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Celeri 8 - Oktober 2006
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Inhalt

Gespräch in der Herberge des Wissens

Wenn das der Führer wüßte

Der Geniestreich

Hausaufgabe

(Anm.: Celeri Ausgabe 9 erscheint Anfang November 2006)

 

Gespräch in der Herberge des Wissens

Bibliotheken mögen die Herbergen des
Wissens sein, aber die Weisen nächtigen
dort nicht
.
Mahmud Ibn al-Fauz


Das Leben ist - nicht oft, aber zuweilen - beschreibenswert. Folgende Szene fand Eingang in eines meiner Bücher. Gern gebe ich zu, daß ich die Literaturfähigkeit der Wirklichkeit manchmal künstlich erhöhe - sie, die Wirklichkeit, also genaugenommen verfälsche -, indem ich mich verstelle. Wenn sie sich sicher sind, einen Dummen vor sich zu haben, quellen manche Gescheiten zu ungeahnter Form auf.

Im Erdgeschoß einer Bücherei stieß ich auf eine Schachtel, in deren hochgeklappten Deckel mit dickem Filzstift "Kostenlos zum Mitnehmen" geschrieben war. Dort fand ich Bücher, die mit "Inhaltlich veraltet" abgestempelt waren. Mir taten die Bücher irgendwie leid. Als ob man jemanden zwänge, mit einem Schild - "völlig vertrottelt" - auf der Brust herumzugehen. In der Kiste befanden sich ein Reiseführer über das Elsaß (na gut, die Hotels und ihre Preise werden sich geändert haben), eine Formelsammlung und eine aufklappbare Logarithmentafel (hatten sie neue Zahlen entdeckt?), zwei Romane (wie kann ein Roman inhaltlich veralten? Weil sie darin noch in Pferdekutschen fuhren?) und ein Buch über Astronomie. Zwei Reiseberichte vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, einer aus dem Jemen, einer aus dem Sudan, nahm ich gleich an mich. Dann blätterte ich das Astronomiebuch durch.
"Was pfeifen sie denn da Schönes?" Ein Bibliothekar war hinter mir stehengeblieben und sah mich mit einem süffisanten und, wie mir schien, zugleich säuerlichen Lächeln an.
Ich hatte ein Lied vor mich hingepfiffen, das ich kurz zuvor - als ich an der Kinderbuchabteilung vorbeigekommen war, hatte eine Mutter ihrem Sprößling leise etwas vorgesungen - gehört hatte; die Melodie geisterte mir nun im Kopf herum. Ich überlegte und sagte schließlich.
"Mein Hund, der hat drei Ecken."
"Hut", sagte er.
"Bitte?"
"Mein Hut, der hat drei Ecken", verbesserte er mich.
"Mein Hut!" staunte ich. "Ein dreieckiger Hut!"
"Na, ein sogenannter Dreispitz. Sie wundern sich über einen dreieckigen Hut, aber kennen Sie etwa einen dreieckigen Hund?"
"Ich dachte, es sei von einer besonderen Art Spitz die Rede, einem dreieckigen, einem Dreispitz eben."
Er sah mich an, als habe er mich dabei ertappt, wie ich Circa mit Z am Anfang schrieb. Dann warf er einen Blick auf die Bücher, die ich in der Hand hielt. Ich zeigte ihm die beiden Reisebücher.
"Oben ist ein Reisebericht, der ist inhaltlich noch veralteter wie die hier."
"Veralteter?"
"Ja. Da stehen die Reisetagebücher eines gewissen Montaigne. Aus dem sechzehnten Jahrhundert!"
Es war ein Scherz. Aber er sah mich grimmig an. Dann deutete er auf das Astronomiebuch, das ich aufgeschlagen hatte und machte mich darauf aufmerksam, daß es längst nicht mehr dem Stand der Forschung entspreche. Gerade in diesem Bereich gebe es eine nicht abreißende Flut an neuen Erkenntnissen. Selbst als gesichert geltendes Wissen veralte in kürzester Zeit. In der entsprechenden Abteilung oben - er zeigte treppauf - fände ich durchaus aktuelle Werke.
Ich dankte ihm für seinen Hinweis und erklärte ihm, daß es dann ja einerlei sei, ob ich jetzt ein zehn Jahre altes, inhaltlich veraltetes Buch lese, oder ein neues, das in Kürze ebenfalls inhaltlich veraltet sei. (Ich sagte "inhaltlich veraltet", wie ich es von dem Stempel gelernt hatte.)
Der Gedankengang war ihm sichtlich neu. Aber das sei doch grotesk, rief er schließlich. Absichtlich etwas Falsches zu lesen.
"Aber das tue ich, wenn man ihren Angaben über die Schnelligkeit des Fortschritts der Wissenschaft glauben darf, ja auch, wenn ich ein neues Buch lese. Das Buch ist nur gewissermaßen noch nicht falsch, genaugenommen aber schon; seine Falschheit wird eben erst in ein paar Jahren entdeckt werden."
"Aber dann sind sie immerhin auf dem neuesten Stand."
"Der Falschheit."
"Der Falschheit?"
"Auf dem neuesten Stand der Falschheit."
"Aber es ist doch ein Unterschied, ob sie ein völlig veraltetes Buch lesen, oder ein neues."
Ich schüttelte den Kopf.
"Im einen Fall lese ich etwas, von dem ich weiß, daß es falsch ist, im anderen eines, von dem ich weiß, daß es falsch sein wird."
"Aber es ist ja nicht komplett falsch."
"Aber es ist auch nicht klar, was falsch ist."
"Natürlich nicht. Sonst würde man es gar nicht erst drucken."
"Wollen Sie allen Ernstes raten", fragte ich ihn, "ein Buch zu lesen, im vollen Bewußtsein, daß es Behauptungen enthält, die sich in, wie Sie sagten, kürzester Zeit, als Irrtümer herausstellen werden? Wollen Sie das?"
Er schnaubte.
"Aber", nun war ihm plötzlich etwas eingefallen: "Wenn's nach Ihnen ginge, dann könnte man wohl die ganze Forschung bleiben lassen und auf den ganzen Fortschritt verzichten, wie? Da könnten wir unsere ganzen wissenschaftlichen Bücher aus dem Fenster werfen. Alle, bis auf das älteste, wie?"
"Na, na, na. Doch nicht gleich alle", versuchte ich ihn zu besänftigen.
"Wollen Sie die Segnungen des Fortschritts leugnen?"
Ehe ich antworten konnte, fuhr er fort:
"Früher: schwerste Fronarbeit in der Landwirtschaft. Heute: hochtechnisierte Landmaschinen. Früher: monatelange Reisen. Heute: Flüge von wenigen Stunden. Früher: Kinderlähmung. Heute: ...".
Er übergab mir mit zirkushafter Handbewegung, damit ich zeigen konnte, daß ich das Schema verstanden hatte.
"Aids?" versuchte ich es.
"Aber nein. Modernste Medizin. Leugnen Sie etwa diese Fortschritte?"
"Nein, nein ...".
"Und die Früchte dieses Fortschritts nehmen sie doch gern in Anspruch."
"Früchte?"
"Na, zum Beispiel ein Fernsehgerät. Oder Fertiggerichte. Oder Autos. Oder Radios."
Da hatte er, zumindest teilweise, recht.
"Sie verwenden ja auch", fuhr er, in Schwung geraten, fort, "lieber eine moderne Zahnpasta, auch wenn vermutlich im nächsten Jahr eine bessere auf den Markt kommt."
"Eine moderne Zahnpaste ...", rätselte ich staunend.
"Ja. Denn auch das, was morgen schon veraltet ist, erleichtert uns heute den Alltag. Daß die Wissenschaft fortschreitet, kommt auch uns zugute."
"Tatsächlich?"
"Jawohl. Kleines Beispiel: Die Teflonpfanne. Ein Nebenprodukt der Raumfahrt."
"Wenn nicht mehr drinliegt", maulte ich unbegeistert.
"An was dachten Sie denn? Eine Mondrakete für den persönlichen Bedarf?" Er lachte freudlos. "Und die Menschen auf dem Mond? Die Satelliten im Weltraum? Was für eine Entwicklung für die Menschheit, was für Triumphe der Technik."
"Die so teuer waren, daß man damit mühelos den Hunger der Daheimgebliebenen hätte stillen können."
So einfach wie ich es mir vorstelle, sei es nicht. Aber - und wieder dank der wissenschaftlichen Forschung - es stünden bald Mittel zur Verfügung, um die Ernährung der gesamten Weltbevölkerung sicherzustellen.
"Na, hoffentlich ist's bald soweit."
"Nur Geduld." Letztendlich, behauptete er, hätten auch die Hungernden in Afrika etwas von der Weltraumforschung.
"Teflonpfannen?" fragte ich nach.
"Das ist zynisch. Das ist zynisch."
Schon halb abgewandt sagte er noch:
"Jener Montaigne, den Sie übrigens korrekt aussprachen (Schade! dachte ich. Mit einer möglichst dämlichen Aussprache des Namens hätte ich dem Menschenfresser hier einen Festtag bereitet. "Alle mal herhören! Alle mal herhören, wie der Herr Montaigne ausspricht!").
"Ich kann ja auch ‚Teflonpfanne' richtig aussprechen, sowohl im Singular wie auch im Plural", wehrte ich bescheiden ab.
"Gewiß. Besagter Montaigne jedenfalls ist ein bedeutender Philosoph und seine Reisetagebücher keineswegs veraltet, wie Sie sich auszudrücken beliebten, sondern von höchstem zeitgeschichtlichem Interesse."
"Ach so", sagte ich, blätterte weiter und stimmte wieder leis mein Liedchen an. Er blieb immer noch stehen.
"Meine Frage nach dem Lied, das sie da pfeifen, entsprang übrigens nicht wirklich meinem Interesse am Lied."
"Und trotzdem fragen Sie?"
"Ich wollte Sie dezent darauf aufmerksam machen, daß wir in unseren Büchereiräumen um Stille bitten."
"Warum haben Sie es nicht getan?"
"Ich hoffte, Sie kämen von selbst darauf, wenn ich Sie nach dem Lied fragen."
"Wenn Sie um Ruhe bitten wollen, fragen Sie nach dem Lied, das einer pfeift?" staunte ich.
Im Spiegel der Vitrine sah ich, daß der Bibliothekar mit der Frau von der Ausleihtheke redete und immer wieder mit dem Kinn zu mir deutete. Ich drehte mich um. Sie sahen mich mit jenem Grinsen an, das belesene Menschen für Trottel bereithalten, die es auch einmal mit einem Buch versuchen wollen.
Als ich später, der Bibliothekar war mittlerweile wieder fort, zur Theke ging und die Bücher vorwies, fragte die Frau: "Das wollen Sie tatsächlich mitnehmen?", wies auf das Astronomiebuch und sah mich an, als könne sie ein lautes Auflachen nur mühsam zurückhalten.
"Ja", erklärte ich ihr. "Ich hatte mir schon ein aktuelles Buch herausgesucht, als mich ihr Herr Bibliothekar damit sah, mich beiseite nahm und mir dringend abriet, weil Bücher aus diesem Bereich sehr rasch veraltet seien. Statt dessen empfahl er mir das hier. Es sei eine ehrliche Sache. Einwandfrei veraltet mache es mit diesem Stempel" - ich schlug den Deckel auf - "auch keine falschen Versprechungen von wegen "neueste Erkenntnisse" - über die sich dann die Fachleute schon nach einem halben Jahr vor Lachen die Bäuche halten."
Nachdenklich sah sie auf das Buch.


Wenn das der Führer wüßte

Als ich am Parkplatz eines Supermarkts vorbeiradelte, machte mich lautes Gelächter neugierig und ich lenkte in dessen Richtung. Ein Punk mit blau gesträhnten Haaren, einem T-Shirt mit aufgedruckter Zielscheibe und Einschußlöchern sowie engen Hosen mit rotschwarzen Schottenkaros lachte lauthals und ungehemmt über einen wulstigen Mann, der schweratmend in der offenen Tür seines Autos saß und rauchte. Da mein Blick eben auf den Schriftzug einer "Vulkanisierwerkstätte" gefallen war, hatte ich sogleich die Vorstellung, der dicke Mann komme gerade von dort und sei zu stark aufgepumpt worden. Sein Bauch quoll unter dem Unterhemd, das er als einziges Oberteil trug, hervor, und er schien sich mit jedem Zug an der Zigarette praller zu füllen. Schnaubend versuchte er, dem Punk klarzumachen, was "fuffzich, sechzich Jahre früher mit Abschaum wie dir" passiert wäre.
"Was denn?" fragte ich.
"Verheizt hätte man das Gesindel. Arbeitslager wäre das Mindeste gewesen."
"Ach so?" staunte ich. Der Punk wieherte begeistert. Der Vulkanisierte zeigte auf ihn.
"Schaun se doch den Abschaum da an. Sieht so vielleicht 'n Mensch aus, frag ich Sie?"
"Mensch, schau dich doch selbst an: 'n Scheißklops auf zwei Beinen", brachte der Punk gerade noch heraus, ehe er sich vor Lachen krümmte. Als er wieder sprechen konnte, fragte er mich:
"Rat mal, bei was ich den Helden hier eben beobachtet habe?"
"Bei was denn?"
"Er kommt da vorne aus dem Supermarkt, steigt in seine Karre, fährt hierher vor den Kiosk und kauft sich Zigaretten. Verstehste? Wegen zwanzig Metern nimmt der Schlappschwanz 's Auto." Er lachte wieder.
"Ich zahl Steuern und mach mit meim Auto was ich will!" schnaubte der Vulkanisierte.
"Jetzt sitzt er da, ruht sich von der Anstrengung aus - man muß ja aussteigen, um Zigaretten zu kaufen - und pflaumt Leute an, die anders aussehn wie er."
"Ich mach was ich will. Mir hat keiner was zu sagen."
"Ist ja gut. Dir sagt doch auch keiner was. Wer redet denn mit ner Kloschüssel."
"Dafür daß ich Steuern zahl, nich wie du, bloß abkassiern, mach ich mit meim Auto was ich will. Und wenn ich bloß fünf Meter fahr! Ich sags noch mal: fuffzich, sechzich Jahre früher ...". Er verstummte abrupt, denn der Punk hatte sich über ihn gebeugt und redete unvermittelt ernst und eindringlich auf ihn ein:
"Mensch, überleg doch ma. Wenn das der Führer wüßte! Was für Luschen sein Volk mittlerweile hervorbringt. Wenn das der Führer wüßte! So ein verweichlichter Zigarettenlutscher wie du schafft nich mal zwanzig Meter ohne sein Rollstuhl. Er selbst kam noch bis Stalingrad." Er lachte meckernd und schrill und ging weiter.
"Du!" rief ihm der Vulkanisierte hinterher. "Du!"
"Wenn das der Führer wüßte", kam es lachend zurück.


Der Geniestreich

In meinen Jugendjahren hatte ich einen Roman geschrieben, den ich schon während des Schreibens, erst recht aber nach seiner Fertigstellung, für das größte Wunderwerk seit der Erfindung der Schreibkunst hielt; ein Roman, gegen den sich James Joyce's Werke wie Groschenromane und Arno Schmidts Bücher wie deren Übersetzungen ausnahmen. Ein Schriftsteller, dem ich davon erzählte, bot mir an, es einmal zu lesen. Daß ich dankend ablehnte, verstimmte ihn. Aber ein Urteil, von wem auch immer, war ganz unnötig. Daß es ein ausgezeichnetes Buch war, wußte ich am besten, ich hatte es schließlich ja geschrieben. Ich war mir sicher, daß ich das Manuskript nur bei einem Verlag meiner Wahl einzureichen bräuchte, um erst dort, dann auf dem Buchmarkt Stürme der Euphorie auszulösen. (Die Reaktionen waren dann nicht gar so euphorisch und lauteten in etwa: "Interessant, aber kaum lesbar." Nachdem ich es bei drei oder vier Verlagen versucht hatte, vergaß ich die Sache, so unglaublich das klingen mag. Es sollte fünfzehn Jahre dauern, bis ich wieder auf die Idee kam, etwas zu schreiben. Als ich wieder damit anfing, tat ich es, ohne an früher anzuknüpfen und die alten Manuskripte und Notizbücher wieder aufzuschlagen, ja ich wußte nicht einmal, wo ich sie zu suchen hätte.
Anläßlich eines Umzugs entdeckte ich sie dann in einer Pappschachtel, über deren Gewicht ich mich wunderte. Das Blättern in meinem gigantischen Erstlings sowie die Vorstellung von der Wirkung, die er in den Lektoraten entfacht haben mußte, trieb mir Lachtränen in die Augen. Vor einigen Jahren habe ich noch einmal darin gelesen und fand, daß sowohl die Einschätzung der Verlage, aber auch meine eigene, gar nicht so verkehrt waren. Ein nochmaliges Lesen ist mir nicht mehr möglich. Ich "impfe" gern die Welt, und so habe ich mir den Spaß gemacht, die ursprünglich getippte Titelseite durch eine handgeschriebene ohne meinen Namen zu ersetzen, die engbetippten (Schreibmaschine!) Seiten des Manuskripts binden zu lassen und es dann, in einer Kiste mit anderen Büchern sowie Kleidern und Glasgeschirr, einer Suchtkrankeneinrichtung zu spenden, die Gebrauchtwaren und alte Bücher zu geringen Preise verkauft. Ich stelle mir nun gern vor, daß es sich im Besitz eines überaus ratlosen, älteren Herrn befindet, der in derartigen Einrichtungen gern nach Raritäten stöbert und nun fassungslose Abende beim Blättern in seinem Fund verbringt. Vielleicht hat er es aber schon an ein Antiquariat verhökert, wo es ("Roman-Manuskript eines unbekannten Genies. Original, eng beschriebenes Typoskript, 833 Seiten DIN-A4, mit handschriftl. Ergänzungen u. zahlreichen Überklebungen, Titelseite handgeschrieben, weitere Exemplare nicht bekannt") für eine vierstellige Summe zu haben ist. Ich wäre auch nicht allzu überrascht, es plötzlich in gedruckter Form zu finden. Es wäre was für einen sog. "verdienstvollen" Kleinstverlag, der sich auf Besonderheiten spezialisiert hat und das Konvolut im Faksimiledruck herausgeben könnte. (Falls es Ihnen mal begegnet: es heißt "Der Zentaur im Hippodrom".)


Hausaufgabe

Schreiben Sie auch einmal einen Roman und verstecken Sie das Manuskript an geeignetem Ort.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014