Rainer Braune , Natalia Ginzburg, Alexander Lernet,Holenia, Elfriede Jelinek, Bob Dylan, Claudia Hauptmann, Alfred Kubin, Brentano, lyrisch, hoffmanesk, E.T.A. Hoffmann, unverständlich, fesselnd, Mörike, Henry Miller – Jean Paul, Italo Calvino, Storm, Raabe, Tieck, Flaubert, Arno Schmidt, Quentin Tarantino, Proust, Clint Eastwood, Herzmanowsky, Orlando, Anne Capaldi, Nabokov, Eichendorff, Federgemälde – Federzeichnungen – Zeichnungen – Tulpisch, Tulpischer Zirkus, Panoptikum, Tulpische Wildnis, Wunderkammern, Mänäptehoi, Nachtdepesche, Quitzow, Hagnau, Hagnau („Burg“) – Mr. Tambourin Man, Eiskalte Märchen, Vampire – Belcanto , Capri, c’est fini , Melmoth, der Wanderer, Onkel Silas – Hölderlin , Ombra mai fu , Lascia che piango , Il mio crudel martoro – Karma – Onanie, Teufels Küche, Gravitation, Adorno, Karl Valentin, Celan, Burano , Wittgenstein, Der Mönch, Dracula , Die Drehung der Schraube, Necronomicon , Karl Kraus , Die dritte Walpurgisnacht – Buddenbrooks , Felix Krull – Thomas Mann – Max Frisch – Herrmann Hesse – Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie , Jean,Marc Bourgery – Duyputren – Laennec , Nicolas Henry Jacob , Jacques Louis David , Jean, Marie Le Minor , Henri Sick – Phileas Fogg – Bodensee – Mantovani , Annunzio Mantovani, Wolfgang Amadeus Mozart – Johann Sebastian Bach – Johann Sebastian Händel , Graf von Saint,Germain , James Joyce , Der Zentaur im Hippodrom – Neapel – Pompej – Vesuv – Textaufgaben , Ives Saint Laurent , Lew Nikolajewitsch Tolstoi – Tolstoi , Anna Karenina , Ada, oder Das Verlangen , Baron Bagge – Pnin – Märchen – Fitchers Vogel – Blaubart – Blaue Dahlien – Fred Wander , Stephen King , Quentin Crisp – Crisperanto – Krabat , Jurij Brezan , Samuel Beckett – Murphy, Der Graf Luna, Eugen Kogon, Donatien,Alphonse, Francois de Sade , de Sade, Die hundertzwanzig Tage von Sodom, Fjodor M. Dostojewskij, Erniedrigte und Beleidigte , Helmut Koopmann
Celeri 12 - Februar 2007
 Celeri-Übersicht

 


Die Zigeunerkönigshose
Neapolitanisch II

Einmal, beim Mittagessen, fragte Giovannas Mutter ihren Gatten, ob ihm schon aufgefallen sei, mit welchem Geschick ich meine wenigen Jacken, Hosen und Pullover kombiniere? Überrascht und mißtrauisch musterte er mich. Es war ihm noch nicht aufgefallen. Er schien vielmehr erstaunt, daß es ihm hätte auffallen sollen. Ja, betonte die Mutter, an mir könne man sehen, wie man eine abwechslungsreiche und elegante Erscheinung erziele, mit viel Geschmack und mit wenigen Kleidungsstücken - wozu man freilich, fügte sie an, von "der einen" Hose, einer "wahren Abscheulichkeit", absehen müsse. Die Zugehörigkeit dieser "einen" Hose, der "wahre Abscheulichkeit", zu meiner Garderobe hatte eine Vorgeschichte.
Ich war eines Nachmittags in einem Café gesessen. Es war mild, einige Tische waren aufs Trottoir gestellt worden. Eine Gruppe Zigeuner tauchte auf, etliche Frauen in rüschenreichen, hellrosa Kleidern, die sonderbar zu ihren herben, hageren und braunen Gesichtern kontrastierten, und ein junger Mann mit einer Umhängetasche und einer geschulterten Teppichrolle. Die Zigeuner priesen den Gästen des Cafés ihre Waren an; die Frauen Stoffe und Tücher. Unauffällig beobachtete ich den jungen Mann. Er hatte ein zu kleines, tailliertes, braunes Jackett an, darunter ein sehr schönes, aber sehr schmutziges, weißes Hemd, dessen Kragenspitzen sich flügelartig über das Revers des Jacketts legten sowie eine Hose, feinkariert in Schwarz und Gelb, unter der schmalen Taille sich bauschend, unten enger werdend. Nachdem er bei mehreren anderen Gästen abgeblitzt war, kam er zu mir an den Tisch und offerierte mir einen Teppich.
Ich sagte, daß ich Teppiche nicht leiden könne und zudem von ihnen niesen müsse.
Ob er sie nicht trotzdem einmal entrollen solle?
Nein, wozu?
Das sah er ein.
Ob er mir ein Lexikon anbieten könne?
"Ein Lexikon?" staunte ich.
Ganz recht, er griff in seine Umhängetasche und zog einen dicken, grünen Leinenband heraus. Band acht, Ma - No. Nachdem ich darin geblättert hatte, erklärte ich dem Mann, daß es ein schönes Buch sei, ich als Tourist aber mit leichtem Gepäck reise und kein Interesse habe - ich schlug das Titelblatt auf -, vierzehn schwere Bücher mit mir herumzuschleppen.
"Aber wieso denn vierzehn!" rief er.
Nun, soweit ich sehe, gehörten noch dreizehn andere Bände zu diesem Lexikon.
Ach wo, wiegelte er ab. Er kenne das Problem mit dem Gewicht. Deswegen habe er mit Absicht gleich nur einen Band, den mit den wichtigsten Wörtern. Die anderen seien ganz unnötig.
Nur diesen Band hier?
Ganz recht.
Ich nahm das Buch wieder. Während ich blätterte - Maccaglia, Macchiatore, Manchamilla, Mandiritto, Neoidealista, Nozze … - nannte er den Preis. Er war gewaltig.
"Schöne Bilder, oder?" fragte er.
"Ja. Schön", gab ich zu. "Aber wenn ich mal etwas anderes wissen will?"
"Was anderes?"
"Ja. Zum Beispiel ... Centrifuga, Ippopotamo, Pneumatico oder …"
Wozu ich das wissen wolle?
Ich suchte nach einer Antwort.
Das brauche ich gar nicht zu wissen. Das sei völlig unwichtig. Deswegen habe er ja, wie gesagt, gleich nur den Band mit den wichtigsten Wörtern. Die anderen ... "Pah", er winkte ab. "Centrifuga!" Er sprach das Wort aus, daß man gleich wußte, was für ein Quatsch sich dahinter verbarg.
Da habe er wohl recht, gab ich zu. Aber mir sei selbst dieses eine Buch zu schwer für mein Reisegepäck. Er zuckte die Schultern und steckte den Band wieder in seine Umhängetasche.
"Und jetzt?"
"Was ‚und jetzt'?"
"Womit kommen wir jetzt ins Geschäft?"
"Was haben Sie denn noch anzubieten?"
"Ja nichts", sagte er vorwurfsvoll. Ich überlegte und sagte schließlich:
"Ihre Hose würde mich interessieren."
"Meine Hose?" rief er.
"Ja. Aber die werden sie natürlich nicht verkaufen."
Natürlich könne man auch über die Hose reden. Aber wie ich mir das vorstelle: seine Hose kaufen?
"Ach so, sie haben nur eine."
Aber nein. Natürlich habe er noch eine zweite. Aber ob ich vielleicht denke, er habe die zweite Hose immer bei sich?
Da hatte er freilich recht.
"Was kostet sie überhaupt?"
Er nannte den Preis.
"Dafür krieg ich ja eine Maßgeschneiderte!" rief ich.
"Die ist maßgeschneidert."
"Aber nicht für mich."
"Aber für mich. Und ich bin König."
"König?" staunte ich.
Ja. Er sei, genauer gesagt: er werde König. Zigeunerkönig.
"Aber deswegen ist die Hose trotzdem nicht für mich maßgeschneidert."
"Das ist doch egal. Wenn die Figur stimmt."
"Sie stimmt aber nicht. Sie sind schlanker und kleiner. Womöglich muß man die Hose ändern."
"Die paßt jedem", betonte er. "Die ist nicht umsonst maßgeschneidert."
Ich winkte ab.
"Sie können sie hier anprobieren", schlug er vor.
"Hier probiere ich keine Hose an. Wie wird das aussehen. Ich in Unterhose auf dem Trottoir."
"Ich halte den Teppich vor. Wie eine Umkleidekabine."
"Und solang stehen sie in Unterhosen da?"
"Meine Schwester kann mir ein Tuch vorhalten." Er zeigte auf eine der Frauen.
"Hier probiere ich keine Hose an."
"Und wie soll dann unser Handel zustande kommen?"
Ich schlug ihm vor, am nächsten Tag mit der Hose wiederzukommen. Er schüttelte heftig den Kopf.
"Geschäfte macht man gleich oder gar nicht."
"Dann gar nicht."
Er schnaubte empört und kam am nächsten Tag mit der Hose wieder. Ich weigerte mich, mehr zu zahlen, als die Hälfte von dem, was eine gewöhnliche Hose auf einem gewöhnlichen Markt kostete. Er machte mich darauf aufmerksam, daß es nicht sein könne, daß er hier eine halbe Stunde auf mich einrede, um dann zuletzt doch den von mir genannten Preis zu akzeptieren. Das sei doch ein Unding, oder? Dann hätte er ja gleich akzeptieren können. Ich lehnte es ab, mir durch die Länge seiner Überredungsbemühungen den Preis hochtreiben zu lassen. Denn wenn, so mein Argument, ich ihn noch eine weitere halbe Stunde reden lasse, sei die Hose praktisch unbezahlbar. Besser sei, er akzeptiere den Preis.
Verdrossen akzeptierte er. Ich versuchte, ihn aufzuheitern und fragte nach dem Lexikonband. Ob er ihn noch habe? Ja er hatte ihn noch. Der Preis war seit gestern kräftig gestiegen. Woran das liege? Antiquitäten wie diese - er schlug mit dem Band auf das Tischchen, daß der Wirt besorgt aus der Bar sah - hielten sich kaum zwei Stunden im Preis. Ich rechnete mit einem Kugelschreiber auf der Serviette nach und nannte ihm mein Angebot. Er erhob Wehgeschrei. Ich erläuterte ihm, daß ich den Preis durch vierzehn - die Anzahl der gesamten Bände - geteilt hatte. Er lachte höhnisch. Darauf multiplizierte ich den Preis mit vierzehn und fragte, ob alle vierzehn Bände tatsächlich so viel - die Zahl war astronomisch - kosteten? Er wurde kleinlaut. Wir einigten uns auf das Doppelte meines ersten Gebots.
"Ich kaufe einen Band und bezahle für zwei", erklärte ich klagend den anderen Café-Gästen, während er so tat, als könne er - "schade, schade" - kein Wechselgeld finden.
"Die ziehen einem", fuhr ich fort "wie man bei uns sagt, das letzte Hemd aus." Rasch gab er mir mein Geld und verschwand maulend.
Giovannas Mutter, nachdem ich sie gebeten hatte, die Hose zu waschen und zu bügeln, schlug vor, "das karierte Ding" lieber sofort in handliche Putzflecken zu zerschneiden.
"Das ist die Hose eines Zigeunerkönigs!"
"Na, das sieht man, eine richtige Zigeunerhose."
Glücklicherweise war Giovanna von der Hose begeistert. Sie machte sie mir auch passend, indem sie die Säume ein wenig herausließ. Der Lexikonband hingegen wurde überraschend eifrig benützt; oft lasen wir uns abends daraus vor. Sogar Arturo zeigte hin und wieder Interesse an der Bedeutung eines Stichworts.
 


Das Türensuchen

Beim Zeichnen eines Bildes gelange ich immer wieder an einen Punkt, den ich "Das Türensuchen" oder "Das Türenöffnen" bezeichne. Über eine schon recht weit gediehene Zeichnung - die mancher als "fertig" bezeichnen würde - kritzle ich planlos und willkürlich herum und schaue mir dann eingehend an, welche Verbindungen das Gekrakel mit dem bereits Gezeichneten eingegangen ist. Und ich halte nicht vergebens Ausschau; bald entdecke ich den ersten Türspalt; ja, ich kann davon ausgehen, daß ich in jedem der neuen Federstriche einen Türspalt finde und ich also nur auszuwählen brauche, welche Tür ich öffnen will.
Mit zunächst eher flüchtigen Strichen fahre ich fort, öffne die Türe und lasse das Darunterliegende herausdringen und sich als zweiten Bildschleier über die bestehende Zeichnung legen - - - Auf dem Eis stehend blickt man in den See hinunter, wo man am Grund reglose Grasbüschel ausmacht, Sand, Steine, ein Stück Holz, eine Hühnerkralle. Durch einen Spalt im Eis dringt Wasser an die Oberfläche und breitet sich langsam auf dem Eis auf, und zu den Bildern in der Seetiefe gesellen sich die Spiegelungen des dünnen Wasserfilms, die kahlen Zweige der Weise, gelegentliche Möwen, eine Hundeschnauze von unten gesehen, und ein unförmiger, schattiger Fleck: wir selbst, mit unserem übers Eis gebeugten Oberkörper.
 


Pro Tag ein Gedanke - Januar

1 Der Straßenmusiker fiedelt die immergleichen sechs Töne, die Passanten murren, und in jeder Sekunde beginnt ein neues Jahr 2 In der stillen Bibliothek, Flüstern zwischen den Regalen, man stöbert nach Büchern, draußen Regen, der in Schnee übergeht - eine Stimmung, als könne man nun das Leben noch einmal beginnen und als wäre es leicht 3 in jeder Sekunde höre ich auf, hört etwas von mir auf, höre ich ganz auf 4 Der Zitronenkern unterscheidet sich vom Fruchtfleisch, steckt aber so fest darin, daß er, wenn die Zitrone aufgeschnitten wird, mit durchtrennt wird 5 Einer, der der Meinung ist, daß alles, was er an seinem Leben für gelungen hält, seine eigene Leistung ist, das Mißlungene hingegen Folge von Fremdverschulden, Schicksal etc. 6 "Ich lebe seit Langem in der Vergangenheit. Die Gegenwart interessiert mich nicht, sie hat mir nichts mehr zu bieten." 7 "Selbst wenn ich etwas esse, denke ich an die Gerichte, die ich früher aß" 8 Kork, Glas, Kork, Glas, Blech, Blech, Glas, Glas, Holz, Glas, Kork, Glas, Eisen, Glas - eine Halskette 9 Mehr Journalisten als Demonstrierende, die auf das Desinteresse der Medien aufmerksam machen wollen 10 Gut, daß der Fisch nicht nach Fisch geschmeckt hat 11 Als man daran ging, Sterbehäuser zu bauen, bemerkte man, daß keine Häuser für Kinder eingeplant waren. Man hatte vergessen, daß auch Kinder sterben 12 Auf dieser Welt leben sechs Millirarden Menschen; ich bin einer davon. 13 Zwillinge. Der eine interessierte sich für Tiere und hatte sich dafür entschieden, Metzger zu werden. Der andere wollte lieber "was mit Menschen" machen. 14 Fernsehen. Aus Autos steigen Leute, um an der Premiere eines deutschen Films teilzunehmen. Sogenannte Promis. Kenne keinen. Lauter Leute, die man nicht kennt, wenn man keinen Fernseher hat und keine Illustrierte liest 15 Fairer Marktpreis für eine Niere: 40.000 Dollar 16 Komisch: die Leute schauen dauernd fern und sehen Fernsehsendungen, die vorgeben, das Leben darzustellen, aber nie Leute zeigen, die fernsehen 17 Verschiedene Marterlsprüche. Dieser und jener habe damals, als er hier ging, nicht gewußt, daß er schon ein paar Atemzüge später in der Ewigkeit sein würde. Komische Vorstellung. Muß, während ich im zunehmenden Sturm Holz säge, immer daran denken 18 Das Hemd hängt auf der Leine, tropft, und wird bei jedem Tropfen etwas leichter 19 Ich hab keine Zeit! rief er. Prima, dann haben Sie auch keine zu verlieren. 20 "Den Alptraum nicht betreten." Falsch gelesen. Es heißt "Altarraum". 21 Früher war ich tot. Unsterblich. Dann wurde ich geboren und begann zu sterben 22 Auf dem fernen Verkehrsübungsplatz fuhren Kinder Rad. Die Felgen der Räder glänzten in der Sonne und es sah aus, als ritten die Kinder zwischen zwei großen Seifenblasen 23 Seifenblasenweisheit: in jeder Sekunde fängt der Rest an 24 Der Mensch lebt dreißig Jahre länger. Dreißig Jahre mehr Zeit, Dummheiten zu begehen 25 Besichtigungstermin. Flüstern, Schritte. Alle richten in Gedanken ein und schieben und schleifen Möbel in der leeren Wohnung herum 26 Stadtführung: diese Steine sind erheblich älter als jene 27 Von was er auch redete, es ging immer "Ich, ich ich." Und er selbst war auch nicht mehr als dieses Häufchen, "Ich", etwas Kehrricht für die Puppenstubenkehrschaufel 28 Der Rabe landet auf dem Eis. Hei, da mußte er aber mit den Flügeln schlagen, als ihm die Krallen wegrutschten 29 Eine Oma schob in einem Kinderwagen ein dickes Kind. Es hatte einen birnenförmigen Kopf, ohne Hals und mit unwirklich dicken Backen, nuckelte im Schlaf an seinem Schnuller und federte schwabbelnd in seinen Speckpolstern 30 Arschlöcher reden nicht gern von Fäkalien 31 mit engen, nassen Schuhen in den Tag. 


Bericht der Zauberin

Als junger Mann entwickelte ich während einer längeren Krankheit ein starkes - ja völliges - Mißtrauen gegenüber Werten wie: Beständigkeit, Sicherheit, Verläßlichkeit, Vertrauen, Glauben, Zuversicht, Festigkeit, etc. Ich begann - angeregt durch das Lied "Drei Zigeuner ..." und einen Schlager namens "Wie das Glas in meiner Hand" - mich für das sogenannte "fahrende Volk" zu interessieren, lernte dann auch Zigeuner kennen und trieb mich eine zeitlang mit ihnen herum.
Zu jener Familie gehörte auch eine Respektsperson, eine Frau unbestimmten Alters, von der bekannt war, daß sie zaubern konnte. Als ich einmal mit ihr ins Gespräch gekommen war, fragte ich, ob sie mir etwas von jener Zauberkunst erzählen könnte und sie erklärte mir zunächst, daß "Zauberei" bei ihr bedeutete: Verwünschen, genauer: Verfluchen. Im übrigen, fügte sie an, gebe es wenig davon zu erzählen, denn sie tue es äußerst selten.
Auf mein Erstaunen hin - denn ich hatte mir vorgestellt, daß man eine derartige Gabe häufig einsetzt - erklärte sie mir die Mechanik und die Gesetze, denen ihre Zauberkunst unterliegt: Wenn sie einen Fluch ausspreche, so müsse sie nämlich sicher sein, daß dieser gerecht sei. Andernfalls erfülle sich der Fluch zwar gleichfalls, kehre sich aber in voller Stärke auch gegen sie selbst.
"Gerecht?!" staunte ich. "Aber wer legt fest, was gerecht ist? Ist das irgendwo aufgeschrieben?"
Nein, natürlich nicht. Das müsse man selbst entscheiden oder besser: abschätzen. Verhänge man einen ungerechten oder unangemessenen Fluch, so merke man es binnen kurzem.
Und weil es so ist, schaue man sich eine Person genauer an; und je länger und genauer man hinschaue, desto vorsichtiger werde man bei der Beurteilung eines Menschen und seines Verhaltens. Geradezu unwillig aber werde man, wenn es darum gehe, ihn zu verurteilen und erst recht: etwas gegen ihn zu unternehmen.
Wegen dieser Uneinschätzbarkeit führe sie grundsätzlich keine Aufträge aus. Auch Wünsche im eigenen Interesse seien nicht möglich. Da nämlich der Mensch von Natur aus egoistisch ist und seine Interessen stets vor andere stelle, sei es äußerst unwahrscheinlich, daß die aus Eigennutz geäußerten Anliegen gerecht, verhältnismäßig und angemessen seien. Und zu entscheiden, ob ein Wunsch im eigenen Interesse vielleicht doch gerecht sei, diese Fähigkeit sei niemandem gegeben. Niemand können sich selbst in die Augen sehen. Dazu seien Spiegel nötig. Spiegel aber würden bekanntlich nur von eitlen Affen benützt. In ihren Wohnwägen hingen zwar auch Spiegel, aber nur, um das Licht von außen nach innen zu locken.
Flüche aus Habgier, Rachsucht, Schadenfreude, Neid hätten katastrophale Folgen für den, der sie ausspricht. Sie verfluche nur, wenn sie völlig sicher sei; oder so empört, daß es ihr egal sei, wenn der Fluch auf sie zurückfalle.
Normalerweise aber - da also Einschätzen eines Menschen eine äußerst schwierige Sache ist, nicht nur, weil es schwierig ist, alles von diesem Menschen zu erfahren, sondern viel mehr noch, weil das Einschätzen, bzw. der Einschätzende eine Fehlerquelle sind - übe sie ihre Zauberkunst praktisch nie aus.

Ich hatte bemerkt, daß die Zigeuner sehr religiös waren und fragte die Zauberin, ob ihre Zauberkunst nicht mit der Religion in Konflikt gerate. Sie verstand nicht, was ich meinte. Ich erklärte es ihr noch einmal.
"Der Pfarrer", schloß ich, "zaubert ja auch nicht."
"Aber natürlich nicht. Er kann es ja gar nicht."
Außerdem, fuhr sie nach einer Weile fort, sei zwischen ihrer Religion und derjenigen der Gadje (gesprochen: Gatsche - die Nichtzigeuner), bei aller scheinbaren Gleichheit ein himmelweiter Unterschied. Ich solle nur mal sehen, was die Gläubigen einschließlich des Herrn Pfarrer selber, für Gesichter machten, wenn es ihr einfallen sollte, mit ihrer Sippe zum Gottesdienst aufzutauchen.

Ich fragte, ob man die Zauberkunst erlernen könne?
Nein. Entweder kann man sie oder nicht. Es habe nichts mit Geschlecht oder Alter zu tun.
Ob ich fragen dürfe, wie alt Sie sei?
Warum nicht. Zwischen 45 und 55.
"Genauer wisse Sie es nicht?"
Genauer interessiere sie es nicht.
Und wie alt sie sich fühle?
Sie überlegte.
"Zweihundertfünfzig ... ?" sagte sie schließlich unschlüssig.

Ein andermal fragte ich sie, warum sie eigentlich nicht etwas Positives zaubere, anstelle zu verfluchen.
"Etwas Positives?"
"Ja. Eine Krankheit lindern. Ein Liebespaar zueinander führen. Jemandem zu seinem Glück verhelfen."
Entsetzt lehnte sie ab. So etwas würde sie nie tun, nie.
Über ihre Vehemenz verwundert, fragte ich:
"Aber warum denn nicht? Zu helfen ist doch schön."
"Vielleicht. Aber wenn ich verfluche, dann beende ich etwas. Etwas Böses hört auf. Wenn ich etwas Positives zaubere, dann beginne ich etwas, füge der Welt etwas zu, ohne zu wissen, wohin es führt."
Deswegen soll ich mir das Verfluchen auch nicht so vorstellen, daß sie etwas Böses in die Welt setze, sondern so, daß sie etwas beende. Sie bestrafe einen Frauenschänder nicht, indem sie ihm irgend etwas zufüge, also eine weitere Bosheit in die Welt setze, sondern indem sie ihm zum Beispiel sein wichtigstes Werkzeug verdorren lasse. Etwas in die Welt einführen, gleich ob gut oder böse, das sei heikel. Man wisse nie, was draus wird. Sie würde so etwas nie wagen.
"Denn schau: Einer kommt und erbittet Glück bei der Eröffnung einer Autowerkstätte. Das erscheint Dir wahrscheinlich harmlos, nicht wahr?" Ich nickte, und sie fuhr fort. "Die Werkstatt floriert, und er repariert und verkauft Autos, durch die Menschen zu Tode kommen. Zum Beispiel ich selbst. Oder einer bittet um Hilfe bei seiner Impotenz, er will eine Familie gründen. Seine Frau wird unglücklich, stirbt bei der Geburt, seine Kinder werden Nichtsnutze - kann ich solch eine Schmach und Schande auf mich laden?"
Man wisse sowieso nie, was aus unserem Handeln wird. Deswegen sei sie auch mit dem völlig unzauberischem Helfen vorsichtig. Da reiße man jemanden von der Straße zurück, weil er den herandonnernden Lastwagen nicht bemerkt hat. Er bedanke sich überschwenglich und gehe zu seiner Arbeit an der Rampe im KZ. Da helfe zum Beispiel irgendein gutherziger Frauenarzt ohne Bezahlung einer armen Frau bei einer schweren Geburt, und das Kind würde dann auf den Namen Adolf Hitler getauft.
"Aber manchmal wird auch etwas Gutes aus dem, was wir tun", meinte ich trotzig.
"Ja, ja, manchmal schon", sagte sie gleichgültig.
 


Hausaufgabe

Versuchen Sie einmal, die Konsequenzen einer - oder einiger - Ihrer Handlungen abzuschätzen.

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

 Celeri-Übersicht
© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014