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Celeri 14 - April 2007
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Ankauf einer Briefmarke

Als ich die Schalterhalle betrat, fühlte ich augenblicklich die Hoffnungslosigkeit, die von öffentlicher Macht, gepaart mit Desinteresse und Unfähigkeit, ausgeht. Vor jedem der drei Schalter eine Warteschlange. Alle Menschen, beim Betreten automatisch zu "Kunden" geworden, sahen aus, als seien sie zuvor mit Aufwischwasser abgewaschen worden. Ich stellte mich bei dem dicken Beamten mit dem Bürstenschnitt und der feinsinnigen Lesebrille an.
Manche Kunden flüsterten. Zwei unterhielten sich lauter, es ging darum, wer wen zum letzten Mal gesehen hatte. Manchmal reckte einer den Kopf, um zum Schalter zu sehen; ein anderer wandte den Kopf und suchte Zustimmung für sein demonstratives Kopfschütteln. Alle sahen bemüht weg. Einer deutete grummelnd an, daß er Wichtigeres zu tun hätte. "Was denn?" erkundigte ich mich mitfühlend. Er blies wegwerfend die Backen auf - es wäre soviel gewesen, daß er erst gar nicht mit Aufzählen anfangen wollte. Daß ihm der Mann hinter ihm, sein sog. "Hintermann" also, erläuterte, wie er "auf den Putz hauen" würde, wenn er (der Hintere) solange zu warten hätte wie er (der Vordere), fand ich logisch sehr originell. Ich vertreib mir die Zeit mit Phantasien, ließ die drei Schalterbeamten sich an Koliken winden. Entsetzlich, wie sie die Gesichter verzerrten. Obwohl man Schreie und Stöhnen gehört hätte, beließ ich es im Lautlosen, ein Kunstgriff, der den Eindruck steigerte. Dann ließ ich die Kunden ein Spiel veranstalten, bei dem es darum ging, sich alle Knöpfe abzureißen und zu schlucken. Sie rissen und schlangen, weil der Vertilger der meisten Knöpfe mit einem schönen Preis belohnt wurden, eine Reise zu zweit, wohingegen der schlechtest Abschneidende einen Strafpreis bekam, eine Reise zu weit. Dann ließ ich in jeder Schlange einen Kunden umfallen. Die anderen sahen höflich weg. Dann ließ ich einen männlichen Kunden die Hose öffnen und sich höflich bei der vor ihm stehenden Dame erkundigen, ob er ihr ans Bein pinkeln dürfe. Ich ließ sie dieses Ansinnen ebenso höflich von sich weisen. Er drehte sich zu seinem Hintermann um, wurde aber, noch ehe er seine Frage stellen konnte, abschlägig beschieden. Resigniert packte er wieder ein. Dann füllte ich die Schalterhalle brusthoch mit Buttermilch. Als eine Kundin die Tür öffnete, schwappte alles hinaus. Dann wandte ich mich wieder den Schalterbeamten zu und ließ sie langsam aber zügig anschwellen. Bis sie sich die Gesichter an den Glasscheiben plattdrückten. Dann ließ ich sie schließlich unter einem synchronen Dauerfurz langsam wieder abschwellen.
Gleich war ich dran. Nur noch eine Frau vor mir. Als Dauerbrünstling verzichtete der Beamte weiblichen Kunden gegenüber nie auf Anzüglichkeiten, wozu ihm stets derselbe Vorgang als Vorlage einiger dürftiger Variationen diente.
"Bissl lecken gefällig?" Er stierte über seine Lesebrille hinweg und wartete in einer Kombination von Grinsen und leckbereit heraushängender Zunge auf die Irritiertheit der Kundin und hielt dann feixend die Briefmarke hoch. "Wissen Sie, nichts geht über fachmännisches Ablecken."
Ich hatte mich schon bereit gemacht und die Formulierung meines Briefmarkenwunsches innerlich memoriert, als sich herausstellte, daß noch ein Formular ausgefüllt werden mußte. Die Frau hatte fast zu jeder Spalte eine Frage, und der Beamte gab bereitwillig Auskunft und durchwühlte jedesmal, wenn sie sich vorbeugte, um zu schreiben, mit den Augen ihr Dekollete.
Ich ließ dabei dem Beamten den Kopf herunterfallen. "He! Aufheben!" keifte der Kopf vom Boden her. Dann war das Formular ausgefüllt, wurde aber noch einmal eingehend Zeile für Zeile geprüft. Solange ließ ich alle drei Beamte kraftvoll und in Hochgeschwindigkeit onanieren. Dann kam ich dran.
"Toll!" lobte ich. "Ein irrsinniges Tempo!"
Er sah mich mißtrauisch an, bereit, mich ans Ende der Schlange zurückzuschicken.
"Halt!" rief ich, als er die Briefmarke auf das orangne Gummikissen drücken wollte. "Würden Sie's bitte ablecken", verlangte ich. "Aber gründlich. Wissen Sie, über den vom Fachmann ausgeführten Leckvorgang geht nichts." Er sah mich mißtrauisch an, aber die lilane Molluske war ihm reflexartig schon aus dem Mund gefahren. Er drückte die Marke souverän auf das Gummikissen, klebte sie auf und hieb sie mit dem dicken Patschehändchen fest.
"Bis zu welcher Stückzahl lecken Sie persönlich", erkundigte ich mich abschließend, während ich das Wechselgeld verstaute. Er gab keine Antwort und ließ nur Unterkiefer hängen.
"Wenn ich dreißig kaufe ...", führte ich ein Beispiel an, aber er wehrte ab.
"Ich bin überhaupt nicht zum Lecken verpflichtet."
Er hatte ein Schildchen an der Brust, das seinen Namen verriet: Einar Schlecker. Die besten schlechten Witze stellt das Leben selber her. Zum Beispiel ... "Sind Sie fertig?" fragte die Frau hinter mir ungnädig. Schon gut, ich nickte, flüsterte ihr aber warnend zu: "Er ist nicht gut aufs Lecken zu sprechen", und ging.
 


Pro Tag ein Gedanke - März

1 Morgens. Die knochigen Zweige der Esche. Gelenkartige Verdickungen. Durchgebogen. Als die Sonne durchkommt glitzern an der tiefsten Stelle aller Zweige lauter Wassertropfen auf 2 Radio. Blues. Bißchen feierabendliche Schluckaufmusik 3 Es gibt wesentlich mehr Tote als Lebende. Das vergißt man leicht. Achtzig Jahre Menschenleben sind wenig Zeit im Vergleich, zu der Zeit, in der er tot ist 4 Schon wieder Politikergeschrei nach Werten. Die Oberwertevernichter starten eine Initiative. Sie, die Werte prinzipiell nicht (be)achten und alles taten und tun, um Werte zu vernichten, denn in einer wertfreien Umgebung nimmt sich ihr Tun weniger schäbig aus 5 Wer Werte einfordert, meint immer die anderen und tut so, als sei das bei ihm kein Problem 6 Das Internet ist ein Zubehör der Globalisierung. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Globalisierung ist Entgrenzung. Internet ist der Komposthaufen, auf dem alles ins Kraut schießt, was ansonsten kurzgehalten würde. Schade. Aber wenn man die Grenzen wegnimmt, verfällt der Mensch sofort wieder ins Viehhafte. Recht des Stärkeren, Ellbogen, Mißachtung von Uneigennützigkeit. Schlägertum 7 Häufig hört man, daß durchs Internet wird vieles einfacher werde. Richtig. Vor allem Kriminalität und alles, was darauf vorbereitet. Kinderpornographie kam erst durchs Internet erst richtig in Schwung. Durchs Internet wird jegliche Kriminalität erleichtert und global. 8 Entregelung, Deregulierung, Vereinzelung, Zerteilung, Zerspaltung, Destabilisierung, Desinformation, Desorganisation, Chaotisierung, Entwertung usw. - die "klassischen" Strategien sowohl von Terroristen und Warlords wie auch Politikern und Wirtschaftsführern, um in der zerstörten Ordnung unbehelligt ihren eigenen Interessen nachgehen zu können 9 Liberalisierung meint: Entgrenzung. Frei von Regeln und Werten. Durch Entwertung wird Kriminalität gesellschaftsfähig. Kinderschänder brauchen keine schweren Strafen mehr zu befürchten 10 Neue Rechtschreibung. Rechtschreibentregelung. Eine Form gezielter Desinformation und Liberalisierung. Anpassung der Rechtschreibung durch Entregelung an die allgemeiner werdende Verwahrlosung, hier: an die Unkenntnis von Regeln bzw. an die Unfähigkeit, Regeln einzuhalten 11 Gestylte Frau mit dekorativer Zigarette und dem typischen, vor Coolness wie ausgewischten, völlig muskellahmen Gesicht. Gibt vor, in einem "neuen, zeitnahen Ton" aus dem sog. "prallen Leben" zu schreiben. Der neue Ton besteht aus schiefmäuligem Genörgel und zwanghaft gesuchter Schnoddrigkeit; die Zeitnähe aus verschwenderischer Verwendung des Wortes "Scheiße"; und das beschriebene Leben ist weder prall noch lebendig noch überhaupt beschreibenswert, sondern auf überaus anstrengende Weise banal (Wie schreibt man eigentlich "Scheiße" in neuer Rechtschreibung?) 12 Alte Frau zu ihrem alten Hund: "Gell, da schaust! Das ist heut ein ganz anderer Weg wie sonst. Weil heut nämlich Sonntag ist" 13 Der ganze Mensch eine Kompletterschlaffung: Shirt und Hosen baumelnde Säcke, Schultern und Arme abwärtsstrebend, als zögen unsichtbare Zentnergewichte an den Händen, der Kopf vorgereckt pendelnd wie bei einem Wackel-Dackel, das Gesicht scheint ohne Muskeln zu sein und soeben wie Teig vom Schädel zu rutschen, der stets offene Mund stülpt sich vorfallend zu einem Schweinerüssel aus 14 Eine Schauspielerin erklärt ihre Rolle. Emilia Galotti interessiere auch heute noch, weil es solche gefühlsstarken Menschen auch heute noch gebe ... sie zögert ... bzw. Menschen, die sich nach solchen Gefühlen sehnen. Eigentlich komisch: Sehnsucht nach Gefühlen. Klingt wie: Sehnsucht nach Sehnsucht 15 Rechtslage. Wenn du einen Menschen umbringen willst, dann mußt du auch einen zeugen 16 Geburtsort als Schicksalsschlag. Länder, in denen die Menschen von Beginn an keine Chance haben. Nichts zu tun, nichts zu werden, nichts zu lachen, nichts zu essen 17 "Die Körper der männlichen Toten schwimmen auf dem Rücken im Wasser, die weiblichen auf dem Bauch" 18 Afghanistan. Ein Militär gibt das katholikentagstaugliche Sensibelchen. Wie er sich quält mit seinen Entscheidungen. Da gelte es, Verantwortung zu zeigen. Keiner mache sich's leicht. Wie sie sich bemühen, an das Herz der Einheimischen zu rühren. Die Neigung zu Selbstzweifeln und Unentschlossenheit scheint ein Kriterium der Soldatwerdung zu sein. Obwohl Berufskiller, kriegt er es hin, kurz wie ein Feingeist zu wirken. Kriegsführung als Gelegenheit, Geschmack und Moral zu zeigen. Als die Nazis schlachtend durch Polen und Rußland zogen, war auch von der sittlichen Kraft und der moralischen Stärke die Rede, die erforderlich seien, um seine Pflicht fürs Vaterland zu tun 19 "Erinnere dich an die Schweißnaht für die Kugel von Santa Maria del Fiore" 20 Champagner haben wir, aber nichts zu feiern 21 Armand Schulthess hinterließ nach seinem Tod 1972 unter anderem eine siebzigbändige Bibliothek selbstgeschriebener und -gebundener Bücher, die nach seinem Tod verbrannt wurde 22 "Durchsäge einen Kopf zwischen den Augenbrauen, um die Ursache für der gleichartigen Bewegungen der Augen zu erforschen." 23 Nach kurzer Lektüre hat man ihre Masche verstanden: worauf immer sie ihre Blicke richtet, wird sie es mit Geringschätzung tun 24 Wenn man sich für etwas, das vor der eigenen Geburt stattfand, und woran man also keine Schuld haben kann, trotzdem schämt - heißt das, daß man es sich ebenfalls zutraut? 25 Traum. Was soll das für ein Haus sein? Nur Mauern, dazwischen enge, kaum begehbare Gänge und Treppen nach oben oder unten, steil, kalkverschlämmt. Man wagt sich weder hinauf noch hinab, Gänge und Treppen werden enger, und es scheint unmöglich, ist man erst einmal darin, sich wieder umzudrehen. Und ab und zu eine Stube, eine Kammer, mit einem Fensterchen, das auf einen der Gänge oder eine der Treppe hinausführt 26 Er war allen Ernstes der Meinung, mit seinem Wissen denjenigen überlegen zu sein, die nicht lasen. Zudem rechnete er sich durch seine Belesenheit einigen Vorteil im Jenseits aus - manche Strohdumme werden durchs Lesen strohdumme Belesene 27 Er gab an, noch zehn Jahre sein liederliches, weil lebensmißachtendes Leben führen zu wollen und sich dann um seine Familie zu kümmern. Beispiel für Rechenschwäche. In zehn Jahren gibt es seine Familie nicht mehr. Seine Kinder sind aus dem Haus, bzw. in einem Alter, in dem sie nichts mehr für Familie übrig haben. Seine Frau - sie ist nachdenklich geworden, ihr ist klar geworden, daß die Tage vergehen, einer nach dem anderen, und daß sie anders vergehen, als sie es sich vorgestellt hat - hat ihr eigenes Leben begonnen. Beispiel für Lebensferne. Wenn das Leben aus Geplantem und Ungeplantem besteht, ist es naiv, nur von ersterem auszugehen 28 Mit dem Leben ist es wie mit einem Streichholz. Man kan es nur einmal gebrauchen 29 Viele langweilige und uninteressante Menschen. Keine anderen Themen als finanzielle. Was man mit seinem Geld getan hat und was man zu tun gedenkt 30 Und auch umgekehrt: Themen nur interessant, wenn man anhand ihrer übers Finanzielle reden kann 31 Wenn niemand Interesse hätte, zu stehlen, wäre es nicht nötig, Diebstahl zu verbieten (ja, vielleicht gäbe es nicht einmal einen Namen dafür). Insofern sind die Gebote, Verbote und Sünden der verschiedenen Religionen auch Aufstellungen dessen, womit man bei den jeweiligen Gläubigen rechnen muß.
 


Fehlender Mangel - kleiner Exkurs über Phantasie.
Antwort auf die Bitte um einen Beitrag

Meine Phantasie wurde mir von meiner Kindheit geschenkt, in der es wenig Spielsachen und Süßigkeiten, aber viel zu sehen, auszuprobieren und zu entdecken gab. Eine Schuhschachtel war, je nach Bedarf, ein Fahrzeug, ein Gebäude, ein Schiff, ein Berg - und zwar nicht behelfsmäßig, sondern vollgültig. Phantasie befähigt, in allem auch etwas anderes zu sehen. Sie macht aus wenig mehr, schafft Reichtum und braucht dafür vor allem eines: Mangel.
Phantasie ist die Rückkehr der Kindheit. Sie ist für Kinder etwas ganz Wesenseigenes; eine Manege, in der sich Denken, Fühlen, Tüfteln, Abwägen, Ausprobieren, Basteln, Wünschen, Träumen, Ahnen bunt durcheinander tummeln - manchmal, um eine Aufgabe zu lösen, oft genug ganz zweckfrei, aus reiner Lebensfreude. Daß man Kinder heutzutage zur Phantasie führen muß, wirft ein Licht auf unsere Gesellschaft - sie scheint so beschaffen zu sein, daß sie Kinder von ihrem Ureigenen fernhält, bzw. daß ihr das fehlt, welche die Ausformung der Phantasie fördert.
Das es an irgend etwas mangeln könnte, daß es irgend etwas gibt, das man nicht "hat", ist in unserer Gesellschaft eine ungeliebte Vorstellung. Doch: Ohne Mangel keine Phantasie (und einem Mangel an Phantasie hingegen liegt ein Zuviel zugrunde). Wer alles hat, dem fehlt nichts, und wer nur fertige Lösungen kennt, dem fallen keine eigenen ein. Doch die schönste Eigenschaft der Phantasie liegt nicht im "Gebrauchswert", sondern darin, dem Leben unvermutete Aspekte zu entlocken.
Phantasie zählt zu den geistigen Fähigkeiten, die, wenn sie nicht ausdrücklich geschützt und gehegt werden, vom Aussterben bedroht sind, da sie nach den Kriterien unserer Gesellschaft wertlos sind. Zählt man einige der für unsere Zeit bestimmenden Eigenschaften auf, werden an vorderster Stelle Begriffe wie Wirtschaftlichkeit, Profit etc, fallen. Kurz: was in unserer Zeit wichtig sein will, muß "sich rechnen", sich vermarkten lassen und möglichst viel Gewinn abwerfen.
Natürlich ist auch Phantasie, wie alles Immaterielle, längst Kommerzialisiert worden. Im Zauberreich der Vermarktung wird Phantasie "Kreativität" genannt, was eigentlich so etwas Ähnliches bedeutet, in der Praxis jedoch stets in einer Aufforderung zum Selbermachen, genauer: zum Nachmachen und Nachahmen besteht, was so ziemlich das Gegenteil von Phantasie ist. Aber dies soll keine Aufforderung sein, sich lustig zu machen. Leute, die nach Vorlage bunte Steinchen auf Blumentöpfe kleben, sind harmlos, womöglich liebenswert.
Da ich die Gleichsetzung des finanziellen Werts mit dem "wirklichen" Wert verheerend finde, sehe ich in einer nicht an Kommerz gekoppelten Phantasie einen kostbaren Freiraum.
Ich schreibe - und nicht, weil ich der alten Rechschreibung anhänge - Phantasie mit Ph. Denn ich betrachte sowohl Schreiben wie auch Phantasie als Formen oder Bestandteile von Kunst. Phantasie hat nichts mit Vereinfachung zu tun und bevorzugt - im Gegensatz zur mehrspurigen Autobahn - gern den weitschweifigen (Um)Weg durchs Unterholz, der vielleicht umständlicher ist, aber auf jeden Fall schöner und interessanter und zudem mit überraschenden Ein- und Aussichten und Entdeckungen beschenkt.
 


Versuche, ein Meisterwerk zu lesen

Als mich ein Buchhändler darauf aufmerksam machte, daß ein wichtiger Schriftsteller einen wichtigen Preis erhalten hatte, sagte ich leichthin, daß ich den Schriftsteller nur dem Namen nach kenne. Darauf bedrängte er mich, das Meisterwerk des Preisträgers zu lesen. Ich ließ mich breitschlagen, zumal er mir eine aus Anlaß der Preisverleihung erschienene Sonderausgabe des Meisterwerks ans Herz legte.
Die Leseversuche endeten stets in Morpheus' Armen. Und ich gestehe, daß ich es an die fünf Mal probierte. Wer eine Speise, die er verabscheut, in der Hoffnung, daß er doch irgendwann mal auf den Geschmack kommen werde, wacker mehr als zweimal bestellt, den hält man, zurecht, für nicht ganz bei Trost. Dieses stete Einschlafen hatte etwas - beinahe hätte ich gesagt: etwas Ermüdendes. Doch als ich bei meinem letzten Leseversuch die charakteristische Erschlaffung der Gesichtsmuskulatur, ja des Lebenswillens bemerkte, raffte ich mich auf und warf das Buch mit Schwung zum Fenster hinaus. Hui! Solch dicke Schwarten haben, auch als Sonderausgabe, eine hübsche Flugfähigkeit.
Das also war geschafft. Ich glaubte, das Buch los zu sein, als am nächsten Tag mein Nachbar, den ich ansonsten nur vom Sehen kenne, persönlich an der Tür klingelte und mir mit säuerlicher Höflichkeit das Buch reichte; er habe es in seinem Garten gefunden und meinen aufs Vorsatzblatt geschriebenen Namen entdeckt. Ich kenne das immer wieder strapazierte Humormuster, wonach ein Mensch etwas nicht los wird, ein Geschenk beharrlich wieder bei ihm landet, etwas Fortgeworfenes ihm immer wieder nachgetragen wird - sollte ich nun Akteur in einer derartigen Witzepisode werden? Der Herr mit dem Meisterwerk ... da lag das, nun wegen Nässeaufnahme im tauigen Nachbargarten noch aufgequollenere Buch, plusterte und räkelte sich. "Wanst!" sagte ich vernehmlich, packte es, riß das Vorsatzblatt mit meinem Namen heraus, legte einen Zettel hinein - "Mit Dank zurück" - und stopfte es (in der Mitte aufgeklappt, sonst wäre es nicht gegangen) bei einem nächtlichen Spaziergang in irgendeinen Hausbriefkasten.
 


Hausaufgaben

Haben Sie schon einmal ein Meisterwerk aus dem Fenstergeworfen? Wenn ja, welches? Wenn nein, welches käme als erstes in Frage? Wie entledigen Sie sich unliebsamer Bücher?

Au Revoir,

Ihr Rainer Braune
 

 

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Stand: 25. Februar 2014