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Celeri 16 - Juni 2007
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Gute Taten, schlechte Taten - Bilanzierungsmöglichkeiten

Eines Tages hatte der Lehrer kurz vor Ende des Schultags unser Augenmerk auf jene besonders vorbildlichen Menschen gelenkt, die jeden Tag eine gute Tat tun. Das erscheine uns vielleicht wenig, und das sei es auch, aber wenn es alle Menschen auf der Welt täten, dann seien auf der Welt pro Tag mehrere Milliarden gute Taten zu verzeichnen. Wir waren begeistert.
Als er uns am nächsten Tag nach unseren guten Tagen des Vortags fragte, erwies es sich jedoch, daß es damit nicht so einfach war. Wir hatten nicht darauf achtgegeben, etwas Gutes zu tun. und was uns einfiel war alles Mögliche, nur keine guten Taten. Ja, ja, meinte der Lehrer, so sei es immer: so einfach es sei, etwas Gutes zu tun, aber selbst nur eine einzige gute Tat pro Tag sei den meisten zu viel. Kein wunder, wie es auf der Welt zugehe. Ob uns denn wirklich nichts einfalle?
Bei den Mädchen erwies es sich einfacher. Sie hatten nur nicht gemerkt, daß es gute Taten waren, die sie begangen hatten, als sie abgewaschen, die Kinder gehütet, Wäsche aufgehängt und Ähnliches getan hatten. Aber wir Jungen stießen beim Nachdenken zunächst auf nichts Rechtes, wir wir ihm hätten anbieten können. Einer fand schließlich Anerkennung. Ihm war eingefallen, daß er die Kühe gemolken hatte. Aber als er stolz berichtete, daß er dafür zehn Pfennig erhalten habe, wurde ihm der Status der guten Tat sogleich wieder abgesprochen; bezahlte Tätigkeiten konnten so nützlich sein wie sie wollten. Einer gab vor, abends, einfach so, vier Vaterunser gebetet zu haben. Das erschien wohl auch dem Lehrer zu stark und er sagte, das sei zweifellos eine gute Tat - wenn es sich so verhielte.
Mein Versuch, mich bei den Guttätigen einzugliedern, indem ich darauf verwies, daß ich meine Hausaufgaben ordentlich gemacht habe, wurde abschlägig beschieden, mit dem Hinweis, daß dies - das ordentlich Verrichten der Hausaufgaben - eine Selbstverständlichkeit und eine Pflicht sei. Bezahlung und Pflicht machten also aus eigentlich guten Taten selbstverständliche Taten.
Unser neuer Schüler, der Sohn des kürzlich hergezogenen Försters, wurde jedoch gelobt, nachdem er berichtet hatte, er habe einer alten Frau über die Straße geholfen.
Das machte mich stutzig. In unserem Dorf gebe es keine Straße, über die man jemandem hinüber helfen bräuchte. Die Hauptsraße sei so wenig befahren, daß man leicht eine, ach was: zwei, ja drei Stunden darauf schlafen könne, ohne einem Fahrzeug im Weg zu sein. Der Lehrer, wie immer verstimmt, wenn ich mich zwar ordnungsgemäß meldete, dann, nach dem Aufrufen, mich aber nicht an ihn, sondern an einen anderen Schüler wandte.
Seinen Vorschlag, mich zunächst an ihn zu wenden, worauf er mein Anliegen an den Schulkameraden weiterleiten würde, fand ich umständlich. Als ich ihm zuliebe darauf eingegangen war, erwies sich aber, daß er vor das Weiterleiten stets selbst lange Ausführungen machte - zu einer Frage, die doch gar nicht an ihn gestellt war und seine Meinung dazu also gar nicht gefragt war. Da er die Weiterleitung meiner Frage dadurch anscheinend meistens für erledigt hielt, war ich bald wieder zur erprobten und praktischen Verfahrensweise übergegangen.
Doch noch ehe diesmal der Förstersohn antworten konnte, schaltete sich der Lehrer dazwischen (das war sein Trick), was denn das für ein Vergleich sein solle? Auf der Straße schlafe doch niemand. Natürlich, wies ich ihn zurecht, stelle niemand sein Bett auf die Straße, aber ich selbst habe des Schellenbecks Hund gesehen, der ungelogen drei Stunden auf der Straße gelegen und geschlafen habe, so daß man daraus ersehen könne, daß auch ein Mensch in einem Bett dies hätte tun können. Außerdem, wandte ich mich wieder an den Förstersohn, was das denn für eine alte Frau gewesen sein soll? Mir seien die alten Frauen des Dorfes alle bekannt, und es sei keine darunter, der man beim Überqueren der Straße helfen müßte. Er wisse es auch nicht, sagte der Förstersohn trotzig, er habe sie auch nicht gekannt. Fremde alte Frauen, stellte ich abschließend fest, seien hier noch keine gesehen worden.
Was ich damit sagen wolle, fragte der Lehrer.
Daß sich der Förstersohn die Geschichte seiner guten Tat vermutlich nur ausgedacht habe.
Man könne hieran auf jeden Fall sehen, sagte der Lehrer, daß gute Taten stets auch ihre Neider fänden.
Ich sei nicht neidisch, betonte ich, ich könne es nur nicht leiden, wenn man mit nichtbegangenen guten Taten herumprahle.
Ob ich denn meine Unterstellung beweisen könne?
Nicht ich habe zu beweisen, daß der Förstersohn die gute Tat nicht, sondern er, daß er sie begangen habe. Am Besten, indem er die alte Frau beibringe. (Merkwürdig bleibt übrigens, daß eben jener Förstersohn kein Jahr darauf auf jener kaum befahrenen Straße von einem Auto erfaßt wurde und tot liegenblieb.)
Am nächsten Tag sah die allgemeine Bilanz etwas besser aus. Bei den Mädchen war vermehrt abgewaschen, Wäsche aufgehängt und gebügelt worden. Der Junge verkündete, daß er gestern umsonst gemolken habe. Der Förstersohn hatte seinem Vater die Stiefel geputzt. Ein Junge hatte die Werkstatt aufgeräumt, ein anderer die defekte Küchenschublade genagelt. Als sich der Lehrer an mich wandte, und fragte, ob ich wohl auch ein gute Tat zustande gebracht hätte, beschied ich ihn mit dem Hinweis, daß ich derer ganze vier verrichtet habe und lehnte, auf die Nachfrage des Lehrers, was für gute Taten das denn gewesen sein sollen, die genaue Auskunft ab.
Dann, meinte er, werde er mir wohl schwerlich glauben können.
Das sei auch nicht nötig, denn eine gute Tat sei eine gute Tat, auch wenn sie unbekannt bliebe und also auch er, der Herr Lehrer, gar nichts davon wisse. Das verstimmte ihn sichtlich.
Meine vier guten Taten fußten darauf, daß ich einem weinenden kleinen Buben einen Bonbon geschenkt hatte.
Auf der Suche nach einer Möglichkeit, eine gute Tat zu begehen, war ich mit einem Bonbon durch das Dorf gestreift und hatte den kleinen Albert angetroffen, der an einem Zipfel Schwarzwurst kaute. Nach dem Verschlingen des Schwarzwurstzipfels schien mir sein Gesicht ein wenig Bedauern auszudrücken, und da fiel mir der Herr Pfarrer ein, der uns die stetige Bereitschaft unseres Herrn, zu trösten, als vorbildlich hingestellt hatte.
Als Albert meine Frage - "Soll ich Dich trösten?" - stumm den Kopf schüttelnd verneinte, verabreichte ich ihm eine kräftige Maulschelle und versetzte ihn augenblicklich in den Zustand der Trostbedürftigkeit. Sein sogleich einsetzendes heulendes Greinen stoppte ich, indem ich ihm den Bonbon vor Augen hielt. Ungläubig streckte er zögernd die Hand danach aus - "Krieg ich den?" - und nahm ihn schließlich. Das Verschenken des Bonbons an den trostbedürftigen Knaben war zweifellos eine gute Tat, die aber durch die zuvor verabreichte Ohrfeige wieder ausgeglichen wurde, so daß ich bei Null stand, genauer, gestanden wäre - denn ich war mir selbst gegenüber aufrichtig genug, mit einzurechnen, daß ich den Bonbon zuvor gestohlen hatte.
Nachmittags hatte ich die alte Allgeier, die Inhaberin des Ladens - "13 bis 16 Uhr Mittagsruhe" - herausgeklingelt und eine Packung Waschpulver verlangt, wozu sie, das wußte ich, in den Nebenraum mußte. Als sie dorthin verschwunden war, hatte ich mir einen Bonbon aus dem großen Glas genommen und ihr dann "Frau Allgeier!" hinterher gerufen und gesagt, daß ich mir plötzlich gar nicht mehr sicher sei, ob es Waschpulver sei, daß ich besorgen sollte. Darauf hatte sie mich angefahren:
"Du hast doch was gestohlen! Gibs zu. Was hast du gestohlen?"
Ich nickte und sagte: "Nichtsi". Das war nun kompliziert. "Nichtsi" war sozusagen Fremdsprache, nämlich die Abkürzung für: NatürlICH, Tauernd Stehle Ich. Das Kopfnicken aber war ebenfalls Fremdsprache, nämlich Indisch, denn dort, hatte ich gelesen, schüttelten sie die Köpfe, wenn sie mit ihnen eigentlich nicken wollten. Natürlich war "tauernd" falsch geschrieben, aber das machte nichts, denn beim Schwören kam es darauf an, daß man meinte, was man sagte, und nicht, daß man es auch richtig schrieb. Wenn der Herr Pfarrer uns zur Koischheit ermahnte und vor der fürchterlichen Unkoischheit warnte, stimmten wir ihm leichten Herzens zu. Die beiden waren uns ganz unbekannt, wir wußten nicht einmal, wie man sie schrieb.
"Nichtsi!" wiederholte sie fauchend. "Alberner Bub. Alte Frauen ärgern! Marsch, raus!"
So kam es also, daß ich nun, nach Überreichung des Bonbons, dem zuvorigen Stehlen desselben und dem Verabreichen einer Maulschelle - eine gute, zwei schlechte Taten - mit eins im Minus war.
Da nahm ich nun den Bonbon wieder an mich. Das sofortig Aufheulen Alberts wäre an sich wieder eine schlechte Tat gewesen - wenn ich den Bonbon mit der Absicht zurückgenommen hätte, ihn zu behalten; aber ich hatte vor, ihn Albert zurückzugeben (daß Albert nicht wußte, daß ich das vorhatte, hatte ich mir nicht vorzuwerfen). Sein Gesicht erhellte sich denn auch wieder, als ich ihm den Bonbon zurückgab. Dieses Fortnehmen und wieder Aushändigen des Bonbons wiederholte ich nun, bis nach fünfmaliger Wiederholung die Rechnung schon anders aussah: Die zwei schlechten Taten, gewissermaßen als Grundsteinlegung für die guten Taten ausgeführten, blieben unverändert in Rechnung stehend. Nun aber kamen die insgesamt sechs guten Taten der wiederholten Bonbonüberreichung dazu - blieben, wenn man von sechs Guten zwei schlechte Taten abzog, immer noch stattliche vier gute Taten.
Während der Herr Lehrer über allerlei Gut- und Schlechtheiten weitersprach, vertiefte ich mich in die Materie und geriet ins Rechnen. Durch fortwährendes Wiederholen des Gebens und Nehmens hätte ich die Zahl meiner guten Taten beliebig steigern konnte, und zwar, ohne die meiner schlechten zu erhöhen. Halt! Stimmte nicht: Hätte ich es getan, wäre ich maßlos gewesen, hätte also schlecht gehandelt, und das hätte die Zahl der schlechten immerhin auf drei erhöht. Daß ich's nicht getan hatte ... war das nicht eine Art von Bescheidenheit, die wiederum ebenfalls als gute Tat zu rechnen war? Aber gewiß! Machte fünf. (Ich fand es nebenbei beachtlich, daß ich - mit ein und demselben Bonbon - nicht weniger als sechsmal Freude bereitet hatte, beschloß aber, dies nicht als gute Tat zu werten.) Dann fiel mir ein noch ein weiterer Aspekt ein: Nach mehrmaliger Wiederholung des Geben-und-Nehmen-Vorgangs, hätte ich zuletzt den Bonbon sogar selbst lutschen können, ohne mich noch nennenswert auf die schlechte Seite zu neigen; denn einem beispielsweise fünfzehnmaligen Fortnehmen in nicht-böser Absicht wäre dann ein einziges Fortnehmen in eigennütziger Absicht gegenüber gestanden; also Zwischenstand fünfzehn zu eins. Beim Endstand wären dann insgesamt drei schlechte Taten vierzehn guten gegenüber gestanden. Und wie leicht hätte ich auf fünfzig hätte erhöhen können, was heißt fünfzig, hundertfünfzig, zweihundert ... ein Unsicherheitsfaktor wäre einzig Albert und seine Durchhaltefähigkeit gewesen. Und war, so fiel mir weiter ein, der Umstand, daß ich darauf verzichtet hatte, zuletzt den Bonbon eben doch in den eigenen Mund zu schieben, nicht gleichfalls als eine gute Tat zu werten? Aber gewiß! Machte sechs. Verzicht auf Eigennutz nämlich war nach dem Herrn Pfarrer, ein höchst lobenswertes Verhalten. Nun stieß ich auf eine rechnerische Unsicherheit. Denn konnte ich mir durch den Verzicht auf weitere gute Taten - wegen Bescheidenheit - eine weitere derselben anrechnen, so wäre aber andernfalls, beim Weitermachen mit den guten Taten, der Zugewinn ungleich höher gewesen. War hieraus nicht zu folgern, daß die Anzahl der nicht getanen guten Taten doch angerechnet werden mußte? Immerhin waren sie ja aus Bescheidenheit unterlassen worden? Was war besser? Eine gute Tat, oder der Verzicht darauf aus Bescheidenheit? Und wenn eine getane Tat höher anzuschlagen war als die aus Bescheidenheit ungetane, wie war sie dann zu verrechnen? Auch hätte mich interessiert, wie eine an sich schlechte Tat - das Bonbonstehlen - zu bewerten war, wenn sie begangen wurden, um Gutes zu tun, mit dem Verschenken des Diebesguts nämlich. Ach, war das vertrackt! Ich beschloß, die unübersichtlich werdende Bilanz hier abzubrechen und mir die möglich gewesenen guten Taten in einer einzigen weiteren gutzusch... bitte? Ob ich nicht aufgepaßt hätte? Wo ich mit meinen Gedanken gewesen sei? Ich hatte entdeckt, daß ich nicht nur vier, sondern sieben guten Taten getan hätte.
"Sieben!" rief der Lehrer. "Da lachen ja die Hühner."
 


Pro Tag ein Gedanke - Mai

1 Nun wissen wir mehr, nur noch nicht, was 2 Mehr als seltsam: Texte mit ungegenständlichen Bildern zu bebildern. Als ob man sie tapeziert 3 Theresienstadt. Nachts spielt in jedem Kinderkopf ein anderer Traum 4 Er schlug seine Kinder, legte aber Wert darauf, dabei stets zu lächeln. Dadurch suchte er seinen Sprößlingen nahezubringen, daß hinter der väterlichen Strenge auch Liebe steckte. Die schmerzliche Note, die es dabei in das Lächeln zu legen versuchte, sollte ahnen lassen, daß ihm das Züchtigen schwerfalle. Was er damit vermitteln wolle? "Prinzipien. Keine speziellen, sondern Prinzipien allgemein." 5 Komisches Restaurant. Der Koch kam, erkundigte sich, ob es schmecke und wisperte dem Gast dann ins Ohr, wie er die Gerichte hergestellt hatte, steckte ihm ein Visitenkärtchen mit dem Hinweis zu, daß man ihn "buchen" könne, d.h., "bei Interesse" käme er nach hause und brächte einem bei, das Gericht zu kochen 6 Bestätigen durch Dementieren 7 Nach der Wahl die entsprechende Taste auf der Reden-Jukebox: daß er ein Präsident für alle sein wolle, nicht nur für seine Wähler. Wenn es das überhaupt jemals gab, dann liegt es sehr lang zurück, daß jemand ein hohes politisches Amt anstrebt, um etwas für sein Volk zu tun. In Wahrheit hat er vor, weder für seine Gegner, noch für seine Wähler da zu sein 8 Indischer Immobilienmakler. Beschreibt eine mißlungene indische Hausgemeinschaft: Ein Haus mit fünfzehn Parteien. Vierzehn vegetarische Familien, in einer Wohnung leben Fleischesser. "Bei der Vorstellung, Wand an Wand mit einem Fleischbrutzler zu leben, graust es einem vegetarischen Soziologieprofessor." 9 Aktionstisch. Moderne Kochbücher, die alle den Untertitel "Kochen für Satte" haben könnten 10 Speisephotographie wird immer trickreicher 11 Er lernt eine junge Inderin kennen, verliebt sich, sucht ihre Nähe. Sie weicht ihm beharrlich aus. Als er sich bei ihrer Freundin erkundigt, erfährt er den Grund. Sie graust es vor ihm, weil er Fleisch ißt 12 Kochen und Kochkunst. Kochkunst als Verkomplizierung des Kochens (als Folge der Dauersattheit der Esser) 13 Mutmaßungen über die Religion der Etrusker. "Die Augen zu senken in Demut oder Unterwürfigkeit, oder seinem Gott mit geöffneten Augen und gelösten Armen entgegen zu treten, das ist zweierlei" 14 Ein Außerirdischer beobachtet einen Menschen und wundert sich, warum der so lange und ausgiebig eine Glasscheibe betrachtet. Ist etwas falsch an dieser? Man klärt ihn auf: Der schaut nicht das Glas an. Er schaut sich an. Das Glas ist ein sog. Spiegel 15 Nahezu unwirklicher Kontrast. X spielt Messiaen so, daß jeder Ton ausdrückt, wie schwer das ist. Dann XX. Sie spielt Messiaen, daß es klingt, als spiele ein Kind und als sei es kinderleicht. Obwohl ich gar nicht Klavier spielen kann, dachte ich unwillkürlich: Ach, das könnte ich doch auch einmal spielen 16 Das Gesicht eines unter generellem Desinteresse erlahmten Menschen 17 N.S. - Macht viel Aufhebens vom "experimentellen Leben". Scheint aber nichts Besonderes dabei herausgekommen zu sein. Wie zu erwarten: irgendwas mit Geschlechtsverkehr, mehrmals täglich, mit wechselnden Beischläferinnen. Die höhere Beamtenlaufbahn mit ein ganz klein bißchen Neigung zur Boheme. Tolle Sache 18 Ich denke, also ... usw. Wenn nur das existierte, was denkt, dann gäbe es 99 % der Welt nicht 19 Beim Suchen nach einem Sender zufällig Musik. Zwei Instrumente, vermutlich Flöten, die vermutlich an zwei Vögel erinnern sollten, balgten sich miteinander. um was? Ich wartete auf die Ansage. Der Komponist war Franzose und hatte an Zigeuner gedacht 20 Er fand im Rückblick, daß er es richtig gemacht habe. Das Heben des Deckels vom Mülleimer seiner Vergangenheit könnte ihn eines Besseren belehren 21 Aus dem Gespräch erfahren, daß Musik, die etwas erzählt, minderwertig ist. Einen Komponisten so nebenbei gefragt, von was seine Musik handelt. "Handeln" sei ein schlechter Ausdruck. In seiner Musik ginge es um die Bearbeitung der ihr eigenen "Parameter". "Sie handelt also von Musik?" Er überlegte, nickte: "Gewissermaßen." Wie wäre es, fragte ich mich, wenn ich künftig vom Schreiben schriebe? 22 Aus Eigennutz Uneigennütziges tun. Umgekehrt geht es nicht 23 Im Straßencafé zu sitzen, den Passanten beim Passieren zuschauen u.ä., hat angeblich mit mediterranem Dolce far niente oder ähnlichen, im Ruf der Lebenskunst stehenden Seinsleichtigkeiten zu tun. Die Gäste hier sahen aus, als nähmen sie an einem Wettbewerb teil, wer das teilnahmsloseste Gesicht hinkriegt 24 Musikkritiker, äußerte sich lobend über Mozart. Seine Methode war die gedankenlos einfachste: Er besprach nur die meistverkauften Aufnahmen der bekanntesten Werke durch die berühmtesten Interpreten, fand sie - alle drei - unweigerlich meisterlich und verbrauchte überhaupt pro Besprechung einmal das Wort "meisterlich" sowie (selber zu einer originellen Beobachtung oder Formulierung, geschweige denn einem Bonmot, völlig unfähig) ein Exemplar aus seiner über die Jahre zusammengetragenen Sammlung entlegener Zitate 25 "Beim Leben ist es wie beim Zahnarzt: man denkt immer, die Hauptsache kommt noch, dabei ist sie schon vorbei" 26 Regel: von unaufgeforderten Selbstbeschreibungen ist stets das Gegenteil wahr 27 Eine zweitrangige Schauspielerin, die wie eine drittrangige aussah, die eine Filmdiva nachmacht 28 Sein Lebensmotto "Mehr liegt nicht drin" hätte auch das einer Kloschüssel sein können 29 Mentalität. Nach mehreren Wochen sommerlicher Temperaturen endlich Regen. Keine Stunde später der erste, der meint: Was für ein verregneter Frühling 30 Gesualdo. Die Musik völlig versaut durch das Herumgekaspere auf den sog. Originalinstrumenten. Geklingel und Gebimmel wie aus einer nachgestellten, mittelalterlichen Werkstatt heraus, dazu der schmerbäuchige Countertenor, der viel zu kastriert klang 31 Im Traum erinnerte ich mich an eine Landschaft in einem anderen Traum, an den ich mich, wach, noch nie erinnert hatte. Gedanke, daß die Träume nicht verloren gehen und, wenn nur die Konstellationen stimmen, wieder zugänglich, ja begehbar werden
 


Bericht der Zauberin II

Eines Tages, als ich die Zauberin begleitete, sah ich sie Grashalme abbrechen und in kurze Stücke zerreißen. Das sah nach einer bestimmten Absicht aus. Auf meine Frage, was sie vorhabe, antwortete sie, daß sie die Halmstücke zum Wahrsagen brauche.
Wahrsagen? Mit abgerissenen Grashalmen?
Mit eben denen.
Wie das denn gehe?
Sie werfe sie auf den Tisch und lese dann daraus.
Was ist? fragte sie nach einer Weile, denn sie merkte, daß ich an einer Frage kaute.
Aber aus Grashalmen, auf den Tisch geworfenen ... Die Zukunft ... Das ist doch purer Zufall. Völlig beliebig.
Nicht auf den Tisch, korrigierte sie, auf ein Tablett. Und was rede ich bloß so abfällig vom Zufall? Gerade um den gehe es doch.
Auf mein Erstaunen hin erklärte sie mir, wie „das mit der Wahrsagerei“ funktionierte.
Um etwas über die Zukunft zu wissen, müsse man einen Blick aufs allgemeine Weltgetriebe erhaschen, und zwar einen Blick, der durch nichts Persönliches getrübt sei, keinerlei Absicht, keinerlei Einmischung, weder von ihr noch von irgend einer anderen Person. Und das sei bei irgendwie dahingeworfene Grashalmen der Fall. Sie fielen, ohne durch eine Absicht gelenkt zu werden oder gelenkt werden zu können, und die Muster, die sie bildeten, entständen gleichfalls nicht durch irgend jemandes Wunsch oder Willen. Zwar habe die Person beim Werfen der Halme Wünsche und Ängste, aber ehe die Halme auf das Tablett fielen, würden sie Taumeln und dieses Getaumel liege nicht in der Hand der Person, es sei vielmehr, so winzig und unbedeutend es einem vorkomme, eben das Schicksal, das Weltgetriebe, das sich ihrer auf dem Weg von der Hand aufs Tablett bemächtige. Und eben dadurch sei es ihr wieder möglich, einen Blick auf das Schicksal zu erhaschen.
Dann könnte sie, meinte ich nach einer Weile, ja aber auch ebenso aus einem Wasserplätschern, einem Vogelzwitschern, zusammengescharrter Asche oder dergleichen die Zukunft lesen.
Sie wiegte den Kopf. Könnte jemand vielleicht schon, aber nicht sie. So, wie man auf allen möglichen Instrumenten Musik machen könne, Jank aber nur auf der Geige und Zirp nur auf dem Kontrabaß, so könne sie die Zukunft eben nur aus Grashalmen lesen. Sie könne zwar im Herbst aus fallenden Blättern lesen, nur wisse sie dann aber nicht, was sie lese.
Die Menschen unterschieden gewöhnlich zwischen gewöhnlichen Begebenheiten und Zufällen. Dabei gebe es in Wirklichkeit nur letztere. Die Menschen bezeichneten eben dasjenige als Zufall, bei dem sie eine Übereinstimmung mit etwas anderem bemerkten. Sie dächten aber nicht daran, daß eben dies, das Bemerken, auch zufällig ist. Denn Übereinstimmungen gebe es unzählige. Nur wisse man nicht von ihnen. Da gebe es ja bei jedem Menschen einen Augenblick, in dem die Anzahl seiner Haupthaare mit der Zahl der Tage seines restlichen Lebens und einen anderen Augenblick, in dem sie, die Zahl seiner Haupthaare, mit der Zahl der Sekunden seines restlichen Lebens übereinstimme. Das aber wisse niemand. Weil niemand die Zahl seiner Haare kenne noch die Dauer seines Lebens. In Wahrheit sei das Leben eines jeden Menschen in jedem Augenblick eine Abfolge solcher Zufälle.
Es sei unter einer bestimmten Sorte Menschen übrigens schick geworden, zu behaupten, es gebe keine Zufälle. Die redeten sich ein, alles sei Fügung. Die dächten, die Welt hätte nichts anderes zu tun, als sich um sie zu drehen. Auch eine Möglichkeit, sich was vorzumachen.
Ob ich mich an die Photos erinnere, die wir neulich betrachtet hätten? Da hätten wir ja Bilder aus dem Leben von Menschen gesehen, und gleichzeitig gewußt, daß diese, damals, noch so und so lange zu leben gehabt hätten. Und beim Wahrsagen sei es ähnlich. Nur daß sie eben schon gewissermaßen im Moment der Aufnahme um die verbleibende Zeit wisse.
Ob sie sich selbst die Zukunft lese? Nein. Ob sie es denn könnte? Sie wisse es nicht. Sie habe es nicht probiert, und sie wolle es auch nicht. Sie habe das deutliche Gefühl, daß in dem Moment, wo sie die Zukunft wisse, ihr Leben überflüssig sei.
Das Hellsehen betreibe sie im übrigen so selten wie das Hexen, aber nicht, weil dabei irgend etwas auf sie zurückfallen könnte. In diesem Falle könne sie ja nichts ins Geschehen eingreifen, sondern es nur sagen. Und durch das Wissen um das Künftige, und das sei unabänderlich, könne niemand diesem ausweichen. Deswegen halte sie es auch für eigentlich überflüssig. Denn was bringe es, zu wissen, daß man morgen sterbe? Dann hätte doch, wie ich zugeben müsse, das Leben keinen rechten Sinn mehr, oder? Und auch bei anderen schaue sie ungern in die kommenden Zeiten, da sie immer befürchte, einer Spur ihres eigenen künftigen Lebens zu begegnen.
Natürlich ändere sich etwas. Etwas ändert sich immer.
Die meisten Menschen bedächten nicht, was für ein großer Unterschied, darin besteht, zu fragen, was kommen werde und zu fragen, was man tun solle. Im ersten Fall brauche man hellseherisches Geschick, im zweiten könne man das Erstbeste daherreden, da die Leute ohnehin nichts anderes tun würden, als das, was sie tun müßten.
Heute Abend käme eine sogenannte Geschäftsfrau, die wissen wollte, ob sie sich wegen ihrem jungen Liebhaber von ihrem Mann trennen solle.
Ob sie ihr das schon vorab erzählt habe?
Nein, das ahne sie, dafür sei keine Hellseherei nötig. Solche Frauen hätten immer dieselben Probleme. Und wüßten zugleich auch, wie es ausgehen würde. Daß sie sich nicht trennen würden, daß ihr junger Liebhaber, bei der Aussicht, ihr Ehemann zu werden abspringen würde, und daß sie, die Geschäftsfrau, bei dem Versuch, ihrem Mann beim Seitensprung zuvorzukommen oder mit ihm gleichzuziehen, den Kürzeren ziehen würde. Und zu ihr würde sie heute Abend kommen, in einer Hoffnung, die mindestens ebenso verworren war, mit banalsten Banalitäten verknetet, wie ihre ganze Lebenssituation.
Und sie würde die Halme werfen, lesen, was es zu lesen gab, ihr die Wahrheit verschweigen, etwas raten und wissen, daß sie es nicht befürworten würde. Träfe sie sie später einmal zufällig, wäre es angebracht, zu fragen, und die Antwort würde lauten: Nein, nein, es hat sich etwas ergeben, das die ganze Situation geändert hat.
Ihr etwas zu raten, sei einfach, das könne man auch, ohne einen Blick auf die Halme zu werfen, denn könne man, in welcher Situation auch immer, zu etwas anderem raten als zu Veränderung? Dazu seien die Mensche nun aber selten bereit, hätten aber gelegentlich gern die Illusion, daß es Alternativen zu ihrem Dasein gäbe, und daß es in ihrer hand läge, etwas zu ändern.
Sie wahrsage nur sehr ungern. Es sei bedrückend, einem Menschen von seinen Möglichkeiten zu reden, von Abzweigungen, die er gehen könne, und gleichzeitig zu wissen, daß er nichts davon unternehmen wird, daß er im bisherigen Trott auf seinem bisherigen Pfad weitertraben wird.
Nur Unglückliche suchten Wahrsagerinnen auf. Zufriedene Menschen hätten kein Interesse daran. So sei es auch mit den Glücksspielern. Wer Lotto spiele, der erwarte von sich selbst nichts mehr. Und eben der könne, wenn ihm der Zufall einmal einen Batzen Geld in die Hand spiele, damit nichts anfangen. Weil er ja mit den anderen Zufällen, die sich in seinem Leben ständig ereignen und anbieten, auch nichts anzufangen wisse.
Und denke man an das Leben – was sei da ein Batzen Geld für ein unbrauchbares Zeug. Wer nur Probleme hat, die mit Geld zu beseitigen sind, der habe kein Leben, sondern führe vermutlich sein auf die pure Dauer reduziertes Leben als eine Art Geschäft.
Aber ob denn ein Gewinn Menschen nicht glücklich machen könne? Geld könne doch immerhin Sorgen bereiten.
Sie sagte lange nichts.
Glücklich? meinte sie, und blieb stehen. Für eine Minute. Ein halbes Jahr. Na und? Was man nur immer mit diesem „glücklich“ habe ! Es gebe doch wohl noch andere Daseinszustände, oder nicht ?
Ihr sei im übrigen egal, was die Gadje in ihre Steinklötzen für Ziele verfolgten. Falls das Glücklichsein durch Geld dazu zähle ... sie winkte ab. Nein, sie glaube nicht daran. Wer nichts anderes habe oder kenne, nun, der stürze sich eben auf das Geld, weil es alle ebenso machen. Aber wer ohne Geld nicht glücklich ist, der wird es mit auch nicht sein. Wer Lotto spielt, tut es, weil er unzufrieden und gierig ist und wird auch nach einem Gewinn Gründe finden, es weiterhin zu sein. Oder ob ich schon einmal von einem Unzufriedenen gehört habe, der durch Geld glücklich geworden sei?
Du hast doch übrigens, fiel ihr nach einer Weile ein, mir einmal erzählt, daß du es beleidigend findest, wie dein Leben von allerhand Absichten – eigenen und anderen – gelenkt wird, oder? ‚Beleidigend’ hatte ich zwar nicht gesagt, aber ich fand das Wort zutreffend und nickte. Da wirst du, fuhr sie fort, es so empfunden haben, als ob man dich von deinem Schicksal fernhält und zu lauter schicksalsfremden Verrichtungen zwingt. Hier, und sie ließ einige Halmstückchen zu Boden flattern, hast du das pure Schicksal. Da hantiert und steuert niemand dazwischen. Jetzt weißt du also, wie du’s machen mußt, wenn dir zuviel gesteuert wird.
Obwohl ich’s nicht wußte, nickte ich. Erst später habe ich verstanden, wie sie es meinte.
 


Hausaufgaben

Pflücken Sie einen Grashalm, teilen sie ihn in einige etwa fingerlange Stücke, werfen Sie sie hoch und sehen Sie ihnen beim Fallen zu, und denken Sie daran, daß ihr Taumeln und das Muster, in dem sie zu liegen kommen, Schriftzüge sind, aus denen Ihr künftiges Leben zu lesen wäre.

Au Revoir,

Ihr
Rainer Braune
 

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014