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Celeri 3 - Mai 2006
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Der Doppelgänger

Es heißt ja, seinem Doppelgänger zu begegnen, bedeutet nichts Gutes, aber wie ich mich da so sitzen sah, da mußte ich schon lächeln.
 

Spätabendliches Plauderpiel über Leseleidenschaftlichkeiten, Lebens- und Beschreibenswertheiten und Wittgensteinigkeiten

Eines späten Abends saß ich mit einem männlichen Menschen im Foyer eines Hotels. Dieser Mensch hatte den merkwürdigen Beruf eines Literaturkritikers, was mich etwas ... verunsicherte. denn er verdiente Geld damit, daß er, in Zeitungen, Bücher besprach, die Leute wie ich, oft in monatelanger Arbeit herstellten. Ich hatte ihm gegenüber ein wenig das wohlwollende Gefühl, das ein Arbeitgeber seinem Angestellten gegenüber haben mag.
Er wollte gern mit mir über meine Bücher sprechen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß für Gespräche über Bücher deren Verfasser die denkbar ungeeignetsten Partner seien.
"Ach so", sagte er. Die Getränke waren leider schon bestellt.
"Ich wollte eigentlich etwas darüber schreiben", fügte er schließlich an. Ich überlegte und riet ihm: "Verwenden Sie doch ausschließlich eigene Gedanken."
Er sah mich unsicher an.
Der Kellner brachte die Getränke. Er drapierte sie mit einer Sorgfalt, daß ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn er ein Thermometer und ein Zentimetermaß dazugelegt hätte.
Nachdem wir uns zugeprostet hatten schlug der Literaturkritiker vor, uns die Zeit mit einem geistvollen Plauderspiel zu vertreiben. Dabei ging es darum, Mutmaßungen über die Anhängerschaft verschiedener Dichter anzustellen.
"Kennen Sie beispielsweise Hölderlin?" fragte er.
"Ich kenne Hölderlin."
"Und Anhänger?"
Ich erzählte, daß ich schon Hölderlinliebhaber kennengelernt hatte, und daß der Gedanke an das Werk Hölderlins in Verbindung mit dem Anblick der Gesichtern seiner Liebhaber bei mir einen Eindruck entsetzlicher Trostlosigkeit hinterlassen habe.
Der Literaturkritiker fand es problematisch, den Begriff "Liebe" auf das Gefühl von Hölderlinleser zu ihrem Autoren anzuwenden. Diese Liebe habe etwas ... er zögerte ... etwas Theoretisches. Er bezweifelte, daß Hölderlinleser Hölderlin aus Liebe, geschweige denn Leidenschaft, lesen, da ihnen seiner Einschätzung nach diese Art von Aufwallungen unbekannt seien.
Hölderlinleser, meinte ich, seien wohl weniger Liebhaber als Fachleute. Kenner.
Der Literaturkritiker war sich sicher, daß Hölderlinleser beckmesserische Naturen seien, die anderen gern ihre Meinung aufdrängten. Und er vermutete, daß Hölderlinleser zudem ausgesprochen humorlose Gesellen und Gesellinnen seien.
"Und ebenso freudlos wie ihr Autor", ergänzte ich. Wir erhoben unsere Gläser, er sein Wasser-, ich mein Weinglas, und tranken einen Schluck.
"Freudlosigkeit", faßte ich zusammen, "im Verein mit Humor- und Lieblosigkeit, abgerundet mit fachmännischer Besserwisserei: Eine niederschmetternde Mischung."
Er nickte. "Man fragt sich unwillkürlich, woher jemand das Recht ableitet, diese niederschmetternde Mischung seiner Mitwelt zuzumuten?"
Das, so meinte ich, sei doch eine allgemeine menschliche Unart, nämlich sich selbst in oft penetrantester Weise anderen zuzumuten. Der Mensch, so postulierte ich, habe das Bedürfnis, seine Mitwelt zu verschmutzen - mit sich selbst. Wofür das ungenierte Herumpusten mit ausgeatmetem Qualm oder das kaum verborgene öffentliche Urinieren der Männer Beispiele seien. Das Wissen, daß andere Menschen den eigenen, mit verbrauchtem Rauch angereicherten Atem, also gewissermaßen den Atemabfall, einatmen, oder der Gedanke, die Stadt, gewissermaßen wie ein Hund, mit Eigenurin markiert zu haben, das Verstreuen von aus eigener Herstellung stammenden Unappetitlichkeiten und ebenso das Abladen seelischen Mülls, wirke auf manche Menschen eigentümlich befriedigend.
"Das haben Sie schön gesagt", meinte der Literaturkritiker. "Aber Sie sind ja auch Dichter.."
"Nun", gab ich mit bescheidnem Stolz zu, "als Dichter gelingt einem manch schöne Formulierung."
Er streckte die Hand nach seinem Glas aus, winkte aber ab. Er trank nur Wasser, legte aber Wert darauf, daß seine Gäste sich davon nicht beeinflussen ließen. Ich trank Rotwein. Den mochte ich nicht, trank ihn aber ihm zuliebe; damit er nicht das Gefühl hatte, ich lasse mich von seinen Trinkgewohnheiten beeinflussen.
Er machte eine Bemerkung zu meinem Buch an, in Frageform und mit auffälliger Nebensächlichkeit. Vielleicht dachte er, ich merke es nicht. Ich antwortete mit "Ja". Das paßte zwar nicht, ich hatte es aber wegen seiner zuversichtlichen Tendenz anstelle des pessimistischen "Nein" gewählt (zumal dies genauso wenig gepaßt hätte).
"Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen", seufzte er schließlich. Ich runzelte die Stirn. Plattheiten kann ich nicht ausstehen.
"Wittgenstein hat allerhand Unfug geäußert, aber das dürfte sein gelungenster Schwachsinn sein", meinte ich tadelnd. Nun war er am Stirnrunzeln.
"Sollen wir in unserem Spiel fortfahren? Mit einem anderen Schriftsteller?"
Ich wand mich.
"Es muß nicht sein", dankte ich. Es mochte so geistvoll sein wie es wollte, aber ich fand es recht öde, mir die Leser von Schriftstellern vorzustellen. Das behielt ich aus Höflichkeit aber für mich.
"Und worüber reden wir nun?"
"Wir könnten", schlug ich vor, "ein wenig schweigen, obwohl wir etwas zu sagen hätten."
"Wunderbar. Das hat Noblesse und - einen Hauch von Luxus: etwas unterlassen, das man tun könnte."
Und das taten wir und schwiegen ein Weilchen. Schließlich fing es an:
"Wenn Sie als Schriftsteller einen Roman planen, in dem Sie über einen Menschen der Jetztzeit zu schreiben geden... ?"
"Es ist unmöglich, über Menschen der Jetztzeit Romane zu schreiben", unterbrach ich ihn.
"Aber" - und hier nannte er die Namen einiger Schriftsteller - "tun es sehr wohl."
"Die Resultate zeigen, daß es unmöglich ist."
"Die Bücher verkaufen sich und werden besprochen. Sollten sich Leser und Kritiker irren?"
Ich ging nicht darauf ein.
"Das Leben der jetztzeitigen Menschen gibt nichts Beschreibenswertes mehr her", sagte ich sachlich. "Private Sorgen, Glück, Kummer, Lottogewinne, Krankheiten, Hochzeiten und Scheidungen mögen für den einzelnen Menschen bedeutsam sein - aus ihnen besteht ja sein Leben -, aber sind sie geeignet und wert, beschrieben und gelesen zu werden?"
Er zwinkerte und meinte:
"Das ist eine ausgesprochen unfreundliche Frage."
"Es stellt sich ja schon die einfache Frage, wann etwas Beschreibenswertes stattfinden könnte."
Unsicher sah er mich an. Ich erläuterte es ihm:
"8 Stunden Schlaf, 8 Stunden Arbeit, 4 Stunden Arbeitswege, 2 Stunden Fernsehen, Einkaufen, 2 Stunden Essen und Verdauung - da bleibt doch wenig Zeit."
"Wofür?"
"Na, für etwas Beschreibenswertes. Oder wollen Sie etwa behaupten, in den aufgezählten Zeitposten wäre Platz für etwas derartiges?"
Er runzelte die Stirn.
"Haben Sie sich nie gefragt, wenn z.B. Herr Soundso (hier der Name eines bekannten Autors) wieder einmal über die quälende Liebe schreibt, wann seine Protagonisten das alles erlebt haben wollen? Was sie überhaupt den ganzen Tag so treiben? Haben Sie sich nie gefragt, wie all die verquälten Büro-Leidenschaften denn rein zeitlich überhaupt möglich sein sollen?"
"Darauf habe ich in der Tat noch nie geachtet."
"Glauben Sie denn im Ernst, daß jemand, wer auch immer, überhaupt Zeit hat, die beschriebenen Probleme zu erleben? Wann denn sollte etwas Beschreibenswertes stattfinden? Im Urlaub. Im Beruf. In der Freizeit?"
"Es gibt immer mehr Arbeitslose", probierte er.
"Aha. Und die befassen sich vor allem damit, in der gewonnenen Zeit hochinteressante Leben zu führen? Lauter Literaturvorlagen?"
Er gluckste unzufrieden.
"Manche immerhin haben trotzdem viel von sich zu schreiben." Er erwähnte einen dreißigjährigen Steppke, der schon drei Autobiographien hingelegt hatte und eben an der vierten saß.
"Die meisten schreiben überhaupt nur, um andere dazu zu kriegen, sich mich ihnen zu beschäftigen."
"Aber er hat seine Leser."
Ich zuckte die Schultern. "Langweilige Leute schaun im Fernsehen gern langweilige Leute an. Das ist die Bestätigung, daß die eigene Langweiligkeit sogar fernsehtauglich ist. Mit Büchern wirds ebenso sein. Langeweile scheint überhaupt ein wichtiges Kriterium für Literaturtauglichkeit zu sein."
"Da wird Ihnen aber mancher wiedersprechen."
"Wenn man mit älteren Menschen spricht - ab 60/70 - und diese aus ihrem Leben erzählen, dann ahnt man, was früher für ein Leben möglich war, bzw. erzwungen wurde. Erzählt hingegen ein heute Vierzigjähriger sein Leben, ist das erschreckend - weil es nichts zu erzählen gibt. Er war krank oder gesund, arbeitet oder ist arbeitslos, hat diese oder jene Sucht, hat im Urlaub die Welt gesehen, hatte Glück oder Pech in der Liebe und tut allerlei Sportliches und Abenteuerliches in der Freizeit auf oder in speziellen Vorrichtungen, und er hat ein Fernsehgerät. Rechnen Sie bitte mit: Er schläft acht Stunden, arbeitet acht Stunden, hat etliche Stunden für Arbeitswege, Toilette, Einkaufen, Essen. Der Rest geht drauf für Fernsehen und Freizeit. Sagen Sie selbst: Da bleibt keine Zeit."
"Für etwas Beschreibenswertes", ergänzte er.
"Nein. Überhaupt. Für das sogenannte Leben."
"Das ist das Leben", behauptete er.
"Ach was! Das ist doch nicht das Leben. Und das weiß oder ahnt jeder, daß das nicht das Leben ist. Jedenfalls nicht das, in dem man Dinge erlebt, die mitteilenswert wären. Das heutige, das jetztzeitige Leben bietet nichts Beschreibenswertes mehr, ist selbst ja nur ein Ersatz- und Austauschstoff, völlig vereinheitlicht, völlig synthetisch. Von A bis Z ein Kommerzprodukt, in dem an Allem und Jedem Preisschilder hängen. Als Sujet völlig uninteressant."
"Aber ist es nicht die Aufgabe des Schriftstellers, seine Zeit zu porträtieren?"
"Ich weiß nichts von einem derartigen Auftrag. Wer sollte ihn denn erteilt haben? Aber wenn das die Aufgabe wäre, gäbe ich den Auftrag zurück. Begründung: zu große Langweiligkeit des Sujets. Eine Beschreibung dieses modernen Lebens wäre, selbst im privatesten Bereich, lediglich eine Beschreibung von Funktionen und Reaktionen, von Kauf- und Verkaufsvorgängen. Zudem macht dieses Leben aus allen, die seine Angebote annehmen, völlig gleichförmige Menschen. Sie sind krank oder nicht, angestellt oder arbeitslos, glücklich oder unglücklich verliebt, richten sich ihre Wohnungen ein, ziehen sich an, essen, vollziehen Geschlechtsverkehr, bedienen ihre Elektrogeräte, haben Verdauungs- oder Gewichtsprobleme, haben Tragödien, die sich Krebs oder Ehebruch nennen. Wünschen Sie etwa, Nachrichten von den Höhen und Tiefen des Lebens eines Art-Direktors, einer Kunsttherapeutin, eines Gefäßchirurgen, eines Immobilienmaklers, eines Gymnasiallehrers, ei..."
"Nein, nein", unterbrach er mich. "Ehe Sie womöglich noch Literaturkritiker aufzählen: vermutlich nicht."
Wir schwiegen ein Weilchen. Diesmal ganz Wittgensteinisch, weil wir nichts zu sagen wußten.
"Nein, nein", resümierte er unbegeistert und etwas vorwurfsvoll. "Das klingt recht unfreundlich."
"Fragt sich zudem", fiel mir dann ein, "warum ein Leben, das nicht beschreibenswert ist dennoch lebenswert sein soll."
"Das ist bitter", sagte er.
"Nein", sagte ich. "Man muß ja nicht mitmachen. Jedem steht es frei, ein Leben zu führen, das nicht nur beschreibenswert, sondern vor allem lebenswert ist."
Unsicher sah er mich an.
"Niemand muß Uninteressantes beschreiben, ebensowenig wie niemand ein uninteressantes Leben führen muß."
"Dann können unsere vereinheitlichten Zeitgenossen Ihrem Buch also - sagen wir es etwas altmodisch - Lehrreiches entnehmen."
"Aber sicher. Sie könnten meinem Buch eine Anregung entnehmen, weniger einheitlich zu sein."
"Aha!" sagte er.
"Denn wissen Sie, um einmal etwas lebenskundlich zu werden, ein Leben kann langweilig, alltäglich und banal sein. Und jemand, der unter der Banalität seines Lebens leidet, dem kann man immer sagen: Dann laß es bleiben und führe ein interessantes Leben."
"Er wird sagen: das ist nicht so einfach."
"Ich werde sagen: das ist ganz einfach. Man kann es sofort tun. In jedem Augenblick, und es geht ganz leicht. Jeder Mensch ahnt, daß es einfach ist, redet sich aber ein, daß es schwer sei, um sein Verharren im Elend zu entschuldigen."
"Die Frage, wie das geht, wäre nun vermutlich albern, oder?"
"Sicher sogar."
Er war gekränkt.
"Aber", tröstete ich: "Sie wissen die Antwort doch schon."
Der Kellner kam und erkundigte sich, ob wir noch Wünsche hätten.
"Was halten sie übrigens von der These, daß die Leser ihrem Lieblingsautoren gleichen?"
"Das würde dann", antwortete ich nach einigem Nachdenken, "im Falle Hölderlins bedeuten, daß seine Leser a) nicht ganz bei Trost sind und b) Gefallen finden an erhabenem Schwulst, der nicht immer frei vom Verdacht ist, hohl zu sein."
"Nicht jeder teilt die Meinung, daß Hölderlin tatsächlich geisteskrank war", gab er zu Bedenken.
"Das spräche wieder für Ihre These von der Ähnlichkeit der Leser mit ihrem Lieblingsautor. Denn auch darin gleichen sie ihm Autoren; denn der, befragt, ob er verrückt sei, hätte vermutlich - wie übrigens alle Verrückten - energisch bestritten verrückt zu sein."
"Manche glauben, er habe nur simuliert."
"Einer, der es fertigbringt, dreißig Jahre lang Verrücktheit zu simulieren, ist verrückt."
Wir blickten beide gleichzeitig ungeniert auf unsere Armbanduhren, fragten dann, wieder gleichzeitig, er: "Müde?", ich: Langweilig?" Dann hatte unsere Simultaneität ein Ende, er antwortete mit "Nu ja", ich mit "Hmm". Er zeigte auf mein Glas.
"Wollen Sie nicht austrinken?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Schmeckt er nicht?"
"Mir schmeckt Wein allgemein nicht. Es ist mir völlig schleierhaft, warum Menschen Traubensaft in aufwendigen, jahrelangen Prozessen in ein derartig übelschmeckendes Sekret verwandeln und dann trinken."
"Ihnen schmeckt Wein gar nicht!" rief er. "Was hätten Sie denn gern getrunken?"
"Wasser."
"Wasser!" rief er. "Und warum trinken Sie dann Wein?"
"Wie sollte ich Wasser bestellen, ohne den Eindruck zu erwecken, mich bei Ihnen einschmeicheln zu wollen?"
"Gott, ist das kompliziert", meinte er kopfschüttelnd, während wir auf den Lift zugingen.
"Finden Sie? Was ist denn daran kompliziert?" wunderte ich mich.
 

Der Wald hinter den Bäumen

Als man ihm erklärte, daß er den Wald vor Bäumen nicht sehe, überlegte er stirnrunzelnd, bis sich seine Miene plötzlich aufhellte. Nachdem er mit einer Motorsäge sämtliche Bäume abgeholzt hatte, sah er sich um und fragte schließlich:
"Und wo, bitteschön, soll der Wald sein?"
 

Gefallender Regen

Von anderen Schriftstellern lesend, erfahre ich oft von deren Gepeinigt- und Getriebensein, von ihrem Unglück, ihrem Leiden, welche aber auch die Quellen ihres Schreibens sind; das Gequält-Sein und Unter-Qualen-Schreiben gilt nicht wenigen als Kennzeichen eines wirklichen Schriftstellers. Daran merke ich, daß ich kein Literat bin. Denn ich bin ein glücklicher Autor. Weil ich ein zufriedener Mensch bin. Und ich schreibe weder unter Qualen, noch weil ich leide; Schreiben ist für mich Begünstigung und Vergnügen. Würde ich unter Qualen schreiben, und zwar freiwillig, so würde ich mich dafür schämen. Neben unzähligen Dingen, die mir auf der Welt nicht gefallen (und um deren Abschaffung ich mich bemühe), bleibt doch so viel, daß ich sage: mir gefällts hier. Mir gefallen die Menschen, die mir begegnen. Mir gefallen die Tiere. Mir gefällt der Regen. Ich selber gefalle mir auch. Mir gefallen Bücher; ich halte sie gern in Händen und stelle mir vor, was wohl darin steht (manche lese ich auch). Mir gefallen Äpfel. Mir gefallen Mäuse, Kartoffeln, Bäume und Schafe. Mir gefällt das Leben. Einiges hat mir wehgetan, anderes war sehr schön.

Nun lebe ich. Und mir gefällt neben meiner Anwesenheit auf der Welt, meiner Jetzigkeit also, auch meine Anfälligkeit und meine Vergänglichkeit. (Auch wenn ich zum Zweck meines Nicht-Seins vielleicht erst krank werden muß. Das wird mir dann nicht gefallen. Aber mir gefällt es dennoch, jetzt - vorher; und es würde mir auch später, im Nachhinein, wieder gefallen - wenn es denn ein Später gäbe, in dem mir das Frühere gefallen könnte. Aber jetzt, im endlichen Jetzt, weiß ich, daß es mir im Später gefallen würde.) Später werde ich sagen: Ich war da, und ich hab mich umgesehen. Auf die Schnelle. Denn allzuviel Zeit haben wir nicht. Und wie viele, unvorstellbar viele Menschen, waren nicht hier!

Ich mag, wie gesagt, auch die Menschen. Ich rede gern mit ihnen. Ich rede überhaupt gern, obwohl ich im Grund nicht viel zu sagen habe; aber mit Menschen redend, erfahre ich von ihrem Leben.

Natürlich gibt es unangenehme Menschen, und ich bin froh, keiner von ihnen sein zu müssen. Ich bedauere sie, sie sind wahrscheinlich auch sich selbst unangenehm und haben nicht viel vom Leben; ebenso wenig wie jene, die mir eindringlich versichern, wie schrecklich Welt, Leben und Menschen seien.

Über die Maßen gefallen mir die Pflanzen und die Esel. Mir gefallen auch die Enten. Mir gefallen spitzige Messer, Steine und die Tageszeiten. Mir gefällt das Leben. Mir gefällt, daß ich eines Tages nicht mehr sein werde - warum also sollte ich nicht glücklich sein?
 

Mein Fuchs

Ich war neun, und mein Freund war ein Fuchs. Ich konnte nicht schwimmen, aber als "Toter Mann" ließ ich mich manchmal die Donau hinabtreiben. Dabei sah ich eines Tages auf dem Damm einen Fuchs sitzen und mir nachschauen.

Als ich eines Abends mit einem Margarinebrot auf die Felder ging und es dort unter einem Holunderstrauch aß, saß plötzlich der Fuchs im Gras. Ich hörte auf zu essen, und wir blickten uns lange an. Ich hatte noch nie in ein Gesicht gesehen, das mir soviel Trost und Zuversicht einflößte. Ich hatte keine Angst, wenn ich in das Gesicht des Fuchses sah. Am nächsten Tag ging ich, wieder mit meinem Margarinebrot, zum Holunderstrauch. Der Fuchs trat bald darauf aus dem Kraut. Ich hielt ihm das Margarinebrot hin. Er besah es lange, kam dann zögernd näher, roch am Brot und biß schließlich vorsichtig hinein. Nun ging ich täglich zum Holunderstrauch und aß mit meinem Fuchs mein Margarinebrot. Oft sahen wir uns lang an. Ich hätte ihn gern etwas gefragt. Aber mit Füchsen kann man reden, doch eine Frage stellen kann man ihnen nicht. Ich hatte keine Angst, wenn ich an das Gesicht meines Fuchses dachte.

Eines Tages kniete ich mich, um ihm ähnlicher zu sein, hin und aß mein Brot - ich brachte mittlerweile immer zwei mit - wie er, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen. Als ich mir einmal das Brot doch mit der Hand näher herschob, um besser abbeißen zu können, gerieten meine Finger, da wir jeder hin und wieder auch vom Brot des anderen abbissen, in sein Maul. Als man abends fragte, was mir denn mit der Hand passiert sei, erzählte ich stolz, daß mein Fuchs hineingebissen habe. Versehentlich, wie ich betonte. Kaum habe er es gemerkt, habe er das Maul wieder aufgemacht.

Der dicke Doktor schüttelte den dicken Kopf und hob die Spritze und drückte eine Träne aus der entsetzlich dünnen Nadel. Tollwut, sagte er, sei kein Spaß. Oh, ich hätte sie ganz gern, beschwichtigte ich ihn, und wieder schüttelte er den dicken Kopf und stach mich dann in den Bauch. Wie weh das tat. Und alles nur, damit ich keine Tollwut bekäme.

Als ich drei Wochen später wieder nach hause kam, und zum ersten Mal wieder mit zwei Margarinebroten zum Holunderstrauch ging, wartete ich vergeblich auf meinen Fuchs. Ein Brot aß ich, eines ließ ich liegen. Am nächsten Tag war es weg.

Mit mir spielte niemand mehr. Einem Kind, das Tollwut gehabt hatte, wollte niemand mehr zu nahe kommen. Das machte mir nichts. Ich spielte ja umgekehrt auch nicht gern mit Menschenkindern. In der Schule bekam ich eine eigene Bank, ganz für mich. Der Lehrer probierte ab und zu, ob ich nicht doch tollwütig wäre und lenkte mir, wenn die Sonne günstig stand, unvermittelt mit seinem Taschenspiegel das Sonnenlicht ins Gesicht, weil eben das tollwütige Wesen gar nicht gern hatten. Einmal tat ich ihm den Gefallen, knurrte und fletschte die Zähne. Da mußte ich wieder ins Hospital zum dicken Doktor mit der dünnen Spritze.

Nachdem ich ihm erzählt hatte, wie es gewesen war, legte er die Spritze weg und sagte:
"Aber du bleibst mir trotzdem ein paar Tage hier. Zur Beobachtung."

Da lag ich im Bett, und ab und zu schaute jemand herein und beobachtete mich.
"Beinah wärst du tollwütig geworden", sagte der dicke Doktor, als ich wieder heim durfte.
"Beinah?" rief ich schluchzend. "Beinah?" Wie gern wäre ich tollwütig gewesen.
Mein Fuchs erschien nicht mehr. Als ich nach ihm fragte, antwortete niemand, alle sahen nur streng beiseite.
Wo war bloß mein Fuchs?
 

Hausaufgaben

Geben Sie dem beleidigten Kritiker die noch ausstehende Antwort auf die Frage, wie das (und zwar sowohl sofort als auch einfach) geht: das banale Leben bleiben zu lassen und ein interessantes Leben zu führen.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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Stand: 25. Februar 2014