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Celeri 6 - August 2006
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Der Wäre-gern-Mörder

Es war einmal ein Mann, der wäre gern ein Mörder gewesen. Er war aber keiner. Da blieben ihm nur Träume von Bluttaten. Er war überrascht, wie schnell er ihrer überdrüssig wurde. Auch hatte er ein schlechtes Gewissen. Es reute ihn, so viele Menschen, wenn auch nur in Gedanken, umgebracht zu haben. Das wollte er wieder gut machen. Auch in Träumen. Er wollte gern fromm sein. Er wars aber wieder nicht, so sehr er's auch zu sein versuchte, und wieder blieb ihm nur, zu träumen, es - nämlich fromm - zu sein. Aber auch das wurde ihm, einem geträumten Heiligen schon zu Lebzeiten, schließlich fad. Mörder, fromm ... Was andres fiel ihm nicht ein. Da verfiel er in dumpfes Brüten.


Einige vorläufige und flatterige Gedankenlosigkeiten und Vermutungen bei der Betrachtung einiger Bilder der Malerin Claudia Hauptmann

Frau Hauptmann hat ein umgestürztes Weinglas gemalt.
Und ich sah ein Kind, das auf einem Zaun balanciert und dabei auf der Fingerspitze - ebenfalls balancierend - eine lange Haselrute vor sich trug. Mal sehen, wie weit es kommt.
Frau Hauptmann aber hat ein umgestürztes Glas Wein gemalt.
Weingläser fallen nicht von selbst um. Sie werden umgestoßen, unabsichtlich, von Menschen, die im Überschwang die Gravitation und ihre nächste Umgebung vergessen, anderen auf die Füße treten, sich den Kopf anschlagen, nicht mehr wissen, wo der Schlüssel liegt oder eben, mit einer fahrig herumwedelnden Hand, ihr Weinglas umstoßen. (Daß der Mensch, um in Überschwang zu geraten, zuvor dieses Glas, erst leer trinken mußte, ist ein irgendwie unangenehmer Umstand. Der Fleck ist nicht beträchtlich. Es steht zu vermuten, daß nur noch wenig Wein im Glas war, der Rest befand sich bereits im Bauch des Umstürzlers.)
Frau Hauptmann malt derartige Glasumstürzer. Frau Hauptmann malt Menschen.
Dagegen ist nichts zu sagen. Auch wenn Menschen in der Wirklichkeit zuweilen etwas unangenehm sind und man allerlei Verrenkungen machen muß, um sie zu interessanten Sujets zu machen. Aber es gibt nämlich gar nicht so viel, was sich malen läßt, und da ist es ein Glück, daß die Menschen alle etwas anders aussehen.
Frau Hauptmann malt also Menschen. Was ist an Menschen malenswert? (Manche halten diese Frage für unmenschlich. Man sollte sie trotzdem einmal stellen. Man braucht deswegen ja kein Unmensch zu sein.) Porträts sind eine schwierige und heikle Sache. Kein Maler kann der Versuchung wiederstehen, das zu malen, was er sehen möchte. (Und wer will etwas so sehen, wie es ist? Auch wenn alle rufen: "Ich!", heißt die Antwort: Niemand.)
Als Malerin bleibt Frau Hauptmann nichts übrig, als das Äußere zu malen. Sie versucht jedoch, in die vor ihr sitzenden Menschen hineinzuschauen.
Ich betrachte die von Claudia Hauptmann Porträtierten und denke:
"Was bildet der sich eigentlich ein?"
"Für wen hält die sich?"

In gemalte Menschen kann man ebenso gut oder schlecht hineinschauen wie in ungemalte, d.h. wirkliche. Maler geben gelegentlich vor, nicht nur tiefer blicken zu wollen, sondern dieses in der Tiefe erblickte, das sog. Wesentliche, auch malen zu wollen und mittels Äußerlichkeiten Inneres, und mittels Sichtbarkeiten Unsichtbarkeiten zu vermitteln. Ein dummer Vorsatz, zu dem mir die dumme Frage "Warum?" einfällt.
Und um diesen dummen Vorsatz umzusetzen, haben Maler die Eigenart, gelegentlich Aktstudien zu treiben. Eine Unsitte. Gewiß, der Anblick eines nackten Menschen kann erfreulich sein. Aber wozu dabei zeichnen? Das lenkt von der Erfreulichkeit ab. (Aber ist das nicht eine grundlegende Kulturübung: So tuend, als bemerke man - Kunst herstellend oder betrachtend - die schlichte Erfreulichkeit des Körperlichen nicht. Abgesehen davon ist Aktzeichnen ein Ausbildungsschritt. Wer nach zwei Jahren immer noch Nackte abzeichnet, bei dem stimmt was nicht. Er sollte den Vorsatz, Künstler zu werden, besser aufgeben.)
Es gehe, wird behauptet, nicht um Erfreulichkeit, sondern um das Studium des Anatomischen. Ums Wissen, wo welches Knöchelchen ist. Das Anatomische aber lernt man am besten im Leichenschauhaus oder in der Pathologie. Viel gründlicher als vor einer posierenden Figur.
Vermutlich glauben Nackte-Malende, daß ein unbekleideter Mensch tiefer blicken läßt; womöglich, daß ein nackter Mensch irgendwie "wesentlicher" sei, als der bekleidete. Das ist Unfug. Aus zweierlei Gründen. Denn erstens ist der nackte Mensch nicht "wesentlicher", und zweitens hat Kunst etwas anderes zu tun, als "das Wesentliche" zu zeigen. Das Wesentliche ist der Tummelplatz von Blendern und Stümpern. Sie präsentieren uns die ausgebuddelten und freigelegten Wurzeln, und macht man sie darauf aufmerksam, daß - oben - eine Pflanze dranhängt, die jetzt zu verwelken droht, rufen sie stolz: "Ich laß mich nicht vom Äußeren blenden. Ich schau tiefer."
Wir wollen das nicht haben. Es ist nicht gut. Pflanzen zum Beispiel, deren Wurzeln man freilegt, gehen ein. Menschen, in deren Inneres man schauen kann, liegen entweder auf dem Operations- oder auf dem Seziertisch, nach einem Verkehrsunfall. Einige Vormittage, mit dem Zeichenblock in der Pathologie verbracht, heilen von der Meinung, das Wesentliche zeigen zu müssen. Zeigen zu wollen, wie der Mensch wirklich ist, ist anmaßend und unhöflich.
Wir freuen uns über jeden, der und mit Tiefblick verschont und der es dabei beläßt, an der Oberfläche zu bleiben. Wir wollen an der Oberfläche bleiben. Das ist uns Wesentlichkeit genug.
Frau Hauptmann belästigt uns auch gar nicht erst mit dem unheilvollen Anliegen, jenes ominöse Wesentliche herausarbeiten zu wollen und huldigt auch der malerischen Unsitte nicht, dieses zu malen, indem sie nackte Menschen konterfeit.
Sie malt Menschen gern, wenn diese mit reichlich Textilien behängt sind. Daran tut sie recht. Ich selbst beurteile Menschen auch nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach dem, womit sie ihr Aussehen verdecken. Zum Beispiel: Schuhe. Ein Paar Gummistiefel etwa. Was braucht man mehr, um über jemanden Bescheid zu wissen? Es braucht sie nicht einmal ein Mensch anhaben. (Warum führt man übrigens nach dem Tod von Menschen eigentlich keine Kleiderschauen durch? Um noch einmal zu sehen, wie der Mensch verhüllt war. Sich anhand seiner Kleider an sein Gemüt und seine Eigenarten zu erinnern. Was passiert überhaupt mit den Kleidern der Gestorbenen? Wer stiefelt damit durch die Gegend? Lauter Lebende in Totenkleidern.)
Die von Claudia Hauptmann Porträtierten tragen Gewänder und nehmen Posituren ein, die ihnen gut stehen. Ich kenne die Porträtierten nicht, aber ich glaube, zu sehen, daß sie im derartige Kleidung nie oder selten tragen und auch derartige Posen nie einnehmen. Die Dargestellten tragen ihre Gewänder, ihre Haltungen und Gestikulationen, als hätten sie dieserwelts nichts zu verrichten, keine Gewöhnlichkeit, keine geldeinbringende, hungerstillende oder zeitvertreibende Tätigkeit. Die Menschen scheinen nicht an Alltagen gemalt worden zu sein. Eher an Feiertagen (und so etwas wie die Malkunst sollte man übrigens auch nicht auf den Alltag verschwenden).
Um das Wort Feiertag aufzugreifen: es scheinen stille, ja sogar etwas traurige Feiertage zu sein, und die Porträtierten scheinen nicht zu wissen, was sie zu feiern hätten, was sie anderes tun könnten, als still zu halten in ihren Gewändern, Gebärden und Mienen, und auszuharren, bis die Feiertage vorübergezogen sind.
Über Claudia Hauptmanns Bildern liegt ein unmerklicher, feiner Dunst, den auch manche der Porträtierten wahrzunehmen scheinen; für sie scheint er jedoch undurchdringlich zu sein; sie blicken mit einer leichten Unsicherheit; als fragten sie: "Ist da wer?"
In Claudia Hauptmanns Bildern weht noch etwas; ein gewissermaßen feiertäglicher, kühler Hauch. Nach einigem Nachdenken habe ich beschlossen, ihn mit "Wehmut" zu charakterisieren. Wehmut hat nichts mit "Weh" zu tun, sondern kommt daher, daß etwas verweht ist. Wehmut ist der Aggregatzustand einer anderen Empfindung. Träume und Ideen wollen manchmal zwar Träume und Ideen bleiben, meistens aber Wirklichkeit werden. Und jeder Traum und jede Idee, die dies nicht werden konnte, wird grimmig oder gar bissig oder heult eben in mondsüchtiger Wehmut durch die Nacht. (Wehmut ist heute ein etwas seltenes Wort; doch zur Seltenheit von Wörtern später mehr.)
Die Porträtierten haben etwas Visionäres. Ohne sie zu kennen, habe ich den Eindruck, daß Ihnen Claudia Hauptmann etwas gibt, was sie nicht haben. Etwas Zigeunerisches. Etwas Edles. Etwas Geheimnisvolles. Etwas Adliges.
Claudia Hauptmann malt Menschen, als gehörten sie einer anderen Zeit an, aber weder der Vergangenheit noch der Zukunft. Sie malt sie vielmehr, als sei ihnen die Gegenwart eine fremde Zeit.
In dem Augenblick, in dem sie festgehalten sind, und der solange andauern wird, wie die Leinwand nicht zerfallen ist, schauen die Porträtierten jenen ewigen Augenblick lang so, als sei ihnen eben eingefallen, was ihnen wichtig ist, als hätten sie eben bemerkt, daß sie ein Schicksal haben, daß ihr Leben einen Sinn hat. Claudia Hauptmann malt die Menschen, als sei ihnen eben eingefallen, was aus ihnen auch hätte werden können. Wie sie sein könnten, wenn ... oder wenn nicht ...
Vielleicht erzählen die Gewänder und Körperhaltungen von dem, was nicht wahr wurde, vielleicht sogar nicht wahr und wirklich werden durfte. Vielleicht zeigen die Bilder die Möglichkeiten, die Vision des Dargestellten. "So war es gemeint". Vielleicht malt Frau Hauptmann die innewohnenden Möglichkeiten, die Träume von sich selbst und den Aufgaben, die wichtig und notwendig sind.
Die Notwendigkeiten sind rar geworden, die Zwänge zahlreich. Über dem Getanen lastet, wie ein Fluch. Die Unseligkeit des: Du kannst es tun, aber du kannst es auch bleiben lassen. Mit dieser verheerenden Banderole verliert alles seine Notwendigkeit, seinen Sinn. Denn alles, was ich sowohl tun als auch lassen kann, hat was Liederliches. Und mit der Ahnung, etwas Liederliches zu tun, verschwindet die Freude; die Freude, die vom Wissen rührt, daß das Tun sinnvoll ist, in sich und in Verbindung mit dem Außen.
Junge Menschen haben etwas Verführerisches. Sie machen sich in Richtung ihres eigenen, unverwechselbaren Lebens auf. Das geht, wie wir wissen, nicht immer gut. (Die alten Menschen sagen dann: Das hätte ich dir gleich sagen können. Aber wer will so was hören. Man will ja selbst leben und sich nicht von einem zahnlosen Pfeiferaucher erklären lassen, wie man es, das Leben, hätte vermeiden können.) Man kann eine beliebige Zeitspanne eines beliebigen Menschen nehmen, um zu sehen, wie sich am Übergang zwischen Jugend und Erwachsenensein allmählich kleine Risse, dann größere Furchen zwischen Wollen und Sein auftun. Eine immer breitere Spalte, die sich notgedrungen nicht nur zwischen Wunsch und Wirklichkeit der einzelnen Person, sondern auch zwischen alt und jung öffnet und nie wieder schließt und selten überbrückt werden kann. Von der Fülle des Lebens bleibt manchmal mehr Sehnsucht als Erfüllung. Hierzu eine kleine Abweichung.
Als ich Marie kennenlernte, war sie ca. 24. Sie hatte etwas Goldiges an sich, jedoch nicht im Sinn von "niedlich". Wenn sie einen Raum betrat, wurde dieser heller, als würden von auf Goldpapier fallende Sonnenstrahlen hereingespiegelt. Die Freude der Anwesenden stieg, und die Bereitschaft zu Kleinlichkeit und Verdrossenheit sank; in ihrer Gegenwart wurde erkennbar, daß Nörgeln oder Kritteln etwas Gemeines sind. Schon bald hatte ich angefangen, sie - freilich nur für mich - Goldmarie zu nennen. Marie war ein außerordentliches Wesen, das sich auch ausgefallen kleidete. Sie hatte wenig Geld und nähte sich ihre "Sachen" selbst, aus Stoffen von Flohmärkten oder Tandlern. Niemand war so trefflich gekleidet wie Marie. Einmal begegnete ich ihr im Supermarkt. In ihrem Wagen befanden sich ein Stück Käse, ein Salatkopf, eine Flasche Bier, etwas Kosmetik und ein paar Strümpfe. Als ich später sah, wie sie an der Bäckereitheke sich zwei Brötchen einpacken ließ, dachte ich, daß Marie ein ganz besonderes Geschick hatte, nicht nur ein glückliches, sondern ein ganz eigenes Leben zu führen - nicht auf Kosten anderer, und ohne irgendwelchen albernen Kommerz-Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. Goldmarie war ein liebenswerter, zufriedener, klarer Mensch, dessen Helligkeit sich unmittelbar auf andere übertrug (als eine Form des Für-andere-Daseins war diese Helligkeit besonders schön, da sie nicht einer Absicht oder einem schlechten Gewissen entsprang), kurz: sie war einer jener Menschen, um deretwillen sich die Erschaffung der Welt gelohnt hatte.
Bislang an Musik eher desinteressiert, kehrte sie von einem Ausflug in die Schweiz mit einem Koffer zurück, dem sie mehrere, unterschiedlich dicke, hellhölzerne Röhren entnahm und diese schließlich zu einem sogenannten Alphorn zusammensteckte. Ihre Versuche, diesem Töne zu entlocken, brachten ihre Nachbarn binnen einer Viertelstunde dazu, sich in besenstielklopfende Percussionisten zu verwandeln. Und so verlegte sie ihre Übstunden in den Wald, der bald von langgezogen-melancholischen Tönen durchschweift wurde. Die Tiere gewöhnten sich an sie, besonders die Eichkätzchen. Denen brachte sie Nüsse mit, die sie in einiger Entfernung aßen, solange Marie auf dem Alphorn tutete.
Sie hatte Pläne. Sie wollte eine Schneideratelier eröffnen, wo man Kleider kaufen konnte. Niemand zweifelte, daß ihr das gelingen würde und daß es besondere Kleider sein würden; ganz einfach, weil sie sie nach ihrem Geschmack entwarf.
Und sie wünschte sich einen Freund. Sie wollte Kinder, und zweifelte nicht, daß sie diese mit ihrem Beruf vereinbaren könnte. Endlich fand sie den langersehnten Freund, das von ihr ausgehende Strahlen verstärkte sich, aber wir sahen sie nun seltener. Schade, fand ich nicht ohne Eigennützigkeit, daß ihre Freunde so wenig von ihrem Glück mitbekamen.
Als wir uns in der Stadt trafen und ich sie fragte, wie es ihr ginge, kam ihre Antwort, wie mir schien, etwas zögerlich. Ich sagte, daß sie uns fehle. Sie lächelte. Dann hörte sie auf damit.
"Na ja, ich habe jetzt einen Freund."
"Gibt's denn Probleme?" fragte ich.
"So einfach ist es nicht." Es sei schön, aber ...
"Schön, aber, "sagte ich in ihr Schweigen hinein. "Es ist nicht schön, wenn diese zwei Wörter zusammen auftreten."
"Er tut sich eben schwer damit", sagte sie schließlich.
"Womit?" fragte ich nach wieder langer Pause. Sie hatte die Fähigkeit verloren, ihre Sätze in der gewohnten klaren Weise bis zum Punkt fortzusetzen.
"Damit, daß ... ", fing sie schließlich an, "daß ich ein ... eigenes Leben ... führe ... gehabt habe ... eines ohne ihn. Verstehst du?"
"Er kann sich daran gewöhnen. Es wird ihn bereichern", meinte ich. Sie sah lange zu Boden, ehe sie sagte:
"Er ist nicht so leicht. Man muß auch Zugeständnisse machen." Es sei ja klar, daß nicht jeder so weiterleben könne wie bisher, wenn zwei zu einem Paar werden.
Dann traf ich sie wieder bei einer Bekannten. Sie war schwanger. Unter zu Hilfenahme von reichlich "zu früh" und "noch nicht", hatte ich Freund auf sie eingeredet und sie beschworen, um Gotteswillen doch ja abzutreiben. Schließlich hatte sie zugesagt und war von da ab in eine Art Betäubung verfallen.
"Schick ihn doch weg", riet ich ihr.
Sie hob hilflos die Schultern.
"Liebst du ihn denn?"
"Irgendwie schon", sagte sie nach einer Weile.
"Das ‚Irgendwie' klingt häßlich", sagte ich.
Sie hob wieder die Schultern.
Der Tag der Abtreibung rückte näher, Marie wirkte, als habe sie bei Feueralarm als Klöppel in der großen Glocke gehangen.
Dann stellt sich heraus, daß der hochmotivierte, unheimlich nette junge Arzt, "Abtreibung" und "Ausschabung" in der Aufregung (für ihn das erste Mal!) durcheinandergebracht hat. Ihr Hausarzt rät vor weiteren Schwangerschaften dringend ab. Ihr Freund bedrängt sie, den Arzt zu verklagen. Sie tut es nicht, sie wirkt nach wie vor wie betäubt. Ihr Freund drängt weiter; wenigstens Schmerzensgeld sollte doch rauszuholen sein. Sie kriegt Weinkrämpfe (und wird später sagen, daß sie durch das Wort "rausholen" ausgelöst wurden). Dann wird ihrem Freund "alles zuviel", er "hält das nicht mehr aus". Er brauche eine Besinnungspause, er brauche seine Freiheit.
Als ich ihn einmal traf, fragte ich ihn, wozu er denn eigentlich seine Freiheit brauche. Er druckste herum, dann fiel ihm ein, daß mich das nichts angehe. Ich ahne ja nicht, was er alles mitgemacht habe. Da hatte er wahrscheinlich recht.
Marie ist in sich gekehrt. Sie nimmt Medikamente. Ab und zu nennt sie lächelnd eine Zahl. So viele Tage wäre ihre Kind jetzt alt. Das Alphorn ist verstummt, die Eichkatzen warten nicht mehr. Marie, Marie, Marie, Marie …
Soweit die kleine Abschweifung "Wünsche und Absichten sowie die Korrekturen durch das Leben" betreffend.
Gutgefüllte Bilder. Spärliche Leben. Oder umgekehrt.

Es ist berichtet, daß um das Jahr Null herum die Passagiere eines von Ägypten her kommenden Segelschiffes während einer nächtlichen Flaute plötzlich aus dem Dunkel eine Stimme vernahmen, die einem von ihnen auftrug, bei einer gewissen Insel zu rufen: "Der große Pan ist tot". Daraufhin setzte Wind ein, der wieder nachließ, als das Schiff - immer noch in tiefer Nacht - jene Insel erreicht hatte. Auf den Ruf des Mannes hin erhob sich auf der Insel lautes Jammern und Wehklagen.
Über die Kunst hallt seit langem schon ein ähnlicher Ruf, ein "Vorbei! Vorbei!" Und eigentlich ist jenes "Vorbei" auch schon wieder verhallt. Und ohne daß sich Wehklagen erhöbe, ist es mit der Kunst tatsächlich vorbei. Jenes Wehklagen bleibt übrigens nur teilweise wegen der Gleichgültigkeit der Menschen aus - vielen hat Kunst nichts bedeutet und so ist ihnen ihr Ende gleichgültig. Zum anderen aber wurde das Ende noch gar nicht registriert, bzw. wird das namenlose Folgeprodukt der Kunst, das zwar noch "Kunst" heißt, aber eben nicht mehr ist, für Kunst gehalten.
Gab es - früher - nach dem Ende der Malerei-Epochen immer noch Menschen, die im alten Stil malten, so gibt es jetzt Menschen, die nach dem Ende der Kunst den leeren Balg mit dem unterschiedlichsten Füllmaterial stopfen. Ist etwas vorbei, so bemächtigten sich seiner bald die Steckenpferdler. Denn immer noch wird Kunst gemacht, etwas ähnliches zumindest, aber aus anderen Gründen und nach anderen Regeln, als eben denen der Kunst.

Zählt man die Themen auf, die Claudia Hauptmann in ihren Bildern anschlägt und ausbreitet, so hält man bald ein Kartenspiel mit Begriffen in der Hand, die eben dabei sind, altmodisch zu werden. Vergänglichkeit. Hoffnung. Lust. Begriffe, die altmodisch werden, weil ihre Inhalte altmodisch werden. Zum Beispiel Eitelkeit. In einer Zeit, in der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung ganz selbstverständlich sind und so etwas wie "innere Werte" dabei ist, einem bunten Rummel Platz zu machen, findet dieses Wort mit dem in innewohnenden, leichten Tadel keine Verwendung mehr.
Oder Todsünde und Gebote. Du darfst nicht, du sollst nicht. Gleichfalls altertümlich. Im Grunde ist alles erlaubt. Auch das Verbotene. Erwischen lassen sollte man sich halt nicht.
Wer heute lebt, muß, wie immer er sein Leben auch anstellen mag, in einer großen Maschinerie mittun und - als ein Teil von ihr - ihre Bewegungen aufnehmen. Das raubt. Schönheit, Eigenart. Was immer von den Bewegungen anderer abhängt verliert Würde. Frau Hauptmanns Porträts schaut man gern an. Sie, die Malerin, verleiht den dargestellten Menschen das, was sie in ihnen sucht: eine Würde, eine Ferne, eine Schönheit. Eigenart und Größe und Geheimnis.

Man mache sich einmal klar, was "Traurigkeit" für ein Wort ist; und wie es eben dabei ist, selten zu werden, ja auszusterben. Weil es keine traurigen Menschen mehr gibt. Wenn heute Menschen etwas in der Art fühlen, würden sie es nicht mehr Trauer nennen. Es gibt durchaus noch ein ähnliches Empfinden, aber das ist der Trauer wiederum so unähnlich, daß man es lieber gleich anders bezeichnet. Zudem ist es behandelbar. Den Menschen, die über derartige Empfindungen klagen, rufen wir heute zu: Aber, aber! Ihnen kann geholfen werden. Wir haben Tabletten. Warum denn gleich Selbstmord? Wir können eine schöne Therapie machen.
Eigenartige Vorstellung, daß es irgendwann einmal keine Würde mehr geben wird. Das Wort schon. Den derzeitigen Inhalt aber nicht mehr, er überkrustet nach und nach. Das Wort wird man aber weiterbenützen. (Wofür man es wohl verwenden wird? Wahrscheinlich macht man es wie in der Wirtschaft oder der Politik, wo Wörter entweder für etwas täuschend ähnliches oder das Gegenteil verwendet werden; wie man etwa von Freiheit redet, wenn man eine sich eine neue Einschränkung ausgedacht hat.)
Die von Frau Hauptmann gemalten Menschen sehen drein, als habe ihnen Frau Hauptmann beim Malen eines jener Wörter vorgesprochen. Und wenn sie es nachsprechen wollten, rief ihnen Frau Hauptmann zu: "Nicht bewegen!"

Reden wir von einer anderen Altmodischkeit, nämlich vom geistigen Leben. Vielleicht wäre eine Klärung nützlich, was darunter zu verstehen ist. "Nicht nötig", tönt hier der Zwischenruf, "wir wissen Bescheid: Kultur und so."
Jene Kultur und so steht, wie ich meine, recht unverdient im Ruf, etwas Geisthaltiges zu sein. Schüttelt man den Begriff, so fallen andere heraus: Niveau, anspruchsvoll, gehoben, etc. Es ist ein Charakteristikum der Neuzeit, daß von der Propaganda, von der Aufschrift des Etiketts, immer das Gegenteil richtig ist. Das Propagierte ist nur zur Ablenkung davon gedacht. Kultur ist die Lebensuntermalung, ist Dekoration und Unterhaltung mittels geistiger Erzeugnisse. Kultur ist das Freizeitverhalten des "anspruchsvollen" und finanziell gut gestellten Gesellschaftsteils; ein freizeit- und Zerstreuungsprodukt, das als Zerstreuungsmittel nicht Spielautomaten, Grillvorrichtungen, DVD-Player, Fitneßstudios oder Sportplätze etc., sondern die Künste einsetzt.
Was macht man mit den Kunstwerken selbst? Bei Bildern ist es einfach: man hängt sie an die Wand. Von dort aus verschönern sie das Heim.
Kunst, egal welche, ist Dekoration, auch wenn es immer noch nach "Höherem" klingt, nach einer Tiefe, einem verborgenen Schatz, einer verhüllten Erkenntnis. Aber Kunst ist trotzdem nur mehr Dekoration. Tapete, Nippes, Untermalung, Hintergrund, Filmmusik usw. Selbst die frömmste, neoreligiöse, sich auf Gläubigkeit zurückbesinnende Kantate ist nicht mehr als klangliche Untermalung des Bedürfnisses nach (einer nicht mehr vorhandenen) Spiritualität; und die Gläubigkeit ist nicht wirklich, sondern das Bedürfnis nach der Existenz ihrer selbst, nach Gläubigkeit eben, und das Bedürfnisses nach Spiritualität und Mystik ist ein Bedürfnis danach, daß es noch ein "Mehr" geben möge, eine Tiefe, einen Sinn - lauter Bedürfnisse, die existieren, weil ihre Gegenstände nicht mehr existieren.
Picassos Friedenstaube auf dem Klodeckel und Mozarts kleine Nachtmusik als Toilettenbeschallung verkünden, daß man sich im kultivierten Ambiente Besserverdienender befindet. Kultur steht in gutem Ruf und wird benützt, um einen gewissen Status zu unterstreichen und um banalen und materiellen Dingen den Glanz höherer Sphären und Geistigem aufzusetzen. Vorläufig. Solange es noch Menschen gibt, die das verschämte Bedürfnis nach jenem Glanz von höherer Seite haben. Es deuten sich Generationen an, die dieses Bedürfnis womöglich nicht mehr haben. Weil sie das Bedürfnis nach Geistigem nicht mehr haben. Mit einem Falsifikat desselben aufgewachsen, sehen sie nicht ein, warum sie für Altbekanntes einen Begriff benützen sollen, der damit nichts zu tun hat. Warum von Erotik reden? Ficken ist doch allgemein verständlicher.
Hinter dem Begriff "geistiges Leben" steht der Gedanke, daß es auch auf geistiger Ebene ein Leben gibt. Daß, wie das körperliche, auch das geistige Leben seine Art von Nahrungsaufnahme und Verdauung hat; daß die Bedingungen, unter denen Leben stattfindet, in ähnlicher Form auch hier zu finden sind, ein Sich-der-Sonne-Entgegenrecken, ein Wurzeln, ein Bewegen, ein Austauschen, ein Gedeihen und Verderben. Daß die Werke des Geistes - Kunst, Gedanken, Bilder, Bücher, Musik - noch etwas anderes sind als Unterhaltung und Dekoration, daß sie vielmehr auch Nährstoffe wären.
Aber Claudia Hauptmann malt ihre Bilder in einer Zeit, in einer Gesellschaft, deren oberstes Glaubensbekenntnis der wirtschaftliche Profit ist und sämtliche Tätigkeiten in Kaufen und Verkaufen bestehen und die meisten Gedanken sich damit beschäftigen oder damit, alles und jedes in kaufbare Form zu bringen. Geistiges ist, wie alles Immaterielle, ja der Widerpart des Materiellen und verfügt als solches - seiner Natur nach eher eine Non-Profit-Angelegenheit - über keine Vorrichtungen, an denen ein Preisetikett angebracht werden könnte. Aber die Marktwirtschaft hat längst Wege gefunden, auch Immaterielles in käufliche Produkte zu verwandeln. Das ist nichts Neues. Schon immer wurden Nichtsichtbarkeiten verkauft; der Platz im Paradies ebenso wie der Zugang zu Geheimwissen. Wo sich das Immaterielle als unvermarktbar erweist, wird der Inhalt ausgetauscht, der wohlklingende Begriff jedoch übernommen. Mit Schönheit, einem Resultat von Eigenschaften, die weder ge- noch verkauft werden können, läßt sich wenig Geschäft machen. Wenn im Slogan von Schönheit die Rede ist, so ist die Anwendung von Kosmetika gemeint, und wird eine Schönheit propagiert, die von innen kommt, ist nicht seelische Schönheit gemeint, sondern über den Verdauungstrakt wirkenden Nähr-, Ballast- oder Mineralstoffe.
Es deutet einiges darauf hin, daß Schönheit bereits nicht mehr existiert. Es ist ganz ähnlich wie mit der Kunst. Das Wort gibt es schon noch. Aber der Balg bekommt nach und nach eine andere Füllung.

Claudia Hauptmann wird sich in ihrem Metier, so wie jeder Künstler in dem seinen, gelegentlich eine bestimmte Frage stellen: "Was soll ich malen/beschreiben?", beziehungsweise: "Was ist malens- und beschreibenswert?" Das sind unfreundliche Fragen. Denn sie spiegeln eine andere Frage, die sich Menschen stellen: "Was ist lebenswert?" und eine andere, noch ungemütlichere Frage: "Kann, was nicht beschreibenswert ist, dennoch lebenswert sein?"
Alles, was "Ich" sagen kann, hält sich für beschreibenswert. Aber das Darstellenswerte wird jedenfalls immer weniger. Weil das Lebenswerte schwindet?
"Aber die Wirklichkeit!" ruft da jemand. Im Zweifelsfall könne man immer noch Wirklichkeit darstellen. Aber sind künstlerische Wiedergaben dieser sogenannten Wirklichkeit nicht ebenso langweilig wie die völlig gravitationsfreie Phantasie? Zudem ist der wirklichkeitsgetreuen Darstellung zu mißtrauen - die Unzulänglichkeiten des Darstellungsvermögens und der Optik. Mir kommt es auch mehr und mehr so vor, als ob auch die Wirklichkeit selbst aufhört, wirklich zu sein; als ob sie - und auch das Leben, die menschlichen Kriterien - sich in Unwirklichkeiten und Künstlichkeiten wie Marktwirtschaft, Film, Freizeit, etc. auflöst.
Vielleicht malt Claudia Hauptmann ja auch deswegen - um die Bestandteile der Wirklichkeit noch einmal zu zeigen, ehe sie verschwunden und nur noch durch Propaganda und Fiktion ersetzt ist. Denn die Wirklichkeit ist ein hübscher Baukasten mit vielen interessanten Einzelteilen - zum Beispiel umgestürzten Weingläsern - die man zu betörenden Arrangements zusammenstellen kann.

Bei so häufiger Verwendung des Wortes "altmodisch" entsteht womöglich der Eindruck, auch Claudia Hauptmanns Bilder seien altmodisch. Dem ist nicht so. Ich würde eher sagen: rar. Oder: unzeitgemäß.
Claudia Hauptmanns Bilder betrachtend versteht man den modernen Kunstmarkt besser.
Claudia Hauptmann malt ihre Bilder in einer Zeit, in der Menschen in großer Eile leben und für nichts viel Zeit haben, nicht einmal für das Leben. (Wahrscheinlich ließe sich sogar ein Zeitfaktor ermitteln, mit dem sich die zeitliche Beanspruchbarkeit angeben ließe. Etwa so: Was mehr als zwei Minuten braucht, um verstanden zu werden, bleibt unverstanden. Etwas, dem man ansieht, daß zu seinem Verständnis mehr als zwei Minuten Zeit erforderlich sind, bleibt unbeachtet.)
Ein Künstler tut jedenfalls gut daran, sich mit seinen Arbeiten nach diesen Gegebenheiten zu richten: Schnelle Erfaßbarkeit, schnelle Auffindbarkeit des einen (höchstens zwei) Grundgedanken, dazu etwas unterhaltlichen Spektakel oder leicht verkraftbare Provokation sowie eine verheißungsvolle wirtschaftliche Prognose. Viele Künstler richten sich danach und haben auch verstanden, daß man von ihnen selbst dekorative Wirkung erwartet, indem sie die "Künstlernatur" geben. Man kennt die schrulligen und ulkigen Figuren, die dabei herauskommen, mit den unglaublichsten Kleidungsstücken kostümierte Sonderlinge, kasperlartige Exzentriks mit Ohrringen und Mundgeruch, fuchtelnde Weinglasumstürzer mit Vollbärten und Damenhüten, oder tücherumwickelte, überschminkte Alkoholikerinnen etc.
Es ist nicht jedermanns Sache, nach diesen Gesichtspunkten Kunst herzustellen und vor überdrüssigen Langweilern (aber Geldbörsenbesitzern) den bunten Faxenmacher zu geben. Aber Verkaufen hat seinen Preis; wer nach modernen Marktgesetzen verkauft, verkauft, verkauft sich selbst immer mit.

Um zum umgestürzten Weinglas zurückzukehren: Ein umgestoßenes Glas erzählt auch von Üppigkeit. Dem Üppigen kommt in diesen Zeiten, in denen üppig nur die Unerfreulichkeiten, Fadheiten und Banalitäten wuchern, besondere Wertschätzung bei Lebenshungrigen zu. Üppigkeit spricht in unserer zerschleißenden, ausnahmslos käufliche Freuden anbietenden und an wirklichen Freuden ausgemagerten Zeit von Fülle und Gänze des Daseins. Ach, daß doch das Leben vor Freuden und Schmerzen überquölle - ein Luxus aus selbstgewählten Stillen, Klängen und Konfekten -; daß das Leben ein eigenes Leben wäre, die blütenhafte Entfaltung der eigenen Person wäre; daß in diesem Leben auch Geheimnisse und Unbekanntes wären und Freuden und Leiden darin ihren rechten Platz hätten, und der Tod nicht mehr jener klinische, chemische Schrecken, jenes Spielzeug in den Händen der Ärzte wäre, sondern eine verheißungsvolle Pforte, hinter der von allem Unbekannten das Geheimnisvollste wartete.
Aber das moderne Leben hat keine Fülle und keine Gänze, aus der sich eine Harmonie ergeben könnte; und es ist nichts Eigenes mehr. Es ist eine zerschnippelte, zerfledderte - und zerfleddernde - Verkaufsveranstaltung, in der nicht die Eigenheiten eines Menschen gefragt sind, sondern seine Verwendbarkeit im Kreislauf von Kaufen und Verkaufen. Wo Musik klingt, klingeln auch Kassen, Geistliche verteilen Kondome, Ärzte verteilen Rabattmarken und klappern mit den Scheren.
(Ein Sonderfall ist übrigens das absichtlich umgestoßene Glas, mit dem gesagt werden soll: Hier geht es besonders üppig zu. Logische Spitzfindigkeit bemühend, könnte man sagen, daß das von Claudia Hauptmann gemalte Glas auch hierzu gehört. Sie hat es gewissermaßen selbst umgestoßen; jedenfalls hätte sie ebenso ein aufrecht stehendes malen können. Aber halten wir fest: Frau Hauptmann hat es umgestürzt gemalt. Vielleicht wollte Frau Hauptmann auch zeigen, wohin es führt, wenn man der Menschmaschine all zu viel Alkohol ins Getriebe gießt; dann schlagen die Pleuelstangen aus.)
Vollständigkeit, z.B. beim Arbeitsvorgang, kommt praktisch nicht mehr vor, es gibt keine Einheit der Arbeit mehr im Sinn einer Zusammengehörigkeit der Arbeitsschritte und es gibt auch keine Zusammengehörigkeit zwischen Arbeit und Arbeitenden mehr.
Claudia Hauptmanns betreibt die Malkunst in der Weise, daß von der Idee, den ersten Skizzen, über Grundierung und Ausführung bis zum Verkauf jeder Schritt bei ein und derselben Person liegt. Und wenn ich "unzeitgemäß" sage, dann denke ich an dieses Mißverhältnis eines umfassenden Arbeitens in einer ganz auf Fragmentarisierung angelegten Welt.
Claudia Hauptmann malt in einer Zeit, in der die hohe Arbeitslosigkeit immer mehr Künstler erschafft, da sich immer mehr arbeitslos gewordene Menschen auf ihre kreativen Fähigkeiten besinnen und, unberührt von Fragen des Könnens oder Nichtkönnens, auf den von Qualitätskriterien freien Kunstmarkt drängen und sich dort nicht selten gut behaupten, da sie, im Gegensatz zu den Künstlern, als ehemalige Erwerbstätige von Markt und Marktgesetzen etwas verstehen.
Claudia Hauptmann malt in einer Zeit, in der die Prinzipien und Strukturen unserer Wirtschaftsgesellschaft sich auch auf dem Kunstmarkt wiederfinden. Zum Beispiel das Phänomen der sog. Markenartikel. Preise boten früher eine Orientierung. Da sie sich aus der Art ihrer Verarbeitung und Herstellung und den Materialkosten errechneten, ließen sie in der Regel Rückschlüsse auf die Qualität der Produkte zu.
Die bei den Markenartikeln festzustellende Entbindung von Preis und Qualität, von Preis und Wert, ist Teil einer prinzipiellen Entregelung. Deregulierung, Vereinzelung, Zerteilung, Zerspaltung, Destabilisierung, Desinformation, Chaotisierung, Entwertung usw. sind die "klassischen" Strategien all derer, die in der aufgehobenen Ordnung unbehelligt ihren eigenen Interessen nachgehen wollen: Terroristen, Warlords, Verbrecherorganisationen, Wirtschaft und Politik. Wobei die beiden letztgenannten die Entwertungs- und Entregelungstaktiken der illegalen Gruppen durch entsprechende Bezeichnungen mit negativen Assoziationen zu belegen und ihre eigenen durch euphemistische Benennungen (Liberalisierung) davon zu unterscheiden versuchen.
Wert und Kraft eines Staates, einer Gedankenfolge, eines Kunstwerks liegt in seinen Regeln und Prinzipien, im Funktionieren der Gesetze. Wo diese Verbindlichkeiten zerstört sind, geht die Kraft verloren (z.B. um sich gegen Regellosigkeit zur Wehr zu setzen), und geht im Grund auch der Sinn verloren. Denn ein Staat, der keine funktionierenden Strukturen hat, ist kein Staat, ebenso wenig wie eine Musik, die keine Prinzipien hat, eine Musik sein kann. Und ein Mensch, der keine Prinzipien und Regeln (oder die vielberedeten Werte) hat, wird zu einer Funktion, die ohne eigene Steuerung von anderen Absichten geentert und beliebig benützt und mit Strukturen und Aufträgen aufgerüstet werden kann. (Die Zerteilung, z.B. von Gemeinschaften in Singles, ist im Interesse von Wirtschaft und Politik. An zwei Singles können doppelt soviel Haushaltsgeräte verkauft werden wie an ein Paar. Umsatzsteigerung 100%. Isolierte lassen sich besser lenken wie Gruppen. Man kann mit ihnen machen was man will, wenn man ihnen ihr Manko als Plus verkauft, ihnen Maul und Ohren stopft (mit Gewäsche von Individualismus und Unverwechselbarkeit), damit sie ihr Selbstlob sowohl singen als auch hören, und Scheuklappen aufsetzt (aus einem Gewebe aus Individualismus-und-Einzigartigkeits-Gewäsch), damit sie nicht merken, daß vor und hinter ihnen Hunderttausende völlig gleichartige Individualisten an derselben Kasse anstehen, die alle im Begriff sind, denselben Individualistenbedarf kaufen.)
Es ist sicher kein Zufall, daß ich mit Claudia Hautmann ich auch eine Gemeinschaft kennengelernt habe; keine Isolierten, aber Solisten, die ein ausgezeichnetes und effektives Ensemble bilden.
Fragmentarisierung - Entregelung, Entwertung, Zerstückelung, Zerteilung etc. - durchzieht unser Leben vom Großen bis ins Kleine, von der Gemeinschaft bis zum Einzelnen, horizontal wie vertikal, und es fragt sich, ob dieses Hochgeschwindigkeits-Stückwerk vom einzelnen Menschen zu etwas zusammengesetzt werden kann, das "Leben" genannt werden könnte; etwas, das im Ganzen wie in Teilen - ohne gleich von "Sinn" zu reden - doch wieder einen Zusammenhang hätte.
Bei einem Musikvideo kann weder das Ganze noch das Detail betrachtet werden. Das Ganze erscheint als impulsflimmernde Fläche, das Detail entzieht sich durch seine Kürze; wählt man die Zeitlupe, zerbricht der Zusammenhang von Bild und Musik. Das Musikvideo entzieht sich jedem Versuch, sich in herkömmlicher Weise mit ihm auseinanderzusetzen, sei es durch Mitdenken, Anteilnehmen, Bewerten, Auswählen etc.; es entzieht sich schon jedem Versuch, es wenigstens kurz anzuhalten, um es genauer zu betrachten. Die einzige Art der Aufnahme, des Konsumierens, ist die des Sich-Ergebens, des wert- und auswahlfreien Einsickern-Lassens, Augen und Ohren auf unscharf gestellt.
Können wir nur noch so schauen? Können wir gar nichts mehr länger, konzentriert und ganz anschauen? Und gilt Ähnliches auch für das Hackwerk unseres eigenen Lebens? Können wir es nur führen, indem wie die Augen auf unbestimmte Entfernung einstellen, das Gehirn in schläfrige Trance, weitgeöffnet, damit alles ungehindert durch Auswahl und Kontrolle hinein- und hindurchfallen können. Ist das unsere Art, am Leben teilzunehmen?

Was das alles mit der Malerei von Claudia Hauptmann zu tun hat? Es sind Gedanken, auf die ich beim Betrachten der Bilder Claudia Hauptmanns kam. Bilder sind - neben Abbildungen - auch Spiegel, über die man auch ganz woandershin blicken kann. Es ist immer aufschlußreich, bei der Betrachtung von etwas Einzelnem auch das umgebende Größere mitzubetrachten, die Gleichzeitigkeit der Unterschiede zu beobachten, nach Grenzlinien und Abstoßungen und Verbindungen zu suchen. In einem See kann man keinen Wassertropfen beobachten. Man versteht sowohl das Einzelne - vom Ganzen her gesehen, wie auch das Ganze - dem Einzelnen gegenübergestellt - besser.

Wer sich für Claudia Hauptmann interessiert wird im Internet fündig, zum Beispiel unter www.claudia-hauptmann.com sowie unter www.kuenstlerhaus-vorpommern.de.
Ich habe inmitten von Claudia Hauptmanns Figuren aus meinen Büchern vorgelesen. Sie, die Figuren, haben Gesichter geschnitten, gestikuliert, Tanzschritte karikiert, gefeixt, die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, oder - den abwesenden Gesichtsausdruck eines Poeten nachahmend - so getan, als stamme das Vorgelesene von ihnen selber, und ich sei - da sie sich mit derlei nicht abgeben - nur eine zum Vorlesen angestellte Hilfskraft. Ich habe mich wohlgefühlt unter ihnen.

 

Was noch fehlen tät - Busfahrt über Land

Glick! - nich mehr hern mecht mer das Wort. Alle Welt mecht nu glicklich sein. No, was noch alles! Die Leit ham doch alles, oder nein? Aber genug ist nich genug. Glicklich missen se auch noch sein. Dabei hats ihnen doch niemand versprochen. Aber auffiehrn tun se sich, als ob sie ein Vertrag drauf hättn, auf ihr Glicke. Und erzehln eim, was se noch alles brauchen täten zu ihrm Glicke. Was noch fehlen tät! Se ham doch alles. Ich wer ihn sagen, Frau Woinowitsch, was ich denk, damit Sie mechten sich iberlegen ihre eigenen Gedanken dazu. Die Leit, Frau Woinowitsch, brauchen nich noch was dazu, sondern könnt gut meglich sein, daß se glicklicher sein täten, wenn se zufrieden sein täten mit dem, was se bereits haben. Meglicherweis sind sie ja so unzufrieden, weil's so viel ham. Leicht meglich is das. Aber zufrieden is ihnen zu wenig, es muß schon gleich das Glick sein. Aber ich frag ihnen, Frau Woinowitsch, wie soll einer glicklich wern, wenn ihm s Zufriedensein zu wenig is? Das soll mir bittescheen einer sagen. Von ihrn Glick hätt ja dann eh keiner was als sie selbst. Ich wer demnächst aussteigen, Frau Woinowitsch, noch vier Stationen. Muß ich bissl aufpassen, daß ich nich verpasse. Ich fahr zur Ilona, wissen se, de Friehere von mein Edgar. Ihr bissl zur Hand gehn. Heut wern mer bissl biegeln. Er siehts ja nich gern, wenn ich das tu, aber ich laß mir nich dreinreden, ich megets recht gern, das Ilonerl, is a liebs Medl. In Wahrheit is er neidisch, daß es ihr gar nich schlecht geht ohne ihn. Seine Neie, wegen der er die Ilona hat sitzenlassen, ist ihm nämlich auch schon wieder davon. Hat schon angefragt, ob er nich könnt wiederkommen, daß mans nochamal probiert miteinand. Aber Ilona hat nix davon wissen wollen. ‚Du hast mir wehgetan', hat sie ihm gesagt, ‚und der Schmerz ist jetzt vorbei, aber de Liebe auch. Und die kann man nich mehr herbeizwingen. Nur gut, daß wir keine Kinder ham, sonst mißten wirs miteinand noch aushalten, bisse ausm Haus sind'. So hat ses ihm gesagt. Iebernechste Staion wer ich raus. Und nu hat se ja im Haushalt bedeitend weniger Arbeit, seit er nich da is. Dos hat se ihm aber nich gesagt, nur mir. Is aber nur zu wahr. Von an Mannsbild hat unsereins mehr Ungemach wie Vorteil, wir beide als Witwen wissens doch am besten. Nojo, in der ersten Lieb macht mer allerhand Unfug. In zwei Jahren is der Meinige zwanzig Johren unter der Erdn, wer ich mir ieberlegen, ob ich s Grab noch mal verlängern laß. Mecht gut sein, daß nich. Nechste Staion wer mer aussteigen. - - - Ham sie, Frau Woinowitsch, ibrigens gesehn, welche Blümerl ich aufm Grab von meim Seligen pflanzt hab? A sehr a dankbare Sorte. Reicht, wenn mer einmal die Woch nachschaut, bissel gießt, bissl Unkraut rupft. Nehmens eim nich iebel, wanns amal a bissel dürsten tun. A sehr a dankbare Sorte. Hab leider vergessen, wie se heißen. Hattens bei Penny, wissens, der Penny direkt nehm dem Friedhof, im Angebot. Zwelf Pflanzn fier an Fimwer, is dos Grab scheen voll mit Blumn. So, Frau Woinowitsch, jetzt muß ich raus, schauns, da stehts schon, die Ilona. Also, vielleicht daß mer sich amal wieder beim Seniorennachmittag von de Wohlfahrt sehen mecht. Wenns so gut wärn und s Knöpferl drücken. Danke. - - - No, no, Herr Busfahrer, ich bitt scheen. Seins nich so ungeduldig und drengelns mich nich, a alte Frau is kein Rennwagen. Un tuns mir ihrn Seppl scheen grießen, Frau Woinowitsch.

 

Geträumte Passanten

Einmal träumte ich von jemandem in meiner Straße, einer Frau, die ich bislang nicht beachtet hatte. Seitdem ich aber von ihr geträumt hatte, sah ich sie anders an, sie kam mir nicht nur bekannter vor, sondern sogar vertraut, und ich verspürte eine Art Zuneigung. Dann fiel mir einmal ein, daß es auch andersherum sein könnte, daß Menschen, denen ich zuweilen begegne, die ich aber ansonsten nicht kenne, ja nicht einmal grüße, von mir träumen könnten und mich seitdem mit anderen Augen betrachten, auch wenn wir uns weiterhin nur flüchtig ansehn und nicht grüßen.
 

Hausaufgaben

Sehn sie sich mal mit anderen Augen!

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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Stand: 25. Februar 2014