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Celeri 20 - Oktober 2007
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Der unverwüstliche Jubilar

Wieder einmal hatte Brecht Jubiläum – Jubiläen, zum Beispiel das Geburtstage-Haben hören ja mit dem Tod nicht auf, fangen erst richtig an, stiftet der Tod doch noch ein weiteres Jubeldatum, den des Todestages nämlich, und so wird aus „nach dem Jubiläum“ sogleich ein „vor dem Jubiläum“, und wer ein paar Pfennige damit verdienen kann, richtet etwas auf dem Ladentisch an –, und da wurde ich nach dem „Einfluß Brechts auf“ mein „künstlerisches Schaffen“ gefragt. Da meine Antwort mit „gar keinen“ so dürftig war, daß sie leicht unhöflich hätte wirken können, lenkte ich mich zunächst mit einer Idee ab, holte das Telephonbuch und rief zehn oder zwölf Buchhandlungen an.
„Kaum“, „selten“, „nicht oft“, „praktisch nie“, „eher weniger“, „wenn er in der Schule dran ist“, „gelegentlich die Gedichtsammlung“, „wir können jedes Buch, soweit lieferbar, innerhalb eines Tages besorgen“, „kann mich nicht erinnern“, „schon länger nicht mehr“, usw. Die Antworten waren, wie man sieht, recht einheitlichen Charakters. Meine Frage läßt sich aus ihnen unschwer erraten.
Ein Buchhändler setzte nach: „Brecht? Was wollen Sie denn von dem lesen?“ Das erwies sich in der Tat als die eigentliche Frage : Was könnte ich von Brecht lesen?
Ich lernte Brecht in der Schule kennen, ein, wie ich einräume, für einen Schriftsteller denkbar schlechter Start auf dem Weg zu seinen Lesern. Der Lehrer setzte voraus, daß „was Modernes“ uns Junge ja naturgemäß begeistern mußte (sein Begriff von „modern“ irritierte uns. War Brecht nicht längst tot?). Er begriff nicht, daß, um uns nicht zu interessieren und auf den Index zu gelangen, es genügte, wenn ein Lehrer es – was auch immer – uns nahelegte.
Als ich zur Vorbereitung im Literaturhandbuch Brechts Werkverzeichnis durchlas, erinnerte ich mich sofort an ein Buch von zu hause, in dem ich mich jedesmal, wenn ich es zur Hand genommen hatte, festgelesen hatte: „1000 Winke für den Haushalt“. Ratschläge für alle erdenklichen Fälle. Und auch dieser Brecht war offensichtlich ein Tausendsassa, der zu allem was zu sagen gehabt hatte, bei allem sowohl die Fehler als auch die Lösungen kannte; ein Klempner, der auch Zündkerzen wechselt und Rat weiß bei Akne, Stechmücken, ungewollten Schwangerschaften und Kaffeeflecken.
Es kam zum Erstkontakt – ein Stück aus Mutter Courage, mit verteilten Rollen gelesen. Hm ... wir waren irritiert. Weil es uns weder gefiel noch nicht gefiel. Es war uns egal. Wir konnten nichts damit anfangen. Wir hatten was erwartet. Was, das wußten wir nicht genau. So was jedenfalls nicht.
Der Lehrer kündigte an, uns in der nächsten Stunde Brechts berühmte Dialektik zu erläutern. Davon hatten wir noch nichts gehört. Selbst das Wort war uns neu. Es hatte sicher etwas mit Dialekt zu tun, wahrscheinlich ging es um volkstümliches Vokabular in Brechts Werk. Einer schlug im Lexikon den Begriff nach. Die Erklärung war unverständlich und hatte, soweit wir verstanden, nichts mit Dialekt zu tun.
Ich kann mich an das Behagen des Lehrers erinnern, als er die Dialektik erläuterte und uns deren Funktionsweise nahebrachte. Es schien „dankbarer“ Lehrstoff zu sein. Dabei stellte sich heraus, daß sie zum einen tatsächlich nichts mit Dialekt zu tun hatte und wir sie zum anderen bereits kannten. Denn das Einerseits-Andererseits, mit dem wir unsere Aufsätze gestalteten, und das wir mühsam hatten erlernen müssen, war ebenfalls eine Spielart dieser Dialektik. Dies hatten wir recht mühsam erlernen müssen, da uns die Berücksichtigung eines anderen Standpunktes gegen den Strich ging. Wir durften auf die gestellten Fragen, die zugleich Aufsatzthemen waren, nicht einfach unsere Meinung äußern, sondern mußten so tun, als falle uns noch ein anderer, möglichst gegensätzlicher Standpunkt ein. Dann hatten wir so zu tun, als entdeckten wir an beiden Standpunkten Vor- und Nachteile (das war eben das Dialektische). Daraufhin galt es, das Für und Wider gegeneinander zu verrechnen. Praktisch ging das so : zunächst kam die eigene Meinung, an der man aber irgend etwas auszusetzen fand, dann dachte man sich eine andere aus, fand an der ebenfalls Vor- und Nachteile und gab wiederum der ersten den Vorzug.
Besonders gelungen galt, wenn man keine eigene Meinung erkennen ließ und so tat, als wäge man, ganz unparteiisch und sachlich, zwei Standpunkte gegeneinander ab. Unvermeidlich war es, auch aus dem zweiten Standpunkt etwas in den ersten zu übernehmen. Saft war gut, hatte aber diesen Nachteil, Wasser war auch gut, hatte aber jenen Nachteil. Und so kam man zur Erkenntnis, daß Wasser mit einem Schuß Saft das Idealgetränk war.
Das Schema „Erst Ja, dann Nein, dann ein verneintes (also mit Nein verdünntes) Ja“ konnte praktisch allseitig angewendet werden : Krieg und Frieden, Fleisch oder Gemüse, Alltag und Religion, Sport oder Geistesarbeit, Ordnung und Unordnung – was immer dem Lehrer an Trainingssituationen einfiel. Es war die Lehre vom goldenen Mittelweg. Seine Anwendung galt als Einübung in Reife. An allem war sowohl etwas auszusetzen als auch etwas zu finden und irgend etwas gab’s immer zum Mischen, verdünnen ließ sich alles mit allem. Diese Dialektik war eine Einübung in Heuchelei.
Wir hatten nun, zur Schärfung des Blicks, in diversen Lesestücken Beispiele für Brechts Dialektik aufzuspüren. Was gab es da nicht alles zu entdecken : Auf dem Kanonenrohr wurde Wäsche getrocknet. Eine Frau lebte von dem Krieg, an den sie ihre Söhne verlor. Kapitalismus war schlecht, aber der Kapitalist hatte das Geld, um die Armut zu beenden. Der Bösewicht war tierlieb. Und, die unglaubliche Krönung : um gut zu sein mußte einer böse sein. Besoffen war einer eine Seele von Mensch, nüchtern ein Ekel; das war so gewöhnlich, daß wir staunten, daß das auch Dialektik war. Besah man’s genau, steckte hinter allem und jedem Dialektik. Diese Dialektik, so wurde mir klar, war die Methode der Willkür, das Verfahren, nach Belieben alles und jedes in alles und jedes zu verwandeln.
An der Dialektik störte mich, daß es sie in der Wirklichkeit nicht gab. Daß alles seine Kehrseite hatte, war mir, und auch wohl anderen Schülern, keineswegs neu. Wir hatten längst festgestellt, daß alles nicht nur zwei Seiten hatte, sondern mehrere. Und daß zudem alles anders war, als es den Anschein hatte, das war eine meiner ersten Entdeckungen als Kind gewesen (evangelischer Bub im von katholischen Nonnen geführten Kindergarten – eine sehr dialektische Situation, die ich, ohne das Für in Rechnung zu stellen, durch Schwänzen beendete). Ich gab zu Bedenken, daß eine Verkürzung auf zwei Aspekte das Verständnis einer Angelegenheit nicht erleichterte, sondern erschwerte, ja sogar unmöglich machte.
Das sei alles ja richtig, sagte der Lehrer, aber hier gehe es um das Prinzip der Dialektik, eine Denkmethode, nicht um praktische Lebenskunde. Ob ich nicht bemerkt habe, wie listig Brecht auf der Kanone Wäsche zum Trocknen drapiert habe. Ich fand nichts listig daran, auf einer Kanone Wäsche aufzuhängen. Ob ich mir eine schlagendere Kritik am Kriegswesen vorstellen könne? Ich konnte.
Listig – auf dieses Wort stieß man im Zusammenhang mit Brecht immer wieder. Offenkundig aber war, daß Brechts Listigkeit anerkennend erwähnt wurde. Listig - das waren für mich pfeiferauchende Detektive, die schmunzelnd darauf warteten, daß der Verbrecher in die Falle ging. Listig, das waren Leute, die andere hinters Licht führen, ohne daß die es merken. Das Wort „listig“, lobend erwähnt, irritierte mich. Denn für mich gehörte es zu Wörtern wie : verschlagen, gerissen, pfiffig, gerieben – Wörter aus dem Lebensbereich kleinkarierter, schadenfroher Duckmäuser (das Bild eines Mannes, der sich, vor Schadenfreude darüber, jemanden hereingelegt zu haben, schmunzelnd die Hände reibt).
Wen also hatte Brecht hereingelegt? Wen etwas zu tun veranlaßt, was der eigentlich gar nicht wollte, was er, aufgrund Brechts Listigkeit aber tun mußte? Wem ging jetzt, angesichts der auf dem Kanonenrohr aufgehängten Wäsche, ein Licht auf? Und welches? (Wurden jetzt, nachdem die Wäsche den Unfug des Kriegswesens bloßgestellt hatte, keine Kanone mehr abgefeuert?)
Wollte er seine Leser überlisten? Denn an die wandte er sich ja. Oder hatte er es sich so gedacht, daß er die Leser zu Zeugen seiner Listigkeit machte? Aber wozu wäre das gut gewesen? Zählte er etwa zu den Angebern, die bei allem was sie tun, Zuschauer brauchen? Wozu wollte er uns überlisten? Wollte er uns, mittels List und Dialektik, zum Kommunismus bekehren, ohne daß wir es merkten?
Hatte ich es denn überhaupt richtig verstanden, nämlich daß Brecht Kommunist war?
Da habe ich, spöttelte der Lehrer, ja eine tiefschürfende Entdeckung gemacht. Ich ließ mich durch seine Faxen nicht ablenken und fragte weiter. Ob das heißen solle, daß uns hier, mit Brecht als Transporteur, die kommunistische Ideologie nahegebracht würde?
Was mir denn einfalle? Ob ich denn etwa aus dem „Wilhelm Tell“ die Aufforderung herausgelesen habe, gleichfalls mit einer Armbrust zu schießen? Man lese doch nicht, um alles Gelesene nachzumachen. Man lese doch auch, um Fehler offenzulegen und künftig zu vermeiden. Zum Beispiel die Fehler des Kommunismus.
Warum wir dann so wenig über das Dritte Reich zu hören bekämen, das läge uns doch wesentlich näher?
Das sei eh klar. Oder ob man mir etwa noch groß erklären müsse, daß das Dritte Reich furchtbar gewesen sei?
Und welche Fehler sollte uns die ausgiebige Beschäftigung mit Schiller und Mann vermeiden lehren? Das unzeitige Abschießen von Armbrustpfeilen?
Der Lehrer machte den Hopfen-und-Malz-verloren-Augenaufschlag. Ob ich eigentlich nie nachdächte?
Das war rhetorisch. Darauf brauchte ich nicht zu antworten.
Der Lehrer machte uns auf eine Besonderheit Brechts aufmerksam : den Verfremdungseffekt. Er zählte einige auf. Waren, so meine Frage, diese (vermutlich dialektischen) V-Effekte nicht etwas albern? Reflexe von Schallplatten an der Wand. Mitnichten. Brecht wolle den Zuschauer nie vergessen lassen, daß er im Theater sei. Das, so stellte ich später fest, vergaß man auch so nicht.
Damit wir einen Eindruck erhielten, brachte der Lehrer eine Schallplatte mit. Die bedeutendsten Brecht-Interpreten. Schallplatten, das war immer gut. Wir begaben uns in den Musikraum, wo ein Plattenspieler war. Frauen mit herrischem Getue und pampigem Blech-Gesang und aufgebrachte Herren. Es klang alles nach in die Hüften gestemmten Fäusten und Zigaretten im Mundwinkel. Auch wenn man den Text nicht immer verstand, war klar, daß sie alle sauer waren. Die Verhältnisse waren miserabel, aber sie konnten, vor lauter Dialektik und Listigkeit, nicht sagen, was genau ihnen nicht paßte und waren alle - irgendwie – damit beschäftigt, Wäsche auf Kanonen zu hängen.
Dreimal mußten wir uns die unnachahmlich kongeniale Interpretation des „Kopf ab“ anhören. Zur Abrundung gabs noch zwei Tondokumente, Brecht liest ein selbstverfaßtes Gedicht – es knarrzte und blecherte, als habe er sich zu diesem Zweck in eine Konservendose gezwängt – und Brecht singt was, von einem Haifisch, der Zähne im Mund hatte. Während er sich mit mächtig rollenden R’s zum Narren machte, besah ich mir die Bilder. Brecht in seinem maßgeschneiderten Sträflingskittel, mit Stumpen; die ausgemergelte Weigel mit ihrem Mutter-Dürer-Gesicht, als habe sie soeben ihr tägliches Glas Essig geleert; Weill sah aus wie ein Musterschüler, der seine Gaunerphase durchmacht ... unangenehm.
Was ich denn für ein Gesicht mache? Ob ich an der Musik etwas auszusetzen habe? Dem Lehrer war mein Gesichtsausdruck aufgefallen. und er war gereizt, weil er mit seinen Schallplatten keine Begeisterungsstürme auslöste.
„Die extrem miese Laune“, erklärte ich ihm.
Ha! Ob ich mir vielleicht vorstelle, daß man lachend und tirilierend für bessere Verhältnisse kämpfe?
„Na so jedenfalls auch nicht.“
Ha!
Dann fuhren wir im Bus in die Stadt, um uns die Dreigroschenoper anzusehen. Ein schwer aushaltbarer Ganovenklamauk, der mit ein Bild vermittelte, das auch durch spätere Eindrücke weniger verändert, als komplettiert wurde. Geisterbahnschurken mit Hosenträgern, Nörgler mit geballten Fäusten, Huren mit tiefen Falten zwischen Nasen und Mundwinkeln, (sie ähnelten den Frauen aus der heimatlichen „Wäsche- und Mangelstube Phönix“), näselnde Klugscheißer, Fabrikbesitzer mit Monokeln und ähnliche Groschenheft-Figuren.
Brecht wurde zum Aufsatzthema und ging dann vorbei, so wie jedes Unterrichtsthema vorbeiging. Was blieb war ein Spitzname für einen Schüler, der den Namen einer Brecht-Figur falsch ausgesprochen hatte und seitdem selber so hieß.
Später begegnete ich noch einmal einem Brechtstück an überraschendem Ort. Als ich im Zirkus zusah, wie ein Akrobat an seiner Nummer feilte, fiel mir die Musik auf, mit dem er sich begleiten ließ. Als ich zur Orchesterempore hinaufrief, um was es sich dabei handele, rief der Trompeter zurück : Es sei ein Lied, er habe es für sein Orchester arrangiert, habe aber vergessen, den Komponisten aufzuschreiben, es sei „irgend was mit Jakob Schmidt“.
Brecht gilt als bedeutender Lyriker. Später, nach der Schule, stieß ich auf einige Gedichte, die mir gefielen. Dann entdeckte ich Rimbaud. Dagegen hatte Brecht natürlich keinen Bestand. Aus diesen Zeilen wehte ein anderer Wind, der Brechts Blätter ohne Umstand vom Tisch blies. (Noch später geriet ich übrigens einmal in einen Lyrikabend: „Der erotische Brecht“. Ein Geheimtip. Was für Freunde dampfender Herrenunterwäsche.) Soweit die Lyrik. Dazu gibt es hierzulande einen Spruch: Wem’s gefällt, für den ist es das Höchste.
Ich halte, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, aus verschiedenen Gründen die Prosa, genauer gesagt: den Roman, für die Königsdisziplin der Literatur. Nehme ich also unter dieser Vorraussetzung Brechts Prosa unter die Lupe, so siehts arg dürftig aus und ich gelange ich rasch zu der Frage des Buchhändlers: Was könnte ich denn da lesen? Wer Prosa schätzt, der hat es mit Brecht schwer. Der groschenhefthafte Dreigroschenroman. Die nur schwer auszuhaltenden, dümmlichen Keunergeschichten mit ihren Nachdenklichkeiten für Einfaltspinsel. Der einzige Vorzug seiner schauderhaft-armseligen Erzählungen ist, daß sie nach einigermaßen regelgetreuer Grammatik verfaßt sind (ein Vorzug, der bei Waschmaschinenengebrauchsanleitungen oft schmerzlich vermißt wird). Doch halten wir ihm zugute, daß sich Brecht wohl selbst nicht als Prosaschriftsteller betrachtete.
Brecht gilt als bedeutender Dramatiker. Gut möglich, daß er das zu seiner Zeit gewesen ist. Seine Fans heben seine Aktualität hervor. Vermutlich läßt sich auch im altbackensten Stoff irgendeine Aktualität entdecken. Ich habe einige Inszenierungen gesehen. Regisseure und Schauspieler gaben sich Mühe, etwas aus dem Stoff herauszuholen. Seine Fans heben hervor, daß man das – nämlich etwas herausholen – mit Brechts Stücken immer noch kann (womit stillschweigend so getan wird, als sei dies ein Vorzug eines Theaterstücks. (Dieses Herausholen funktioniert beim Theater so, daß man das, was man herausholen will, zuvor hineinstecken muß (dialektisch?). Ich vermute, daß man aus Brechts Stücken weniger etwas herausholen kann, als daß man dies tun muß, weil ansonsten Brechts Stücke in ihrer ungeschönten, altbackenen Pracht dastehen und nichts mehr hergeben. Ich habe Schwierigkeiten, mir eine Zeit vorzustellen, der sie etwas sagten.
Daß Brechts Stücke immer noch viel gespielt werden, finde ich seltsam, ja geradezu gespenstisch. Schon bei der Aufführung der Dreigroschenoper hate ich das Gefühl, daß da irgendwas nicht stimmt. Immer wieder hatte ich das Bedürfnis „Tu doch nicht so!“ auf die Bühne hinaufzurufen. Daß ein Schauspieler, um sich sein Brot zu verdienen, so tat, als sei er verliebt, das war befremdlich, mochte aber angehen. Daß er tat, als sei er gegen den Kapitalismus, als habe er eine bestimmte Weltanschauung – das war, irgendwie, falsch. Rätselhaft auch finde ich den Umstand, daß man Brecht immer noch in den Schulen liest. Ob sich darüber schon einmal jemand Gedanken gemacht hat? Nicht nur, daß sich niemand ernsthaft für Brechts Gedanken und Ideen interessiert; wer sie äußert, gälte als Demokratiefeind und käme mit dem Verfassungsschutz in Konflikt (und verwirkte als Häftling seine Begnadigung). Bei denen, die vorgeben, an ihrer Verwirklichung interessiert zu sein, reicht ein Blick auf ihr Privatleben, um zu wissen, daß es nur eine Pose, aber nicht gar so ernst gemeint ist.
Warum fällt mir hierzu Folgendes ein? : Angeblich sinken die Fähigkeiten zu lesen und sich sprachlich auszudrücken rapide. Um so erstaunlicher ist, daß ein Stück Kleidung ohne verbale Botschaft nur schwer aufzutreiben ist. Studiert man, womit sich die Deutschen beschriften, so findet man neben Witzen, Zoten und flotten Sprüchen T-Shirts mit Aufdrucken aller politischen Richtungen und Gesinnungen. RAF-, SS-, Che Guevara-, 88-Aufdrucke. Dabei dürften nur die Träger rechtsradikaler Aufdrucke auch hinter der verkündeten „Sache“ stehen. Ansonsten werden selbst revolutionäre und terroristische Symbole und Parolen als völlig gesinnungsfreie, dekorative Elemente verwendet. Fallen Brechts Gedanken unter diese Mechanik der Vermurksung jeglicher Idee und Ernsthaftigkeit (durch Gewohnheit, in der Mode), als Ausdruck der Entwertung jeglicher Idee und jeglichen Versuchs, ernsthaft zu leben, in der Gesellschaft. Hat Brecht es womöglich vorgemacht, was davon zu halten ist? Mit seinen Proletarierkostümen, seinen aus edlen Stoffen nachgeschneiderten Mao-Kitteln? Handelt es sich bei den Beschäftigungen mit Brecht um einen Irrtum? Um öltankerhaft schwerfällige Unfähigkeit, die Richtung zu wechseln? Oder die Einsicht, daß Literatur, gleich wie umstürzlerisch sie sich gebärdet, in der Praxis eh folgenlos bleibt?
Auf der Rückfahrt von der Dreigroschenoper-Aufführung machte ich mir Gedanken, worin genau dieses Gefühl bestand, daß mich Brecht nichts anging. Ich gestand mir ein, daß ich zunächst einen gedankenlosen Widerwillen gegen die alles mit einem Spülwassergrau überschwappende Freudlosigkeit hatte. Ich fand, daß er zwar die Verhältnisse anklagte, aber selbst keine Vorstellung davon vermittelte, wie es besser sein konnte. Für meine Suche nach einem Vorbild, die ja vor allem eine Suche nach einer Richtung war, gab Brechts nicht her. Ich wollte nach vorn, und er zeigte immer nach hinten und analysierte die Zustände und hatte nichts anzubieten, wofür man sich begeistern konnte. Versuchte ich, mir aus dem, was ich von Brecht kannte und wußte, eine Utopie vorzustellen, eine künftige Welt, kam nichts Rechtes dabei heraus. Keine Welt, in der ich leben wollte. Vermutlich lag es an den Zeiten, jenen Verhältnissen eben, die nicht zuließen, daß man sich Vorstellungen von Morgen machte. Vermutlich waren ihm Utopien einfach vergangen und an ihrer Stelle wünschte er sich nichts anderes, als die Abwesenheit des Schlimmsten. Vielleicht auch fürchtete er sich sogar vor Utopien; vor den Zukunftsvorstellungen, die sich jemand macht, der einen großen Teil seiner Lebenszeit vor den Nazis auf der Flucht war, der sehen mußte, wozu die von ihm bislang vertretene Ideologie benützt werden konnte und der feststellen mußte, daß der große Preis, den man ihm zuletzt in den Mund stopfte, nach einem Massenmörder benannt war - - - Ich vergaß Brecht praktisch. Ich hatte genug Autoren, die ich lesen wollte.
Mein persönliches Fazit : Unter Brechts Werken war und ist für mich nichts dabei, das ich lesen könnte, so daß daraus ein Einfluß auf mich entstehen könnte. Ich kenne auch keine freiwilligen Brechtleser, die mir etwas empfehlen könnten. (Fünf Schwierigkeiten, die Wahrheit zu schreiben – das, meinte jemand, müßte mich doch interessieren. Ich vermute, eine der Schwierigkeiten besteht darin, daß bei dialektischer Betrachtung die Wahrheit keinesfalls herauskommt. Aber ich weiß ja nicht, was Brecht unter Wahrheit verstand. Ich weiß aber von der Schwierigkeit, etwas zu schreiben, das nicht Wahrheit ist. Selbst im Zurechtzimmern eines Sachverhalts aufs dialektische Format liegt eine ganz eigene Wahrheit.) Ob andere Schriftsteller von Brecht etwas lernten? Ich weiß es nicht, habe allerdings auch nie jemanden danach gefragt. Brecht scheint mir nur mehr als Arbeitgeber eine Rolle zu spielen. Für Germanisten, Feriengastanlocker, Studenten, Artikel- und Essayschreiber, Lehrer, Festredner, und dergl.
Und so entschloß ich mich, zu riskieren, als maulfauler Klachel zu gelten und die eingangs erwähnte Frage eben doch mit dem spartanischen „gar nicht“ zu beantworten.
Doch neulich hörte ich eine andere Frage, auf die ich, hätte man sie mir gestellt, eine ausführlichere Antwort gewußt hätte: Was fällt Ihnen zu Bertolt Brecht ein?
Berthold Hecht ! Mein Mitschüler aus Kindertagen. Der wäre gar zu gern ein Ministrant gewesen, vertrug aber den Weihrauch nicht. Nachdem er zum fünften oder sechsten Mal beim Schwingen des Weihrauchfasses erst blaß, dann ohnmächtig geworden und in die Sakristei getragen worden war, legte ihm der Pfarrer nahe, das Ministrantensein aufzugeben. Es sei ein Zeichen Gottes. (Ein Frömmler, der den Weihrauch nicht verträgt: ein Sujet für Brecht, nicht wahr? Brecht, der den Weihrauch nicht verträgt: ein Sujet für einen Frömmler, nicht wahr?) Dem Pfarrer mochte der Rat auch nicht leichtgefallen sein. Es waren allmählich mehr Besucher in die Kirche gekommen. Die Eigentümlichkeit Bertholds hatte sich herumgesprochen, und ein mitsamt schepperndem Weihrauchfaß zu Boden gehender Ministrant war eine interessante Abwechslung beim Gottesdienst.
Schweren Herzens entsagte Berthold Hecht, trat, nach einer Zeit stiller Trauer, der Jungschar des Schützenvereins bei und unterhielt bald an lauen Sommerabenden die an den offenen Fenstern sich versammelnde Nachbarschaft, indem er mit seinem Luftgewehr Spatzen und Meisen treffsicher von den Bäumen „herunterholte“. Bis eines Tages der Herr Pfarrer auftauchte und ihm zwei saftige Maulschellen verabreichte. Menschenwege.

Pro Tag ein Gedanke – September

1 Eine Frisur, der man ansieht, daß er damit einer „Philosophie“ Ausdruck verleihen will 2 Noch stets verplempert seine Zeit der Wolf, indem er auf des Hofhunds Rat hört 3 Er redete über den Tod. Er sehe ihm ruhig entgegen. Er kehre in den Kreislauf der Natur zurück. Aus ihm würden Pflanzen wachsen. Ich verstand nicht, was er an der Aussicht, ein Komposthaufen zu werden, so tröstlich fand 4 Klassik gecovert. Unsere Musiklehrer zeigten sich immer kopfschüttelnd staunend, wie aus so wenig Grundnoten praktisch unerschöpflich viel Musik geschaffen werde. Immer wieder Neues, nie Gehörtes. Mittlerweile kriegt man Zweifel. Erst recht, wenn man jene sog. neuer Klassik gespielt wird. Wechselbälger, gezeugt von Schlager- oder Filmkomponisten, im „klassischen“ Stil instrumentiert. Nach einer Stunde glaubt man verstanden zu haben, daß jene new Classic das Variieren eines Stückes sei. Irgendwie ständig Pachelbels Kanon 5 Jemand hatte eine Handvoll Vögel himmelwärts in den Wind geworfen 6 Sechs Richtige ! Jubel ! Um ihr die Teilnahme an seinem Glück zu ermöglichen, beschloß er, seine Mutter auszugraben. Fröhlich schaufelnd stand er schon bis zu den Knien im Grab, Sätze rufend oder summend wie: „Rat mal, Mami, wer hier kommt!“ 7 alle Wolken fliegen rückwärts 8 Er tadelte meinen Tadel. Es sei nämlich „gar nicht so schlecht“. Nicht so schlecht wie was? 9 Machte ein mäkliges Feinschmecker- und Besserwissergesicht als er berichtet, daß er von Hand schreibe. Mit dem Füller. Es sei „sinnlich“. Man formuliere auch besser. Ich nahm sein Buch zur Hand. Solch einen Stuß sollte man weder mit dem Füller noch mit dem PC schreiben, sondern gar nicht. 10 Die Komplizenschaft zwischen Terroristen und Demokraten 11 Der Ort – unvorstellbar schmutzig. Die Frisuren der Frauen fand ich merkwürdig. Die Mädchen und jungen Frauen waren das Angenehmste und Sauberste in diesem Drecksnest. Aber mit ihrer Verheiratung schienen sie sich das Haar nicht nur zu färben – schwarz - , sondern auch eine andere Frisur machen zu lassen, die meist irgendwie zu groß, manchmal auch zu klein wirkte. Ich war verwirrt, als ich erfuhr, daß die Frauen am Tag der Hochzeit geschoren werden und für den Rest ihres Lebens Perücken tragen, jeden Monat immer wieder nachgeschoren werden, bis sie unter den Perücken nach einigen Jahren ohnehin kahl werden. Manche gehen zu Kopftüchern über 12 Die Männer versammeln sich jeden Abend bei einer Art Ortsvorsteher, den sie wie einen Heiligen verehren. Angeblich kann er Wunder vollbringen. Tut es aber natürlich nicht. Zu profan. Ich werde ihm vorgestellt. Der Kopf dürfte einer Kugel ziemlich nahe kommen. Bart wie ein Hirte aus der Kinderbibel. Hals wie ein Stengel. Die zwei Schneidezähne schauen immer aus dem Mund. Mimik wie einer, dem seine Religion das Totschlagen gestattet. Ob ich eine Frage an ihn hätte? Ich verneine. Das mißfällt ihm sichtlich. Es sei eine einmalige Chance, raunt man mir zu. Ich überlege. Was der Sinn des Lebens sei? (was Blöderes war mir nicht eingefallen). Die Antwort kommt nach der Übersetzung ohne Zögern: Gehorchen. Wem? Den Älteren. Und wenn sie an Gedächtnisverlust leiden? Ich muß es noch einmal formulieren. Das komme hier nicht vor. Er selbst habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis und schreibe sich nie etwas auf. Das könne ich prüfen. Ob ich noch eine Frage habe? Ich danke und frage, ob er eine an mich habe? Das bringt ihn draus. Er läßt sich noch einmal übersetzen. Was er mich denn fragen könne? Alles. Alles? Er lacht hämisch. Wie weit der Mond von der Erde entfernt sei? Ich nenne ihm irgendeine lange Zahl. Er runzelt die Brauen, das werde er prüfen und mich noch einmal fragen. Das sei nicht nötig. Warum nicht? Ich erinnere ihn an sein Gedächtnis. Ich biete an, ihn gleichfalls zu prüfen. Zu prüfen? Sein Gedächtnis. Indem ich ihn noch einmal nach der Entfernung zum Mond frage. Er winkt ab. Mit derlei Wissen gebe er sich gar nicht ab 13 „Wie groß ist das Herz? Wie eine Faust? – Nein. Größer. – Nein. Kleiner. – Gar nicht. Größer. Viel größer. – Nein, nein. Viel kleiner. Man muß beim Husten aufpassen, daß mans nicht raushustet“ 14 Die Sanduhr verbeugt sich 15 Das blinde Kind hält die Hand in den fallenden Schnee 16 Fällt die Kreide ab, bleibt das Schwarz der Tafel 17 Dichterin. Hatte mit einem anderen Dichter „was gehabt“. Sich dann aber für ihren Mann „entschieden“. Aus Dankbarkeit. Er hielt ihr den Rücken frei oder massierte ihn auch manchmal nach besonders anstrengenden Dichttagen. Der Mann saß dabei. Ein Tränensack auf zwei Beinen. Er „warf“ den Haushalt. Kümmerte sich. Kochte. Was denn zum Beispiel? Muhte: „Kuhbraten.“ 18 Grabrede. Das Bedauerliche schien nicht zu sein, daß der Tote gestorben ist, sondern, daß er sich jetzt nicht mehr mit dem Trauerredner unterhalten konnte 19 Geschenk für einen Hund: eine neue Leine. Geschenk für einen Vogel: einen neuen Käfig 20 Premierenfeier. Der bubenhafte Bratscher, sehr betrunken, berichtet mit weinerlicher Quengel-Stimme von seinem innigsten Wunsch: „Einmal Analverkehr mit einer stattlichen Dame!“ 21 „Wenn man Gedichte schreibt oder Prosa, bedient man sich nicht der Sprache. Schon ein einzelnes Wort ist mit sehr vielen Rätseln beladen. Je näher man hinsieht, um so weiter her schaut es zurück.“ 22 „Ein Schriftsteller kann sich nicht der vorgefundenen Sprache bedienen, der Phrasen, sondern er muß sie zerschreiben. Verdächtige die Sprache. Vertiefe diesen Verdacht. Damit eines Tages vielleicht etwas Neues entsteht. Oder es soll nichts mehr entstehen.“ 23 Das Schwein grunzt im Schlaf, während die Nachtigall singt 24 Daß er im Käfig sitzt verdankt er seinem schönen Gesang 25 Das Kind starrte mich an. Dann versuchte es, in meine Hand zu beißen 26 Wir können uns nur über zwei Boten miteinander unterhalten. Mein Bote sagt dem Deinen etwas, und Dein Bote überbringt meinem Deine Antwort. Mein Bote entstellt meine Botschaft, die dann Dein Bote nochmals entstellt. Die Antwort auf meine zweifach entstellte Botschaft wird von Deinem Boten wieder verfälscht an meinen Boten übermittelt, der sie nochmals verändert 27 „Namen für Dinge, die keinen brauchen.“ 28 Er ist aufgebracht. Ob ich das denn nicht verstehen könne! Rückfrage. Warum es für ihn so wichtig sei, daß ich es verstehe? Ob es ihm nicht reicht, wenn er selber es versteht? Er ist noch aufgebrachter 29 Im Café. In neuen Kleidern aber allein 30 Performance. Man könnte auf die Idee kommen, daß es sich dabei um eine Werbe-Kampagne der Baumärkte handelt. Motto: Was man aus Heimwerkerbedarf alles machen kann. Herstellungsprinzip: Häufung von allem, was im Baumarkt in großer Stückzahl zu Billigpreisen erhältlich ist. Alle umwickeln sich mit Klebestreifen, Absperrbändern, Banderolen, Klopapier, behängen sich Klemmen oder aufgeblasenen Einmalhandschuhen, ehe sie ihre kleinen Verrichtungen verrichten.

Erinnerungen an große Zeiten und was man daraus lernen kann

Der Lehrer berichtete uns gelegentlich davon, wie es war, als auch er „am Kriege“ teilgenommen hatte (der „Krieg“ kriegte dann, vielleicht zur Erhöhung der Feierlichkeit, ein „E“ angehängt. Das machte der Pfarrer auch so, der Sohn unseres Herrn hing immer am Kreuze). Er hatte sie auf dem Boot verbracht. Von dem hing im Klassenzimmer ein Photo. Es machte nicht viel her, das Boot, es hatte nicht einmal Segel. Damit hatten sie Minen geräumt. Das wiederum war eine ziemlich verworrene, ja eigentlich sogar unglaubwürdige Beschäftigung, bei der man „höllisch aufpassen“ mußte. Mit an Bord waren junge Soldaten, sogar „blutjunge“, die „ganz zum Schluß noch verheizt“ werden sollten. Ich war empört. Mit Menschen heizen! Er wies mich zurecht. Das habe man halt so gesagt. Bei der Armee benütze man eine eigene Sprache, an der man sehen könne, daß man im Kriege nicht zimperlich sei. Er jedenfalls hatte damals innerlich den Kopf geschüttelt. Ich wurde erneut zurechtgewiesen. Was es da zu lachen gebe? Ich hatte mit vorgestellt, wie er innerlich den Kopf schüttelte.
Zur Sicherheit wies er uns darauf hin:
„Krieg, Kinder, ist was Furchtbares.“
Nach seinem freudig-leuchtenden Gesichtsausdruck zu urteilen, mußte es dennoch eine schöne Zeit gewesen sein.
Seine Lieblingsepisode ging so : Einmal hatte ein sogenannter Feind eine Handgranate in das Boot geworfen. Da war guter Rat teuer. Aber er hatte, um das Leben der „blutjungen Burschen“ zu schützen, sich ohne zu zögern mit dem Bauch auf die Handgranate geworfen.
„Und? Hat’s wehgetan?“ fragte ich ungeduldig in die Kunstpause.
Nein. Glück gehabt. Ein Blindgänger.
Er wolle hier nicht von „Heldentat“ sprechen, das hätten andere schon genug getan, er sei dazu zu bescheiden, er hätte nur getan, was jeder getan hätte, er wolle uns nur zeigen, was man, aus Fürsorge für andere, jene blutjunge Burschen zum Beispiel, alles tun könne : nämlich sich aufopfern. Ob wir das verstanden hätten? Selbstverständlich. Dann wolle er uns einmal prüfen.
„Was würdet ihr in so einem Fall tun? Du“, er zeigte auf einen Jungen.
„Mit dem Bauch auf die Handgranate legen.“
„Tapfer. Sehr gut. Und du?“
„Mit dem Bauch auf die Handgranate legen.“
„Ebensogut. Auch tapfer. Und du?“
„Mit dem Bauch auf die Handgranate legen.“
„Gut. Und du?“
„Mit dem Bauch auf die Handgranate legen.“
„Gut. Und du?“
„Vom Boot springen.“ Das war meine Idee.
„Ha! Unser Drückeberger! Hättest wohl Angst, wie? Und deine Kameraden, die jungen Burschen? Läßt du seelenruhig sterben, wie?“
„Selber schuld, wenn sie an Bord bleiben.“
„Schöne Einstellung! Was meinst du, was du später für Gewissenbisse kriegen würdest!“
„Na gut“, kam ich ihm entgegen, „ich stoße die jungen Burschen ins Wasser, ehe ich selbst springe.“
Der Lehrer schüttelte den Kopf: „Keinen Mumm Sag du ihm, was du tun würdest.“ Er zeigte auf das Fünferl.
Franz, das Fünferl genannt, unser kleinster und klügster, atmete aufgeregt, ehe er wisperte:
„Ich glaube, ich würde es auch so machen : vom Boot springen.“

Hausaufgaben

Was würden Sie tun, wenn ... usw.?

Au Revoir,

Ihr
Rainer Braune

 

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Stand: 25. Februar 2014