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Celeri 5 - Juli 2006
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Jubiläen, Nachrufe und längst vergangene Neuigkeiten aus ländlichen Anzeigern II

Im Brustraum des Toten wurde ungewöhnlich viel Wasser gefunden. Man geht davon aus, daß der Mord mit einem Messer aus Eis durchgeführt wurde.

Am 16. Jänner d.J. starb Rudolph Vergißmeinit im Alter von nur 79 Jahren. Nach der Begegnung mit einem Vortragreisenden, einem kaukasischen Alterskünstler (damals bereits 102jährig) und dessen Buch "Nutze die Kraft deines Willens - Erfolgreich alt durch Selbstsuggestion" hatte er mit seinem 43. Geburtstag ein mentales Training begonnen, darin bestehend, mehrmals täglich je 100 Mal den Satz "Ich bin unsterblich" zu denken. 36 Jahre lang im Schnitt dreihundert Mal täglich. Das ergibt rund 4 Millionen Male. Sollte das alles umsonst gewesen sein? Anscheinend ja, denn die Beisetzung fand bereits statt. Da Rudolph Vergißmeinit nie Vorkehrungen für seine Beerdigung getroffen hat, waren umständliche Abklärungen notwendig, um die Finanzierung der Beisetzung sowie der Grabstätte zu klären.


 

Spaziergänge mit dem hageren Herrn

Anderswo ist er weiblich. Hier nicht. Hier sagt man: Der.
Er wohnt in mir und geht immer mit. Schon seit langem. Ich war ein kleiner Junge, als ein Mädchen aus einem benachbarten Dorf verschwand und bald darauf in einem Wald gefunden wurde. An einem Sonntag fuhren meine Eltern mit mir zum Friedhof. Es war kalt aber sonnig, die Menschen trugen Mäntel. Viele Menschen kamen und gingen, blieben eine Weile stehen und warfen einen Blick auf ein Grab. Genauer: Sie warfen einen Blick ins Grab., denn das war offen, wieder offen. Tief unten war ein Mann zugange und schaufelte die Erde heraus. Manchmal versuchte jemand ihn mit: "Kommen Sie doch wieder herauf, Herr Soundso", zum Herausklettern zu bewegen. Aber ihre Stimmen klangen zaghaft und der Mann schüttelte, ohne aufzusehen den Kopf. Da gingen die Menschen wieder und schleiften die schweren Schatten ihrer Mäntel hinter sich her. Plötzlich warf der Mann im Grab den Kopf in den Nacken und rief voller Schmerz: "Ich will mein Gretchen wieder haben!" Er rief es immer wieder und meine Mutter nahm mich an der Hand und zog mich fort. Ich spürte die Beklemmung, die über dem Ort hing. "Ich will mein Gretchen wieder haben!" rief es aus der Grube herauf.
Ich war bedrückt und verwirrt von der strengen, wortlosen und mir ganz unbekannten Stimmung, in der etwas anwesend war, das mir Angst machte. Ich wollte die Stimmung gerne lockern und sagte, daß ich, als der Mann einmal mit Schaufeln eine Pause gemacht hatte, gehört hatte, wie das Gretchen tief Luft holte, und später dann sogar geschnarcht hatte. Die Mienen meiner Eltern verschlossen sich. Dann sagte meine Mutter: "Gretchen ist tot. Und wenn man tot ist, kann man keine Luft mehr holen." Ich verstand sofort, was das bedeutete. Die Härte und Kälte des Tonfalls erklärte alles, was die Worte selbst nicht erklärten. Auch ein Tadel schwang darin mit, und ich spürte, daß er nicht, oder nicht vollständig, an mich gerichtet war. Und so fragte ich mit nur noch einem kläglichen Rest Hoffnung nach: "Warum denn nicht. Was machen Tote denn sonst?"
"Nichts. Tote können gar nichts mehr machen. Sie haben aufgehört zu leben."
Da war es. Das Ende des Lebens. Ich hätte noch eine Frage gehabt, traute mich aber nicht, sie auszusprechen.
"Aber Gretchen war doch noch jünger als ich", sagte ich statt dessen.
"Ein Mann hat Gretchen totgemacht."
"Totgemacht?"
"Er hat ihr Schokolade versprochen und wollte ihr ein Reh zeigen."
"Hat sie das erzählt?"
Keine Antwort.
"Und sie schläft nicht da unten?"
"Nein. Tote können nicht schlafen."
Daß man nicht schlafen konnte ... Man mußte ja schlafen, als Lebender. Man konnte gar nicht nicht schlafen. Und bei Toten wars also anders. Die konnten nicht schlafen.
auch nicht träumen. Tote können gar nichts mehr. Gretchen ist tot."
Obwohl mir noch andere Fragen einfielen, begriff ich. Auf jede Frage, ob Gretchen noch dies oder jenes noch tun könne, würde die Antwort "Nein" lauten.
Mir wurde eingeschärft - in so strengem Tonfall, als sei ich bereits ungehorsam gewesen -, daß ich mir von einem fremden Mann keine Schokolade anbieten lassen solle und nicht mitgehen solle, wenn er mir ein Reh zeigen wollte. Das verwirrte mich, denn Rehe interessierten mich nicht und Schokolade verabscheute ich. Spinat hätte er mir anbieten müssen, mit Spiegelei, oder einen Greifen hätte er mir zeigen sollen, das war ein Vogel, von dem ich schon allerhand Unglaubliches gehört hatte.
"Und ...", fing ich an, traute mich aber wieder nicht, die Frage auszuformulieren. "Und ... ich ... oder du ... oder ..."
"Jeder Mensch muß einmal sterben. Alle. Früher oder später.
"Jeder? Auch wenn kein Mann kommt und Schokolade anbietet oder Rehe zeigen will?"
"Jeder."
Da war es. Das Ende allen Lebens.
Das war furchtbar. So furchtbar, daß ich selbst einen Moment lang den Wunsch hatte, auch aufzuhören zu leben.
Diese Nachrichten über das unvermeidliche Ende meines Lebens trübten meine Lebensfreude und Lebensbereitschaft erheblich ein. Ich würde - so hatte es geheißen - groß werden, würde selbst Kinder haben, würde Dinge vollbringen, auf die ich mich bislang gefreut hatte und auf die ich im voraus schon stolz war, ich würde reich werden, ich würde, ich würde ... aber vielleicht würde ich eben auch nichts von all dem tun oder weden. Denn alle Menschen konnten sterben, und der Friedhof, alle Friedhöfe, waren voll von Gräbern.
"Der Tod kann jeden Augenblick kommen." Das war noch furchtbarer, als der Umstand, daß er überhaupt kam. Ich würde, ich würde ... Gretchen war jünger als ich gewesen und würde keine Kinder mehr bekommen und würde nie mehr älter werden. Ich bemerkte, daß der Tod immer mit mir ging. Nie war ich allein, immer ging er mit. Selbst wenn alle weg waren - er war bei mir.

Es öffneten sich noch weitere Türen. Wie kläglich war jene des Geistlichen, der ein Mal die Woche in der Schule erschien und versprach: "Wenn ihr recht artig seid, kommt ihr in den Himmel."
Da wollte ich nicht hin. Womöglich wurde man da mit Schokolade verköstigt und bekam Rehe gezeigt. Wenn man schon tot war, und nichts mehr tun konnte, nicht einmal Luft holen, warum sollte man dann da oben auf den Wolken mittun? Dann doch wieder lebend, auferstanden, wie der Geistliche behauptete, aber wissend, daß man tot, tot, tot war.
"Andernfalls ...", drohte er knochenfingrig und begann eine launige Erzählung von den Sitten und Gebräuchen in der Hölle. Ich verabscheute ihn dafür, aber wir Kinder mußten so tun, als liebten wir unsere Lehrer. Auch Gott mußten wir lieben. Nicht an ihn zu glauben war Todsünde. "Gott liebt euch!", hatte der Geistliche und vorwurfsvoll ermahnt. Ich hatte auch versucht, Gott zu lieben und an ihn zu glauben. Aber ich stellte fest, daß er nicht an mich glaubte; und auch von seiner Liebe war nichts zu bemerken. Und da ließ ich es selbst auch bleiben, an ihn zu glauben und ihn liebzuhaben.
Das war eben das Schlimme, daß man Dinge tun mußte, die man nicht wollen konnte - an etwas zu glauben oder jemanden liebhaben; und wenn man es nicht konnte, hatte man nicht nur das schlechte Gewissen, sondern kam auch in die Hölle. Denn Gott sah alles. "Gott weiß alles! Da könnt ihr noch so tun als ob, noch so lügen, noch so verheimlichen - Gott sieht alles!" rief der Geistliche uns zufrieden zu. Ich wünschte ihm sein Himmel & Hölle an den Hals. Und seinen unmanierlichen, naseweisen Gott gleich dazu. Da würde er schon sehen. Und solange er nicht im Himmel war, wünschte ich ihm ein schlechtes Gewissen, egal weswegen. Aber ständig.

Ein Spielkamerad starb an einer geheimnisvollen Krankheit. Einer stürzte mit dem Flugzeug ab. Einer verunglückte mit dem Auto. Einer berührte ein Starkstromkabel. Einen trat ein Pferd tot. Einer wurde zusammen mit seiner Schwester auf dem Heimweg von der Schule von einem Auto überfahren.
Eines Tages führte der Lehrer den niedergeschlagenen August herein, der einige Tage gefehlt hatte, weil seine Mutter gestorben war. Einmal stand ich in der Turnstunde neben ihm. Ich fing an, seine Schuhe zu loben, er war verwundert, ich fragte dies und jenes, unter anderem, wer solch patente Schuhe ausgesuchte hatte - ich wollte mit meinen Fragen an seinen Schmerz rühren. Als ich einige Jahre später das Dorf wieder besuchte, sah ich an den Inschriften auf dem Grabstein, daß August nun schon neben seiner Mutter lag.
Ziegenkarl, der Sohn des Feuerwehr-Hausmeisters, durfte nie mit anderen Kindern spielen und mußte statt dessen zwei Ziegen hüten. Er brach auf dem gefrorenen See ein und fand dann nicht mehr unter dem Eis hervor. Wie schnell ein Kinderleben vorbei ist. Ab einem bestimmten Punkt gibt es keine Rückkehr mehr. "Komm, rasch, komm herauf!" sagte jemand, und man kann nicht mehr antworten. Niemand kennt die letzten Gedanken und Empfindungen.
Rätselhaft war die - wieder aufgetaute - Stelle, wo Ziegenkarl eingebrochen war. Im Sommer ließ ich mich als "Toter Mann" dort treiben und dachte an den nun schon toten Ziegenkarl. Rätselhaft war auch, daß das Pferd, das den Jungen totgetreten hatte nicht bestraft wurde; es stand auf der Koppel und manchmal ritten ahnungslose Sommergäste darauf aus.
Es gibt in einem Dorf am Bodensee eine Straße, durch die ich ungern gehe, da ich - außer mir - von keinem Jungen mehr weiß, der noch lebt. Ich habe das Gefühl, als habe mich der Tod gesucht und nur nie gefunden; und ich habe das Gefühl, der einzige Überlebende meiner Kindheit zu sein.

Nach dieser Aufzählung entsteht vielleicht der Eindruck, als sei in meiner Kindheit gewütet worden. Aber ich hatte mich an den Tod gewöhnt, das heißt: daran gewöhnt, ihn wieder zu vergessen und zu leben, als sei ich unsterblich. Der Tod holte sich immer die anderen. Im Hinterher ist es leicht, davon zu reden, daß man schlimme Erfahrungen nicht missen möchte. Sie sind ja schon passé. Aber ich würde, wenn auch mit Zittern, zustimmen, sie noch einmal erleben zu müssen, womöglich mit schlechtem Ausgang. Denn diese todgefüllte Kindheit war auch still, fröhlich, sonnenbeschienen, regenbetropft, und das Glück war aus eigener Erfahrung bekannt - sie war so schön, daß ich, ohne zu zögern, sie noch einmal erleben wollte und um einiger Erlebnisse und vor allem Menschen willen auch den Rest in Kauf nähme.
Meine Freundin Elvira, die für ihr behindertes Schwesterchen sorgte und das Gespöttel der anderen Kinder ignorierte. Ein Gespöttel, das - auf der Suche nach Schwachstellen - auf alles zielte: ihr Gesicht, ihre Schwester, ihre Kleidung, ihre Sprechweise, ihr Faschingskostüm. Elvira gab mir einen ersten Eindruck von menschlicher Größe, von Unbeirrbarkeit, Warmherzigkeit und ließ mich entdecken, daß man Menschen um ihres Wesens willen bewundern konnte, und sie gab mir Gelegenheit, mich zu bewähren, indem ich zu ihr hielt und so gleichfalls das Über-der-Sache-Stehen erlernte.
Gleichzeitig wußte ich, daß, wenn mich andere Kinder nach der Schule abfingen, jagten, schlugen oder mit mitgebrachten Küchenmessern bedrohten, daß das auch ein Teil der Welt war; ihr Teil zwar, aber als solcher eben auch stellenweise mein Teil. Aber ich hatte meine Wahl schon getroffen. Und wenn die Eltern dieser Kinder bei Schulfeiern in Sonntagsanzügen erschienen und die Schule mit Mottenkugel- und 4711-Geruch füllten und zusahen, wie ihre Kinder Gedichte aufsagten, dachte ich: "Ihre Messerkinder sagen was auf", und vertrieb mir die Zeit mit der Überlegung, wie viele Mottenkugeln ein Mensch wohl verschlingen müßte, um daran zu sterben. Ich kam auf folgende Rechnung: An einer Mottenkugel starben vielleicht zehn Motten. Ich hätte also auszuwiegen, wie viel zehn Motten wiegen, das Gewicht der Mottenkugel dadurch zu teilen und mit der erhaltenen Zahl das Gewicht eines Menschen zu multiplizieren. Ich war eben am Rechnen - zehn Motten veranschlagte ich mit einem Gramm, eine Mottenkugel mit zwanzig (also pro Motte zwei Gramm), einen Menschen mit fünfzig Kilo (machte also pro Mensch hundert Kilo Mottenkugeln oder, in einzelnen Mottenkugeln, hunderttausend Gramm durch zwanzig, macht ... - als ich mit meinem Gedicht drankam. "Augen, liebe Fensterlein ...". Ich verhaspelte mich, meine Eltern lachten, und die anderen verzogen die Gesichter, ihre Messerkinderelterngesichter. Ich hatte meine Wahl schon getroffen, schob lieber Elviras Puppenwagen oder band ihr die Schnürsenkel, die dauernd aufgingen oder führte das Schwesterchen an der Hand. Das Hohngeschrei der anderen Kinder war mir eine Stärkung. Als sie Steine warfen, warf ich zurück, ich hatte nicht die Übung und warf viel zu tief, aber der Oberraufbold duckte sich geschickt und bekam den Stein an die Schläfe und fiel um. Die Kinder rannten schreiend davon, der Oberraufbold kroch im Sand, und meine Strafarbeit lautete: "Ich darf nicht mit Steinen werfen."
Ich nannte die anderen Kinder sowie ihre Eltern sowie die Lehrer für mich fortan die "Mottenkugelfresser". Obwohl sie nie Mottenkugeln fraßen, nannte ich sie so; gewissermaßen nach dem, was sie, meiner Meinung nach, am besten hätten fressen sollen. Mottenkugeln. Jeder fünftausend Stück.
Vielleicht ahnten die anderen Kinder etwas, vielleicht waren sie es auch nur leid, aber sie hörten auf, hinter uns her zu schreien. Nur der Oberraufbold verlangte Genugtuung und baute sich - das Pflaster noch an der Schläfe - nach der Schule vor mir und Elvira auf. Ich war überrascht, wie leicht ich ihn in eine Pfütze stoßen konnte. Als er wütend aufsprang, stieß ich ihn noch mal hinein. Das kam mir lächerlich vor und ich befürchtete schon, es noch ein drittes Mal tun zu müssen. Pfützenwassertriefend fragte er die herumstehenden anderen Bengels: "Hat keiner von euch ein Messer dabei?" Sie verneinten, und ich sagte: "Doch. Ich." Er sagte: "Du kannst von Glück reden, daß ich jetzt keine Zeit mehr habe", und trollte sich.
Als ich einmal auf dem Dachboden des Schuppens einer Gärtnerei herumstöberte, hörte ich Stimmen. Ich sah aus der Luke und entdeckte unter mir, hinter dem Schuppen, den Oberraufbold und einen der Bengels, wie sie sich eben Zigaretten anzündeten. Auf dem Dachboden hatte ich auch einen Eimer gefunden, der zur Hälfte mit marmeladenartig-appetitlicher, orangener Wagenschmiere gefüllt war. Diesen Eimer trug ich zur Luke. Er war schwer, mühsam hielt ich ihn hinaus und zielte solange wie möglich, ehe ich ihn wegen des Gewichts loslassen mußte. Er traf genau und blieb mit einem schmatzenden Laut wie ein Turnierhelm auf dem Kopf des Oberraufbolds stecken. Der andere Bengel, überrascht durch das unvermittelte ritterliche Aussehen seines Freundes, rannte sofort davon und der Raufbold stemmte, sich windend, den Fetthelm mühsam nach oben und bohrte sogleich mit dem Zeigefinger durch das Fett in den Mund, wohl, damit er Luft bekäme. Er war von der Wagenschmiere wie von Bernstein umhüllt und hatte ganz oben einen lustigen Zipfel aus gelbem Fett. Ich ging hinunter und betrachtete ihn noch ein Weilchen still von Nahem, wie er versuchte, sich von der Schmiere zu befreien. Es schmatzte. Es würde noch dauern, ehe er die Augen frei hatte. Gern hätte ich zugesehen, wie er das Nachhausegehen bewerkstelligte, aber ich ließ es gut sein und verließ ihn.
Ein andermal sah ich die Mottenkugelfresser vor dem Kaufladen, wo sie herumrangelten und sich schubsten. Ich schlich in den Garten eines leerstehenden Hauses und beobachtete sie. Ein Mädchen stand weinend dabei. Sie hatten ihm wohl die eben gekauften Brausebonbons abgenommen und stritten jetzt darum, wem - anstelle der Mottenkugel - wieviel davon zustehe. Ich suchte einen Stein. Das Schaufenster war groß und nicht zu verfehlen, und das laute Scherbengeklirr war kaum verstummt, als schon der Ladenbesitzer herausgestürmt war und zwei der Bengel an den Ohren hatte. Auf ihre Beteuerungen, daß sie nichts mit der kaputten Scheibe zu tun hatten, lachte er. Den anderen, die wegrannten rief er hinterher: "Rennt nur! Ich kenn euch alle! Jeden!"
Ein Verkehrsunfall brachte mir die ignorierte Existenz des Todes wieder zu Bewußtsein. In der großen Pause riefen sich die anderen Kinder zu, was sie wußten, welche Körperteile herumgelegen seien. Einer hatte einen Bruder unter den Sanitätern und wußte besonders viel: daß sie die verspritzten Fetzen des Hirns in einer Plastiktüte zusammengelesen und dann alles in eine Wanne geschüttet hatten; daß man es im Sarg bloß noch irgendwie zusammenlegen konnte, und daß zuletzt immer noch Teile gefehlt hatten.
Elvira erzählte ich nichts davon. Sie war nicht auf dem Pausenhof gewesen. Ich wollte nicht, daß sie etwas davon erfuhr. Ich war verzweifelt. Die Welt hatte ihre Heimischkeit verloren. Ganz und gar. Da wußte ich: hier bist du nicht zu haus. Ich beobachtete die anderen Kinder. Sie schienen nichts von dem Schrecken des allzeitig möglichen Lebensendes zu spüren, der mich lähmte.
Er war immer bei mir. Ein wenig hinter mir. Und ich hatte bloß vergessen, daß er da war, hinter mir, aber nah genug, um mir jederzeit die Hand auf die Schulter legen zu können.

Viele Menschen finden das Leben unerträglich und haben an allem was auszusetzen: Die Menschen sind schlecht, die Verhältnisse sind schlecht, die Zeiten sind schlecht, die Zinsen sind schlecht, sie selbst sind nicht gesund, sie haben dies zuwenig und jenes zuviel, und so weiter. Ich tröste sie: "Wir sind ja sterblich. Irgendwann hat's mit all der Misere ein Ende." Aber das gefällt ihnen erst recht nicht.
Über den Tod sind ja kuriose Ansichten im Umlauf. Jede Religion hat ihre Version in Angebot; und ich finde es irritierend, daß sie so unterschiedlich sind. Auch die Menschen sind sehr unterschiedlich, ähneln sich aber in einem: Fast alle haben Angst vor dem Tod. Und jeder Mensch hat seine Version. Einer ist fest im Glauben. Einer ruft: "Dann ist's aus!" Einer gibt vor, Trost zu empfinden bei der Vorstellung, nach dem Tod als eine Art Komposthaufen Dünger für neues Leben zu sein. Ein anderer lernt und lernt. Das hienieden aufgehäufte Wissen kommt ihm - er ist sich da ganz sicher - drüben zugute. (Ich hatte schon immer das Gefühl, daß Wissensanhäufung genau wie Besitzanhäufung etwas mit Lebens- oder Todesfurcht zu tun hat; wenn damit nichts anderes getan wird, als es zu sammeln, dann ist Wissen Plunder; Knabbergebäck für Stehpartys). Alle Vorstellungen vermögen nicht recht zu befriedigen. Zu offensichtlich ausgedacht, wunschgenährt, etc.

Vermutlich gab es noch andere Kinder, die ähnlich empfanden wie ich, aber ich kannte sie nicht. Es gab viele Kinder, die unauffällig und still neben den lauten her lebten. Sie kamen etwa von entlegenen Bauernhöfen, von wo sie eine Stunde früher als wir zur Schule aufbrachen und wohin sie sich nach der Schule sofort wieder aufmachten und über die Felder zurück wanderten. Mädchen, die in der Pause tuschelnd die Köpfe zusammensteckten und gemeinsam etwas strickten, indem sie das Strickzeug nach ein paar Maschen der anderen gaben. August. Die blasse Klassenbeste, die gleichzeitig das schönste Mädchen im Dorf war. Die zwei frühreifen Zwillinge mit den Pferdeschwänzen, die nur miteinander sprachen und nicht nur spitze Brüstchen hatten sondern auch Blusen, durch die sich diese abzeichneten. Sie sangen zweistimmig Schlager, so schön, daß der Herr Lehrer säuerlich lächelte. Elvira. Ein kleiner, dicker, ängstlicher Junge, für den sich niemand interessierte, nicht einmal, als bekannt wurde, daß er schon längere Zeit in Ägypten gewohnt hatte. Die Tochter des Hoteliers, die mich, als ich krank war, überraschend besuchte und seitdem bei uns ein und aus ging. Ein blondes Bauernmädchen, das oft zitterte und oft in Tränen ausbrach (etwa wenn die Aufsatzhefte zurückgegeben wurden) und sich die verschränkten Arme vor das Gesicht preßte. Ein Mädchen, das alle paar Wochen mit einer sonderbaren Regenschirmfrisur auftauchte und die anderen Mädchen zum Tuscheln brachte. Dann wuchsen sich die Haare aus, bis sie eines Tages wieder mit den zu kurz geschnittenen Locken erschien. Der Junge, der verschämt abseits stand, weil ihn seine auf Zuwachs gekauften, derben und viel zu großen Schuhe genierten (zu meinem eigenen Erstaunen ging ich zu ihm und begann, diese Schuhe zu loben und zu beteuern, daß sie mir außerordentlich gefielen, ich aber leider nie solche bekommen würde). Der Junge, der krebsrot vor Scham im Schulzimmer stand, während sich die anderen Jungen seine Einlegesohlen zuwarfen. Ich bekam einen Begriff, von der Lust an Demütigung, Spott und Häme, die Menschen beherrscht; diese Hämelust, die sich am liebsten über die unveränderlichen und typischen Eigenheiten eines Menschen ergießt; dadurch, daß Eigenheiten, die Gegenstand von Liebe und Zuwendung sein sollten, nun Gegenstand von Häme und Verachtung sind, wird ein Mensch besonders verletzt.
Immer wieder gab es Erlebnisse, die mich zu mir flüstern ließen: Hier bist du nicht zu haus. Vieles wohnte in mir, das überall hin mitging. Er auch.
Dann merkte ich eines Tages, daß er mit mir sprach. Ich horchte. Er redete: "Schau hin!". Und ich sah hin. Es war nichts Besonderes. Als ich wegsah, hörte ich ihn wieder: "Schau hin!" Und diesmal sah ich, daß das scheinbar Unbesondere doch etwas Besonderes war. Oder wenn ich über einen Schmerz klagte, hörte ich ihn: "Dummkopf! Erleb es!".
Der Tod ist ein Spaziergänger. Er begleitet mich und hat gemacht, daß ich mein Gehen auf dieser Welt nach und nach als Spaziergang empfand und bewerkstelligte. Er läßt mich die Dinge mit anderen Augen - mit seinen - sehen, und so gesehen zeigen sich im Prächtigen klaffende Löcher, und das Schäbige hat seine eigene Pracht und Ansehnlichkeit.

Ob ich jetzt Angst vor ihm habe? Ich finde, diese Frage sollte ich erst beantworten, wenn sie aktuell ist.
So viele sind tot, mich wundert, daß ich noch lebe. Aber vielleicht bin ja auch ich schon tot, und das, was ich zu leben meine, ist nur ein letztes, langanhaltendes Traumgebilde im Kopf eines Toten. Leicht möglich. Niemand kanns genau sagen. Vielleicht Gott. Aber der redet nicht mit unsereinem.


 

Innen-Segeln
Einige Gedanken beim Blättern in einem Anatomie-Atlas

Früher war in Haushalten oft ein sogenannter Gesundheitsratgeber zu finden. Ob das heute auch noch so ist, weiß ich nicht. Diese Bücher hatten Titel wie "Du und dein Körper". "Gesund sein und bleiben". Der unsrige war für mich uninteressant, da er nur aufgeschlagen wurde, wenn ich krank war und nach seinen Ratschlägen dann in nasse Tücher gewickelt wurde oder übelschmeckende Tees verabreicht bekam. Eines Tages fiel mir auf, daß der "praktische Ratgeber" in ganz unpraktischer Höhe aufbewahrt wurde. Ein Stuhl schaffte Abhilfe. Beim Durchblättern des Buches wuchs die Enttäuschung, bis plötzlich etwas herausrutschte und zu Boden fiel. Als ich das bunte Papierding aufhob entdeckte ich etwas Wunderbares: Eine Dame zum Aufklappen. War die Dame außen züchtig verhüllt - nämlich in eine Art Bettlaken gewickelt -, so galten in ihrem Inneren keine Grenzen irgendeiner Scham. Schicht um Schicht ließ sich beiseite klappen. Unter der Haut kamen die Muskeln, darunter Nerven und Blutbahnen, darunter befand sich allerlei Wulstiges, Wurstiges und Klumpiges: die Welt des Menscheninneren. Herz, Därme, Leber. Sogar die geheimnisumwitterten Geschlechtsorgane, die mir in dieser Form der Präsentation allerdings nicht recht gefallen wollten. Auch die einzelnen Organe konnten teils beiseitegeklappt werden. Es wurde gezeigt, wie "die Geschlechtsorgane beim Manne" aussahen. Na, das konnte ja heiter werden. Im Bauch der Dame schlummerte ein Kind. Es hieß Fötus. Alles war numeriert, und anhand einer Tabelle auf Transparentpapier erfuhr ich die Namen der Einzelteile. Ein loses Organchen fiel zu Boden. Nr. 27. Milz. Davon hatte ich noch nie gehört. Der Milz fiel mir ein zweites Mal aus den Fingern und verschwand in einer Dielenritze. Wenn später meine Eltern das Buch zur Hand nahmen, blickte ich besonders teilnahmslos irgendwo hin. Aber es wurde nie bemerkt, daß der Aufklappdame die Milz fehlte.
Erinnerungen an diese Aufklappdame und ihre Innenwelt tauchten wieder auf bei der Betrachtung des "Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie".
Jean-Marc Bourgery (1797-1849), Chirurg und Anatom, studierte in Paris Medizin bei Laennec und Duyputren und gewann für seine herausragenden Leistungen an der Pariser Fakultät für Medizin verschiedene Goldmedaillen. In einem Zeitraum von zwanzig Jahren publizierte er einen achtbändigen Anatomie-Atlas in Folio (430 x 320 mm), zu dem Nicolas Henry Jacob (1782-1871), ein Schüler von Jacques Louis David, insgesamt 726 Farbtafeln (darunter sieben Falttafeln) schuf. Der Atlas zählt zu den umfangreichsten und eindrucksvollsten Werken der Medizingeschichte.
In den acht Bänden werden der Skelett- und Bewegungsapparat, die inneren Organsysteme, der Brust- Bauch- und Beckenraum, das Blut- und Lymphsystem und das zentrale und periphere Nervensystem - einschließlich der Sinnesorgane dokumentiert. Zwei der acht Bände sind der chirurgischen Anatomie und ihrer Technik, ein Band der mikroskopischen Anatomie gewidmet. Die meisten der handkolorierten Lithographien geben ihren Gegenstand lebensgroß wieder.
Obwohl bis heute unübertroffen in der Darstellungweise war dieser Atlas der Anatomie lange vergessen. Nun hat der Taschen Verlag das prächtige und opulente Werk in einem Reprint der 726 Farbtafeln - einschließlich der sieben Falttafeln - erstmals der Betrachtung durch ein großes Publikum zugänglich gemacht.
Das Wort "Betrachtung" wurde nicht zufällig gewählt; andere Wörter wie "ansehen" oder "anschauen" wirken banal, denn die Tafeln dieses Buches können nicht ohne einen gewissen Respekt betrachtet werden; eine Regung, die man sowohl vor der Pracht und Opulenz des Buches und seiner Darstellungen empfindet wie auch vor dem Dargestellten selber. Man glaubt aus der Sorgfalt und der Hingabe ans Detail den Respekt vor dem menschlichen Körper herausspüren zu können. Respekt an sich, ist heute eine altmodische Regung, Respekt vor dem Körper erst recht. Der Körper ist das Leben.
Das Körperliche und erst recht das Körperinnere haben schon immer fasziniert. Das sehen können, was man sonst nicht sehen kann, nicht sehen darf. Weil es im Körperinneren ist. Weil es tabu ist und stets verhüllt wird. Weil der Körper nicht verletzt werden darf. Sexualität. Gewalt. Der Tod wird verdrängt und gleichzeitig - wie bei allem Verdrängten - wächst das Interesse daran. Splatter-, Horror-, Porno- und Dokumentarfilme widmen sich auf ganz eigene Weise dem Körperlichen; für Autopsien können Eintrittskarten erworben werden; raffiniert konservierte und angerichtete Tote werden zu Ausstellungen arrangiert; und in Nachmittagssendungen, die auf Engpässe beim Medizinstudium hinweisen, werden zur Illustration feixende Medizinstudenten gezeigt, die sich über zerfledderte Leichname hermachen.
Der Körper ist das Leben. Und der Körper ist nicht dauerhaft.
Unwillkürlich stellt man Vergleiche mit unserer Zeit an. Das Dargestellte ist unverändert, nur die Darstellungsweise ist eine andere. Gerade in einer Zeit, in der die Medizin über modernste bild- und datengebende Verfahren verfügt, geht von den Tafeln eine ganz besondere Faszination aus.
Man stellt erstaunt fest, daß diese gezeichneten Darstellungen mit der Fülle ihrer Details einer Photographie an Genauigkeit ebenbürtig und an Anschaulichkeit überlegen sind und - ohne zu verfälschen - die Details besser zur Geltung bringen können. Durch die aufwendige Kolorierung werden die Tafeln zu einem Anschauungsmaterial von hoher ästhetischer Qualität - jede der 726 Tafeln ist ein Kunstwerk.
Das Werk zeigt. Wer - über den Namen des gezeigten Körperteils hinaus - wissen will, welche Funktion er hat, muß sich anderweitig informieren. Ansonsten kann man alles sehen: Wie das Herz in der Brusthöhle aufgehängt ist; wie sich Adern, Nerven und Lymphbahnen durch Muskeln und Knochen flechten; wie die Därme im Bauchraum gehalten sind; welche Bahnen das Bindegewebe im Herz zieht, u.u.u.
Es mag neben dem Lehrzweck dieses Buches auch die Absicht mitgespielt haben, den Körper des Menschen in seiner Unglaublichkeit zu zeigen - was die Natur für eine wundersame Maschinerie entwickelt und in Gang gesetzt hat; welche Verschiedenartigkeit menschlicher Bewegungen und Verhalten sie ermöglicht; was für eine Unfaßlichkeit das Leben eigentlich ist.
Beim Anblick der präzisen Darstellungen dieses Atlas kommt man nicht umhin, irgendwann daran zu denken, daß jedes der abgebildeten Körperteile "leibhaftig" vor dem Zeichner gelegen haben muß; und man kommt nicht umhin, daran zu denken, daß jedes dieser Präparate einmal Teil eines Menschen war, der damit durch das sogenannte Leben gegangen war.
Denn der Körper ist, wie vergeistigt oder religiös wir auch sein mögen, die Trägersubstanz des Lebens, das Vehikel, in welchem wir durch Welt und Leben ziehen. Die Grundlage unseres Daseins, unseres Lebens, ist dinglich, fleischlich. Und dieses Ding, unser Körper, ist nicht dauerhaft. Und so bemerkt man beim Blättern in diesem zuweilen sogar einschüchterndem Buch bald einen kühlen Hauch, etwas zutiefst Menschliches - die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht, sie loszuwerden. Das Bedürfnis, irgendwie dem Tod beizukommen. (Die Angst vor dem Tod die - sieht man, wie Menschen mit dem Körper, ihrem eigenen, zu Lebzeiten umgehen - größer sein muß, als die Freude am Leben.)
Es wird bewußt, wie der Mensch vor allem die Defekte seines Körpers bemerkt und nicht sein Funktionieren. Leicht verständlich, daß dieses Wunderwerk bei einer derartigen Feinheit und Verletzlichkeit nicht allzu lang halten kann. Aber erstaunlich findet man, wie lange es hält.
Und weiterblätternd gelangt man ganz selbstverständlich zum Grundsätzlichen. Der Körper als Bedingung des Lebens. Endlichkeit. Die Gesundheit. Bei soviel Angst vor dem Tod nimmt die Gesundheit eine ganz besondere Stellung ein. Es gibt unzählige Arten und Methoden, gesund zu sein. Man kann Vegetarier oder Nichtraucher sein, man kann Sport treiben, auf Alkohol verzichten, nach ayurvedischer Lehre essen oder makrobiotisch - es ist unmöglich, einfach nur zu essen. In einer müslikauenden, beturnschuhten Welt ist der Gedanke an die Limitiertheit des Lebens sündig. Ein Faux pas. Unclean. Alle ärztlichen Maßnahmen, die schmerzhaften und unangenehmen Eingriffe (und auch dieser anatomische Atlas), dienen der Gesundheit und entspringen dem Wunsch, "daß da etwas zu machen" sei. Es ist eine Lebensaufgabe, das Lebensende hinauszuschieben. Der Gedanke, daß das Leben genutzt, ja benützt werden muß, daß man es zu verbrauchen hat, daß man den Hobel zu wählen hat, der das Leben abträgt, ist zumindest fremd. Aber in diesem Buch blätternd wird auch deutlich: Gesundheit ist Schiebung. Aufschiebung.

Zurecht heißt dieses Werk "Atlas". Als Kind verfolgte ich im Atlas die Reisen des Phileas Fogg nach; aber in diesem Atlas werden nicht ferne Weltgegenden kartographiert, sondern ein Gebiet, das näher nicht sein könnte, aber dennoch ebenso unsichtbar bleibt wie die entlegenste Region: das Innere des eigenen Körpers.
Schon die Aufklappdame meiner Kindheit hatte etwas Unheimliches, denn all die gezeigten Reiseziele, die Archipele, Inseln und Wildnisse lagen - auch in mir selbst. Legte ich meine Hand auf meine Brust, fühlte ich das Herz klopfen, am Kopf konnte ich nach den Joch-, unterhalb des Halses nach den Schlüsselbeinen tasten. Stirnrunzelnd besah ich mir den komplizierten Inhalt meines Bauchs. Ich legte die Hand darauf, aber die meisten Organe verharrten reglos und hüllten sich in Schweigen. Nur der Magen knurrte manchmal. Aber das Herz schlug fühlbar, schlug und schlug, immer weiter, es konnte einem schwindlig davon werden.

Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie. Dr. Jean-Marie Le Minor. Prof. Dr. Henri Sick. Hardcover, 290 - 405 mm, 714 Seiten, Deutsch/Englisch/Französisch. Taschen. ISBN 3-8228-3129-8. EUR 150,00.


 

Zweimal

Früher durfte man zweimal leben. Einmal zur Probe und einmal richtig. Beim ersten Mal bekam man, nachdem man Schreiben gelernt hatte, ein Büchlein, da hinein schrieb man alles, was einem begegnete. Beim zweiten Mal bekam man, nachdem man Lesen gelernt hatte, dieses Büchlein wieder ausgehändigt, so daß man nachlesen konnte, wie es einem beim ersten Mal ergangen war. Da die Menschen aber mit großer Beharrlichkeit das zweite Leben ebenso führten wie das erste, dieselben Fehler machten und dieselben Chancen vertaten, ging man schließlich dazu über, gleich nur ein einziges Leben zu führen.


 

Kleines Gespräch an einer Strandbad-Kasse am Bodensee

Die Menschen wollen ja an nichts mehr sterben, versteh'n Sie. Sie wollen immer leben. An nichts mehr sterben. Am wenigsten am Leben. Aber, frag ich Sie, woran wollen Sie sterben, wenn nicht am Leben? Denn: Am Leben stirbt man. Hab ich doch recht, oder? Na sehn Sie! Aber die Menschen lehnen ab, was zu machen, an dem sie sterben könnten. Sie haben drei Möglichkeiten: Tageskarte, Wochenkarte, Saisonkarte, auch Jahreskarte genannt. Nee, die wollen hundert Jahre alt werden, und wenn's dann so weit ist, dann ist großes Geschrei, dann heißt's: Was! Jetzt schon! Sie kriegen den Rand nicht voll. Einmal ein Erwachsener? Wenn Sie mehr als fünfzehn Mal kommen, dann lohnt sich die Saisonkarte. Überlegen Sie sich's. Also wie gesagt, die Leute wollen nicht mehr sterben. Sie führen kein Leben mehr, in dem was vorkommt, an dem man sterben könnte. Und weil se am Leben nich mehr sterben wollen, wollen sie auch nicht mehr leben. Aber irgendwie wollen sie dann doch leben. Wollen sie lieber die Saisonkarte? Wir öffnen um acht und machen um neun Uhr abends zu. Ab acht Eintritt frei, ab halb neun kein Einlaß mehr. Wir machen im Frühsommer auf, wenn das Wasser siebzehn Grad erreicht hat und wir schließen, wenn die Wassertemperatur wieder auf siebzehn Grad abgesunken ist, so um Anfang Oktober. Aber wie gesagt, irgendwie wollen sie dann doch leben. Versteh'n Sie den Irrsinn? Sie wollen das, woran sie, wenn sie's richtig machen, zugrunde gehen, und weil sie daran zugrunde gehen, wollen sie's wieder nicht. Und da kommen sie auf die Idee, es eben nicht richtig zu machen, sondern so eine Art Ersatzleben zu führen. Täuschend echt. Oft nicht mal das. Ein Leben, an dem man nicht sterben kann. Falls Sie übrigens mal die Badehose vergessen sollten, Sie brauchen nicht noch mal zurück. Wir verleihen welche. Auch Badeanzüge für Damen. Einteiler. Ist das nicht Blödsinn hoch drei? Leben zu wollen ohne zu sterben? Wie Schwimmen ohne naß zu werden. Wenn's regnet? Dann machen wir nicht auf. Benützung übrigens auf eigene Gefahr. Ist schon lange keiner mehr ertrunken. Aber vor ein paar Jahren hat einen der Blitz erschlagen. Beim Sprungturm draußen. Ich war nicht da. Aber angeblich wollte er eben zurückschwimmen. War schon im Wasser. Daß der Blitz nicht in den Turm eingeschlagen hat, hm? Ist doch viel höher. Heute ham wir übrigens 21 Grad. Ideal.


 

Für Sekunden
Nicht-Ich

Als ich in der ersten Ausgabe von Celeri die Frage nach den Umständen zu beantworten suchte, unter denen ein Buch entsteht, geriet ich auf immer entferntere Abwege, auf denen ich zuletzt die Antwort auf die Frage immer mehr aus den Augen verlor und bald nicht nur ganz unmöglich, sondern auch ganz uninteressant fand. So ähnlich erging es mir auch in einem anderen Fall; und das ist kein Zufall, denn eines hängt mit dem anderen zusammen.
Alle Betrachtungen zur Entstehung, Qualität oder welchen Begleiterscheinungen von Kunstwerken auch immer, kommen keine zwei Sätze weit, ohne bei der Person des Künstlers, des Herstellers und Applausentgegennehmers. zu landen.
Unter den drei Traumberufen heutiger Jugendlicher findet sich neben Schauspieler und Popsänger auch der des Schriftstellers. Der Grund ist bei allen drei Berufen derselbe: Möglichkeit zu öffentlicher Selbstdarstellung. Der Rückschluß dürfte erlaubt und richtig sein, daß dann also nicht wenige Literaten aus diesem Grund schreibend tätig sind und, als übermäßig Aufmerksamkeits- ja Verhätschelungsbedürftige, diesen Beruf angestrebt haben. Das erklärt auch das meist etwas lärmige und verheulte, schnell eingeschnappte, sich ständig mißverstanden fühlende und sich erklären zu müssen glaubende und sich ins Wort fallende, stets über Mezzoforte liegende Gebaren und Gebärden in der Literaturwelt. (Nur gut, daß es genügend Menschen gibt, die das Bedürfnis haben, zu bewundern und so ein symbiotisches Miteinander von applaus- und applaudierungsbedürftigen Charakteren ermöglichen.)
Das Ich, die Person, steht hoch im Kurs. Ichichichichichich - es ist unüberhörbar, wie unsere Welt von Ich-Rufen durchhallt ist. Das Ich, seine Unverwechselbarkeit, seine Individualität ist Bestandteil unseres Selbst- und Weltbilds, an es richten sich die Ansprachen von Politik und Wirtschaft, mit ihm wird gerechnet, von ihm wird ausgegangen. Das Ich ist selbstverständlicher Bestandteil einer Person, von seiner Existenz wird stillschweigend ausgegangen. Unser ganzes Leben ist auf die Annahme eines individuellen Ichs aufgebaut. Das Ich erscheint zuweilen sogar als Eigenleistung - und somit Verdienst - seines Besitzers.
Jeder setzt voraus, daß er ein Ich hat. Obwohl die wenigsten schon einmal darüber nachgedacht haben. Er weiß es, er fühlt es genau. Denn wer trägt seine Kleider? Und wer schreit beim Zahnarzt "Aua"? Ich natürlich.

Mir fällt es offen gestanden etwas schwer, an ein Ich - auch mein eigenes - zu glauben, und ich habe auch gar kein Bedürfnis danach. Ich vermute, daß es sich bei genauer Betrachtung immer mehr auflöst und sich zuletzt ganz verflüchtigt. Mitten im Wald sind keine Bäume mehr.
Für meinen Geschmack jedenfalls herrscht auf unserer Welt ein Mangel an Nicht-Ich, an Dingen, die nicht mit den kleinen oder großen Hungergefühlen des Ichs zu tun haben.
Mit vielen Dingen verhält es sich so, daß sie, einmal genau betrachtet, sich sehr anders darstellen, als es bislang den Anschein hatte. Meist ist es so, daß sich die Sache in vielen Aspekten "gerade andersherum" verhält als bislang angenommen. Sollte es mit dem Ich anders sein?
Vielleicht ist das Ich so etwas wie die Zeit. Da hatte man bemerkt, daß sich ständig etwas verändert auf der Welt, daß man nicht zweimal in den selben Fluß steigen konnte, usw. Man versuchte den Umstand zu fassen und suchte zunächst einmal ein Wort, um davon reden zu können. Nachdem das Wort erfunden war, kam so allerhand dazu. Da trug einer ein Zifferblatt herbei, einer einen Zeiger, und kaum drehten sich die Zeiger, schon rief man: Seht! Wie sie vergeht. Und betrachtete die Zeit als bewiesen. Und so ist wohl auch irgendwann einmal das Ich erfunden worden, sind ihm immer mehr Dinge angehängt worden, wie einem Kleiderständer, bis es nicht mehr aus der Welt zu schaffen war. Das Ich war langlebig, zäh, durch nichts umzubringen - kein Wunder, es existierte ja auch nicht wirklich. Ein Kleiderständer mit der Eigentümlichkeit, daß, wenn man die Kleider wieder fortnimmt, zuletzt gar nichts zum Vorschein kommt.
Wäre es möglich, daß ein erheblicher Teil unserer Gesellschaft und unseres Selbstverständnisses auf der Voraussetzung von etwas beruht, daß gar nicht existiert, hätte das dann nicht verheerende oder negative Konsequenzen? Sind unsere Lebensanstrengungen nur Versuche, dieses in Wahrheit gar nicht existierende Ich zu behaupten, zu päppeln, zu umkleiden, zu beschwören, zu füttern, zu beweisen?
Die Zeit, aber auch das Ich, sind zu Erfolgsmodellen geworden. Man konnte gleich nach ihrer Erfindung viel damit anfangen.
Das Ich und das Geld - zwei Nichtsnutze, die sich gern zusammentun. Das Ich ist der bevorzugte Ansprechpartner der Wirtschaft. Das hat, bedenkt man die Diskrepanz von Werbung und Warenwirklichkeit, seinen eigenen, spiegelhaften Witz: an jemanden, den es gar nicht wirklich gibt, etwas verkaufen, das es ebensowenig gibt.

Ich bin mir dessen durchaus bewußt, daß ich - zum Beispiel in einem Satz wie eben diesem hier -, etliche ichbezügliche Pronomen verwende, begehe aber nicht den Fehler zu glauben, daß diese koordinatengleich auf ein existierendes Etwas verweisen. Interessant ist allenfalls, warum es in der Entwicklung des Menschen sinnvoll war, ihn an ein Ich glauben zu lassen? Denn vielleicht ist das Ich zwar nichtexistent, erfüllt aber dessen ungeachtet eine Funktion (wie in der Mathematik auch die Benützung einer Hilfszahl zu einem Ergebnis führen kann).
Zweifellos ist das Ich wichtig, aber sein Wesen, sein Nutzen, liegt in seiner Leere. Bekanntlich ist die schönste Vase nutzlos, wenn sie massiv ist. Ihre eigentliche Bestimmung liegt da, wo sie nicht ist. Nun mag einer einwenden, daß es beim Menschen anders ist, daß sein Ich eben keine Hohlform sei, sondern etwas durchaus Wesenhaftes, etwas ... Nun, für solche Spitzfindigkeiten bin ich nicht in der Laune. An die "Wirklichkeit" des Ichs zu glauben, das wäre so, als wollte man aus der Existenz einer Uhr auf die Existenz von Zeit schließen; aus der Existenz von Münzen auf die Existenz eines bezahlbaren Wertes der Dinge. Ich bleibe dabei: wie Zeit oder Geldwert ist auch das Ich allenfalls eine Hilfskonstruktion, eine Hypothese, ein X, mit dem man bestimmte Gleichungen besser lösen kann, ein Stück bemalte Pappe, das im Kasperletheater den Wald zeigt.
Wir haben angefangen, jenes Konglomerat, jenen Punkt, an dem sich Selbstreflexion, Außenschau, etc. überkreuzen, "Ich" zu nennen. Wahrscheinlich gibt es für die Überkreuzung von allem und jedem einen Spezialbegriff, eine Hilfskonstruktion; und fatal ist es, diese Hilfskonstruktion für Wirklichkeit zu halten und zu glauben, daß Zeit etwa, tatsächlich irgendwo existiert, wächst, sich fortpflanzt. (Sind Abstrakta etwa nicht nur Wörter für etwas, das man nicht sehen kann, sondern auch für alles, was es gar nicht gibt?)
"Aber das Bewußtsein?" fragt ein sehr kleiner Herr mit einer entsetzlich großen Brille. Dazu kann ich nichts sagen. Auch von einem Bewußtsein kann ich bei mir nichts feststellen (jedesmal, wenn ich etwas bemerke oder mir etwas auffällt, davon zu reden, daß mir etwas "bewußt wird" schafft ein Bewußtsein auch nicht herbei). Warum den Umstand, daß man über sich selbst nachdenken kann, gleich mit einer eigenen Vokabel belegen?
Das Ich ist Gegenstand vieler Überlegungen aber auch Quelle von allerlei Ungemach.
"Sie sollten", rät mir der großbebrillte Kleinmann, "sich mehr mit sich beschäftigen." Das täte mir angeblich gut. Ich glaube beobachten zu können, daß es niemandem gut tut, wenn er sich all zu viel mit sich beschäftigt.
Manche tun diese Gedanken als Kopfgeburten ab, als gedankliches Konstrukt, etc. Aber ich habe entdeckt und kann versichern, daß es gerade andersherum ist. Vielmehr ist gerade das Ich eine Kopfgeburt.
Das hat übrigens Auswirkung auf meine Lesegewohnheiten. Ich lese etwa ungern Bücher von Verdrossenen, Mißmutigen oder sonstigen Gesichtverziehern oder Unglücksraben. Denn Unglücksraben krächzen immerzu von sich selbst. An Büchern verliere ich rasch das Interesse, wenn sie von den Belangen einzelner Menschen handeln, den Erörterungen und Mutmaßungen über die Entstehung und Ursache ihrer Empfindungen und Wohl- oder Unlustgefühle. Die Darstellung von Individuen finde ich nur interessant, wenn sie über das Individuelle hinausgeht. Literarische Befassung mit einem Ich finde ich hingegen uninteressant. Luftballons, die viel Getue um ihre Füllung machen.
"Aber der Wille?" fragt der kleine Mann mit der großen Brille vorwurfsvoll. "Der freie Wille ..."
Auch von diesem kann ich weder bei mir noch bei anderen etwas bemerken. In Wahrheit kann und könnte doch kein Mensch etwas damit anfangen. Seit Bestehen der Menschheit wurde vermutlich noch nie ein freier Willensentschluß getroffen. Steht ein Mensch vor einer Entscheidung, so sucht er sofort Gründe, die ihm sagen, wie er entscheiden soll; er entscheidet nie frei, sondern sucht so rasch wie möglich, unfrei zu werden und - äußere - Gründe, die ihn veranlassen, ja zwingen, so und so zu entscheiden. Beim Einkauf schaut man in den Spiegel und wählt das Hemd, in dem man besser aussieht. Oder die etwas weniger schönen, aber preiswerteren Schuhe. Bei der Frage "Was essen?" werden gesundheitliche Belange und der Appetit gegeneinander abgewogen. Sofort suche ich Gründe, denen ich mich beugen kann. Wie kann ich das Abwägen von pro und contra als freie Willensentscheidung bezeichnen? Bei einer notwendigen Entscheidung keine Argumente für oder wider zu finden wäre eine Qual; eine wirklich freie Entscheidung aus sich selbst heraus, ergäbe keinerlei Sinn und hätte etwas vom Münzenwerfen. Grauenvoll.

Unser Ich - - - diese vollgestopfte und doch ungefüllte Vogelscheuche in ihrem Fetzenprunk; diese windverwehten Zeitungsblätter, die ein Luftstoß für Sekunden zu einem Knäuel zusammenschiebt; diese bunten Flicken und Flecken, von einer fremden Hand zu einem Lumpenkönig zusammengenäht ... Daß unser Ich so ein flatteriges Gebilde, so ein schattenwerfendes und alles Erdenkliche reflektierendes Etwas, eine abblätternde und wieder überkleisterte Plakatwand, ein behängter Kiosk ist und daß, wie immer unser Ich auch beschaffen sei, Wir in jedem Fall vergänglich sind - empfinde ich als äußerst angenehm, ja komfortabel; wir können uns Interessanterem zuwenden, als der vollgehängten Bude unseres Selbst. Zum Beispiel dem, wofür wir auf der Welt sind. Zum Beispiel der Fülle, die Welt und Leben bereithalten, wenn wir tun, wofür wir auf der Welt sind.


 

Grabspruch

Auf dem Grab eines Straßenkehrers: "Der kehrt nie wieder".


 

Hausaufgaben

Zählen Sie einiges von jenem besagten Interessanterem auf.
Wenden Sie sich ihm zu.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014