei. Auch die Entgrenzung der Sinnlichkeit, die Sucht, ist kein Thema. Jemand hat was mit Drogen zu tun. Es spielt aber keine Rolle. Natalia Ginzburg interessiert sich nicht dafür. Das, was sie erzählt, bleibt unberührt davon, ob jemand Feinschmecker oder Drogensüchtiger ist.

Natalia Ginzburg ist frei von Pose, sogar von der Pose der von Posen Freien. Selbst wenn sie über sich Auskunft gibt, tut sie es ohne Selbstdarstellung. Sie setzt sich nicht mit Verstellungen auseinander, sondern beobachtet das eigentliche Leben der Menschen. Das Eigentliche findet ohne Verstellung, ohne Besitz und Beschäftigung, ja, eigentlich sogar ohne die Personen statt.

Man ahnt, daß diese Art zurückhaltenden Schreibens eine schwere Kunst ist, und man ahnt, daß diese Zurückhaltung mit Natalia Ginzburg selbst zu tun hat. Ihre Zurückhaltung beeindruckt mich zutiefst und weckt Verehrung und Zuneigung.

In ihren Büchern finde ich Antworten auf die mir wichtigen Fragen. Nur bei ihr erfahre ich dieses langsame Hineingleiten in die Welt der Protagonisten und diese besondere Anteilnahme an ihnen, nur bei ihr kenne ich die Sprachlosigkeit nach dem Zuklappen des Buchs.

Ich wollte noch von der Melancholie schreiben, die in ihren Büchern schwebt, aber in Wahrheit gibt es diese Melancholie nicht.

Einen Satz von ihr variierend möchte ich zum Schluß sagen: Es war nicht leicht, über Natalia Ginzburg zu schreiben, aber es hat mir gefallen.

Alle Zitate frei aus dem Gedächtnis. Von welchem Buch ich sprach? Von "Valentino", "So ist es gewesen", "Schütze", "Die kaputten Schuhe" oder "Nie sollst du mich befragen" bis zu "Die Stadt und das Haus", in dem sich die Personen der vorigen Bücher noch einmal treffen; von all jenen Bücher also, die sich wie Kapitel eines einzigen, großen Buches lesen, dessen Titel "Das war das Leben" lauten könnte.

 

Barfuß und im Freien

Eines Tages im Frühjahr, bekam ich als Kind ein Buch geschenkt. Ich las zunächst ausschließlich im Freien. Im zerfallenden Glashaus einer aufgegebenen Gärtnerei. Unter einem Strauch, von dem ich Ausschlag bekam. Im Schilf. Am Seeufer. Auf Bäumen. Auf dem Heuboden. Als es kälter wurde und ich anfing, in geschlossenen Räumen zu lesen, hatte ich das unbehagliche Gefühl, es nicht richtig zu machen; ein Gefühl, das sich noch verstärkte, weil ich zudem im Freien stets barfuß gewesen war. Und so zog ich zum Lesen noch lange Zeit die Schuhe aus. Erst als es mir untersagt wurde, da mir ständig die Nase lief, gewöhnte ich mich daran, mit Schuhen an den Füßen zu lesen.
 

Hausaufgaben

Interviewen Sie sich selbst zu einem Thema Ihrer Wahl. Denken Sie nicht nur über die Antworten, sondern vor allem über die Ihnen einfallenden Fragen nach.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014