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Celeri 4 - Juni 2006
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Capriccio I

Ich sahe drei nackte Fräulein stehen in einem Becken, wohinein silberne Strahlen Wassers sprangen. Dabei saß eine alte Frau, eine Karbatsche in der Hand, mit welcher sie voll Mutwillen nach den nackenden 3 Jungfern schlug. Es pfiff so überaus trüb, wenn der Karbatschenschweif auf die drei Mägdgen niederwischte. Diese lechelten wehe darzu, doch war es sonder Vergnügen gewesen, sie dabei anzusehen. Das Herz ward einem schwer davon.
Dahinter stakte eine Allee von stengelichten Bäumen in die ferne Ferne. Unter den vordern Bäumen stund ein reich= und faltenviel=gekleidetes Paar und habte Angst. An dem Himmel verdorreten die Wolken. Mir war so bang zu mute. Wenn nur die Schellen nicht gewesen wären, so eines Tunichtguts Hand in die Bäume und Sträucher gehängt. Mir war so bang. Bei jedem Windzuge rasselten die dürren Schellen.
 

Krank

"Nehmen Sie Platz." Er wies auf den Stuhl, mit einer großen Hand, die aussah, als habe er sie soeben aus einer Tüte Mehl gezogen.
"Da ist eine ... ich möchte es mal so nennen ..." Er ließ Platz für eine ganze Folge von Punkten .. . ... . . .... ...... .. . ..... ... Hufspur eines Pferdes, das vor dem Ochser zögert, sich nicht abzuspringen getraut und schließlich stehenbleibt.
Er sah mich an, ob ich schon verstanden hatte.
"Da ist eine ...", wiederholte ich.
"... eine Unregelmäßigkeit."
Ich lachte erleichtert auf und entgegnete, daß Unregelmäßigkeit doch eine für den Menschen generell zutreffende Eigenschaft sei. Er blieb betont ernst.
"Es ist etwas", tiefer Atemzug, "nicht so, wie es sein sollte."
"Auch das", fing ich lachend an, schwieg aber unvermittelt. Mir war aufgegangen, daß dies seine Art war, mir mitzuteilen, daß es aus war. In Kurven auf das Ziel zufahrend, in jeder Kurve das Geschenkpapier ein wenig weiter lösend, bis er mir, ins Ziel einrollend, ein Osterei entgegenhielt, auf dem stünde: "Schade. Aber es ist aus."
"Wie lange habe ich noch zu leben?"
"Aber davon kann gar keine Rede sein!" fuhr er abwehrend auf, als habe ich gefragt, ob ich hundert Jahre alt würde.
"Und was mach ich jetzt?"
Er ging ins Nebenzimmer. (Wieder ein bißchen die Hand in die Mehltüte stecken? Oder schlug er in einem seiner Bücher nach, was er mir zu tun vorschlagen könnte?). Als er zurückkam, roch er nach Rauch.
"Hier", er streckte mir einen Zettel hin.
"Der Totenschein?"
"I wo! Die Überweisung. Sie sollten mal ins Krankenhaus. Es besteht immer noch die Möglichkeit, daß es was Harmloses ist."
"Und falls es nicht harmlos ist: welche Dauer geben Sie meinen Unregelmäßigkeiten", stellte ich ihm eine unauffällige Falle.
"Nun, so was kann bis zu zweieinha..."
Reingetappt. Zweieinhalb. Das war nicht wenig. Kam allerdings darauf an, ob er Jahre oder Monate meinte.
Oder Wochen.
Oder ...
Es käme auf jeden Fall darauf an, erklärte er mir, wie gut ich mich in der Schlußphase hielt. Ich verstand nicht.
"Eine positive Einstellung ... verstehn Sie?"
Ich machte - ich sah das Spiegelbild im Glasschrank hinter ihm - ein dummes Gesicht, stand schließlich auf und hielt ihm die Hand hin. Verdattert sah er darauf.
In der Haustür blieb ich stehen. Die Sonne schien, aber ein kräftiger Regenschauer ging soeben naßgolden nieder. Er war hinter mir in die Tür getreten und blickte schuldbewußt drein, als habe er die Krankheit erfunden.
"Wie heißt sie denn eigentlich?"
"Wer?"
"Die Krankheit."
"Ach so." Er nannte mir den lateinischen Namen. Er sagte mir nichts.
"Krebs", übersetzte er.
"Ach so."
"Und wie fühlen Sie sich jetzt?"
Ich zuckte die Schultern. Sterblich war ich früher auch schon gewesen.
"Also: Kopf hoch. Vielleicht ist es ja auch was Harmloses."
Der Arzt des Krankenhauses erschien am Tag nach der Untersuchung und setzte sich ans Bett.
"Es fällt mir nicht leicht", begann er.
"Reden wir nicht von Ihnen", unterbrach ich ihn. "Sparen Sie sich Mühe und Worte. Man sieht Ihnen auch so an, was Sie mir mitzuteilen haben."
Wir schwiegen. Dann stand er auf.
"Und jetzt?" fragte ich.
"Bloß nicht die Nerven verlieren", mahnte er. "Immer mit der Ruhe."
Nach zwei Wochen mit der Ruhe trat der Arzt lächelnd an mein Bett, schwenkte ein Blatt Papier und erklärte mir etwas. Ich verstand nicht. Er wiederholte es, noch lächelnder.
"Soll das etwa heißen ...", mir wurde plötzlich klar, was er gesagt hatte. "Soll das etwa heißen ..." Plötzlich war ich empört. "Soll das etwa heißen ...". Er gluckste, und nickte so deutlich, als verstünde ich nur besonders überdeutliche Pantomimen und grinste so optimistisch wie ein Weihnachtsmann. Ich setzte mich im Bett auf.
"Soll das etwa heißen, Sie Arschgeiger, daß Sie Arschgeiger mich hier fast zwei Wochen unter Krebsverdacht festgehalten haben, weil Sie Arschgeiger sich geirrt haben?" Sein Lächeln verschwand, das weihnachtsmännische Kopfnicken hörte auf. "Weil Sie keinen Untersuchungsbericht lesen können!" Ich riß ihm das Blatt Papier aus der Hand und zerfetzte es. "Wozu haben Sie eigentlich Medizin studiert?" - "Um Menschen wie Ihnen zu helfen." - "Quatsch. Um Todesurteile verkünden zu können, und um diese zwei Wochen später wieder aufheben zu können, sie Arschgeiger!"
Er fand den gewohnten autoritativen Tonfall wieder. "Ich verstehe Ihre Erregung, aber dieses Wort möchte ich ni..."
Ich schlug ihm mit dem Nächstbesten, dem Taschenbuch vom Nachttisch, ins Gesicht. Er hielt sich die Hand vor, als beabsichtige er zu niesen, aber es floß Blut darunter hervor. Ich kniete mich hin und schlug mit der Pralinenschachtel - eine Gabe des anderen Patienten, der nach seiner Mandeloperation noch auf der Intensivstation lag - nach ihm, ein karnevalesker Weinbrandbohnenregen ging im Zimmer nieder. "Na, na, na!" mahnte ich, nahm seinen Finger, den er auf die Notrufklingel gedrückt hatte, und bog ihn nach oben. Er verdrehte die Augen in jener frömmlerischen Weise, mit der auf Erbauungsbildern die Verzückung exaltierter Gottesergriffener dargestellt wird - dann sackte er zusammen.
"Aber Herr Doktor!" tadelte ich und betrachtete ratlos das zusammengesackte Ärztlein. Als ich Schritte hörte, legte ich mich zurück und stellte mich schlafend.
Die Tür. Schritte. Ein "Mein Gott!". Ich wurde gerüttelt.
Eine Schwester zeigte zu Boden. "Doktor Soundso liegt auf dem Boden."
"Das ist ungewöhnlich", räumte ich ein, "aber deswegen brauchen Sie nicht auf mich einzuschlagen."
"Ich habe nicht auf Sie eingeschlagen."
"Es fühlte sich ganz so an."
"Was ist denn hier los." Die eingetretene Ärztin stellte die klassische Frage.
"Erst schlägt sie den da" - ich zeigte auf den zerknitterten Haufen zwischen den Betten - "nieder und dann auf mich ein", beschwerte ich mich.
"Aber was reden Sie denn! Ich habe nicht auf Sie eingeschlagen."
"Und wie!"
"Ich war in begreiflicher Erregung, als ich Doktor Soundso entdeckte und ..."
"Jetzt haben Sie sich verraten!" triumphierte ich.
"Wieso denn?"
"Woher wollen Sie denn wissen, daß es Doktor Soundso ist?"
"Das sieht man doch."
"Also ich würde das nicht erkennen." In der Tat hatte der vermeintliche Doktor Soundso das zur Wiedererkennung erforderliche Gesicht dem Boden zugedreht.
"Es ist Doktor Soundso. Aber ich habe ihn nicht niedergeschlagen!"
"Wer denn sonst?"
"Vermutlich Sie selbst!"
"Im Schlaf? Lachhaft."
"Sie haben eben gar nicht geschlafen."
"Doch. Sehr gut sogar. Bis sie mich wachgeprügelt haben."
"Ich habe Sie nicht geprügelt. Sie haben den Arzt niedergeschlagen."
"Ich habe geschlafen. Ich bin krebskrank und habe anderes zu tun, als Ärzte niederzuschlagen."
"Sie haben keinen Krebs", sagte die Ärztin, den Blick fest auf mich richtend.
"Und ob."
"Glauben Sie mir, Sie haben keinen."
"Ich habe Krebs", betonte ich.
"Nein. Doktor Soundso wollte es Ihnen eben mitteilen."
"So? Das ist ja schön. Aber wie dem auch sei: Da habe ich ihn dann niedergeschlagen? Aus Freude." Ich wandte mich wieder an die Schwester.
"Haben nicht vielmehr Sie ihn niedergeschlagen. Um ihn daran zu hindern, mir eine Freude zu machen?"
"Frau Doktor, sie werden doch nicht ...", sagte die Krankenschwester, machte einen Schritt, rutschte auf einer Weinbrandbohne aus und konnte sich eben noch am Bett festhalten.
"Hat sich von Ihnen jemand, während ich schlief, über meine Süßigkeiten hergemacht?" fragte ich streng und zeigte auf die herumliegenden, teils schon plattgetretenen Weinbrandbohnen. Erstaunt sahen beide sich im Zimmer um.
"Da werden todkranken Patienten also während ihres Schlafs die Pralinenschachteln erbrochen."
"Sie sind doch nicht todkrank!"
"Ja, jetzt. Aber vorhin war ich noch im Glauben daß.
Die Ärztin hob einige der herumliegenden Papierfetzen auf. "Der Untersuchungsbericht", sagte sie.
"Anscheinend haben Sie", ich wandte mich an die Krankenschwester, "auch noch das Blatt mit der guten Nachricht von meiner Genesung zerrissen."
"Sie sind nicht genesen. Weil Sie nicht krank waren", warf die Ärztin ein.
"Gedenken Sie, mir jetzt durch logische Spitzfindigkeiten die Freude an meiner unverhofften Gesundheit zu verderben? Doch damit nicht genug. Man legt mir auch noch Arztleichen ans Bett!" Ich war verbittert. "Seit wann liegt der Kadaver in meinem Zimmer? Oder glauben Sie vielleicht, es ist schön, krebskrank neben einer Arztleiche aufzuwachen?"
"Was heißt ‚Arztleiche'? Ist er denn tot?"
"Was denn sonst! Würden sie sich so mir nichts dir nichts neben das Bett eines Todkranken legen? Womöglich zu einem Nickerchen?"
"Sie sind nicht todkran..."
Ich winkte ab.
"Und er", die Ärztin zeigte auf den niedergestreckten Kollegen, "er ist auch nicht tot."
"Was heißt ‚auch'? Und im übrigen ist er tot. Mausetot. Das sieht auch ein Laie."
Der Arzt regte sich.
"Sie haben recht", gab ich zu. "Er lebt."
Der Arzt drehte sich um.
"Und es ist Doktor Soundso".
Der Arzt legte sich mühsam auf den Rücken und atmete schwer aus.
"Aber jetzt ist er tot", stellte ich fest. Er flüsterte mehrmals:
"Nein, nein, nein ..."
"Wenn Sie so leise reden, versteht sie kein Mensch und womöglich werden Sie lebendig begraben", informierte ich ihn.
Er stöhnte und regte sich nicht mehr.
"Wahrscheinlich ist er jetzt tot", vermutete ich.
"Doktor?" rief die Ärztin.
Er stöhnte wieder.
"Nein, doch noch nicht", korrigierte ich mich. "Sie sollten die erforderlichen Widerbelebungsmaßnahmen einleiten. Ich hoffe, Sie können sich daran erinnern."
Der Arzt zeigte auf mich.
"Er hat ...", fing er an.
"Ja, ja", unterbrach ich ihn. "Ich weiß es auch schon. Ich habe gar keinen Krebs."
"Nein, nein ...".
"Was denn? Habe ich doch Krebs?"
"Nein. Sie haben mir den Finger umgebogen."
Ich sah zur Ärztin und machte dezent eine wischende Bewegung vor dem Gesicht.
Als der Arzt mittels eines wasserverdünnten Melissengeistes wiederhergestellt und sein Finger verbunden war, machte er mir schreckliche Vorwürfe. Ich hätte ihn mit einem Taschenbuch geschlagen, mit Pralinen beworfen und ihm dann den Finger umgeknickt. Ich sagte:
"Sich über meine Pralinen hermachen. Dann ausrutschen und sich den Finger verstauchen. Und dann mit solchen Märchen daherkommen. Sie machen sich lächerlich."
Das merkte er dann auch und ließ das Vorwürfemachen bleiben.
"Als Arzt", riet ich ihm, "sollten sie sich freuen, daß ich nicht krank bin."
Er schwieg.
"Aber das können sie natürlich nicht", stellte ich fest.
"Natürlich kann ich das", behauptete er.
"Eben nicht. Als Arzt verdienen sie an der Krankheit, nicht an der Gesundheit. Also ist ein Genesender für sie ein herber Rückschlag."
"Die Gesundheit des Patienten ist Ziel meiner Arbeit."
Wo er das wohl herhatte? Ich seufzte und winkte ab.
Nachts kam die Ärztin herein. Ich hatte die Nachtleuchte an und die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
"Sie schlafen nicht?"
"Ich bin aufgewacht. Ich habe geträumt, ich hätte doch Krebs."
"Sie haben aber keinen."
"Weiß ich ja. Aber ich hab es geträumt. Und ich bin dann daran gestorben. War gar nicht so schlimm. Haben Sie schon mal geträumt, daß Sie gestorben sind?"
Sie antwortete nicht. Ich fuhr, mehr für mich, fort:
"Eigentlich ulkig ... Zu träumen, daß man stirbt ..."
"Warten sie", sagte sie und verschwand. Sie kam schließlich wieder, zwei Tücher in der Hand und bat mich, die Decke zurückzuschlagen.
"Was haben sie vor?"
"Ich mache ihnen Wadenwickel. Damit sie einschlafen können."
"Haben Sie dazu Medizin studiert? Um Wadenwickel zu machen?"
 

Capriccio II

Sie ritten dem Meere zu und wenn der muntere Trab der Pferdte ihr die Prüstlein aus dem Mieder hob, ward ihm weinrauschig zumute. Engbewachsne Wege stunden ihrem heitern Gall-Hopp Spählier. Die kekken Sträuch streckten straks ihnen tausend grünschimmernde Zungen nach. Sie kipfelten und lachten und unsere Rößlein liefen zum Strand. Alsdorten stund ein Fremdling, bei welchem sie anhielt und sich in seine Arme sinken ließ.
Der mit ihr herbeigeritten wandte alsbald den Kopf und ließ seinem Pferdt den Zügel. Es trabte ins Meer, zertrat das milchige Meerblau des gespigelten Himmels und lachte darbei. Ach, die Pferdte lachen immer so unbegreiflich. Ach, du pferdtblütiges Pferdtgelächter.
Das Pferdt lief geradenwegs hinein, bis in die Lagune, bis es zu schwimmen begann, und er ritte auf schwimmendem Pferdte. Weit draußen, im Schilf, kam es wieder auf den Grund und blieb stehn. Dort stehn sie seither. Sie und die Lagune beschlägt der Mond in den Nächten mit Silberlicht.
 

Hahaha. Skizzen für eine (als unbrauchbar verworfene) Episode

Klare, einfache Geschichte. Musiker, der im einen Orchester vorgibt, stumm, im anderen Orchester, blind zu sein. Spiel mit Sonnenbrille. Fuchsophonist & Dachsophonist. Sie ham ja nicht alle! Komponist schreibt Klavierkonzert um. Der Plianist haßt ihn dafür. Bei der Feier nach der Uraufführung stellt er zudem fest, daß der Komponist mit seiner Exfrau verheiratet ist. Kompliziert. Sie tut, als ob sie ihn nicht kennt. Da macht er es umgekehrt ebenso. Wahrscheinlich besser so. Bis er merkt: Es ist gar nicht seine Exfrau. Noch komplizierter. Er will es ihr erklären. Aber was? Der Scheinblinde überlegt, womit er schon äußerlich klarmachen kann, daß er stumm ist. Soz. Sonnenbrille für den Mund. Ihm fällt nichts ein. Ein Schild? Er verwirft es. Schreibt an Kummerkasten. Der Plianist hat ein streng gehütetes Geheimnis und Leiden: ihm wird von Klaviermusik schlecht. Hat beim Üben immer einen Eimer neben sich. Hat aber gelernt, auf der Bühne alles wieder runterzuwürgen. Davon wird ihm natürlich erst recht schlecht. Sein mit an- und abschwellenden Backen verbundenes Würgen/Erbrechen/Würgen, usw. hält man allgemein für eine etwas eigenwillige Musiziermimik. Er schreibt an den Kummerkasten. Fragottist erzählt immer einen Witz, lacht selbst sehr, versteht ihn aber falsch. Dirigent in fremder Wohnung, als ein Mörder anruft und seine Belohnung einfordert. Versteht ihn nicht. Gibt ihm die Nummer des Plianisten. Kurz darauf ruft ein Lyriker an, der sich beschwert, weil man seine Texte unter eigenem Namen veröffentlicht hat. Der Kummerkastenonkel antwortet. Er rät dem scheinblinden Scheinstummen zu einem Korken. Hahaha. Der Scheinstumme läßt den Brief in der Garderobe liegen, der Plianist findet ihn und hält ihn für die Antwort auf seine Frage. Ärgert sich. Der scheinblinde Scheinstumme überlegt in einem dritten Orchester (Attraktion!) sich taub zu stellen. Frau des Dachsophonisten haßt heimlich Musik, tut aber so, als ob sie sie liebt. Anstrengend. Sie verflucht den Tag der Hochzeit. Fuchsophonist und Dachsophonist belächeln den Froschisten. Der Dirigent ist Schnauzbartträgerhasser und macht heimlich eine Therapie. Der Plianist ist Schnauzbartträger. Der Phiolinist behauptet, gelegentlich während des Konzerts mitzupfeifen, ohne das es der Dirigent merkt. Der Dirigent hört es und flicht bei Gelegenheit ein, zwar zu hören, daß der Phiolinist mitpfeift, aber nichts zu unternehmen. Witzerzähler und Zuhörer lachen, beide aber über was anderes. Als sie merken, daß der Fragottist den Witz falsch versteht, lachen sie mehr über den Fragottisten, als über den Witz. Als sie merken, daß der mißverstandene Witz des Fragottisten lustiger ist, als der eigentliche Witz, lachen sie wieder über den Witz. Der Klosaunist ärgert sich, weil die Kloboistin behauptet, die Armbewegungen der Klosaunisten seien obszön. Alle Figuren kennen sich nicht oder höchstens vom Sehen, aber alle haben mit dem Plianisten zu tun. Er ist allen unsympathisch. Er merkt es. Aus Enttäuschung rasiert sich der Plianist den Schnauzbart. Steigt schon am nächsten Tag merkbar in der Achtung des Dirigenten. Ahnt natürlich nichts von den Zusammenhängen. Abends Telephon. Ein Mörder ruft an. Droht mit baldigem Vollzug. Der Plianist ruft: Hier gibts nichts zu morden! Doch, sagt der Mörder, Sie! Plianist legt auf. Wieder Telephon. Der Mörder nennt mit eisiger Stimme seine Telephonnummer. Kaum aufgelegt wieder Telephon. Ein anderer Mann verlangt Lösegeld. Sonst wird die Tochter des Plianisten umgebracht. Ich hab gar keine Tochter. Der Erpresser: Dann eben was Ähnliches. Ihre Frau meinetwegen. Ich bin geschieden, triumphiert der Plianist. Egal. Dann Sie selbst. Das gilt nicht, ruft der Plianist. Wieso denn nicht. Geld oder Leben. Ich denke ohnehin an Selbstmord, versucht es der Plianist. Gut, dann spar ich mir die Arbeit, sagt der Erpresser. Das Geld brauchen Sie dann ja nicht mehr. Der Plianist ärgert sich. Der Erpresser sagt, er soll ihm das Geld in einem Umschlag im Park übergeben, dann könne er sich umbringen. Er wolle sich jetzt doch nicht umbringen, ruft der Plianist. Na, dann mach ich es eben doch selbst. Der Erpresser lacht und gesteht, daß es sowieso nur Spaß sei. Hahaha. Er habe die Stimme verstellt. Hahaha. Kaum ist der Plianist im Bett, ruft der Erpresser wieder an. Er habe es sich überlegt. Zwar sei es ursprünglich als Spaß gedacht gewesen, aber er habe Gefallen an der Idee gefunden. Er meine es jetzt ernst. Selbe Bedingungen, selbe Summe. Nur kein Hahaha. Als der Plianist den Mörder anruft, meldet sich die Telephonseelsorge. Gut, daß Sie anrufen, sagt er erleichtert, als sich der mittlerweile erboste Mörder wieder meldet. Ich hab Ihre Nummer falsch notiert. Ach so, sagt der Mörder, und ich dachte schon. Der Plianist verspricht dem Mörder doppelte Entlohnung, wenn er jemand anderen umbringt und lädt ihn zum Treffpunkt mit dem Erpresser ein. Die kennen sich. Harmonischer Abend. Plianist sitzt blöd dabei, als sie sich von ihren Vorhaben und Aufträgen erzählen. Bring ihn ja nicht um, scherzt der Erpresser. Sonst kann ich ihn nicht erpressen. Hahaha. Beide beschließen, Lösegeld und Honorar zu kassieren und zu teilen. Plianist ärgert sich sehr. Sie haben, sagt er, ursprünglich gesagt, es sei nur Spaß. Das, antwortet der Mörder, gelte immer noch. Ihm mache die Angelegenheit, auch im Ernst sozusagen, riesig Spaß. Ihm auch, sagt der Erpresser. Riesig Spaß. Hahaha. Außerdem, sagt der Mörder, sei er, der Plianist, ihm nicht sonderlich sympathisch. Mir auch nicht, fügt der Erpresser rasch an. Warum nur finden mich alle unsympathisch? klagt der Plianist. Weil Sie unsympathisch sind. Da kann man nichts machen. Als der Plianist sagt trotzig, er habe vorgehabt, den Mörder umzubringen, nachdem dieser den Erpresser umgebracht hätte, lachen sie noch mehr. Der Mörder sagt, Mensch, das ist doch völlig unlogisch. Der Plianist brummt vor Ärger. Dann geht das Leben weiter.
 

Capriccio III

Wir saßen in einem seidenen Zimmer voll tiefer Schatten, nur eine Kerze machte etwas Licht. Die Gesichter lagen bis auf die roten nassen Lippen im Dunkel breitrandiger Hüte und neigten sich über ein Damebrett, welches auf einem Tisch auflag. Hier konnte man gegen eine blinde Jungfer antreten, so von drei Spielen stets zweie gewann. Nur das mondne Gesicht der Jungfer war hell zu sehen, die nach dem Setzen der beinernen Steine hinlauschte. Das Herz begunnte mir da zu beben und es sausete mir in den Ohren, als in einer Grotten, in die der kalte Wind hineinbläst. Mir schiene dann, es trete eine Gestalt, welche also dem Spiele zusah, vor mich hin und ihr Schatte fiele über mich wie ein brauner Schlaf, in welchen schließlich nurmehr das Rücken der Steine vordrang.
 

Ballistik

Ein älterer Herr wandte sich an mich. Er habe von seiner Nichte gehört, ich schreibe Bücher. Was für welche denn? Ich antwortete "Belletristik." "Oh", staunte er, "Ballistik!" und nickte anerkennend mit dem Kopf. Ich bereute, das hochtrabende Wort benützt und nicht einfach "Romane" gesagt zu haben. Aber ich habe eine Schwäche für derartige Situationen und verzichtete darauf, den Irrtum aufzuklären. Da einmal gelegte Eier ausgebrütet werden wollen, wunderte er sich, daß man über dieses Gebiet noch Bücher schreibe. Ob denn die Ballistik nicht weitgehend erforscht sei? Ein vor einiger Zeit gelesener Zeitungsartikel half mir weiter. "Weitgehend schon", antwortete ich, "aber aufgrund von Niederschlägen kosmischen Materials auf die Erde in Höhe von täglich mehreren Tonnen, verändern sich mit dem Erdgewicht auch Schwerkraft sowie Rotationsgeschwindigkeit, so daß der Zielgenauigkeit stets neue Zahlen zugrunde gelegt werden müssen." Das leuchtete ihm ein. Das wundere ihn allerdings schon, wandte er sich später wieder an mich. Daß seine Nichte nämlich, die ihm ja mein Buch empfohlen habe, sich für Ballistik interessiere. Ich sagte, daß die jungen Leute heutzutage die unglaublichsten Bücher studierten. Ich würde auch oft staunen, wenn ich meine Leser kennenlerne.
"Die Militärs jedenfalls lesen keine Ballistik-Bücher mehr und kennen sich mit der Materie überhaupt nicht mehr aus."
"Nicht?" staunte der Herr.
Nein. Da die Zielvorrichtungen der modernen Waffen, erklärte ich ihm, heute alle elektronisch gesteuert würden, reiche es, wenn ab und zu das Steuerprogramm auf den neuesten Stand gebracht würde. Das aber würde von Leuten besorgt, die selbst keine Militärs seien, sondern Programmierer, und das, was sie da programmierten, für ein Computerspiel hielten. Die Militärs läsen mehr schöngeistige Bücher, Romane und dergleichen.
"Verrückte Welt", kommentierte der alte Herr. Ich stimmte ihm zu. Zur Erholung von der trockenen Ballistik, ergänzte ich, schriebe ich gelegentlich sogenannte Romane. Vielleicht lese seine Nichte ja diese.
 

Capriccio IV

Alsbald setzte sich die Chaisen in Bewegung und das elend-winzigte Fensterlein begunnte mit inständiger Blödigkeit zu scheppren. Die Pferdte renneten und als ich mich aus dem Wgenschlage beugte und nach vornen rief, ich weiß nicht mehr was, sah ich die Pferdte rennen und verwunderte mich darob, daß sie so gar engstlig renneten. Und es kamen einher gesprungen zween oder dreie dicke Bursch und rufeten und winkten und desgleichen ein armselig Hündlein trachtete unserer Kutschen zu folgen, war ihm mühsam, denn es hatt ein lahm Hintherbeinchen. Die Gesellen liefen stracks nahebeiher und griffen in die Radspeiche, solch Tun bei ihnen für einen Spaß galte, denn so einer von Ferne wollt haben herzugesehn er kunnte meinen, sie trieben die Kutschräder an. Indeß niemand stund in der Fernen noch in der nähen, stund wohl jemand in den trüben Fernen ihrer Köpf und sahe zu. Ich sahe durch das klein-schepprichte Fenster nach hint. Endlich bliebeten die Bursche stehn und klopfeten sich die Rocke sauber. Ach, ihre widerwärtig tumben, pfannekuchenen Gesichter, aus welchen aus den aufklaffenden Mäulern das Rufen herauspurzelte wie frisch-abgespaltene hölzerne Scheiter. Und schiene, als ob, kaum daß die Worte herausgefallen, der Wind in die mauloffenen Köpf hineinfuhr und die Bursche inwendig aufblies. Das lahm Hundlein konnt desgleichen nicht mehr mit der Kutsch mithalten und blieb am Wege stehn und boll und kloff mit einem zerschlissnen Gebell. Ach, solch kleine elende Wut mit einer borstnen Stimmen aus so einem klein Hinkhündlein. Da fuhr, uns entgegen, ein ander Chaisen in die Allee ein, hatt ebensoviel Pferdte vorgespannt, so daß ich vermeinete, einem Spiegelbilde entgegenzufahren - - - Noch klefft das lahm Hündlein, noch scheppret das klein Fenster, an Sonstgem traben die Pferdt beider Kutsche noch immer auf einander zu und die Bursche stäuben ihre Röck aus, doch ist von nichts alledem mehr etwas zu hören.
 

Wir Erfundenen

Wir Erfundenen halten Eis in unseren Händen. Die Wirklichen auch. Aber
in triefenden Händen. In ihren Händen schmilzt es. In unseren nicht.
 

Hausaufgaben

Eine Sekunde schlafen.
Eine beliebige, dreistellige Zahl niederschreiben, ohne an Mäuse zu denken.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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Stand: 25. Februar 2014