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Celeri 7 - September 2006
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Das Orchester des Herrn Annunzio Mantovani
Haarspalterische Betrachtungen

Zu meinen ganz besonderen Kindheitseindrücken zählt das Orchester des Herrn Mantovani. Dieses war nur an einem bestimmten Ort zu hören, nämlich im Kino, und zwar vor Beginn der Vorstellungen. Es waren schon damals seltene Eindrücke, denn ich ging in meiner gesamten Kindheit nicht mehr als sechs oder sieben Mal ins Kino.
Um die Stimmung zu verstehen, in die ich vor dem Filmbeginn versetzt wurde, muß man diese Musik kennen und sich ihr, für drei oder vier Stücke lang, aussetzen. Die Musik des Orchesters des Herrn Mantovani war eine hallüberladene, weiträumige und unendlich melancholische Angelegenheit, die mich augenblicklich alles um mich herum vergessen ließ. Ich saß erstarrt im Sessel, unempfänglich für den Lärm im Kinosaal, den ich nicht einmal mehr wahrnahm. Die Klänge des Herrn Mantovani waren zudem mit Erinnerungen gesättigt wie Marcels Madeleine. Wunderbarerweise mit Erinnerungen, die ich als Kind selbst noch gar nicht haben konnte. Indem die Musik mich von Vergangenem träumen und mich danach sehnen ließ, als habe ich ein langes und angenehm tragisches, keinesfalls schmerzfreies Leben hinter mir, verschaffte sie mir ein erstes Gefühl von Nostalgie, von Sehnsucht nach früher. Und da ich fühlte, daß mir diese Sehnsucht eigentlich fremd sein mußte, da dieses Früher, nach dem ich mich hätte sehnen können, ja noch nicht recht existierte und ich es, indem ich älter ward, soeben erst gewissermaßen herstellte, da das Heute also, in dem ich mich soeben befand, einst jenes Früher sein würde, sehnte ich mich in die Zukunft, in der ich fähig sein würde, mich nach der Vergangenheit zu sehnen - - - ach, wie war das verwunschen und verschlungen; wenn ich darüber nachdachte, verlor ich den Faden; denn wenn ich an früher dachte - dann gab es mich ja noch gar nicht. Heute ist morgen früher. Das war einfach und einfach zu verstehen. Aber wenn ich es zweimal, dreimal sagte, verstand ich den Satz nicht mehr. Man schien die Worte vertauschen zu können wie immer man wollte, es schien immer richtig zu sein. Morgen ist heute früher. Morgen ist früher heute. Früher ist heute morgen. Ach, wie wunderbar und verwunschen. Und ach, wieviel wunderbare Traurigkeit würde ich - auf jeden Fall morgen - empfinden angesichts der vergangenen Tage! Und mit diesem dubiosen Gefühl saß ich in den wie Spinnweben sich entfaltenden, wie Mondstrahlen durch den von Kinderlärm gefüllten Kinosaal gleitenden Zauberklängen des Herrn Mantovani und träumte von jenem Morgen, wo ich von Gestern träumen würde.
Als ich meiner Freundin Elvira diese Gedankengänge darlegte, dachte sie nach, nickte schließlich und meinte, ich sei da ja zwar auf dem besten Weg zur Haarspalterei, habe aber augenscheinlich recht. Wenn es aber so sei, fügte sie mahnend an, daß ich später von früher zu träumen beabsichtigte, dann solle ich dafür sorgen, daß das Jetzt, was ja später das Früher sein würde, recht interessant und also anträumenswert sei. Vielleicht sollte man, fuhr sie nach einer Weile fort, das überhaupt tun: Jetzt so leben, daß man später gern zurückdenkt. Da hatte sie freilich recht.
Irgendwann bekam ich mit, daß die Befürworter der ernsten Musik, der sogenannten Klassik - zum Beispiel unser Religionslehrer, der auch den Musik-, genauer den Gesangsunterricht abhielt, und der uns einmal nach unserer Lieblingsmusik gefragt hatte -, daß also solche Menschen von der Musik des Herrn Mantovani überhaupt nichts hielten. "Ach!" rief ich enttäuscht. "Warum denn nicht?" Weil es nicht Musik, sondern Gedudel der übelsten Sorte sei. Gebildete Menschen hörten sich so was gar nicht erst an. Aber woher er sie denn kenne? Ob er sie jemals gehört habe? Freilich, gab er mir Bescheid. Denn wenn er einmal ins Kino ginge, um einen der freilich selten gezeigten guten Filme anzusehen, so komme er gar nicht darum herum. Denn es herrsche die Unsitte, auch vor guten Filmen Mantovani-Musik laufen zu lassen ("Laufen zu lassen" - das klang, als lasse man eine Herde Vieh kurzzeitig frei). Es sei schlicht und einfach minderwertige Musik.
Daß es unter der Musik Unterschiede im Wert gegen könne, hatte ich bis dahin nicht gewußt. Ich fragte, worin denn der Wert der wertvolleren Musik bestehe. Im ... jetzt mußte er doch etwas überlegen ... im Geist. Im enthaltenen Geist. Und was das sei? wollte ich wissen. Dazu sei ich noch zu jung. Das werde sich mir später erschließen. Ich werde schon noch sehen. Später. Wenn ich gute Musik zu schätzen wisse. Eine Bachkantate etwa ... Ach! Bachkantate? Wie nett das klang! (ich mochte doch Bäche so gern!). Aber ach, es stellte sich heraus, daß die Musik nicht von einem Bach handelte, sondern von einem Herrn Bach ausgedacht worden war. Das war wie mit dem Herrn Schönhaar aus der Molkerei. Der hatte zwar einen schönen Namen, aber keine schönen Haare. Genaugenommen gar keine, sondern eine Glatze und füllte die Milch in die Kannen ab und schnitt den Käse auf.
Es tue ihm leid, mir Illusionen zu rauben, schloß der Religionslehrer, aber derartige Musik sei schlicht und einfach minderwertig.
"Schade", fand ich. Der Religionslehrer widersprach. Um Minderwertiges sei es nie schade. Schade sei höchstens - und vielleicht habe ich es ja so gemeint -, daß das Minderwertige nichts Höherwertiges sei. Aber diese ... diese .. was immer es auch sei, was der Mantovani da fabriziere, Musik jedenfalls sei es kaum zu nennen, es sei - bestenfalls! - Schlagergedudel.
Aber Schlager, fiel mir ein, würden doch gesungen. Bei Herrn Mantovani singe aber nie jemand. Er schüttelte den Kopf. Von einem Orchester gespielt, sei diese Musik dennoch nichts anderes als minderwertiges Schlagergedudel, das sich wie klassische Musik aufführe, dazu gedacht, ungebildete und geschmacklose Schlagerfreunde sich einbilden zu lassen, klassischer Musik zuzuhören. Und deswegen zögere er nicht, festzustellen, daß Der-Mantovani-da sein Gedudel aus niederen Beweggründen fabriziere, im Gegensatz etwa zu jenen Bachkantaten, die aus dem Geist tiefster Frömmigkeit heraus geschaffen worden seien. Ja, diese Musik, trat der Religionslehrer nach, dem die Sache allmählich Spaß zu machen begann, sei schlicht unmoralisch. Da Dieser-Mantovani-da nämlich die Menschen vorsätzlich täusche und ihnen sein minderwertiges, geschmackloses Gedudel vorsetze in der Absicht, daß sie es für ernsthafte Musik halten mögen.
Minderwertig also. Schade, Herr Mantovani, umjubelt von Millionen. (Das wußte ich nämlich, denn im Schaufenster des Radiogeschäfts hatte ich einmal eine Schallplatte liegen gesehen. Und da stand es: Umjubelt von Millionen. Millionen Geschmacklosen.)
Später, als sog. Erwachsener, pflegte ich eine zeitlang ebenfalls eine Mißachtung derartiger Musik. Schade, Herr Braune, daß Sie nicht imstande waren, bei manchem Blödsinn nicht mitzutun, um sich die Zustimmung von Dummköpfen zu sichern. Doch bald, als mir an Dummkopfszustimmung nichts mehr lag, erkannte ich, daß die Musik des Herrn Mantovani mir Ahnungen von Fülle und Schönheit verschaffte, von Sehnsucht, von Möglichkeiten, ja von Musik selbst, von dem, was sie versprechen, welche Vorstellungen sie wecken kann - Ahnungen, die mir die höherwertige und von Dummköpfen benickte Musik nie vermittelte.
Heute gibt es solche aus niederen Beweggründen heraus fabrizierte und zu Täuschungszwecken gespielte, sogenannte minderwertige Musik gar nicht mehr; man braucht sie nicht mehr; heute werden auch die ernstesten Werke der Klassik - Bachkantaten zum Beispiel - eingespielt, als handle es sich um Schlager- oder Schlafmusiken und abgespielt, um Kaufhausklosetts und Kuhställe zu beschallen.


Der Schriftsteller Alexander Lernet-Holenia

Als ich geboren wurde, war Alexander Lernet-Holenia sechsundfünfzig; als er starb, war ich dreiundzwanzig und hatte noch nie von ihm gehört. Ich wußte noch nicht, wohin; er hatte nie gewußt, woher.
Einige Jahre später griff ich zum ersten Mal zu einem seiner Bücher; vermutlich war es "Baron Bagge", ein Buch, das ich aus Verlegenheit las, weil "nichts Besseres" zur Hand war. Genau weiß ich es aber nicht mehr, da ich in der Folge alles las, dessen ich habhaft werden konnte (und das war damals noch viel. Etwas von ihm zu empfehlen fällt schwer, denn unter dem, was heute noch von ihm noch erhältlich ist, fehlen die Bücher, die ich für seine besten halte). Ein Buch, das mich von der ersten Zeile an in sich hineinwinkte, war "Graf Luna". Um andere zu nennen: "Beide Sizilien"; "Mars im Widder"; "Der Graf von Saint Germain."
Lernet-Holenia wird - wie man mir sagt - von den meisten Literaturlexika nicht erwähnt (aus Gründen, die vermutlich jenen ähneln (spiegelverkehrt eben), die mich davon abhalten, wiederum sie aufzuschlagen).
Lernet-Holenias Stil ist außerordentlich. Er reitet Hohe Schule. Präzis. Lässig. Elegant (vielleicht etwas zu für die heutige Zeit, in der plumpes Getrampel als Zeichen für Lebens- und Wirklichkeitsnähe gilt). Präsent. Unangestrengt. Verblüffend. Scharfsinnig. Weise. (Kennen Sie übrigens lebende Autoren, auf die das zuträfe?). Bei so viel Höhe ist es zuweilen unumgänglich, daß das Mitgeteilte etwas von oben herab daherkommt; der tendenziellen Gefahr der Arroganz beschneidet Lernet-Holenia allerdings die Fittiche; denn bei aller Übersicht, die er als Autor wahrt, verfällt er darauf, seine Protagonisten mit einem recht eingeschränkten Blickwinkel auszustatten (was dem Leser allerdings erst nach und nach dämmert).
Lernet-Holenia hat zudem die Fähigkeit, auch Unscheinbares und Alltägliches im besonderen Licht erscheinen zu lassen, und seine Personen haben die Neigung, in unscheinbaren Begebenheiten nicht nur etwas Größeres, Mythisches zu sehen und eine Hintergründigkeit und Bedeutung darin zu suchen, die dort gar nicht zu finden ist, sondern auch daraus Schlüsse und - in der unmythischen, ganz prosaischen Gegenwart - praktische Konsequenzen zu ziehen - - - mit einer Unbeirrbarkeit, daß auch der Leser, bislang der Meinung, den Protagonisten in seiner Beschränktheit durchschaut zu haben, anfängt sich zu fragen, ob der aus einem Irrtum heraus eingeschlagene Weg tatsächlich in die Irre führt und nicht eigentlich der richtige ist.

Beim Lesen einiger nicht nur selbst veralteter, sondern zudem auch zur Barockzeit spielender Kinderbücher, wurde mir bewußt, daß die Autorin die Kinder nicht mit technischen Geräten, weder Telephonen noch Computern, und auch nicht mit dem Freizeit- und Hobbyrepertoire moderner Kinder beschäftigen konnte. Sie mußte sich anderem zuwenden; etwas, für das mir die Floskel "Das Wesentliche" einfällt. Ein Gedankenspiel: Was passiert, was bleibt übrig, wenn man alles Moderne aus einem zeitgenössischen Buch fortnimmt?
Wenn ich auch beim Wiederlesen von Lernet-Holenias Büchern kaum Stellen finde, die antiquiert wirken, so sind es dennoch unmoderne Bücher; zwangsläufig, denn die Bücher spielen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die modernen Waffen sind noch nicht erfunden. Ein Mann berichtet von einer resümierenden Kriegs-Statistik: Um jemanden tödlich zu treffen, mußte durchschnittlich soviel Munition auf ihn abfeuert werden, daß deren Gesamtgewicht seinem Körpergewicht entsprach. Solche Darstellungen wirken makaber und grausam - und zeigen die Unmittelbarkeit, die, damals, die Welt noch hatte. Nichts stand dazwischen. Kein Bildschirm, keine Infrarotfilter, kein Lautsprecher. Eine Figur Vladimir Nabokovs steht, als seine Gastgeberin einmal das Zimmer verläßt, rasch auf und schaltet das leise vor sich hinrülpsende Radio aus.
Wie beim Lesen aller älterer Bücher, so stellt man auch bei denen Lernet-Holenias irgendwann einmal fest, daß seine Protagonisten nicht über große Strecken des Tages damit beschäftigt sind, die Tasten elektronischer Geräte zu drücken. Erstaunt registriert man, daß man dies früher generell nicht tat. Die Menschen tun überhaupt andere Dinge. (Und man bekommt plötzlich den Verdacht, daß die meisten technischen Geräte nicht nur mehr Zeit verschlingen, als sie zu sparen vorgeben, sondern daß überhaupt Zeit sparen zu wollen, das eigentliche Übel ist. Daß zwischen "Sparen" und "Verschwenden" auch irgendeine sinnvolle Art und Weise der Verwendung von Zeit existiert, ist uns schwer vorstellbar). Lernet-Holenias Menschen jedenfalls benützen die Zeit ihres Lebens; nicht um ein Maximum an Sinnfülle, Erleuchtung, Gewinnanhäufung, oder wie immer auch die zeitgenössischen Ideale lauten, zu erwirtschaften, sondern um sich dem Leben auf der ihnen zugeteilten Strecke zu widmen.
Es wird einem bei der Lektüre Lernet-Holenias bewußt, wie sehr der moderne Mensch durch seinen Job beansprucht wird, wie wenig Zeit er hat, etwas anderes, als die Arbeitswelt zu erleben. (Und vielleicht ist hier auch ein problematischer Punkt der modernen Literatur zu finden. Chronist seiner Zeit zu sein - warum nicht? Was aber wäre erzählenswert?, zumindest in dem Sinn, daß es für Leser wiederum interessant wäre?)
Mit der Modernität von Büchern ist es so eine Sache. Genau genommen, kann man gar nicht sagen, was "Modernität" in der Literatur eigentlich ausmacht. Das Vorkommen moderner Gerätschaften, Tätigkeiten, Verhaltensweisen und Spielarten des Zwischenmenschlichen? Bücher, die modern erscheinen, weil in ihnen Handys eine Rolle spielen, haben schon dadurch ein absehbares Verfallsdatum. Aber auch Bücher, deren Modernität nicht nur auf der Aktualität der zum Zeitpunkt des Erscheinens verwendeten Lebenszutaten beruht, können, eben noch als avantgardistisch eingestuft, plötzlich, über Nacht, ganz und gar altbacken wirken. Und so scheint es mir unerläßlich, will man mehr als einen für den nächsten Moment gültigen Schnappschuß abliefern, den Modernismen etwas auszuweichen. Mein Gespür sagt mir, daß das alles nur von kurzer Dauer sein wird und schneller altert, als man glaubt.
Zeitnah zu leben, ist ein Vorsatz, dem man eigentlich gern zustimmen würde, der aber recht unbehaglich ist. Tut und denkt man, was unsere Gesellschaft fordert oder vorschlägt, erhebt man ihre Ziele und Ideale zu seinen eigenen, so kommt etwas heraus, was man weder erleben noch wovon man lesen möchte.
Das eigentlich Niederschmetternde unserer Zeit ist nicht die Technik mit ihren zahllosen Gerätschaften, sondern der Umstand, dem auch diese ihre Existenz verdanken: die Betrachtung und Behandlung des Lebens als ein Kaufladen. Und das Deprimierende an der Werbung ist nicht ihre Allgegenwart, sondern ihre beständige Erinnerung daran, daß alles und jedes unseres Lebens kaufbar ist und unser Wert einzig und allein in unserer Käuflichkeit besteht - solange wir nicht entscheiden, daß es anders ist.
Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Bewegungen, Handlungen und Empfindungen der Personen Lernet-Holenias so eigenartig anders aus; sie haben nicht mit Kaufen und Verkaufen zu tun, sie machen etwas ganz anderes. Sie leben und kümmern sich um die Belange ihres Lebens.
Vielleicht wäre es aufschlußreich, mit der Entwicklung des Menschen, den Weg der Literatur vom Unpersönlichen über das Exemplarische bis zur ungenierten Privatheit und Alltäglichkeit zu verfolgen. Lernet-Holenia empfände die Privatheit heutiger Literatur befremdlich und peinlich.
Lernet-Holenias Bücher handeln von Menschen, deren Handeln das selbstverständliche Wissen, sich nicht selbst zu gehören, vielmehr ein "Ich" auf Zeit zu sein, zugrunde liegt; eine heute seltene Einstellung, die ich persönlich erhebend finde. Die Menschen Lernet-Holenias verfolgen ihren eigenen Weg, im Wissen, daß es ihr einziger ist, und sie verfolgen ihn nicht bis zum Scheitern, sondern darüber hinaus, ohne Lamento, im sicheren Gefühl, daß es so sein müsse. Lernet-Holenias Menschen haben nämlich etwas ganz und gar Unmodernes: ein Schicksal - etwas, wovon ein heutiger Mensch nur träumen kann. Die Menschen haben einen hellen Blick; das Wissen um ein Schicksal macht angstfrei. Leben ist alles, Leiden ist nichts. Und Lernet-Holenia beobachtet die Menschen beim Leben. Er zeigt Menschen, die nur Teile erkennen, die vielleicht verblendet sind, aber unbeirrbar - auch wenn diese Unbeirrbarkeit Sturheit ist und in die Irre zu führen scheint - ihren Weg verfolgen, wissend, daß die Ausschnitte, die sie erkennen, zu einem Ganzen gehören und ein unbeirrbar verfolgter Weg nie in die Irre führt. Oder sollten sie eben darin irren?

Gelegentlich vertreibe ich mir die Zeit, indem ich Lernet-Holenia von unserer Zeit erzähle und versuche, sie ihm verständlich zu machen. An seinen Nachfragen wird mir immer wieder deutlich, wie wenig oft ich selbst sie verstehe. Wie ihm zum Beispiel erklären, daß Menschen unserer Zeit in Hektik, Eile und Ruhelosigkeit leben und damit zusammenhängende Krankheiten haben, daß sie aus Zeitmangel nicht mehr kochen und statt dessen Fertiggerichte aufwärmen ("Ich habe in meinem ganzen Leben kein einziges Mal gekocht", warf hier Lernet-Holenia verwundert ein), gleichzeitig aber Stunden am Fernsehgerät, am Telephon, an der Spielkonsole verbringen? "An der was, bitteschön?" Ich erklärte es ihm mühsam. Diese "Stunden am Fernsehgerät" machen seiner Vorstellungskraft zu schaffen; Lernet-Holenia hielte es für eine Entgleisung peinlichster Art, einen Film anzuschauen, oder eine literarische Handlung in einen Film zu verwandeln. Und er hält es für ausgeschlossen, eines Erwachsenen ganz und gar unwürdig, daß Menschen sich soweit herabwürdigen, diese Filme wiederum in einer Art wohnzimmerlichem Kasperletheater anschauen; vermutlich hält mich Lernet-Holenia für einen Schwadroneur. Ich weiß, daß er gute Geschichten zu schätzen weiß, auch wenn sie nur erfunden sind; meine Geschichten von Menschen, die stundenlang vor dem Fernseher sitzen hält er für eine lausige Erfindung.
"Stundenlang", sagt er und lächelt mich nachsichtig an. Wer wird denn so stupid sein? "Sonst irgendwelche Neuigkeiten?"
Um meinen Ruf als lausigen Geschichtenerfinder nicht zu untermauern, unterdrücke ich die Versuchung, ihm vom Handy zu erzählen.
Als ich einmal erwähnte, daß nach meiner Meinung der stundenlange Fernsehkonsum die Phantasie der Kinder ruiniere und sie unfähig mache zu usw. ... sah er mich mit seinen Echsenaugen nachdenklich an und sagte:
"Sie machen sich so über allerhand Gedanken, nicht wahr?"
Ich schämte mich ein wenig.
Ein andermal klagte ich über die zunehmende Vereinheitlichung von Individuellem; daß der moderne Mensch einem unausweichlichen Druck unterliege, sich in die Gesellschaft einzufügen, ihr solcherart gewissermaßen zuzustimmen, und zur Entfaltung eines eigenen Lebens, einer eigenen Persönlichkeit gar nicht erst zu kommen.
Er sah mich eine Weile an, ehe er sagte:
"Tatsächlich?"
Wohl aus Höflichkeit ging er aber einige Tage später doch noch darauf ein. Als ich ihn aufsuchte, merkte ich schon, daß er nachgedacht hatte.
"Ich gestehe, daß ich Ihre Klagen über die Tendenz zur Vereinheitlichung nicht recht verstehe. Das Leben hält einige Aufgaben bereit, beileibe keine großen Aufgaben, aber sie müssen gelöst werden, und auch wenn sie für alle Menschen ähnlich sind, muß sie dennoch jeder ganz für sich von Neuem lösen. Ihr Wunsch nun nach mehr Individualität und Vielfalt klingt einerseits verständlich, zum anderen aber so, als gehe es darum, die Lebensaufgaben auf besonders originelle Weise zu lösen.
Wir hatten, wie Sie ja wissen, noch so etwas wie ein Schicksal, dessen allmähliches Verschwinden man allerdings schon zu meinen Zeiten beobachten konnte, und das, wie Sie mir versichern, mittlerweile ganz verschwunden ist. Das Schicksal war an Tugenden gebunden. Bei Menschen, die anstelle von Mut eine kaufmännische Abwägung von Risiko und Chance tätigten, hatte das Schicksal keinen Sinn mehr. Was geschah, war nicht mehr unausweichlich, nicht Teil eines großen Plans, sondern Folge einer Erwägung, einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Das Schicksal aber war unausweichlich, und benützte, um sich zu erfüllen, am liebsten die Anstrengungen, ihm zu entgehen. Nichts anderes erzählen die alten Tragödien. Die neuen, schicksalsfreien Gestalten, Menschen mit kaufmännischer Gesinnung, nahmen ihr Leben selbst in die Hand (und danach sah es, nebenbei gesagt, auch aus). Das Leben in die eigene Hand nehmen, das war, genau genommen, etwas für Krämerseelen, die nur noch eigene Interessen verfolgten, die ausschließlich materieller Art waren. Aber nicht das wollte ich sagen. Vor der von Ihnen so vehement geforderten Individualität wären wir etwas zurückgeschreckt. Wir setzten sie ohnehin stillschweigend voraus; ausdrücklich gefordert hätten wir darunter eine Aufforderung verstanden, uns zu isolieren. Vom Leben zum Beispiel. Das Schicksal gab uns die Gewißheit und Zuversicht, daß unser Leben mehr war als eine private Zurichtung und, eben dank unseres Schicksals, Teil eines Großen war, des Lebens, der Geschichte, des Gewesenen und des Kommenden. Verstehen Sie?" fragte er, da er wohl gemerkt hatte, daß die Begriffe über die Zeit hinweg andere Bedeutungen angenommen hatten. Ich wußte nicht, ob ich ihn verstand. Er sah aus dem Fenster und dachte nach.
"Wir hatten Pflichten, unserem Staat gegenüber, die wir erfüllten, da wir unseren Staat für etwas Höheres als unser Privatleben hielten. Unser Leben lediglich in unserer Hand und nicht in einer größeren zu wissen, wäre uns fürchterlich erschienen. Unser Leben zu führen bestand geradezu darin, es mit Höherem und Größerem, mit dem Schicksal eben, in Einklang zu bringen und zu einem Teil desselben zu machen, und je mehr es gelang, das persönliches Leben zum Teil eines überpersönlichen zu machen, auch um den Preis des persönlichen Untergangs, um so gelungener hielten wir so ein Leben. Und unser persönliches Leben", fuhr er fort, "wurde von Konventionen beherrscht, die vielleicht jenem gesellschaftlichen Druck der Vereinheitlichung ähnelten, von dem Sie berichten. Wir sahen in Konventionen Bequemlichkeiten, die keinen eigenen Wert hatten. Auch unseren Konventionen wohnte ein Druck inne, aber dem konnte man sich entziehen."
"Wie denn?" fragte ich in die Pause hinein.
"Indem man nicht mittat."
"Nicht mittat ...", ging mir immer wieder durch den Kopf, als er fort war. Ich verstand nicht, warum ich das für unmöglich gehalten hatte.

Als Illuminat mag er einwandfrei gewesen, um aber das
Leben führen zu können, das ihm gefiel, ein Betrüger
geworden sein; und wenngleich er vorgegeben haben
soll, unsterblich zu sein, starb er dennoch, zu
Eckernförde, gegen Ende seines Jahrhunderts.
Der Graf von Saint-Germain

 

Einige Gedanken anläßlich einer Inspektion des Wiener Kriminalmuseums

Auch als Nichtkrimineller absolvierte ich den Besuch des Wiener Kriminalmuseums mit Gewinn.
Nachdem mich ein Schneesturm aus dem Prater vertrieben hatte, wo ich der Reparatur einiger Geisterbahnfigurinen - knochenschädlige Mönche, die sich offenkundig in einer Art Totentanz sowohl um sich selbst als auch im Kreis zu drehen hatten, dies aber verweigerten - zugesehen hatte, beschloß ich, das Kriminalmuseum aufzusuchen.
Geht man langsam durch dessen Räume, zwischen Hackklötzen, Messern, Beilen hindurch, betrachtet Daumenschrauben, entziffert mittelalterliche Hinrichtungsbeschreibungen, so wird man in der Stille des Museums bald von einer eigentümlichen Stimmung ergriffen und erschrickt, wenn man beim Betreten eines Raumes dort einen anderen Besucher vorfindet.
Von zwei Besuchern vor mir hörte ich nur die Schritte auf knarrenden Dielen und eindringliches Flüstern. Aber jedes Mal, wenn ich in das Zimmer trat, fand ich es leer vor und hörte von weiter vorn wieder Schritte oder Flüstern.
Einmal wurden Stimmen laut. Zwei jüngere Paare bewegten sich, ohne etwas genauer zu betrachten, durch die Räume und die beiden Männer kommentierten das im Vorbeigehen gesehene mit viel Lautstärke und Lustigkeit. Da sich der Vorgang - wieder zwei junge Paare - wiederholte, vermutete ich, daß es sich um einen Wiener Brauch handelte. Vielleicht wollten die jungen Männer ihren Bräuten vor Augen führen, wie wenig schreckhaft ihr Künftiger im Falle eines Verbrechens sein würde, und wie er auch aus schaurigen Umständen noch einen Scherz zu keltern wisse - oder wie er gegebenenfalls mit ihnen zu verfahren imstande wäre.
Zwei weitere Besucher des Museums fielen mir auf; eine elegante junge Frau in langem Kleid und einer Ballonmütze. Mit großer Sorgfalt studierte sie die Vitrinen, las die erläuternden Texte, trat zuweilen vergleichend noch einmal zu einer anderen Vitrine. Zu gern hätte ich sie gefragt, warum sie gar so sorgfältig etwas so Grauenvolles studiere, als handle es sich um die nur alle zwölf Jahre ausgestellten Kronjuwelen. Der andere Besucher war ein mittelalter Mann mit seitengescheiteltem, brillantiniertem grauem Haar. Er trug eine etwas schmuddlige, vielleicht auch nur alte Manchesterhose, eine offene, hellgraue Popelinjacke mit Bügelfalten an den Ärmeln sowie ein feinkariertes Hemd. Diese Kleidungsstücke wirkten, als seien sie vor langer Zeit in einem Warenhaus für einfachste Leute gekauft und seitdem verwahrt worden. Hatte die Betrachtungsweise der jungen Frau etwas Leichtes, ja unangemessen Munteres, so studierte dieser Mann die Ausstellungsstücke mit glotzender Gier. Mir kam sogleich der Gedanke, daß dieser Mensch sich hier Anregungen für eigene Untaten holte.
Nach einiger Zeit stellt man fest, daß das Museum wesentlich weitläufiger ist, als man vor der schmächtige Hausfassade vermutet hatte. Und so erschließt sich auch der Sinn der da und dort stehenden Stühle, die zum ausruhenden, besinnlichen Verweilen einladen. Ich ließ mich auf eine der Sitzgelegenheiten nieder. Nun war die Zeit gekommen, nach den bereits gesehenen Untaten, inmitten der Mordwerkzeuge, einmal darüber nachzusinnen, inwieweit man selbst zu Missetat hinneige oder gar zur Königsdisziplin, zur Bluttat tendiere.
Ich blätterte in einem Informationsblatt, das ich von der Kasse mitgenommen hatte.
Sah man von geistiger Verwirrung ab, so wurden die meisten Morde aus niederträchtiger Gesinnung verübt, aus Habgier und Eifersucht. Eine überflüssige Unterscheidung, wie ich fand, denn was war Eifersucht anderes, als gleichfalls eine Form von Habgier? Dann gab es die sogenannten Lustmorde, die aus einer "unseligen Verquickung" von Geschlechtstrieb und Tötungslust begangen wurden. Die pure Lust am Mord - l'art pour l'art - aus reiner Freude am Töten, aus Mordlust eben, kam selten vor. Das Töten war immer an ein Motiv geknüpft, Habgier eben oder Eifersucht. Zuweilen auch Rache. (Vermutlich wieder aus Eifersucht. Ich wollte jetzt davon absehen, wäre aber nicht erstaunt gewesen, wenn auch Rache sich, genau besehen, lediglich als eine Spielart der Habgier entpuppen würde.) Wollte ich nicht also aus geistiger Verwirrung töten, so blieben mir im Grunde also Habgier und Lust als Motive.
Habgier käme für mich nicht in Frage. Ich verspüre eine solche nicht und wüßte schon gar keinen Gegenstand zu nennen, um dessentwillen ich zum Verbrecher werden könnte. Anscheinend hatte ich hier ein etwas prosaisches Gemüt; was ich unbedingt besitzen wollte, erwarb ich käuflich oder ersparte es mir nötigenfalls; an dem was ich als außerhalb meiner finanziellen Reichweite liegend erkannte, verlor ich das Interesse. Auch meine Liebste, so lieb ich sie habe, würde ich, auch wenn sie mich wegen eines anderen Mannes verließe, nie umbringen.
Ich führte mir einige mir besonders widerliche Personen recht plastisch vor Augen, stellte fest, daß ich ihnen gern das eine oder andere Ungemach gönnte, aber keinerlei Lust verspürte, sie zu töten; ja sogar der Gedanke, ein anderer bewerkstellige dies, bereitete mir keine Genugtuung.
Und auch für die pure, ja ohnehin äußerst seltene Mordlust konnte ich keinerlei Neigung in mir entdecken.
Lust hingegen kannte ich. Daraus schloß ich, daß ich - wenn überhaupt - am ehesten im Bereich des Lustmörderischen tätig werden würde. Stellte ich mir allerdings vor, die Lust mit einem Mord zu verbinden, so legte sich die Lust augenblicklich. Ich konnte wohl Lust haben, aber nicht darauf, zu morden. Ich war eben dabei, mir einzugestehen, daß ich ein zu keinerlei Missetat fähiger Mensch sei, als ich eines besseren belehrt wurde.
Ein Mann, in dem ich den Kassierer erkannte, tauchte auf, kam zielstrebig auf mich zu und blieb vor mir stehen. Entgegen Wiener Üblichkeit erwiderte er meinen Gruß nicht (das heißt, meinen Gruß schon, aber nicht das Lächeln, mit dem ich ihn vorgebracht hatte).
Er sagte, er habe mich durch die Videokamera beobachtet und gesehen, wie ich mich auf den Stuhl gesetzt habe.
Ja, entgegnete ich, ich habe mich ein wenig ausgeruht von der Fülle der Eindrücke.
Die Stühle, belehrte er mich, seien ausschließlich für das Aufsichtspersonal vorgesehen. Von der entsprechenden Mitteilung, die sich gut sichtbar in schriftlicher Form im Eingangsbereich finde, habe er mir ein Exemplar mitgebracht. Er reichte mir ein kleines Blatt Papier.
Ich entgegnete, daß, soweit ich gesehen habe, gar kein Aufsichtspersonal unterwegs war.
Das liege daran, daß sich für dieses Museum nur schwer ehrenamtliche Helfer finden ließen.
Dann könne ich ja ruhig sitzen bleiben, schloß ich.
Keineswegs. Denn erstens und wie schon gesagt, seien die Stühle ausschließlich für das Aufsichtspersonal, ich solle bitte die von ihm eigens mitgebrachte Mitteilung lesen. Ausnahmen seien natürlich körperliches Unwohlsein.
Davon stehe aber nichts in der Verordnung.
Das sei so selbstverständlich, daß man es in unbürokratischer Weise handhabe. Ob mir etwa unwohl sei?
Nein. Ich dankte der Nachfrage.
Dann, bitteschön, solle ich mich erheben.
"Sie wollten noch einen zweiten Punkt anführen."
Zweitens: Ob ich mir klarmachte, wie es aussähe, wenn alle Besucher die Stühle des Aufsichtspersonal besetzten?
"Leer", vermutete ich.
"Bitte?"
"Ich habe natürlich nicht den Überblick, aber mir scheint, daß sämtliche derzeitigen Besucher des Museums nicht einmal ein Zehntel der Stühle zu besetzen imstande wären. Es würde also leer aussehen, das Museum."
Da solle ich aber einmal im Sommer kommen. An einem Regentag. Dann strömten die zur Untätigkeit verdammten Touristen in Scharen herein.
Daran zweifele ich nicht. Aber momentan sei nun mal Winter.
Aber dafür könne doch er nichts! Und Verordnungen gelten zu jeder Jahreszeit. Hier jedenfalls gebe es keine eigenen Sommer- respektive Winterverordnungen das Benützen der für das Aufsichtspersonal bestimmten Stühle betreffend.
"Ja was machen wir denn nun?" fragte ich ratlos.
"Na Aufstehen, bitteschön, wann'S endlich so gut wär'n."
"Aufstehen?" staunte ich.
"Ganz recht. Aufstehn."
Nicht daß ich Verlangen nach Daumenschrauben gehabt hätte, aber war, in dieser Umgebung, als Ahndung eines Vergehens einfaches "Aufstehen" nicht etwas schlicht?
Als ich nach fast zweistündigem Rundgang wieder in den Eingangsbereich trat, empfing mich der Herr Kassierer mit geringschätzig hochgehobenen Augenbrauen. Ich sah den Bildschirm, auf welchem er mein Vergehen beobachtet hatte, war befangen und blätterte betont gesetzestreu in den ausliegenden Leseexemplaren von Büchern oder Broschüren. Fast wäre ich in Schweiß geraten, als ich den Titel des Buches las, das ich da in der Hand hielt. "Anleitung zum Morden". Es stammte von einem Wiener Spaßmacher. Aber konnte ich das wissen zum Zeitpunkt, als ich danach griff? Und wie konnte man es nicht auslegen, daß ich ausgerechnet danach gegriffen hatte. Hatte ich es nicht aus niederer Gesinnung getan? Unauffällig legte ich es zurück und wollte nach einem anderen Buch greifen, aber eins wie das andere entsetzten mich. Folter im Lauf der Jahrhunderte. Die rätselhaftesten Verbrechen der Stadtgeschichte. Folter. Berühmte Mordfälle. Berühmte ungeklärte Mordfälle. Mißbilligend sah der Kassier meinen fahrig herumfliegenden und zurückschreckenden Händen zu. In angespannter Stimmung - ständig eine kompromittierende Frage erwartend (etwa nach der Herkunft meines Bargelds) - bezahlte ich schließlich eine Broschüre über die Auswirkungen einer Rechtsreform im neunzehnten Jahrhundert auf die Gefängnisneubauten. Währenddessen betrat der Mann mit der Popelinjacke den Kassenraum und fragte, ob "was Neues" da sei.
"Naa, Herr Wotruba, nix Neies."
Der Mann nickte wortlos, ging zur Garderobe und zog sich einen schwarzen Gummiregenmantel an. Ich ging und war erleichtert - ich erwartete durch einen Ruf zurückbeordert zu werden -, als ich um die nächste Ecke gebogen war.
Ganz in der Nähe liegt das in keinem Reiseführer erwähnte Café Central, wo man sich bei Schnitzel mit Kartoffelsalat und dem Belauschen von Wiener Schmäh erholen kann; und ganz in der Nähe liegt auch das kleine, aber mit sehr vielen hübschen Dingen gefüllte Circus- und Clownsmuseum.

Hausaufgabe

Überlegen Sie, zu welcher Missetat Sie neigen.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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Stand: 25. Februar 2014