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Celeri 10 - Dezember 2006
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Inhalt

Neapolitanisch I

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 11 erscheint Anfang Januar 2007)

 


Neapolitanisch I

Eines Novembers hatte ich mich nach Neapel aufgemacht, um mir dort einiges anzusehen - Museen, Gebäude, das Stadtpalais eines Komponisten, Pompej, den Vesuv, wenn möglich eine der berühmten Krippen -, kurz: um dort als ein sogenannter Tourist eine Art winterlichen Bildungsaufenthalt zu verbringen.
Zunächst wohnte ich in einem Hotel. In täglich wechselnden Zimmern. Ich hatte mich schon daran gewöhnt, daß ich allabendlich bei meiner Rückkehr einen anderen Schlüssel ausgehändigt bekam und hatte schon sechs oder sieben Zimmer kennengelernt, nicht immer kleiner werdende, wie ich anfangs vermutete, sondern auch große Räume, ja einmal sogar eine Suite aus mehreren, wenn auch schäbigen Zimmern. Auch meine Sachen fanden sich stets vollzählig wieder, nie fehlte etwas. Eines Tages entdeckte ich unter meinen Kleidungsstücken eine Herrenhose, die nicht von mir war. Am Abend des nächsten Tags - ich machte mir nicht mehr die Mühe, die Sachen in die Schränke zu sortieren, sondern stellte den Koffer auf einen Stuhl und suchte mir heraus, was ich brauchte - erblickte ich nach dem Öffnen des Koffers ein gelbes Hemd. Ich verbrachte eine unruhige Nacht in Gegenwart des gelben Hemdes, das, auf einem Kleiderbügel, am Schrank hing, und zahlte am nächsten Vormittag meine Rechnung, beteuerte, daß es großartig gewesen sei und machte mich auf die Suche einer neuen Unterkunft; vielleicht hatte ich befürchtet, daß nach den Kleidungsstücken allmählich auch Körperteile auftauchen würden, ein Unterarm etwa.
Nach einigem Hin und Her kam ich bei einer Familie unter. Ein Mädchen, das ich nach einer Straße fragte, in welcher laut Telephonbuch eine Pension war, nahm mich mit nach hause, um mir von ihrer Mutter den Weg erklären zu lassen. Sie wohnte in einem roten, mehrstöckigen Eckhaus. Statt mir den Weg zu erklären, führte mich die Mutter durch die Wohnung - wir kamen dabei über einen immer wieder abbiegenden Flur an schätzungsweise acht oder neun offenstehenden Zimmertüren vorbei - und zeigte mir ein Zimmer. Es gefiel mir, sehr sogar. Es bestand eigentlich aus zwei ähnlich eingerichteten Zimmern, die durch eine Art offenes Theaterportal getrennt waren und deswegen wie Spiegelbilder wirkten - merkwürdige Spiegelbilder freilich: man selbst fehlte darin, obwohl man hineinsah.
Hier räumte ich meinen Koffer wieder einmal aus und hängte meine Kleidung in den Schrank, und hier bekam mein Bildungsurlaub allmählich eine andere Richtung.
Ich hatte begonnen, am Mittagessen der Familie teilzunehmen, das täglich punkt zwölf Uhr eingenommen wurde. Gegen fünf vor Zwölf erschien der Familienvater, der zu Fuß aus seinem Büro, einer städtischen Behörde, kam. Man versammelte sich um den Tisch, auf dem schon die große Schüssel mit dampfenden Makkaroni stand, wartete darauf, daß die nahe Kirchenglocke das Mittagsläuten anstimmte, worauf die Mutter die Nudeln verteilte. Nach dem Essen verschwand der Familienvater wieder in sein Büro, die Frau legte sich im Salon zum Mittagsschlaf auf das Sofa, ich und die beiden Kinder gingen auf ihre Zimmer.
Ich lag auf dem Diwan, horchte auf die von der Straße heraufdringenden Geräusche und war dabei, einzuschlafen, als ich ein schlurrendes Geräusch hörte. Auf ihrem Tretroller kam Giovanna, die neunjährige Tochter des Hauses ins Zimmer gefahren, in einer Hand ein Schulbuch sowie ein Schreibheft, mit der anderen hielt sie gleichzeitig den Lenker und ihren großen Füller. Sie parkte den Roller am Vertiko und setzte sich neben mich und schlug, nach einem Blick in ihr Schreibheft, das Buch auf, ein Mathematikbuch.
"Welche Nummern?" fragte ich.
"41, 42 und 43."
Ich seufzte, als ich sah, daß es drei sogenannte Textaufgaben waren; Textaufgaben waren Giovannas Schwäche und Leidenschaft.
Ich las. Zwei Männer verrichteten etwas, das ich nicht verstand und brauchten drei Stunden dafür. Wieviel brauchen vier Männer dafür?"
"Was tun sie da?" fragte ich. Giovanna erklärte es mir Aha: Eine Grube ausheben.
"Also", begann ich: "Zwei Männer brauchen drei Stunden. Wie lang dauert es, wenn vier Männer arbeiten."
Sie überlegte.
"Vier Stunden?" fragte sie.
"Giovanna!" mahnte ich. "Zwei Männer brauchen drei Stunden. Kann es eine Stunde länger dauern, wenn vier an der Grube arbeiten?"
"Sechs Stunden", entschied sie.
"Das ist ja noch länger!" rief ich.
"Aber natürlich. Erst arbeiten zwei Männer, das dauert so und so lang. Dann kommen noch zwei ..."
"Eben."
"Und stehen natürlich einander im Weg herum - kein Wunder, wenn's länger dauert."
"Giovanna", seufzte ich und blätterte im Buch zurück, in ihrem Schulheft ebenfalls und brachte ihr eine Textaufgabe in Erinnerung, die wir vorige Woche gelöst hatten: Drei Brote kosten 900 Lire. Wieviel kosten vier Brote?
"Wir haben daraus eine Gleichung gemacht. Und hier machen wir es genau so", sagte ich. Wir legten die Gleichung an.
"Na siehst du", sagte ich, als endlich vier Männer anderthalb Stunden arbeiteten.
"Das soll richtig sein?" fragte Giovanna mißtrauisch.
"Das ist richtig", sagte ich. "Die Rechnung mit den Broten war auch richtig, oder? Oder hat die Lehrerin sie beanstandet?"
"Nein. Aber Brote sind Brote. Eine Grube aber ..."
"Nächste Aufgabe", rief ich dazwischen und dachte: "Um Himmelswillen!", als ich den Text las. "Zwei Kinder trinken in einer halben Stunde einen Liter Milch. Überraschend kommen zwei Freunde zu Besuch, und die Kinder müssen sich die Milch teilen. Wie lange reicht ein Liter Milch für vier Kinder?"
Giovanna sah finster drein.
"Eine Viertelstunde", knurrte sie.
Der dritten Aufgabe sah ich mit Unruhe entgegen, denn ich wußte nicht gleich, wie sie zu lösen war. Um Zeit zu gewinnen ließ ich Giovanna sie zunächst vorlesen.
"Ein Mann braucht, um eine Grube auszuheben, zwei Stunden. Wie lange dauert es, wenn ein anderer Mann für eine halbe Stunde dazukommt?"
"Nun?" fragte ich und war erleichtert, als sie gleich rief:
"Ich weiß schon."
"Also:"
"Zweieinhalb Stunden."
"Zweieinhalb? Das ist ja länger!"
"Er braucht zwei Stunden. Einer kommt eine halbe Stunde dazu, macht zweieinhalb. Zwei und ein Halb."
"Du zählst es zusammen?"
"Nicht?"
"Aber wie denn! Wenn einer an etwas arbeitet und einer kommt für eine halbe Stunde dazu."
Sie runzelte die Stirn.
"Dauert es kürzer oder länger, wenn ich Dir bei den Hausaufgaben helfe?" fiel mir ein. Daß ich auf diesen Kniff noch nicht gekommen war.
"Länger."
Sie hatte recht. Wenn ich ihr nicht half, schrieb sie nach kurzer Einschätzung der Situation eine Zahl hin und war im Nu fertig. Meine Frage war ein didaktischer Mißgriff gewesen.
"Weil ich dir zeige, wie man es richtig macht", sagte ich.
Sie blieb unbeirrt.
"Einer arbeitet eine Stunde, ein anderer kommt für eine halbe Stunde vorbei, sie unterhalten sich, der Eine arbeitet eine Stunde weiter - macht zweieinhalb."
"Aber sie unterhalten sich doch nicht."
"Es kommt einer vorbei, und sie unterhalten sich nicht? Natürlich reden sie. So wie wir. Über dies und das. Vielleicht wäre der eine auch schon fertig, wenn ihm der andere nicht erklären würde, wie man es richtig macht."
"Giovanna, du hast vielleicht Recht. Aber so ist es nicht gemeint. Glaub mir, ich kenne solche, die sich Textausgaben ausdenken ...
"Solche, die sich Textausgaben ausdenken", wiederholte sie mit sichtlichem Gefallen an der Formulierung.
"... ganz recht: solche, die sich Textausgaben ausdenken, und ich weiß, was die meinen."
"Und was meinen solche, die sich Textausgaben ausdenken?"
"Daß der eine, der dazukommt, dem anderen hilft. Und daß du ausrechnen sollst, um wieviel es deswegen schneller geht."
"Sicher?"
"Sicher."
"Aber das gibt's doch gar nicht, daß einer dazukommt, und dann geht's schneller."
"Solche die ... du weißt schon welche, meinen es aber genau so."
"Woher wissen solche, die sich Textaufgaben ausdenken, vorher schon, daß der eine zwei Stunden brauchen wird?"
"Ich versteh nicht, was du meinst."
"Daß er zwei Stunden braucht, können solche, die sich Textaufgaben ausdenken, doch nur wissen, wenn er die Grube schon ausgehoben hat. Er ist also schon fertig. Da braucht niemand mehr für eine halbe Stunde zu kommen. Die Grube ist schon ausgehoben."
"Solche, die sich Textaufgaben ausdenken, wollen wissen, wie lange es gedauert hätte, wenn ihm jemand für eine halbe Stunde geholfen hätte."
"Ist das nicht blöd?" fragte sie. "Wer denkt sich denn so was aus! Ich esse einen Teller Makkaroni, und danach rechne ich aus, wie lange ich gebraucht hätte, wenn du zwei Gabeln mitgegessen hättest."
"Das ist, damit du rechnen lernst."
"Dabei lerne ich rechnen?"
"Sicher."
"Gut. Dann werden wir vermutlich jetzt wieder eine Gleichung aufstellen?"
"Ganz recht." Jetzt wurde es kribblig, denn ich hatte noch keinen Schimmer, wie die Gleichung auszusehen hätte. Plötzlich legte sie ihre Hand auf meinen Arm. Ihr war was eingefallen:
"Selbst wenn er hilft, geht's nicht schneller."
"Aber warum denn nicht?"
"Sie haben trotzdem nur eine Schaufel. Wenn also der Eine eine halbe Stunde schaufelt, steht der Andere solange da. Na gut", räumte sie ein. "Etwas schneller geht's vielleicht schon, weil er dann ein bißchen ausgeruht hat. Vielleicht dauerts dann Zweieinhalb Stunden minus zehn Minuten. Andererseits: Sie müssen sich ja auch noch begrüßen und verabschieden. Es wird wohl bei zweieinhalb Stunden bleiben."
"Aber der eine bringt eine Schaufel mit."
"Das ist aber praktisch", lachte sie. "Er kommt für eine halbe Stunde vorbei und hat eine Schaufel mit?" Giovanna sah mich mitleidig an. Was ich ihr da auftischte!
"Giovanna. Ich weiß, was solche ...
"... die sich Textausgaben ausdenken, meinen."
"Und sie meinen genau das: Der eine bringt eine Schaufel mit, um dem anderen für eine halbe Stunde zu helfen."
"Ist der aber blöd!" Sie schüttelte den Kopf. "Was soll das überhaupt für eine Grube sein?" fiel ihr ein. "Für was gräbt er eine Grube?"
"Was weiß ich. Für ... für ... vielleicht wird ein Haus gebaut."
"Wenn man ein Haus baut, baut man nach oben. Aber ein Loch gräbt man nach unten."
"Und der Keller?"
"In zwei Stunden?"
"Vielleicht ist es nur der Anfang."
"Der arme Teufel."
"Wieso?"
"Ein Haus wird gebaut und er buddelt den Keller. Allein. Ganz allein. Warst du schon einmal in unserem Keller? Was meinst du, wie lange das braucht, bis da ein schöner tiefer Keller ist? Wenn er jeden Tag, und allein, nur zwei Stunden gräbt. Ein Haus", sie winkte ab, "das sag ich dir, wird da nie zu sehen sein. Egal, ob ab und zu einer für eine halbe Stunde vorbeikommt."
"Es war ja nur eine Idee von mir. Vielleicht ist die Grube für was ganz anderes gedacht. Vielleicht gräbt er nur so."
"Nur so? Niemand gräbt - nur so - eine Grube."
"Solche, die sich Textausgaben ausdenken, wollen, daß du mit solchen Aufgaben Rechnen lernst. Das ist nicht immer wie im richtigen Leben."
"Und da muß der arme Teufel zwei Stunden schaufeln, damit ich rechnen lerne."
"Gewissermaßen. Und dabei hilft ihm jemand. Für eine halbe Stunde."
Wir seufzten beide. Giovanna verzog das Gesicht. Ich hörte draußen eine Türe gehen.
"Arturo", rief ich. In der Tür erschien der zwei Jahre ältere Bruder Giovannas, der kaum jemals redete und nur verächtlich schnaubte, wenn ihm jemand etwas sagte. Er war Klassenbester. Ich winkte ihn heran und trug ihm die Aufgabe vor.
Wortlos streckte er die Hand aus, ich reichte ihm Heft und Bleistift, er kritzelte etwas und verschwand. Ich sah auf die Gleichung, die er ins Heft geschrieben hatte. Darauf wäre ich nie gekommen. Giovanna schrieb sie mit Füller ab und radierte dann den Bleistift weg.
"Und jetzt?"
"Raus auf die Gasse", sagte ich. "Eis essen."
Erleichtert klappte sie Buch und Heft zu.



Hausaufgaben

Lösen Sie folgende Textaufgaben:

a) Ein Schiff mit 6 Insassen versinkt 1 mal. Wie oft versinkt ein Schiff mit 18 Insassen?

b) An einer schweren und zwei leichten Sünden beichtet ein Kirchgänger acht Minuten und bekommt eine Buße auferlegt, die insgesamt 30 Minuten dauert. Was für Sünden beichtete ein anderer, der nach einer Beichte von ebenfalls acht Minuten mit einer Buße davonkam, die zwanzig Minuten dauert?

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014