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Celeri 13 - März 2007
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Kirchgang
Neapolitanisch III

Ich hatte begonnen, die Familie zum sonntäglichen Kirchgang zu begleiten, eine Prozedur, die einiger textiler Vorbereitungen bedurfte und in demonstrativer Gemächlichkeit auf etlichen Umwegen durchgeführt wurde und gelegentlich auf dem Rückweg durch den Besuch einer Eisdiele gekrönt wurde.
Der Gottesdienst war eine mir bis zuletzt undurchschaubare Abfolge von Gesang, Aufstehen, Murmeln, sich wieder Setzen, wieder Aufstehen, wieder Hinknien, usw. ehe endlich die Predigt begann.
Ein defekt schnaubendes Männlein hievte sich die Treppe zur Kanzel hinauf, verharrte dort einige Augenblicke und sah drohend, mit auf der Brüstung aufgestützten Armen auf seine Schäflein herab, machte mehrmals eine eigentümliche Bewegung mit seinem Unterkiefer, als probiere er, wie weit er ihn herunterklappen könne und begann mit überraschend lauter Stimme zu predigen. Ich verstand kein Wort.
Nein, flüsterte mir Giovannas Mutter zu, es sei nicht Neapolitanisch, aber er spreche so ein furchtbares Kauderwelsch, daß sich ein jeder einhören müsse. Ich solle mir nichts denken und mir vor Augen halten, daß die Kirchgänger seine Predigt gewohnt seien.
"Seine Predigt ..." Der Singular war treffend, denn es handelte sich, wie ich an den folgenden Sonntagen feststellen konnte, um Variationen der mehr oder weniger gleichen Gedankenfolge. Anfangs gab mir Giovannas Mutter kurze geflüsterte Zusammenfassungen der durch blähbackiges Schnauben unterteilten Sentenzen, dann hatte auch ich mich eingehört und konnte ohne Übersetzungshilfe der Predigt folgen. Die Sünde war schlecht, und er war strikt dagegen, er war für Gottgefälligkeit, aber er wisse, daß sowieso jeder mache was er wolle, er wisse gar nicht, warum er sich noch die Mühe mache, auf die Kanzel zu klettern, zumal, wie alle wüßten, er es in den Knien habe, aber es sei nun mal seine Pflicht und Aufgabe, von der Sünde abzuraten, er selbst habe sich, wenn er dereinst vor den Herrn trete, nichts vorzuwerfen, er möchte nicht wissen, wie die Sünder dann dastehen, aber wahrscheinlich sei's ihnen selbst dann noch egal, wenn möglich würde er dem Herrn dann zu einer milderen Strafe zureden, aber er wisse nicht, ob das möglich sei, der Herr sei gerecht und gewiß nicht bestechlich, denn was sei davon zu halten, wenn bestechliche Sünder vor den Richter treten und dieser dann, ganz in ihrer eigenen Art, Sünderart eben, beide Augen zudrücke, wenn das bekannt würde, würde sich niemand mehr was beim Sündigen denken, so habe mancher wenigstens noch ein schlechtes Gewissen, der Herr sei wie gesagt gerecht, und um eine Strafe käme man nicht herum, zu schachern gäbe es da nichts, und wie die Strafe aussehe, das wisse jeder, und das Opfer sei für einen neuen Elektroradiator in der Sakristei, aber wenn weiterhin so spärlich gegeben würde, dann könne er lange warten, daß es in der Sakristei einmal warm werde, da sei es gut möglich, daß er wegen Erkältung die Predigt nur flüsternd halten könne, an seine Knie denke er gar nicht erst, halten werde er sie, die Predigt, auf jeden Fall, er kenne seine Pflichten und wisse, wozu er auf der Welt sei, wenn er seine schmerzenden Knie recht deute, sei die kommende Woche mit mildem Wetter bei gelegentlichen Schauern zu rechnen.
Mit dem Kinn machte er eine energische Bewegung zum Ministranten, der sprang auf und half ihm die Treppe herunter.
 


Pro Tag ein Gedanke - Februar

1 Man wünscht sich, daß der Winter vergehen soll. Aber dieser Winter ist dann, ein für alle Mal, vorbei und kann nicht mehr wiederholt oder nachgeholt werden. Früher war man verschwenderischer mit der eigenen Zeit. Ein bißchen schlechtes Wetter, und schon war man bereit, ein paar Monate seines Lebens herzuschenken. Jetzt versucht man, auch das Unangenehme als Teil des eigenen Lebens anzunehmen, wenn nicht zu genießen. 2 Er verspürt Rückenwind. Er soll sich nicht täuschen lassen. Jeder, der rückwärts geht, glaubt das. 3 Politiker, die ständig Gesetze ändern, damit ihre Vorhaben nicht mehr kriminell sind 4 Wenn einen etwas mißtrauisch machen sollte an der Politik, dann ist es das ständige (und meistens stillschweigende) Ändern von Gesetzen. Wenn die Tür zum Parlament wieder auffliegt, ist aus Verbotenem Erlaubtes geworden, und schon braucht ein bislang schallgedämpftes Kassenklingeln laut und lästig übers Land scheppern 5 Gespräch mit X - etwas lästig fallend durch seinen fixe-Idee-ähnlichen Ehrgeiz, nur druckreife Sätze von sich zu geben 6 Wunsch eines bosnischen Kindes: In der Bäckerei sitzen und Kuchen essen 7 Die Krakeelerei von Politikern nach Werten, immer in der Tonart "Wenn alle so wären wie ich ..." Im nächsten Atemzug betonen sie wieder, daß ihre Käuflichkeit ihre alleinige Antriebsfeder ist 8 "Dann gehts unserer Wirtschaft schlechter!" wimmern Politiker und ihre Herrchen, die Wirtschafter. Aber was ist wichtiger: ob es der Wirtschaft schlechter geht, oder ob unsere Welt zugrunde geht? 9 Ein 79jähriger , tatteriger Mann erzählt immer wieder davon, daß er ständig Pläne schmiedet. Man möchte lieber nicht wissen, um was für Pläne es sich handelt, von denen ein unaufhörlich pläneschmiedender 79 jähriger Tattergreis unaufhörlich redet 10 Politisch aktiv werden - das heißt fast immer, gegen Politiker aktiv werden. Das bedeutet, daß 11 Politisch aktiv werden heißt: Land und Bevölkerung vor Ausschlachtung und Schädigung durch Politiker zu schützen zu suchen 12 Wörter bleiben gleich, aber ihre Inhalte ändern sich unmerklich, und "Liebe" war vor hundert Jahren etwas anderes als heute 13 Theater: Ein kleiner, kleiner, einbeiniger Hund namens "Sinn" steppte auf der großen, großen Bühne herum 14 Es klirrte, eine Flasche war, ohne zu zerbrechen, zu Boden gefallen. Im Weitergehen sahen wir uns an. Der Klang und die sich drehende Flasche würden nun in den Erinnerungen zweier Menschen, die sich nicht kennen, weiter existieren 15 Zehn, fünfzehn Jahre unterwegs, um ins Paradies zu gelangen. Dann fast ertrunken, aufgegriffen und abgeschoben. Trotz Lebensgefahr ein neuer Versuch. Was habe ich zu verlieren außer einem Leben, das nicht lebenswert ist? 16 Bilder, die aussehen, als seien sie entweder bei Zahnweh oder bei leichter Musik gemalt worden 17 X - hochgebildet, belesen. Konnte zu jedem Buch/Namen gleich zehn weitere nennen und dazu in Bezug setzen. Namen, die wiederum ihrerseits zehn weitere Namen dazu in Bezug setzen konnten, usw. Irrsinnskarussel der Gebildeten 18 Ein junger Mensch, der gerne "ins Leben hinausgehen" möchte, gerne sein eigenes Leben gestalten würde und erschrocken und eingeschüchtert ist, weil er bemerkt hat, daß man ihn nicht braucht, daß kein Platz für alle ist, daß zwar alle nach Werten schreien, als alleiniger Wert jedoch der kommerzielle angesehen ist, daß die schlichteste menschliche Regung auch im privaten zwischenmenschlichen Bereich der Kosten-Nutzen-Bewertung unterliegt, daß kaum eine Form von Mitmenschlichkeit, weder Anteilnahme noch Wärme, weder Empathie noch Solidarität zu finden ist, und statt dessen alle - auch die jungen Menschen - im Jeder-gegen-jeden-Verfahren über einander Macht zu erringen versuchen, indem sie sich gegenseitig zu disqualifizieren, schlecht zu machen und zu unterdrücken und auszunützen versuchen 19 Verquere Debatte ums Rauchen. Viel von "Recht auf", "Freiheit" und "Genuß" die Rede. Dabei ist es eine Sucht, und Sucht heißt "Müssen". Recht auf Müssen dürfen. Genießen müssen. Frei sein müssen 20 Endzeit. Die Suche der Filmleute am Rand der schon blaßgefilmten Welt nach noch Abfilmbarem. Das Leben: gefilmt. Der Alltag: gefilmt. Das Besondere: gefilmt. Eigentlich alles: gefilmt. Die Suche nach dem Filmenswerten ist abgelöst durch die große Suche nach dem Ungefilmten 21 Das Elende an unserer Politik, unserem gesellschaftlichem Zustand, ist das völlige Fehlen von Visionen und Utopien. Und wenn irgendwo eine Vision existiert, dann besteht sie darin, die Schäden durch Politik und Wirtschaft rückgängig zu machen oder einzudämmen 22 Jazz - Erbrochenes mit Ketchup 23 die Zukunftslosigkeiten der privaten Lebensführungen sind nicht weniger elend als die der Gesellschaft. Keine Vision, keine Aussicht 24 Filmmusik - Dünnschiß in Aspik 25 Nationale Kultur ist keine Kultur, allenfalls Folklore 26 Verbraucherlogik: Klar sind Energiesparlampen günstiger im Verbrauch, amortisieren sich in absehbarer Zeit. Aber solang sie beim Anschaffen teurer als normale sind, kaufen wir lieber normale Glühbirnen 27 Menschen reden enorm viel. Schon nach wenigen Jahren hat ein Mensch mehr Wörter ausgesprochen als er Stunden zu leben hat 28 Kleines Gedankenspiel: Man darf alles tun, vorausgesetzt, es nützt einem selber nicht mehr als anderen. Variante: Man darf alles tun, vorausgesetzt, einem selbst nützt es nichts.
 


Lebenstüchtig durch zeitgenössische Literatur

Nach einem längeren Aufenthalt in Gegenden, die von hier aus gesehen gern als "unzivilisiert" bezeichnet werden, hatte ich etwas Mühe, mich im sog. Zivilisierten wieder zurecht zu finden. Da kam mir die Idee, daß ich, um mich besser einzugewöhnen, einige zeitgenössische Bücher lesen könnte. Der Buchhändler, den ich um einige Empfehlungen bat, nickte und legte mir drei Bücher hin. Das erste war nicht das Richtige. Ein Mann beschrieb den Abgrund, in den er nach seiner Scheidung gestürzt war. Das nächste behandelte die "psychische Berg- und Talfahrt einer erfolgreichen Unternehmensberaterin, die sich, obwohl keineswegs unglücklich verheiratet, zu Beginn ihrer Menopause eines Tages eingestehen muß, daß sie sich verliebt hat und dann den bewegenden Weg von dieser Erkenntnis zu einer Entscheidung geht". Das dritte Buch beschrieb, "nicht ohne Komik, eine Liebesbegegnung inmitten religiöser, politischer und rassistischer Wirren und war zugleich eine Abrechnung mit ..." - als sich der Bibliothekar einem anderen Kunden zuwandte, verließ ich mit genuscheltem Gruß rasch das Geschäft.
Ich war unzufrieden. Hatte ich die Flinte zu früh ins Korn geschmissen? Hätte ich doch eines der Bücher kaufen und mich darin versenken sollen? Als ich an einer anderen Buchhandlung vorbeikam, entschloß ich mich zu einem zweiten Versuch.
Die Buchhändlerin, mit riesiger schwarzgerahmter Brille, sah aus, als habe sie die meisten der ausliegenden Bücher selbst verfaßt. Sie trug über ihrem üppigen Leib ein enges, schokoladenfarbenes Wollkleid. Ein riesiger Halbedelstein, an einer Lederschnur hängend, lag auf ihren gleichfalls riesigen Brüsten.
Auf meine Bitte, mir einige zeitgenössische Werke zu empfehlen, legte sie mir ohne zu überlegen und mit großer Bestimmtheit ein einziges Buch hin.
Während sie die Plastikfolie abriß, sah ich verstohlen auf ihre Schultern, wo zu erkennen war, wie tief sich die Träger ihres Büstenhalters einschnitten. Mir fiel ein Erlebnis ein, das ich - schon in Deutschland - auf meiner Heimreise hatte. In das offene Zugabteil stieg eine größere, anscheinend zusammengehörende Gruppe ein, vorwiegend Frauen sowie zwei Männer, von denen einer an seiner Kleidung als Geistlicher zu erkennen war. Ich hatte die Versammlung für mich mit "Heimkehr von der Wallfahrt" untertitelt. Gegenüber den zwei für sich sitzenden Männern, auf der anderen Seite des Mittelganges, saßen ich, sowie zwei Frauen, eine davon mit mächtigem Busen. Nach einer Weile begann der - nichtgeistliche - Mann, ihr zu erläutern - mit erhobener Stimme, weil über den Mittelgang hinweg -, daß ein sogenannter Büstenhalter ein falsch ausgedachtes Unding sei, nicht nur bei Brüsten vom Kaliber der ihrigen, sondern überhaupt. Und zwar aus physikalischen Gründen. Weil sie selbst nämlich als Trägerin fungiere. Weshalb der Versuch, die Brüste mittels eines BH zu heben in etwa so sinnvoll sei, wie der Versuch, sich selbst durch Hochziehen am Hosenbund leichter zu machen. Das gehe doch auch nicht, oder? Man solle es nur mal versuchen und sich dabei auf die Waage stellen. Er hatte mich um Zustimmung heischend angesehen, aber ich hatte keine Lust, mich mit fremden Männern über die physikalischen Probleme von Büstenhaltern zu unterhalten und sah aus dem Fenster. Und das gleiche könne auch sie versuchen, fuhr er an die Frau gewendet fort, wenn sie sich beim Anlegen des Büstenhalters auf die Waage stelle. Der Busen werde zwar angehoben, aber auf der Waage würde sich die Anzeige um keinen Millimeter bewegen, die Last der Brüste verbleibe vollständig in ihrem Körper und müsse von ihr selbst weiterhin ungeschmälert getragen werden. Sie, die Last, setze nur, und zwar über das Gurtsystem des Büstenhalters, an diversen Punkten ihres Körpers an. Eine wirkliche Erleichterung erziele sie nur dann, wenn der BH an etwas außerhalb ihres Körpers angebracht sei, was aber schwierig durchzuführen sein dürfte. Der Besitzerin des Riesenbusens war nicht anzusehen gewesen, ob sie ihm zuhörte; sie hatte die ganze Zeit aus dem Fenster geblickt.
Diesen Gedankengang könnte ich auch der Buchhändlerin darlegen und ihn ihr noch durch eine mittelalterliche Geschichte anschaulicher machen: Ein Mann reitet auf seinem Esel zur Stadt und kauft dort Getreide ein. Nachdem sie einen Teil des Rückwegs zurückgelegt haben - der Mann zu Fuß, der Esel mit dem schweren Getreidesack - bleibt der Esel stehen und klagt, daß der Mann munter neben ihm hergehe, während er allein die Last zu schleppen habe. Er sei zwar gewohnt, den Mann zu tragen, der Sack aber sei viel schwerer als der Mann. Der Mann solle gefälligst auch einmal den Sack tragen. Der Mann ist verlegen, stimmt zu, bittet aber den Esel, dann, wie gewohnt, ihn zu tragen. Der Esel ist einverstanden, und der Mann sitzt auf, hievt sich den Sack auf den Rücken und so setzen sie ihren Weg fort. Der Esel trägt den Mann, der den Sack trägt. Nach einer Weile stöhnt der Mann: "Du hast Recht, der Sack ist wirklich schwer." Der Esel: "Meine Rede." Der Mann: "Und bei dir? Besser?" Der Esel nickt: "Kein Vergleich mit vorher."
Nach dieser Ausschweifung würde ich, zum physikalischen Aspekt des Problems zurückkehrend, noch einmal betonen, daß sie eine wirkliche Erleichterung nur dann erziele, wenn der BH an etwas außerhalb ihres Körpers angebracht sei, was aber schwierig durchzuführen sein dürfte; es sei denn, fiel mir ein, es handle sich um eine Art bewegliches, z.B. an der Decke angebrachtes Schienensystem, das ihr Bewegungen im Raum ermögliche (aber Vorsicht beim Bücken!).
"Durchaus sinnlich", sagte die Buchhändlerin und pochte einmal mit dem gekrümmten Finger auf das Buch. Wahrscheinlich nett gemeint. Aber es war mir unangenehm, beim Ankauf eines Papierstapels darauf hingewiesen zu werden, daß ich beim Durchblättern möglicherweise Lust auf Geschlechtliches bekommen würde. Sie sah mich forsch an. Ihr dicker Mund war dunkelbraunrot. Ich brummte vage und las die Zusammenfassung auf der Buchrückseite.
Es handelte sich um die "psychische Berg- und Talfahrt einer erfolgreichen Unternehmensberaterin, die sich, obwohl keineswegs unglücklich verheiratet, zu Beginn ihrer Menopause eines Tages eingestehen ..." Aha! Es schien unumgänglich, daß ich mich diesem Buch zu stellen hatte.
"Und?" fragte die Buchhändlerin. Sie würde pro Tag einen Lippenstift verbrauchen. Ich las weiter.
"Und?" fragte sie in einer leicht ungnädigeren Version.
"Menopause" wußte ich, traute mich aber nicht, zu fragen, was ein kleingeschriebener "artdirector" ist.
"Ich weiß nicht recht", sagte ich und versuchte, abwäglerisch zu klingen.
"Vielleicht noch was anderes. Zum Vergleich", wagte ich. Sie ging nicht darauf ein. Verständlich. Wenn man damit erst anfinge ...
"Ein Affront gegen die Welt des schönen Scheins", lobte sie. Ihr Make-up war aus Kakao, mit welchem in geschickter Trompe-l'œil-Technik die fehlenden Schatten fehlender Vertiefungen in ihrem großen Gesicht malerisch aufgetragen waren.
"Ein Tabubruch", sagte sie, als preise sie ihr täglich Brot. "Eine Frau mit jüngerem Liebhaber."
Ich sah sie unsicher an. Ich war auch jünger als sie.
"Ich kann mich nicht recht entscheiden", versuchte ich mich zu entwinden und besah die Vorderseite des Buchs, als erwäge ich die Anschaffung.
"Es erschließt sich nicht sofort." Sie trug die Brille auf der Nasenspitze. Ihre künstlichen Wimpern würden ansonsten als inwendige Scheibenwischer fungieren.
"Sicher ...".
"Und nicht jedem", wurde sie deutlicher. "Manchen freilich nie", setzte sie nach und betrat mit: "Bei denen ist Hopfen und Malz verloren", endlich den Bolzplatz, auf dem die Guten und die Schlechten voneinander getrennt wurden.
Eingeschüchtert kaufte ich das Buch, was aber nichts mehr an ihrer Geringschätzung ändern konnte. Ihre lackierten Krallen kratzten über den Schutzumschlag, als sie mir das Buch wegnahm; den Betrag tippte sie mit einem Reisstäbchen ein.
"Gar nicht billig ... für so ein dünnes ... Werk", wagte ich ein Konversatiönchen. Sie redete aber schon nicht mehr mit mir.
Ich ging zum Bahnhof und las im Wartesaal.
Der kleingeschriebene "artdirector" war gleichfalls "erfolgreich", weil er mit Gestaltung von Werbebroschüren ein Heidengeld machte. Aber es deutete sich schon kurz nach seinem Auftreten an, daß Erfolg allein nicht glücklich macht. Immer wieder fühlte er sich "fremd" und fragte sich "ob das alles sei". Zwischen ihm und der gleichfalls erfolgreichen Unternehmensberaterin fand eine Begegnung statt. Inmitten des Sektempfangs aus Anlaß des erfolgreichen Abschlusses einer in langen Verhandlungen ausgearbeiteten - ich sah mich luftholend um - Strategie zur Durchführung einer Werbekampagne, die nicht zuletzt wegen der dankenswerten ... ich übersprang ein wenig ... sie hatten nur noch Augen füreinander, er mußte an seine Rede erinnert werden - hier übersprang ich wieder ein wenig - die Liebe war archaisch und verstörend, ich wunderte mich, wo plötzlich soviel Münder her- und hingeraten waren, und bemerkte, daß ich in eine Beschreibung von Geschlechtsverkehr geraten war, ging noch einmal eine Seite zurück, kannte mich aber in nicht aus inmitten des Schenkelgehebels, Hauchens, Armeknotens, Flüsterns und Stöhnens, und übersprang wieder ein wenig, der Alltag hatte sie wieder, jeden an seinem Schreibtisch, ich fragte mich - ob ich auf den Koffer aufpassen könne? "Gern!" - ich frage mich, wann beim "starken beruflichen Engagement" aller Personen die Liebe denn ihre archaische, verstörende Kraft entfalten sollte. Die schwierige (sie war verheiratet, er zehn Jahre jünger) Liebesbeziehung wurde, nach anfänglichem, drei- bis viermaligem, überwältigend erfüllendem und wie gesagt archaischem Geschlechtsverkehr, mehr und mehr per Handy oder Mail verhandelt. mir fiel das "Verheiratetsein" des Klappentextes ein und fragte mich eben, wo denn der Gatte abgeblieben war, als er schon zur Tür hereinkam. Flüchtiger Wangenkuß. Der Gatte war von der Autorin zu einer zeit- und platzsparenden Gliederpuppe modelliert, die ständig zu spät nach hause kam, ihre Erotik in jenem flüchtigen Wangenkuß erschöpfte und dann, schon während des Abendessens die mitgebrachten Akten durchsah. Einmal, als sie beim zweiten Cappuccino ahnte, daß er nicht kommen würde, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Wie sollte das nur enden? Vermutlich ist es ein großes Problem der - "Ja. Unverschämt, daß die nicht nötig haben, eine Durchsage zu machen" - der zeitgenössischen Literatur, daß es im zeitgenössischen Leben nicht nur nichts Beschreibenswertes mehr gibt, weil in diesem zeitgenössischen Leben weder - "Banane? Danke. Das heißt doch. Gerne. Danke." - weder Raum noch Zeit ist, ein lebenswertes Leben zu führen. Die Menschen haben zu viel mit anderem zu tun. - "Wie? Nein, ich weiß nicht, ob zwischenzeitlich eine Durchsage kam" - Das Leben eine - "Ja. Schrecklich, daß die Züge immer zu spät kommen" - das Leben eine Denksportaufgabe für Zen-Buddhisten, eine Ziegelsteinschleiferei, bis - "Meine Bananenschalen? Mitnehmen? Zu freundlich" - bis endlich ein blanker Spiegel daraus wurde. Die Sache - "Nein, die Zeitung gehört nicht mir" - die Sache spitzte - "Natürlich habe ich nichts dagegen. Sie gehört mir wie gesagt nicht" - spitzte sich zu, er fuhr - "Nein, ich warte auf keinen Zug" - er fuhr mit seiner Frau (plötzlich war er auch verheiratet) in Urlaub, und sie verbrachte eine höllische - "Nein, ich lese hier nur." - eine höllische Woche allein, stets das Handy bei sich, fiebernd, nachts von - "Danke. Gute Reise" - nachts von eingebildetem Klingeln hochschreckend, bei der Beschreibung diverser Aufbäumungen und schüttelnder Zuckungen, die ich für - "Wie gesagt: die Zeitung gehört nicht mir" - die ich für Masturbation hielt, nickte ich ein und wachte auf, von der sich auf mir wälzenden Buchhändlerin bei verstörendem, archaischem Geschlechtsverkehr über und über mit Kakao und Lippenstift beschmiert, holte mir einen Pappbecher mit Kaffee und las das Buch auf dem Bahnsteig zuende. Es ging gut aus. Er kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben, und sie stellte fest, daß das Ende der Beziehung der Anfang eines langen Weges zu sich selbst ist. Schlußbild: ihr Mann taucht zu seinem flüchtigen Wangenkuß auf. Er hat die ganze Zeit nichts gemerkt. Für ihn: wie nicht gewesen. Ich schloß das Buch und blickte sinnend vor mich hin, um das Gelesene nachwirken zu lassen und darauf zu warten, daß sich ein zusammenfassender Gedanke, womöglich ein bedeutender, einstellte. Aber es stellte sich keiner ein.
 


Hausaufgabe

Haben (oder hatten) Sie schon einmal einen bedeutenden Gedanken gehabt?
Wenn ja, wie ging er?

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014