Rainer Braune , Natalia Ginzburg, Alexander Lernet,Holenia, Elfriede Jelinek, Bob Dylan, Claudia Hauptmann, Alfred Kubin, Brentano, lyrisch, hoffmanesk, E.T.A. Hoffmann, unverständlich, fesselnd, Mörike, Henry Miller – Jean Paul, Italo Calvino, Storm, Raabe, Tieck, Flaubert, Arno Schmidt, Quentin Tarantino, Proust, Clint Eastwood, Herzmanowsky, Orlando, Anne Capaldi, Nabokov, Eichendorff, Federgemälde – Federzeichnungen – Zeichnungen – Tulpisch, Tulpischer Zirkus, Panoptikum, Tulpische Wildnis, Wunderkammern, Mänäptehoi, Nachtdepesche, Quitzow, Hagnau, Hagnau („Burg“) – Mr. Tambourin Man, Eiskalte Märchen, Vampire – Belcanto , Capri, c’est fini , Melmoth, der Wanderer, Onkel Silas – Hölderlin , Ombra mai fu , Lascia che piango , Il mio crudel martoro – Karma – Onanie, Teufels Küche, Gravitation, Adorno, Karl Valentin, Celan, Burano , Wittgenstein, Der Mönch, Dracula , Die Drehung der Schraube, Necronomicon , Karl Kraus , Die dritte Walpurgisnacht – Buddenbrooks , Felix Krull – Thomas Mann – Max Frisch – Herrmann Hesse – Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie , Jean,Marc Bourgery – Duyputren – Laennec , Nicolas Henry Jacob , Jacques Louis David , Jean, Marie Le Minor , Henri Sick – Phileas Fogg – Bodensee – Mantovani , Annunzio Mantovani, Wolfgang Amadeus Mozart – Johann Sebastian Bach – Johann Sebastian Händel , Graf von Saint,Germain , James Joyce , Der Zentaur im Hippodrom – Neapel – Pompej – Vesuv – Textaufgaben , Ives Saint Laurent , Lew Nikolajewitsch Tolstoi – Tolstoi , Anna Karenina , Ada, oder Das Verlangen , Baron Bagge – Pnin – Märchen – Fitchers Vogel – Blaubart – Blaue Dahlien – Fred Wander , Stephen King , Quentin Crisp – Crisperanto – Krabat , Jurij Brezan , Samuel Beckett – Murphy, Der Graf Luna, Eugen Kogon, Donatien,Alphonse, Francois de Sade , de Sade, Die hundertzwanzig Tage von Sodom, Fjodor M. Dostojewskij, Erniedrigte und Beleidigte , Helmut Koopmann
Celeri 17 - Juli 2007
 Celeri-Übersicht


Inhalt

Welt ohne Physik I – Alles ist möglich

Pro Tag ein Gedanke – Juni

Einem Forscher

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 18 erscheint Anfang August 2007)

 

Welt ohne Physik I – Alles ist möglich

Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, stieß ich im „Kinderkurier“ auf das Photo eines Clowns, der inmitten anderer Wartender, zeitungslesend an einer Bushaltestelle stand, und zwar stark nach vorn geneigt, ohne umzufallen.
Der Lehrer ließ uns bei allen erdenklichen Gelegenheiten immer wieder wissen, daß Übung den Meister macht und der Wille Berge versetzt. Und beim Anblick des nach vorn geneigten Clowns erwachte in mir der Wunsch, es durch beharrliches Üben dahin zu bringen, ohne mich abzustützen, ebenso schief in der freien Luft zu lehnen. Ich setzte mir gleich noch ein höheres Ziel: War ich erst einmal so weit, derart schräg zu stehen, so wollte ich mich damit nicht zufrieden geben, sondern solange weiter üben, bis ich waagrecht von der Wand in den Raum ragen konnte. Ich stellte mir die Überraschung von Lehrer und Mitschülern vor, wenn sie nach der großen Pause in das Klassenzimmer kämen und ich, so tuend, als lese ich in einem Buch, frei von der Wand in den Raum ragte. Dann, malte ich mir aus, könnte ich auch noch einen Schritt weitergehen. Wenn ich schon von der Wand wegstand, könnte ich die Füße – zunächst nur höchstens einen Millimeter und höchstens eine Sekunde lang - von der Wand nehmen, so daß ich frei schwebte, und, wenn ich das lang genug geübt hatte, könnte ich mich mit dem Fuß abstoßen und durch das in der Pause wegen der frischen Luft weit geöffnete Fenster auf den Pausenhof hinaussegeln ...
Ich fing sogleich mit Üben an und blieb schon auf dem Heimweg immer wieder stehen, neigte mich langsam vor, bis ich das Übergewicht bekam. Ein vorbeifahrender Bauer drosselte seinen Traktor und zeigte mir einen Vogel. Ich ließ mich aber nicht beirren und übte fleißig weiter, wann immer es mir einfiel und möglich war, machte schöne Fortschritte und stand bald schräger, als ich es noch eine Woche zuvor fertiggebracht hätte.
Eines Tages, als ich in der großen Pause hinter dem Fahrradverschlag meine Übung machte, spürte mich der Lehrer auf und fragte in strengem Ton, was ich da treibe?
Da mir auf die Schnelle nichts anderes einfiel, erklärte ich es ihm.
Wie? Schräg stehen?
Ich erklärte es ihm nochmals.
Er sagte, daß das Quatsch sei. Das gehe nicht.
Ich führte ihm, zur Verdeutlichung, vor, wie weit ich es schon gebracht hatte.
Er schüttelte den Kopf. Alles Einbildung.
Aber Übung mache doch den Meister.
Nicht bei den Naturgesetzen. Das sind Grenzen, über die niemand mit keiner Übung der Welt hinwegkommen könne.
Ich zeigte ihm noch einmal, wie schräg ich schon stehen konnte.
Alles Einbildung, beharrte er. Das gehe nicht, und zwar wegen der Gravitation. Die sei ein Gesetz. Und das ...
Die Pausenglocke läutete. Im Klassenzimmer nahm der Lehrer den Faden wieder auf und fragte, ob man wohl üben könne, immer schräger zu stehen, ohne umzufallen.
Zu seinem Ärger bejahten etliche Kinder. Er verwies wieder auf die Gravitation. Ich äußerte Bedenken.
Ob ich schon einmal auf einer Waage gestanden hätte, hm? Was diese denn wohl zum Ausschlag bringe?
Na ich.
Scheinbar! Aber von wegen. In Wahrheit ist es die Gravitation.
I wo. Nicht die Gravitation. Ich selbst. Das sehe man daran, daß die Waage, wenn ich herunterstiege, gleich wieder auf Null wäre.
Ja eben. Wegen der Gravitation.
Aber nein. Wegen mir. Ich selbst bin es, der wiegt. Stimmt’s? Ich wandte mich an die anderen Kinder. Die nickten scheu. Sie waren dabei gewesen, als uns der Bauer Schellenbeck auf seiner Viehwaage hatte spielen lassen.
Natürlich bist du es, der wiegt. Aber wegen der Gravitation. Die hast du sozusagen dabei.
Also ich hab keine dabei.
Natürlich kann man sie nicht sehen.
Man kann sie nicht sehen aber sie wiegt?
Ganz recht. Du selbst wiegst nichts.
Ich wieg nichts?
Ganz recht. Erst die Gravitation gibt dir das Gewicht. Sie hängt gewissermaßen an dir.
Ich merk nichts.
Natürlich nicht.
35 Kilo Gravitation und ich soll nichts merken? Ich merke sogar zwei Liter Milch, wenn ich sie vom Bauern hole. Das zieht an den Schultern. Also wenn da was wäre, 35 Liter Milch zum Beispiel, ich würd’ es sofort merken.
Ich werde, später, auf der höheren Schule, noch an ihn denken, brach er ab (er sollte übrigens Recht behalten, später dachte ich noch an ihn, auf der höheren Schule und anderswo).
Einige Zeit später, als ich mit anderen Kindern auf einem Heuboden spielte, kam mir eine Idee. Aus dem Dachgebälk hing ein Seil herunter, an dem wir uns hin und her schwangen und endlich ins Heu fallen ließen. (Schön an diesem Spiel waren auch die gewaltigen Popel, die man von dem aufgewirbelten Staub bekam.) Ich entdeckte, daß das Seil bis zur Luke des Heubodens reicht und man sich, die Füße am Rand der Luke, hinauslehnen konnte, so daß man, von unten gesehen, schräg in der Luft zu hängen schien. Das war Jungensache, die Mädchen standen unten, neben ihren Puppenwagen, und schrien bei jedem Hinauslehnen ängstlich auf, was schließlich den Bauern herbeilockte, der uns vertrieb.
Ich wußte nun, weil er es nämlich immer wieder verkündete, daß der Lehrer sich jeden Mittwochnachmittag bei einem „gesundheitsfördernden Spaziergang in der reinen Waldesluft erfrischte“, von dem er am frühen Nachmittag zurückkehrte.
Ich war ihm einmal nachgegangen um zu sehen, was er da tat. Im Wald angekommen machte er jene Rumpf- und Kniebeugen, die wir auch im Turnunterricht auszuführen hatten und die er uns als tägliche Übung empfahl. Das alles war uninteressant, ich wollte mich schon unauffällig zurückschleichen, als er mit einer rätselhaften Bewegungsfolge begann, die ich aber nicht recht studieren konnte, da er sich hierzu in dichteres Gebüsch zurückzog. Ich konnte nur erkennen, daß es nicht Rumpf- oder Kniebeugen waren.
Ich fragte am nächsten Mittwoch einen älteren Klassenkameraden, ob er mal was Komisches sehen wolle, und gemeinsam schlichen wir dem Lehrer nach. Wieder kamen die Rumpfbeugen, wieder verschwand der Lehrer im Gebüsch zu seiner rätselhaften Tätigkeit.
„Ach das!“, sagte Karl, kaum, daß er es gesehen hatte. Das sei das sogenannte Wichsen.
Wichsen? Davon hatte ich noch nie gehört.
Kein Wunder. Das Wort sei verboten, weil es nämlich unanständig war. Es gebe dafür auch noch einen anderen Namen, einen anständigen, der ihm aber momentan nicht einfalle. Irgendwas mit „Ohne...“.
Auf meine Ankündigung, den Lehrer einmal darauf anzusprechen, auf dieses ... meinte Karl scharf: „Untersteh dich!“ Es sei wie gesagt etwas Verbotenes. Und nicht nur das Wort, sondern auch das Tun.
„Und warum macht es dann der Lehrer?“
Karl überlegte. „Wahrscheinlich hat er als Lehrer eine Sondergenehmigung.“
„Und du, machst du das auch, dieses ... na, du weißt schon?“ fragte ich ihn.
„Aber sicher!“ sagte Karl und stieg, als Praktikant von etwas Verbotenem, in meiner Achtung.
Und wofür das gut sei? Dieses ... na, er wisse schon? Karl lachte und sagte: „Wart’s ab“. Darauf hatte ich keine Lust.
„Kannst du es mir nicht zeigen?“
Er sah mich prüfend an.
„Ich verrat nichts“, setzte ich nach.
„Nein“, entschied er schließlich.
„Och.“
„Später vielleicht“, tröstete er mich und schärfte mir noch einmal ein, nichts von dem ... na, ich wisse schon, zu verraten, auf keinen Fall zu erkennen zu geben, daß ich davon wußte, daß ich überhaupt das Wort kannte und vor allem nicht zu verraten, von wem ich es wüßte. Ich käme sonst in Teufels Küche.
Am nächsten Tag, in der großen Pause, fragte ich Karl, ob ihm das andere Wort eingefallen sei.
„Nein, aber wart mal.“
Er ging zu einem der älteren Jungs, wechselte ein paar Worte mit ihm, und kam wieder.
„Onanie“, sagte er. „So heißt das Wort für ... na, du weißt schon. Und wenn du es tust, dann heißt es onanieren.“
„Ich kanns ja nicht tun. Weil du mir nicht sagst, wies geht.“
Er ließ sich nicht erweichen.
„Onanie ... komisches Wort. Klingt wie aus Gummi. Und das ist dafür da, daß man davon reden kann?“
„Ja.“
„Dann darf ich den Lehrer damit danach fragen?“
„Untersteh dich! Beide Wörter sind verboten.“
„Onanie auch?“ wunderte ich mich.
„Das eine Wort, na du weißt schon, darf man auf keinen Fall sagen. Das hier schon eher. Aber auch nicht einfach so.“
Was das sollte, blieb mir schleierhaft.
„Und wozu braucht man dann das anständige Wort?“
„Damit man sagen kann, daß man das unanständige nicht sagen darf.“
„Dann kann ich den Lehrer doch fragen ...“
„Wehe. Wenn du ihn fragst, dann weiß er, daß du das anständige Wort für etwas kennst, das verboten ist. Dann will er wissen, woher du es kennst. Dann will er wissen, ob du es womöglich machst. Und dann, wenn du abstreitest, glaubt er dir nicht. Und dann kommst du in Teufels Küche.“ Schon wieder.
„Aber wenn ich das anständige Wort verwende, dann kann ich es doch tun?“
„Mensch! Es ist doch dasselbe. Nur das Wort ist anders. Tun darfst Du es auf keinen Fall, egal, wie du dazu sagst.“
„Warum eigentlich nicht?“
„Wegen der Koischheit.“
„Dann könnte ich ja den Pfarrer fragen.“
„Bloß nicht! Du fragst überhaupt niemanden. Am besten, du sagst keines der beiden Wörter. Das unanständige aber auf keinen Fall.“
„Du hast es gestern aber gesagt.“
„Es ist mir rausgerutscht. Vor Überraschung. Man sieht ja nicht alle Tage seinen Lehrer beim ... na, du weißt schon. Du darfst das Wort nicht einmal denken!“
„Das merkt doch keiner.“
„Doch, der Herrgott!“
„Kennt der das Wort?“
„Aber sicher.“
„Aber er denkt nie dran?“
„Natürlich nicht. Gott ist der mit der größten Koischheit. In deinem Alter ist es am Besten, du tust, als ob du beide Wörter nicht kennst.“
„Was heißt: in deinem Alter. Ich denke es ist immer verboten.“
„Ja. Aber später kannst du es trotzdem tun.“
„Mit Sondergenehmigung, oder?“
„Weißt du was: du kannst mir jetzt mal den Buckel runterrutschen. Wenn ich rauskriege, daß du irgend jemand erzählst, daß du das von mir weißt: dann ...“
„... komme ich in Teufels Küche.“
Ja. Dann kannst du was erleben.“
Am nächsten Mittwochnachmittag schlich ich zu jenem Heuboden hinauf und hielt Ausschau. Als ich nun den Herrn Lehrer von seinem gesundheitsfördernden und erfrischenden, mittwöchlichen Onaniespaziergang heimkehren sah, nahm ich das Seil und schob, zum besseren Halt, beide Hände auf meinem Rücken in den Hosenbund. Während er näherkam, trat ich an den Lukenrand und lehnte mich, indem ich das Seil langsam Stück um Stück nachließ, langsam immer weiter hinaus. Da er nun von unten das Seil nicht sehen konnte, würde es noch rätselhafter sein, wenn ich über ihm schräg von der Wand wegstand.
Ich hatte aber nicht damit gerechnet, daß es so schwierig sein würde, in dieser Stellung auch nur einige Augenblicke zu verharren, und zudem fiel mir ein, daß es noch schwieriger sein würde, aus dieser Lage wieder auf die Tenne zurückzukommen.
Endlich war der Lehrer unter mir, mühsam rief ich: „Herr Lehrer!“ ließ das Seil noch mehr nach und fügte, als er aufsah, noch mühsamer an: „Übung macht den Meister“, als ich feststellen mußte, worüber ich mir noch nie Gedanken gemacht hatte: nämlich, daß von der Körpermitte aus, also von dort, wo ich ungefähr meine Hände mit dem Seil hielt, der obere Teil meines Körpers schwerer ist als der untere, denn plötzlich fühlte ich, wie meine Füße einfach vom Lukenrand abhoben und ich kopfüber nach unten klappte; vermutlich zog die vermaledeite Gravitation an mir.
Als ich die Hand auf meinem Rücken aus dem Hosenbund zog, entglitt mir das Seil und ich fiel, kriegte das Seil aber noch einmal für einen Augenblick zu fassen, so daß ich in die Senkrechte gerissen wurde. Ich staunte, wie langsam die Zeit während des Falls verging, man konnte in Ruhe über das eine oder andere nachdenken, und ich machte mich gerade daran, mir zu überlegen, wie ich den Aufprall am besten bewerkstelligen könnte – vielleicht, indem ich mich kurz vor dem Aufprall noch mal irgendwie in die Höhe warf und so die Wucht verminderte -, als der Fall dann doch schon vorbei war. Ich kam direkt vor dem Lehrer auf, schlug mir die Knie blutig, war überrascht, daß ich mich dann aber aufrichten konnte und mir sonst nichts getan hatte und sagte, leider heftig atmend: „Anstrengend ist es schon noch“.
Schade, daß ich das Schrägstehen-Üben schließlich einfach vergaß, denn so werde ich nie erfahren, wie weit ich es gebracht hätte. Als es mir wieder einfiel, hatte ich jedenfalls keine Lust mehr, noch einmal von vorn damit anzufangen.
 

Pro Tag ein Gedanke - Juni

1 Er hatte es geschafft, zu vergeben; aber dann konnte er nicht mehr damit aufhören 2 Radio. Adorno spricht. Unglaublich. Geradezu surreal affig. Pures, völlig sinnfreies Delirieren der Sprechanlage; die Stimme seines Herrn, aber nur die Stimme, ohne Herrchen. Erinnert mich daran, daß quatschen von Quatsch kommt. Karl Valentin wären die Neidperlen auf der Stirn gestanden 3 fabrikneuer Müll 4 eine Internetseite entdeckt, die mir wie eine schlechte Nachahmung von Celeri erschien. Schlecht, weil es zwar eine hübsche Pose ist, es zu behaupten, aber nicht wirklich reicht, Schreibtischabfälle zum Lesen anzubieten 5 Ein Rechthaber; als solcher war er beständig damit beschäftigt, es zu sein, nämlich recht zu haben. Ihm fiel nicht auf, wie unwahrscheinlich es war, daß ein einzelner Mensch so viel und so oft Recht haben sollte 6 Aus dem Tal tutet es. Ein Junge, zornig, blauäugig, stapft daher, bläst ab und zu in ein Horn. Stapft und bläst 7 Der Maler D.H. beschäftigt sich mit der Darstellung der Wasserreflexe in einem Swimmingpool. Kann mir auf Anhieb keine langweiligere Aufgabe für einen bildenden Künstler vorstellen (doch: die Darstellung der den Pool umrandenden Fliesen). Schlage den Bildband auf, rechne mit Überraschungen. Diese bleiben aus. Die Resultate noch langweiliger, als die Vorstellung davon. Reglos. Wie lauter Standphotos 8 Lebensfreude? Fand er prinzipiell gut, wies aber darauf hin, daß sie leicht zu Alkoholismus führen könne 9 Die Bestechenden sind zutiefst enttäuscht von den Bestochenen: Käuflichkeit, wohin man schaut 10 „Es gibt ein Menge Schwierigkeiten. Um taugliche Lösungen zu finden, wäre es ein Gewinn, wenn (neben dem Gewäsche der Politiker und Wirtschaftler; deren Falschdarstellungen und Lösungsvorschläge nur Verfahren sind, aus dem Problem weiter Geld in die eigenen Taschen zu lenken) die Probleme klar und präzis dargestellt würden. Ich frage Dich: Wollt oder könnt ihr Schriftsteller nichts anders, als von euren Darmgeräuschen zu schreiben?“ 11 Sein Gedichtband, sehr großformatig und sehr dünn. Sieben Blätter, wie ich unauffällig abzählte. Einseitig bedruckt. Titel: „... grün“. Ein Zitat, wie er betonte (und auf dem Titelblatt vermerkte) von Celan. Ich sagte, daß ich es seltsam fände, ein einzelnes Wort als Zitat auszuweisen. Ob denn nicht auch andere Dichter das Wort grün benützt hätten? Er seufzte. Ob ich denn nicht verstehe ... dann winkte er ab. Banausen gabs überall 12 Wenn nur existierte, was denkt, dann gäbe es 99,9% der Welt nicht 13 Die Besichtigung der Kirche ist nicht möglich. Fünf Kinder sollen getauft werden. Drei Männer und eine Frau schreiten durch die murmelnde Kirche nach vorn, die Säuglinge in Taufkleidern auf dem Arm. Ein feister Mensch mit dickem, rotbackigem, glänzendem Kopf, mit landwirtschaftlicher Ausstrahlung, strahlend, als werde er für besonderen Zuchterfolg prämiert; ein junger Hagerer, der aber aussah, als sei er gleichzeitig sein eigener Großvater; ein Älterer, der sein Kind betrachtete, als sei es ein Bilderrätsel; die Frau mit Zwillingen (der Vater hatte sich, wie ich dem Getuschel zweier alter Weiber vor mir erfuhr, aus dem Staub gemacht). Die Orgel setzte ein, die Kinder begannen zu schreien, erst eines, kläglich und schüchtern, dann zwei, dann alle fünf, fest und vehement, der Pfarrer verlas etwas, die Orgel schwoll an, Väter und Mutter wippten ihre Kinder, auf und ab, die Kinder rülpsten, begannen zu schreien, der Pfarrer hob die Stimme, das Kindergeschrei schwoll an, der Pfarrer ließ sich nicht beirren, als die Orgel verstummte, gellte das Geschrei noch lauter durch die Kirche. Die Väter und die Mutter umstanden, ihre dunkelroten, schreienden Kinder auf und ab wiegend und wippend, das Taufbecken 14 Radiosendung mit Hörerbeteiligung. Es ist alles gesagt, nur noch nicht von allen 15 Er gab vor, zu wissen, daß er nicht wußte. War das nicht eine angeberische, weil bescheiden scheinen wollende, affektierte Pose. Zudem: Woher, frage ich, wollte er das wissen? 16 1+ 1 = 2. Das war wohl richtig, wirkte gleichzeitig aber auch pedantisch 17 Huren mit Niveau. Konnte mir nicht vorstellen, was gemeint ist. Prostituierte, die ihre Kunden mit Goethezitaten bezauberten? Nein. Agenturen vermieten der sog. ökonomischen Elite gepflegte Akademikerinnen mit Künstlernamen 18 Die sog. ökonomischen Entscheidungsträger wiederum spendieren den sog. politischen Entscheidungsträgern dieselben Frauen 19 Das Orchester spielt, als werde es von einem Auditorium mit ausgesucht schlechtem Geschmack sowie wurfbereiten Handgranaten belauert 20 mit den unheilvollen Augen einer Irrenhausratte 21 Sein Hobby waren Sätze, die vorwärts und rückwärts gelesen eine andere Aussage hatten; allerdings war ihm bislang die Konstruktion keines einzigen gelungen 22 Frau aus Burano, die noch nie ihre Insel verlassen hatte und noch nicht einmal nach Venedig gekommen war. Nürnberger Hausfrau, die noch nie weiter als 50 km von ihrer Heimatstadt entfernt war und nun nach Venedig (wohin sie gern ihre Hochzeitsreise gemacht hätte) fährt, um dort zu sterben 23 Hält es für ein Zeichen von Kultiviertheit, wenn er seine Wohnung ganztägig (wachzeitig) mit Mozart u.ä. durchdudelt 24 Sie hatten alle Angst vor dem Alter und dem Tod. Unlogisch fand ich ihre zusätzliche Angst vor dem im Alter drohenden Gedächtnisverlust, denn dann hätten sie doch keine Angst mehr vor dem Tod gehabt, weil sie vergessen hätten, daß sie überhaupt sterben 25 Manager. Arbeitete daran, sich einen Touch von Bohème zuzulegen. War aber schwer. Ihm fiel nichts ein. Aus der Beobachtung von Künstlern wurde er auch nicht schlau 26 Jetzt, im Alter, sei er kritisch und unbequem und zeige unerbittlich dorthin, wo es im Argen liege: Umweltschutz, Dritte-Welt-Problematik, Gentechnik u. dergl. In seiner aktiven Zeit als Politiker hätten ihn Sach- und Parteienzwänge daran gehindert, aber damals habe er auch wertvolle Einblicke erhalten, die ihm nun zugute kämen. Und für diese Reihenfolge soll ich ihn jetzt bewundern. Früher: den Mund zu und die Hand auf; jetzt: Unerbittlichkeit als präseniles Hobby 27 Der unschmackhafte Mensch lachte appetitverderbend 28 Menschen, die sich weigern, ihr Leben zu verbrauchen 29 Das Buch eines Holländers, das sich las, als sei es von einem ungemein beleibten Herrn in ächzender Weise jeweils unmittelbar nach dem überreichlichen Mittagessen verfaßt worden. Beim Umblättern segelte ein Zeitungsausschnitt zu Boden, auf dem, neben einer Besprechung, das Bild der mausgesichtigen, hasenzahnigen und föhnwelligen Autorin, die – irgendwie – verkehrtherum aussah. Als sei sie zum Photographieren auf links gewendet worden. Oder ihr der Kopf abgeschlagen und verkehrt herum auf den Hals gesetzt worden. Drehte man das Blatt, dann wurden ihre Stirnfalten zu einem mürrischen Mund, ihre Föhnwelle zu einem biblischen Bart, die Nase ragte mißgeburthaft aufwärts, und ihre Augen neben dem Kinn ... naja, das ergab wenig Sinn, ich drehte das Blatt wieder um 30 Aus dem Fenster sah ich, daß die eben aufgegangene Sonne und der schwere Tau den Garten zu einem Glasgehege machten, das beim leichtesten Luftzug zu klirren und zu klingeln anfangen würde. Ein Rabe kam hinter dem Haus hervor geflogen, die Flügel glänzten bei jedem Schlag, und er setzte sich auf einen dünnen Walnußzweig. Der brach nicht und klirrte nicht, nur ein Schauer glitzernder Tropfen löste sich, und der Rabe flog weiter, der Zweig war ihm zu dünn. Als ich später, unten im Garten, barfuß im nassen Gras, einen noch nicht ganz reifen Apfel pflückte, fühlte ich ein Würgen in der Kehle. Kein Zweifel, das waren Tränen. Gern hätte ich gewußt, was in mir worüber weinen wollte.

Einem Forscher

Sehr geehrter Herr,
auf ihre Anfrage betr. Ihres Projektes „Musik als Inspirationsquelle von Künstlern“, in dem Sie die Entstehungsbedingungen von Kunstwerken erforschen wollen, kann ich Ihnen leider nichts Verwertbares mitteilen. Meine Kontakte mit Musik sind eher zufälliger und unabsichtlicher Natur. Musik inspiriert mich nicht. Ich mag sie generell nicht sonderlich, sie ist mir zu sehr mit Sentimentalität verklebt. Propaganda. Für schlechte oder außerhalb der Musik gar nicht existierende oder zumindest falsche Gefühle. Als solche ist sie mir unangenehm, da ich mich ungern zu Empfindungen drängen lasse, die ich momentan nicht habe. Musik als Inspirationsquelle - ich wüßte schon gar nicht, wie das gehen soll. Beim Schreiben „was auflegen“? Um beim Hören dann Ideen zu kriegen? Daß ich durch Musik auf einen künstlerischen Einfall gekommen wäre oder kommen könnte – undenkbar. An Schallplatten gefallen mir am besten die Kratzer. Tut mir leid.

Hoffend, ja sogar sicher seiend, daß Sie anderswo fündig werden
verbleibe ich
mit besten Wünschen für Ihre Erforschungen 

Hausaufgaben

Üben Sie, täglich zwei drei Mal je fünf Minuten, das Immer-schräger-Stehen, bis Sie es zur Meisterschaft gebracht haben und waagrecht an der Wand stehen können.

Au Revoir,

Ihr
Rainer Braune

 

 Celeri-Übersicht
© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014