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Celeri 18 - August 2007
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Inhalt

Il mio crudel martoro

Karmatische Bilanzen

Einem Ratgeber

Pro Tag ein Gedanke – Juli

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 19 erscheint Anfang September 2007)

 

Il mio crudel martoro

Im Park über der Stadt das Toilettenhäuschen. Dem jüngeren Mann, der es versorgte, sah man sofort an, daß er an irgend etwas gescheitert war. Die Haare strähnig, lang und spärlich und wie ungewaschen. Die langen Beine unwirklich dünn, die Hosen schlotterten wie um Stelzen. Die Schultern hochgezogen. Das umgedrehte U der schmalen, lila Lippen. Auf dem Flur ein Kassettenrecorder, der die Anlage musikalisch ventilierte. Lascia che piango ... An den Wänden Kunstdrucke. In der Zelle, auf die Kacheln geklebte Kunstpostkarten. Flämische Landschaft. Porträt einer Dame. Bunte Quadrate von Paul Klee. Dazu ein Spruch, mit Filzstift in Schönschrift direkt auf eine Kachel geschrieben; daß man mit dem Herzen besser sieht, als usw. Ich saß staunend (und das tuend, was örtlichkeitsüblich ist) inmitten der sinnigen Pracht. Ich dachte an die dünnen Beine, dann wurde mir weinerlich zumute. Ich wagte kaum, die Spülung zu betätigen. Bevor ich es dann aber doch tat, wartete ich auf das Ende einer Arie. Es klang dann so unanständig und beleidigend wie erwartet. Während ich die Hände wusch und dem Seifenkrümel etwas Schaum zu entlocken versuchte, saß der Mann in einem Campingsessel und sah – Ombra mai fu - auf den Park hinaus. Auf dem Hinterkopf hatte er eine kleine, tonsurähnliche Glatze, auf dieser eine Warze, auf dieser ein dickes Haar. Neben ihm, auf einem Spirituskocher, blubberte ein Töpfchen, der Deckel kläpperlte – als ob ein Kinn zittert; als ob ein Stotterer zum Sprechen ansetzt, immer wieder, und nie wird auch nur eine Silbe daraus. Als ich beim Hinausgehen eine Münze in den bereitgestellten Pappbecher warf, echauffierte er sich, ich verstand ihn nicht, dann sah ich, daß ich ihm die Münze in sein Bier geworfen hatte.
Manchmal, wenn ich unten in der Stadt bin und die Zahnradbahn zum Park hinaufklettern sehe, muß ich nun daran denken, daß dort oben, unter der kleinen Nachbildung des Eiffelturms, der Klowärter unter den Klängen von Händelarien in seinem Häuschen sitzt und sich in seinem stotternden Töpfchen was zum Essen warm macht.

Karmatische Bilanzen
Interessante Verrechnungs- und Verzinsungsmodelle der Karma-Kasse

Ausgangssituation: Buddhist A langt Buddhist B eine.
Grundsätzlich zählen Ohrfeigen zu den Handlungen, die auf Seiten des Ausführenden in der karmischen Bilanz negativ zu Buche schlagen. Aber:
1) Mit seiner Ohrfeige gibt der Ohrfeigengeber dem Ohrfeigennehmer die Möglichkeit, Sanftmut zu üben, Mitleid mit dem von Emotionen überwältigten Ohrfeigengeber zu zeigen und die Ohrfeige nicht zu erwidern und somit also positives Karma zu sammeln.
2) Dadurch erweist sich die Ohrfeige wiederum nicht als ausschließlich schlechte Tat und kann auch auf Seiten des Ohrfeigners positiv in Rechnung gestellt werden (siehe unsere Karma-Verrechnungstabellen A II, 17d bzw. C I, 2b).
3) Ein Sonderfall tritt ein, wenn die Ohrfeige schon vorab nicht aus böser oder strafender Absicht verabreicht wurde, wozu sich der Ohrfeigner von seinen Emotionen hinreißen ließ, sondern in fürsorglicher und uneigennütziger Absicht, dem Geohrfeigten die Möglichkeit karmischer Wertsteigerung zu bieten und Sanftmut zu üben.
4) Wird die Ohrfeige erwidert, so kann der wertmindernde Charakter beider Ohrfeigen gegeneinander verrechnet werden kann. Es ergeben sich zusätzliche Möglichkeiten der Wertsteigerung des Karmas durch Ohrfeigen auf beiden Seiten:
4a) Der Erst-Ohrfeigner zeigt Sanftmut, empfindet Mitleid mit seinem zurückschlagenden Gegenüber, weil dieser sich von seinen schlechten Gefühlen hinreißen ließ.
4b) Der Erst-Ohrfeigner bedauert, daß der Geohrfeigte zurückgeschlagen und somit versäumt hat, durch praktizierte Sanftmut sein Karma zu verbessern und langt ihm, um ihm diese Chance erneut zu bieten, gleich noch mal eine.

Einem Ratgeber

Dank für Ihren Brief, in dem Sie mir vorschlagen, das Schreiben, mit dem Sie „als Mitglied einer literarischen Gesellschaft Probleme haben“, bleiben zu lassen.
Sie sind ja ein lustiger Gesell ! Kommen Sie immer so munter mit „Tri-Tra-Trullala“ und Trötenklang um die Ecke gehopst? Und verteilen Sie immer so freigebig Pritschen- und Ratschläge? So gut Sie es auch meinen mögen: ich bleibe vorerst halsstarrig und schreibe noch ein Weilchen, möchte mich aber mit einem Vorschlag meinerseits revanchieren: wie wäre es, wenn nicht ich aufhöre zu schreiben, sondern Sie zu lesen (wenigstens meine Bücher)? Dann sind Sie Ihr Problem los. Raffiniert, nicht wahr?
Wie grüßt man in Ihren Kreisen? Narri, Narro? Helau? Wolle mr’n roilasse? Auf jeden Fall: muntres Weiterrasseln und Knallerbsenwerfen auf Ihrer Altherrenfastnacht wünscht
Rainer Braune

Pro Tag ein Gedanke – Juli

Juli 1 Das Buch gibt dem Leser etwas. Der Leser kann dem Buch nichts geben, als es zu lesen 2 Angeblich war er jetzt also unsterblich. Das machte ihn unsicher. Ausprobieren, ob es stimmte, wollte er lieber nicht. Womöglich war er hereingelegt worden 3 Ich lese, daß wahre Toleranz sich mit Größe paart und sich auf alles erstreckt. Obwohl ich „Größe“ für etwas Erstrebenswertes halte, praktiziere ich gelegentlich eine etwas minderwertigere, kleinlichere Form von Toleranz, indem ich fanatisch Intoleranten die Toleranz verweigere 4 Daß Menschen, selbst Teil der Natur, sich mit deren nicht-menschlichen Teil schwer tun, davon zeugt das Vokabular, das für die Begegnung von Mensch mit Pflanze oder Tier benützt wird: abkochen, schälen, aufbrechen, einsalzen, an langer Leine im Kreis laufen lassen, dressieren, züchtigen, abflammen, mit Körnern stopfen, bestrafen, weichklopfen, ausrotten, abbinden, einschneiden, häuten, aufblasen, aufhängen, in Verschlägen halten, durch den Wolf drehen, usw., usf. All das praktizierten Menschen auch mit anderen, allerdings nur denen, gegen die er was hat 5 Radiosendung. Thema: Produktpiraterie. Ein Anrufer beklagt, daß man mit Chinesen Geschäfte macht, wo die doch Lager haben, die deutschen KZs gleichen. Die Moderatorin tadelt, daß man chinesische Arbeits- und Folterlager mit deutschen KZs gleichsetzt. Klingt, als ob sie auch das für Ideenklau hält und auf die deutsche Originalurheberschaft an KZs pocht 6 Legte Wert darauf, kein Spießer zu sein und war penibel darauf bedacht, den eventuellen Eindruck zu verhindern. Bevorzugte Strategie: möglichst rasch jemanden als Spießer enttarnen und sich selbst als Geistesmensch (oder Kunstfreund) zu erkennen geben 7 Buddhist in der Bredouille. Da Uneigennützigkeit verdienstvoll ist, d.h., dadurch positives Karma gesammelt wird, würde er sehr gern etwas Uneigennütziges tun. Doch: in dem Moment, wo er es im Gedanken an die positiven Auswirkungen tut, ist es nicht mehr uneigennützig, tut er das Uneigennützige aus Eigennutz. Nur: Er kriegt und kriegt es nicht hin, etwas Uneigennütziges „einfach so“ zu tun, ohne dabei an seinen Nutzen zu denken. Das erinnert an einen 8 Witz: Einer steht im Ruf, die richtigen Lottozahlen voraussagen zu können. Ein anderer bebettelt ihn. Der eine sagt, es sei überhaupt nicht schwer. Er solle einfach sechs Zahlen ankreuzen, die würden unfehlbar gezogen werden, vorausgesetzt ... Vorausgesetzt? drängt der andere. Vorausgesetzt, Sie denken dabei nicht an hellblaue Elefanten 9 Der Oberkastrat „stellt Überlegungen an“, ob nicht besser schon bei Lustverdacht vorsorglich entmannt werden sollte 10 Die Menschheit ist mit ihrem Großprojekt beschäftigt: Abschaffung der Natur. Alles was nicht menschennützlich ist, was nicht eßbar oder wenigstens dekorativ ist, wird umgezüchtet oder abgeschafft. Es bleiben 11 Zimmerpflanzen, Käfigvögel, grüne Lungen, Naherholungsgebiete und Fernreisen 12 Einer fragt (Tonfall Richter, der Todesurteile zu verkünden gewohnt ist), ob ich mir ein Attentat auf Hitler zugetraut hätte 13 Süchte, künstlich geschaffene Grundbedürfnisse 14 Überlegungen sollten immer möglich sein, auch wenn man anecke, und er wolle ja nur die Debatte in gang bringen und deswegen frage er jetzt einmal, ob Kastration nicht auf Dauer die wirkungsvollste und preiswerteste Methode der Empfängnisverhütung sei 15 Als Faschist hatte er es gar nicht gern, wenn man von Faschismus sprach und mahnte Verantwortungsbewußtsein und Respekt an 16 Bordell im Aschenregen (Flossenbürg) 17 Toleranz = friedliche Koexistenz 18 Er behauptete, daß „herausragende“ Bücher nur von Trinkern verfaßt werden könnten. Legte er mir nahe, Säufer zu werden? Alkoholiker kriegen an sich wenig mehr auf die Reihe als die Vortäuschung des Alltags und die Organisation des Nachschubs; nicht einzusehen, warum sie so etwas Komplexes wie ein längeres Buch hinkriegen sollen. Alkoholiker sind „Meister der kleinen Form“ und beschreiben, was zwischen zwei Räuschen möglich ist, Zettel 19 Er sprach so gern von sich, und dazu war ihm jedes Thema recht 20 Popliteratur: Eigenfurzabfacklerei 21 Buchhändler, der aussieht, als müsse er gleich erbrechen, hielte das aber, mir und dem Verkaufsgespräch zuliebe, noch ein wenig zurück 22 Bemerke, daß ich anstelle wörtlicher Rede gern „nickte“ oder „schüttelte den Kopf“ schreibe. Vermutlich marottenhaft. Aber ich empfinde es belästigend, wenn nebensächlichster Kram mit verbalem Aufwand bestätigt oder verneint wird 23 Normales Leben: geschäftige Apathie 24 Er las und lernte viel auswendig, weil er glaubte, sich damit schon im Diesseits ein Startkapital im Jenseits anlesen zu können 25 Wir würden gerne ein Opfer bringen, wissen aber nicht, wem. Und selbst wenn, dann wüßten wir nicht, was für ein Opfer 26 Bei der immensen Zahl von Haustieren ist es niederschmetternd, daran zu denken, daß die wenigsten Tiere etwas können. Ihre Besitzer bringen ihnen nichts bei. Die Tiere sind dazu verdonnert, in Wohnungen oder Käfigen hausend, ein Leben wie ihre Besitzer zu führen 27 Es war ein schöner Nachmittag, aber es war, als erlebe ihn ein anderer. Darum rührte ich mich nicht, sah nur auf die Straße, wo die anderen Menschen kamen und gingen, lauter andere Menschen 28 Damals hielt ich mir einige Heuschrecken, von denen ich nie wußte, ob sie mir gehorchten oder nur zufällig taten, was ich wollte 29 Nachts zum Flughafen. Im Scheinwerferlicht rannten uns wilde Hunde entgegen 30 Stell dir mal vor, da ist einer, der weiß nicht, was Tod ist, wird älter und älter und wundert sich und sagt: Wohin das noch alles führen soll? 31 Als Kind schrieb ich einen Satz, der hieß: fällt der Schnee, so muß ich denken

Hausaufgaben

Machen Sie sich um Ihre Mitmenschen verdient und bieten Sie diesen die Möglichkeit, durch praktizierte Sanftmut ihr Karma zu verbessern, in dem Sie ihnen Ohrfeigen verabreichen. Gehen Sie der immer bestehenden Möglichkeit, ungewollt Ihr eigenes Karma verschlechtern, weil Sie aus persönlicher Abneigung ohrfeigen, aus dem Weg zu gehen, aus dem Weg, indem Sie Ihnen völlig fremde Menschen ohrfeigen. Gelegenheiten und Orte gibt es zuhauf: Warteschlange an der Kasse, Passanten, Bushaltestellen, Tankstellen, etc. – Ihrem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Tip: Auch mal improvisieren und sich überraschend bietende Gelegenheiten (Spaziergänge) nutzen.
Eventuelle Einwände zerstreuen Sie, indem Sie Ihre Leitmotive und Hintergedanken erläutern.
Sie bemerken nach einer gewissen Zeit Freude an Ihrer ohrfeigenden Tätigkeit? Lassen Sie sich nicht irritieren, verbinden Sie den Spaß an der Sache mit Ihrer guten Tat. Mit Freude getan ist ein gutes Werk gleich noch mehr wert.

Au Revoir,

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014