Rainer Braune , Natalia Ginzburg, Alexander Lernet,Holenia, Elfriede Jelinek, Bob Dylan, Claudia Hauptmann, Alfred Kubin, Brentano, lyrisch, hoffmanesk, E.T.A. Hoffmann, unverständlich, fesselnd, Mörike, Henry Miller – Jean Paul, Italo Calvino, Storm, Raabe, Tieck, Flaubert, Arno Schmidt, Quentin Tarantino, Proust, Clint Eastwood, Herzmanowsky, Orlando, Anne Capaldi, Nabokov, Eichendorff, Federgemälde – Federzeichnungen – Zeichnungen – Tulpisch, Tulpischer Zirkus, Panoptikum, Tulpische Wildnis, Wunderkammern, Mänäptehoi, Nachtdepesche, Quitzow, Hagnau, Hagnau („Burg“) – Mr. Tambourin Man, Eiskalte Märchen, Vampire – Belcanto , Capri, c’est fini , Melmoth, der Wanderer, Onkel Silas – Hölderlin , Ombra mai fu , Lascia che piango , Il mio crudel martoro – Karma – Onanie, Teufels Küche, Gravitation, Adorno, Karl Valentin, Celan, Burano , Wittgenstein, Der Mönch, Dracula , Die Drehung der Schraube, Necronomicon , Karl Kraus , Die dritte Walpurgisnacht – Buddenbrooks , Felix Krull – Thomas Mann – Max Frisch – Herrmann Hesse – Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie , Jean,Marc Bourgery – Duyputren – Laennec , Nicolas Henry Jacob , Jacques Louis David , Jean, Marie Le Minor , Henri Sick – Phileas Fogg – Bodensee – Mantovani , Annunzio Mantovani, Wolfgang Amadeus Mozart – Johann Sebastian Bach – Johann Sebastian Händel , Graf von Saint,Germain , James Joyce , Der Zentaur im Hippodrom – Neapel – Pompej – Vesuv – Textaufgaben , Ives Saint Laurent , Lew Nikolajewitsch Tolstoi – Tolstoi , Anna Karenina , Ada, oder Das Verlangen , Baron Bagge – Pnin – Märchen – Fitchers Vogel – Blaubart – Blaue Dahlien – Fred Wander , Stephen King , Quentin Crisp – Crisperanto – Krabat , Jurij Brezan , Samuel Beckett – Murphy, Der Graf Luna, Eugen Kogon, Donatien,Alphonse, Francois de Sade , de Sade, Die hundertzwanzig Tage von Sodom, Fjodor M. Dostojewskij, Erniedrigte und Beleidigte , Helmut Koopmann
Celeri 21 - November 2007
 Celeri-Übersicht

 

Necronomicon, oder
Schwierigkeiten beim Erwerb grusliger Bücher

Als ich etwa fünfzehn war, kamen unter uns Jugendlichen Gruselbücher in Mode.
Wirklich gruslige Bücher waren aber selten. Die meisten Schauerromane waren enttäuschend. „Der Mönch“ war so langweilig, daß ich mich zeilenweise voranquälte und mich schließlich nur durch Beiseitelegen des Buches der heftigen Langweileattacken erwehren konnte. „Die Drehung der Schraube“ übertraf diese Langweiligkeit noch. „Onkel Silas“ war mir nach keinen zwanzig Seiten derart lästig gefallen, als mir schwante, daß ich mit diesem selbstgefälligen, gestelzten und gesuchten Schreibstil, der null-komma-null Grusligkeit aufkommen ließ, bis zum Schluß des Buches zuzubringen hätte. Der Staub, der davon wegpuffte, als ich es wütend zuschlug, brachte mich zum Niesen. „Dracula“ war gruslig, zumindest, bis der Graf in England an Land geht. Daß es ein Briefroman war, fand ich zwar aufdringlich, aber bis dahin erträglich. Jetzt, so sah ich, häuften sich die Briefe. Ich blätterte: Der Verrückte, das Irrenhaus, das alte Haus, die Braut, der alte Wissenschaftler – daraus konnte man sich ohne weiteres die Handlung zusammenreimen, Freunde bestätigten meine Vermutung über den Fortgang der Geschichte. Lieber las ich noch einmal von vorn bis dahin. „Melmoth, der Wanderer“ stand im Ruf, ein ungemein grausiges Buch zu sein, allerdings hatte es noch niemand gelesen.
Keiner von uns besaß viele Bücher, und die wenigen gingen von Hand zu Hand Einmal allerdings hatte auch ich ein grusliges Buch besessen.
Auf einem Schulausflug hatten wir ein unglaublich verwinkeltes, düsteres Städtchen besucht, das wir zwei Stunden lang auf eigene Faust erkunden durften. Wir zogen, meist in kleinen Gruppen, los.
Vor einem Antiquariat trennte ich mich von meinen Schulfreunden, sie hatten keine Lust, hineinzugehen, aber mir war, beim Anblick der ausgestellten alten Bücher eine Idee gekommen.
Ein junger Mann saß an einem von Papieren bedeckten Tisch und grüßte. Ich fragte, ob er nicht ein grusliges Buch habe. Er nickte – „Hab ich“ – und schloß die Augen. Ich wartete. Er saß ganz still.
„Hallo!“ sagte ich schließlich.
„Was ist denn?“
„Ich wollte nur daran erinnern, daß ich noch da bin.“
„Ich schließe die Augen nicht, weil ich schlafe, sondern weil ich überlege, wo das Buch ist“, wies er mich zurecht, schloß wieder die Augen.
Plötzlich öffnete er sie, hob sich schwungvoll von seinem Stuhl, ging vor die Ladentür und kramte in den auf dem Bürgersteig stehenden Kisten und kam schließlich mit einem dicken Taschenbuch wieder.
„Hier! Grusliger geht’s nicht.“
„Necronomicon“, las ich, schlug das Buch auf und fragte schließlich:
„Was ist das denn für eine Sprache?“
Er warf einen Blick hinein. „Französisch.“
„Kann ich nicht. Dann hats keinen Wert.“
„Vielleicht lernst du’s ja mal“, schlug er vor. Aber ich wollte es ja gleich lesen.
„Bei dem Preis ist es doch völlig egal, ob man die Sprache beherrscht oder nicht“, meinte er. Diese Logik schien mir etwas komisch; als ob Bücher um so verständlicher würden, je billiger sie waren. Aber der Preis – fünfzig Pfennig – war wirklich billig.
Als ich mit dem erstandenen Buch durch die Gassen ging, beglückwünschte ich mich. Ich würde französisch lernen. Nein, besser (hier blieb ich mit erhobenem Zeigefinger stehen): ich würde mit diesem Buch Französisch lernen, indem ich es übersetzte, Satz für Satz. Eine hervorragende Idee! Ich kehrte um.
„Haben Sie auch Wörterbücher französisch-deutsch?“ fragte ich den Buchhändler.
„Aber sicher. Dick, dünn oder mittel?“
„Mittel“, entschied ich.
„Glück gehabt“, sagte er. „Völlig gratis“ und zwinkerte mir zu, während er es mir hinhielt. Es konnte losgehen.
An einem Fluß fand ich eine Steinbank, dort begann ich mit der Übersetzung. Doch schon der erste Satz, ja das erste Wort – ein Gemisch und Q’s, L’s, Bindestrichen und Apostrophen – bildeten ein nicht entzifferbares Rätsel. Ich war frustriert und machte mich wieder zum Antiquariat auf..
„Können Sie Französisch?“
„Warum?“
„Könnten Sie mir nicht den ersten Satz übersetzen. Als Einstieg?“
Er zuckte mit den Schultern und nahm das Buch.
„Mal sehen, ob ich was rauskriege ...“.
Er las eine Weile, dann übersetzte er, zögernd:
„Die da glauben, das ... Reich der Lebenden wäre ... sei von dem der Toten, die da glauben, das Reich der Körper ... sei von dem der Geister, und die da glauben, das Reich des Unbelebten sei von dem ... des Belebten sorgfältig geschieden, und glauben, das Leben sei mit dem Tode zu ende, und glauben, das Leben sei ... eine Heiterkeit und ihre Bestimmung das Glück ... all diese Gläubigen sind ... Irrgläubige und können durch die ...“ – er stockte, blätterte lang im Wörterbuch, holte ein zweites – „können leicht durch die Handreichungen, Maßnahmen, Formeln, Beschwörungen (irgendwas in der Art) - können durch die Wie-auch-immer dieses Buches sich von der ... von der Fälschlichkeit ihres ... Meinens überzeugen.“
Er sah mich prüfend an:
„Weiter?“
Ich nickte.
„Meinet aber deswegen nicht, daß dieses Buch widernatürlich ... frevelhaft, eitel, schändlich oder ... oder gar gottlos sei. Gerade in diesem Buch wird Gottes unermeßliche Größe ebenso deutlich hervortreten wie des Menschen ... Kleinverstand (oder so). Weiter?“
Ich nickte.
„Vielleicht mal ein Stück weiter hinten.“ Er blätterte weiter.
„In welcher Sprache du aber sprichst, ist einerlei, denn in der Gegend, von der ich spreche, sind alle Sprachen einerlei.“ ... „Dir mag Gutes von den ... über die Lippen ... kommen, aber ist dein Herz böse, wird das Böse geschehen. Denn Worte sind nur Worte. Aber die dort wissen, was gemeint ist.“ ... „Und fürchte deshalb den Wunsch, und seis dein eigener an dich selbst, daß alle deine Wünsche in Erfüllung gehen mögen, denn du weißt nicht, was deine Wünsche sind, wirst es erst erfahren, wenn sie in Erfüllung gehen.“
„Halte Deine Zunge in Gegenwart dieses Buches also wohl im Zaum. – Weiter?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Grausig, oder?“
„Na, was wolltest Du denn?“
„Stimmt schon, aber trotzdem. Klingt irgendwie übel.“
Er blätterte weiter.
„Hier, das scheint auch noch interessant zu sein: Halte dieses Buch wohl verschlossen, denn ... läßt du es unbeaufsichtigt irgendwo liegen ... so ist es leicht möglich, daß der Wind ... sich seiner ... bemächtigt ... hineinbläst und in den Seiten blättert ... was aber nichts anderes ist, als wenn ein Mensch mit ... gesenkter Stimme ... seine Worte flüstert ... und so mag es sein, daß sich ...“ - er schlug im Wörterbuch nach – „daß sich einer gerufen hört, obwohl keines Menschen Mund ihn gerufen hat, und sich ... erhebt und sich aufmacht ... einen Herrn zu suchen, der ihm Befehle erteilt und ... und da keinen findet, keinen anderen als den Wind, der ihn gerufen, und er diesen, den Wind, allerorten findet ... sein eigenes Wesen entfaltet, und große Bosheit walten läßt, denn wisse: dies, große Bosheit, ist ... ist seine Natur, daß er walten läßt, allerorten, wo ein Lufthauch sich ... sich zu regt, den er unweigerlich für seines Herren befehlende Stimme hält, aus der er aber nur sein innerlichstes Wollen herausliest, seine abgrundtiefe Bosheit, denn der Böse, der nicht versteht, was zu ihm gesprochen, hört nur das ... das ... das Stimmenflüstern in seinem Kopf und hört das Böse allerorten.“
Er blätterte weiter.
„Es reicht“, sagte ich.
„Noch ein paar Kapitel-Überschriften“, schlug er vor: „Bestimmte Anrufungen. Unbestimmte Anrufungen. Sich selbst für eine bestimmte Zeit ungesehen machen. Sich selbst für eine bestimmte Zeit dort aufzuhalten und umzusehen.“
„Und was heißt eigentlich das hier?“ Ich zeigte auf eine Buchstabenfolge.
„Das ist nicht Französisch. Abd Al’Azrad ist der Name des Verfassers.“
„Arabisch?“
Er nickte und fügte, nachdem er den Text auf der Rückseite gelesen hatte, an: „Angeblich verrückt.“
„Irgendwie beklemmend.“
„Nur ein Buch“, sagte er.
Ich schüttelte den Kopf.
„Als ob’s eben genau nicht nur ein Buch wäre. Irgendwie ungut. - - - Ich weiß nicht, ob ich es noch will.“
„Ich glaube, um Französisch zu lernen, ist es so gut geeignet wie jedes andere Buch. Du dürftest danach allerdings einen recht aparten Wortschatz beieinander haben. Vielleicht wird es nötig sein, noch das eine oder andere Wort dazu zu lernen, um eine normale Konversation bestreiten zu können. Also: Viel Erfolg.“
Er merkte meinen Zweifel.
„Nimm’s mit. Wenn es Dir nicht mehr gefällt, kannst Du es ja wegwerfen. Aber“ – er hob, wie zuvor ich, den Zeigefinger – „nicht im Wind liegen lassen. Du weiß ja: der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Am besten verbrennst Du es. Obwohl, wer weiß! Womöglich wird das Feuer als Stimme vernommen, und dann ...“
„Schluß!“ sagte ich und sah auf die Uhr. „Ich nehm’s mit, Ich lerne Französisch und lese es. Und dann sehen wir weiter. Ich muß jetzt los.“
Wir sollten uns nach den zwei Stunden am Tor der Burg einfinden, die über dem Städtchen thronte. Ein alter Mann wartete auf uns. Er wolle uns nur einlassen, die Führung werde vom Besitzer selber gemacht.
Als er das Tor – genauer, eine kleine Tür im Tor öffnete und uns in den Hof einließ, wartete dort bereits ein händereibender Mann, auf den die Bezeichnung „feist“ paßte. Ein feistes Gesicht. Und rosig. Glänzend-rosig. Als mache er damit Werbung für nahrhafte Fleisch- und Wurstwaren. Dazu dünne blonde Haare mit einem Seitenscheitel. Als mache er damit Werbung für Zwieback.
Er trug einen ungewöhnlichen Mantel mit einer offenen Kordel als Gürtel und begrüßte uns so überschwenglich wie unverständlich; obwohl er unverkennbar Deutsch sprach, ergaben die Wortfolgen keinen rechten Sinn.
Das besserte sich aber, als er uns, mit Feuer, in der Eingangshalle die Porträts einiger Ahnen erklärte. Das versprach eben langweilig zu werden, als uns die Formulierung: „Leider enthauptet, leider. So ein brillanter Kopf mußte im Staube rollen. Welche Gedanken wurden von der scharfen Schneide des Richtschwerts daran gehindert, zur Welt zu kommen, hm?“ aufhorchen ließ.
Er redete völlig übertrieben. Es hätte albern sein müssen, aber es war nicht albern. Die Albernheit verwandelte sich auf unerklärliche Weise in Grauenhaftigkeit. Und daß sie das tat, vergrößerte wiederum diese Grauenhaftigkeit noch.
„Und nun, hurtig, hurtig, den Turm hinan!“
Wir hasteten die knarrenden Stufen hinauf und traten keuchend auf den Umgang hinaus.
„Seht ihr miiiiiiich?“ schallte es von unten. Er war nicht mit heraufgestiegen und hielt nun die Hände als Trichter vor den Mund.
„Ist das nicht schwindelerregend hoch?“
Wir sahen uns an. Was sollte man darauf sagen? Aber er bestand auf eine Antwort und wiederholte die Frage.
„Ja-ha“ riefen wir hinab.
„Was?“
„Ja-ha!“ brüllten wir.
Er war zufrieden.
„Rehechts, wo der Tuhurm zu sehen ist, da ist (unverständlich), seht ihr?“
„Ja-ha.“
„Wieder runterkommen!“ tönte es herauf.
Wir wurden nun durch mehrere Zimmer geführt, eines uninteressanter als das andere. Unter der weißen Wandfarbe des einen verbargen sich angeblich unglaubliche Fresken. In diesem Bett war ein Vorfahr sowohl geboren worden als auch gestorben („worden“ entfuhr es einem Scherzbold, was ihm einen strafenden Blick eintrug). Hinter einem Schrank befand sich die Mündung eines unterirdischen Ganges. Dort lag ein abgetretenes Bärenfell. Das dort war ein Zwölfender, das ein Bügeleisen, das ein Spanhalter, das eine alte Schale, das ein Wappen, usw.
„Und dort“, rief er, „ist der Rittersaal“, und zeigte auf eine Tür im Flur. Dieser Rittersaal war eine eher enge Kammer mit einem Haufen stinkender Kleider in der Ecke und einem zerwühlten Bett – vielleicht kam der Gestank eher von dort ...
„Doch nicht hier“, hörte ich ihn dicht hinter mir, ehe ich am Kragen aus der Kammer und zur Tür daneben gezerrt wurde. „Hier!“
Zweifelnd blickte ich auf eine große Terrasse.
„Haben Rittersäle kein Dach?“ fragte ich.
„Das siehst du doch, daß sie es nicht haben“, sagte er streng.
„Und nun kommt was für Jungs!“ kündigte er großaugig an und öffnete die Tür zu einem langen Gang – „Die Waffensammlung!“ flüsterte er verschwörerisch. Wir verdrehten innerlich die Augen, einer hielt sich hinter seinem Rücken die Hand vor den Mund, als müsse er gähnen.
Schwerter, Schwerter und nochmals Schwerter, kurze, lange, breite, schmale, Rüstungen, rostige und glänzende, Helme, löcherige Kettenhemden, eiserne Handschuhe, Steigbügel, Sporen, Bögen, Pfeile, Armbrüste, Kanonenkugeln, Spieße, Lanzen, Hellebarden, Dolche, Beile, Äxte, Gewehre. Ein Gerät namens Morgenstern fand seine besondere Anerkennung.
Er versuchte, uns zu beschreiben, wie das Laden und Abfeuern einer sogenannten Hakenbüchse vor sich ging, verhedderte sich dabei aber so in seinen Ausführungen, daß er knurrend ab- und uns weiterwinkte.
„So. Und nun der Leckerbissen!“
Ich hatte nach dieser Ankündigung die Küche erwartet; ein riesiger, kalter Kamin, riesiges Küchengerät und viel Kupfer. Aber als wir in das Gewölbe getreten waren, befanden wir uns in der Folterkammer.
Diese war, wie er sagte, bestens ausgestattet. „Und nicht nur mit Gerät, sondern“ – er hob verheißungsvoll die Augenbrauen – „auch hiermit:“, griff in ein Schränkchen und hob etwas hoch.
„Wißt ihr, was das ist?“
„Knochen.“
„Freilich. Aber was für welche?“
Wir warteten.
„Ein Fuß“, rief er. „Ein menschlicher Fuß. Ein abgeschlagener menschlicher Fuß!“ Er war begeistert. Unser Lehrer hüstelte.
„Und hier!“ Er winkte uns zu sich und zeigte in ein Vitrinchen. „Finger. Alle fünf Finger einer Hand!“
„Das kann nicht sein“, sagte ich.
„So!“ Er war aufgebracht und fragte höhnisch: „Und warum nicht? Du bist wohl ein großer Kenner der Anatomie, was?“
„Die sind alle gleichgroß.“
„Na und?“
„Die Finger einer Hand sind aber nicht alle gleich groß“, sagte ich und hielt ihm meine vors Gesicht. „Und der Daumen sieht ganz anders aus.“
„Pah!“ rief er. „Vielleicht hat man die Finger ja deswegen abgehauen. Weil sie alle gleich groß waren. Weils die Finger einer unnatürlichen Hand waren. Weils die Hand eines Ungeheuers war. Eines Ungeheuers mit gleichgroßen Fingern. Vielleicht hat man sie deshalb abgehauen. Zum Andenken.“
Er hatte sich in Eifer geredet. Sein Gesichtsausdruck ließ erkennen, daß ich so ziemlich das Dümmste war, das ihm je begegnet war.
„Seht ihr das da oben?“
Wir sahen zur Decke hinauf, wo etwas Längliches baumelte. Er wollte wissen, wofür wir das hielten?
„Ein Strick. Ein Glockenseil“, riet ich.
„Ah, wieder unser Schlaumeier. Mensch, überleg mal! Was für eine Glocke willst du denn damit läuten? Das ist ... na? Keiner eine Idee?“ Und als alle den Kopf geschüttelt hatten, sagte er: „Ein Unterarm. Ein völlig vertrockneter Unterarm!“, und erzählte uns eine etwas verworrene Geschichte, von einem unschuldig als Dieb verdächtigten Mann, dem der Arm abgehauen werden sollte, aber statt dessen dem herbeigeeilten Landesvater, als er, die Begnadigung in der Hand, die andere ausstreckte, um Einhalt zu gebieten, der ausgestreckte Arm abgehauen wurde, versehentlich, und der dann, da er ohnehin nicht mehr anwachsen wollte, zur Erinnerung hier aufbewahrt wurde.
„Zum Andenken“, sagte ich. Er ging aber gar nicht drauf ein, sondern machte uns mit der „technischen Ausrüstung“ vertraut : Streckbank. Halseisen. Daumenschrauben. Zangen, Zwicken, Nadeln, Ketten ... das Übliche. Er selbst schien auch nicht sonderlich angetan. Aber dann kam er zu interessanteren Geräten.
„Hier ein Keuschheitsgürtel. Könnt ihr euch denken, warum er hier in der Folterkammer aufbewahrt wurde?“ Ich bemerkte, wie der Lehrer ihm kopfschüttelnd Zeichen machte.
„Was ist das?“ fragte er daraufhin und hielt einen großen Schädel hoch.
„Ein Schädel“, sagte ich.
„Du schon wieder. Also daß es ein Schädel ist, das dürfte wohl dem Dümmsten klar sein. Aber ich will wissen, was für einer. Nun?“
Niemand wußte es.
„Ein Rinderschädel. Wie kommt ein Rinderschädel hierher?“
Wieder wußten wir es nicht.
„Der Henker hielt sich in Form, indem er hin und wieder Schlachtrinder enthauptete. Denn wer ein Rind köpfen kann, der hat auch keine Schwierigkeiten, einen Menschen zu köpfen.“
„Grausig, oder?“ flüsterte ich zu einem Klassenkameraden. Der flüsterte zurück:
„Das ist nicht grausig, sondern eklig und brutal. Und der da hat, wenn du mich fragst, nicht mehr alle Tassen im Schrank.“
Plötzlich wurde mir klar, daß der ungewöhnliche Mantel ein Bademantel war.
„Ratet mal, wofür dieses Gerät war? Ratet mal!“ rief der Mann begeistert und hielt eine Art eiserner Birne, die durch Drehen einer Schraube sich öffnete und auseinanderging.
„Es wurde wo eingeführt. Aber wo-ho?“
Der Lehrer wurde unruhig. Er wies fahrig auf eine Art Schaukelpferd, auf dessen Sattel lauter kleine, hölzerne Pyramiden angebracht waren.
„Was das ist? Etwas für die Weichteile!“
Weichteile? Wir verstanden nicht.
„Eine Nacht auf diesem Hoppepferdchen verbracht, bringt auch den Verstocktesten zum Reden. Wer will mal Probesitzen?“
Mehrere Hände gingen in die Höhe. Und noch ehe der Lehrer einschreiten konnte, saß Erich auf dem Holzpferd.
„Und?“
Ernst zuckte die Schultern.
„Tut weh, nicht?“
„Nö.“
„Nicht?“
Ernst schüttelte den Kopf. „Es kribbelt n bißchen.“
„Ja, weil du Hosen anhast. Die Delinquenten saßen hier aber nackt. Versteht ihr: nackt! Und wie gesagt nicht nur ein paar Augenblicke, sondern stundenlang, die ganze Nacht über. Ihre flehenden Schreie hallten bis in die obersten Gemächer.“
„Dann lag nachts das halbe Schloß wach, oder?“
„Wir benutzten an solchen Tagen Wattebäusche für die Ohren“, erläuterte er. Das „Wir“ wirkte merkwürdig.
Der Lehrer erwähnte etwas von einem Termin, von dem wir noch gar nichts gewußt hatten und wir brachen auf.
„Schade, schade“, meinte der Mann. „Ich hätte noch soviel zu zeigen gehabt. Aus der Vergangenheit lernt der junge Mensch doch am besten.“
Das Treppenhaus wolle er uns aber auf keinen Fall vorenthalten. Seine Erläuterungen verstand ich so, daß darin ein und dieselbe Person gleichzeitig hinauf und hinunter gehen konnte ohne sich zu begegnen. Ich wollte eben um eine Demonstration bitten, als seine konfuse, aber schwungvolle Rede stoppte. Er winkte mich zu sich, zeigte auf das Buch in meinen Händen – „Necronomicon“ – , nahm das Buch, blätterte darin und fragte etwas. Vermutlich auf Französisch, es klang nach zugehaltener Nase. Ich schüttelte den Kopf, sagte, ich sei dabei, es zu lernen und hielt das Wörterbuch hoch. In der Folge war er nicht mehr recht bei der Sache. Dann hellte sich seine Miene auf. Er erwähnte noch „etwas ganz Famoses“ und führte uns durch einen langen Flur, stieß eine Türe zu einem riesigen Saal mit spiegelglattem Boden auf, wies auf einen Haufen Filzschuhe und forderte uns auf, mit denselben in dem Saal „tüchtig“ herumzuschlittern. „Eure Sachen solange hier ablegen!“ rief er, und wies auf einen Tisch.
Wir schlitterten, mehr aus Höflichkeit als aus Lust, ein wenig herum. Als einer von uns ausrutschte und gegen einen Tisch fiel, daß der ächzte, blickten wir ängstlich zur Tür. Aber der bademanteltragende Schloßbesitzer war nicht mehr da.
Der alte Mann stand dort. Der Besitzer sei unpäßlich, er werde uns, bitteschön, wieder hinausführen.
Wir waren schon wieder ein Stück den Berg hinabgegangen, als ich bemerkte, daß ich meine beiden Bücher in der Burg vergessen hatte. Ich ging zurück. Neben dem Tor fand ich einen eisernen Glockenstrang. Niemand reagierte und ich läutete weiter und mußte dabei an den abgeschlagenen Unterarm denken und mir vorstellen, daß er, jedesmal wenn ich zog, von der Decke herunterwinkte.
Hoch über dem Tor ging schließlich ein Fenster auf und das feiste Gesicht erschien.
„Meine Bücher!“ schrie ich hinauf.
Das Fenster wurde zugeschlagen. Ich zerrte am Glockenstrang, wieder und wieder. Das Fenster ging auf, und ich wollte eben erneut hinaufschreien, als von oben, flatternd wie ein Vogel, ein Buch heruntergeworfen wurde und vor dem Tor auf die Straße schlug – das Wörterbuch.
Ich zog wieder am Glockenzug, wieder und wieder, als plötzlich dicht vor mir, in der kleinen Tür m Tor, eine Luke aufflog. Das Gesicht dahinter gehörte ohne Zweifel dem Mann, war aber derart haßverzerrt, daß ich zurückfuhr.
„Mach daß du fortkommst, du Aasstück!“ zischte er. Ich wußte, daß ich nicht mehr an mein Buch kommen würde, zeigte ihm den Vogel und ging. Er spuckte hinter mir her, eins ums andre mal, was einerseits, da er sein dickes Gesichtwelche die enge Luke zwängte, komisch war, aber andererseits vor allem : grausig.
Ich war also, für etwa zwei Stunden, Besitzer des Necronomicon gewesen, einem Buch, von dem ich erst viel später erfuhr, was es mit ihm auf sich hatte.
In den nächsten Ferien nach dem Schulausflug suchte ich mit einem kleinen Überschuß an Taschengeld eine Buchhandlung auf und fragte nach dem Necronomicon. Der Buchhändler sah mich mißtrauisch an.
„Was soll das denn sein?“
„Wir brauchens für die Schule.“
Er sah im Katalog nach. Schüttelte den Kopf, schlug einen zweiten auf. Schüttelte wieder den Kopf.
„Gibts nicht.“
Da ich nun schon mal da war, fragte ich nach einem anderen Gruselbuch. Er machte ein geringschätziges Gesicht. Um ihn von vornherein davon abzuhalten, mir nach Buchhändlersart ein sogenanntes „Gutes Buch“ zu empfehlen, log ich ihm etwas vor, daß wir von unserem Deutschlehrer aufgefordert worden seien, ein ganz besonders grusliges Buch zu lesen und zu besprechen. Kritisch beäugte er mich, gegen den deutschlehrerlichen Auftrag konnte er schlecht etwas sagen. Schließlich drehte er sich wortlos um und langte ein Buch von irgendwo unten herauf. Feuerrot, schwarze Schrift.
Worum es in dem Buch, so ganz allgemein, denn ginge? Er hielt mir das Buch hin. Ich solle eben ein paar Seiten lesen. Heftig lehnte ich ab. Vorher schon etwas zu lesen, und sei es nur ein Wort, womöglich aus dem Zusammenhang gerissene einzelne Sätze, war Frevel. Womöglich erfuhr ich etwas, daß die ganze Lektüre verdarb.
Er schlug das Buch auf und überflog den Waschzettel. „Erlebter Albtraum“ las er schließlich vor. Nicht schlecht.
Ob es viele Dialoge enthalte? (Dialoge hatten sich nach meinem Geschmack in Büchern auf ein Minimum zu beschränken).
Er blätterte.
„Nein. Praktisch keine.“
Sehr gut.
Ich besah den Umschlag: schwarze Schrift auf rotem Grund. Etwas knallig, aber nicht schlecht. Auch gegen den Titel war nichts einzuwenden. Bücher, in deren Titel Wörter wie „unheimlich“, „Grauen“, „Schrecken“ etc. auftauchten waren in der Regel fadeste Machwerke. Auch daß mir der Verfasser unbekannt war, sprach für das Buch. Gruselbücher waren „schlechte“ Literatur, und es kam nichts Gescheites dabei heraus, wenn „gute“ Autoren zeigten, was man aus dem Genre herausholen konnte.
Ich war mich angetan, bedauerte aber. Ein gebundenes Buch komme für mein Taschengeld nicht in Frage, ich wolle ein Taschenbu... Nein, nein, es handle sich um eine Sonderausgabe. Fünf Mark waren zwar immer noch mehr, als auszugeben ich vorgehabt hatte, aber für ein gebundenes Buch tatsächlich erstaunlich wenig.
„Und das ist also ein wirklich grusliges Buch?“ fing ich noch einmal an. Er machte eine unwirsche Bewegung und sagte:
„Also, ob Du dieses Buch gruslig finden wirst, woher soll ich das wissen?“ meinte er unfreundlich. „Dafür kann ich doch nicht garantieren. Die Geschmäcker sind verschieden. Aber meines Wissens gilt es als eines der schauerlichsten Bücher der Weltliteratur.“
Diese Formulierung – „eines der schauerlichsten Bücher der Weltliteratur“ – gab den Ausschlag.
Ich ließ, um die Vorfreude zu genießen, das Buch noch einige Tage ungelesen auf dem Tisch legen. Als an einem verregneten Nachmittag mit heftigen Blitzen und Donnerschlägen ein Gewitter losbrach, beschloß ich, daß der rechte Augenblick gekommen sei und setzte mich mit einer Tasse Kakao in eine Ecke. Bereit, eine fremde Welt stetig wachsenden Grauens zu betreten, schlug ich das Buch auf. Der erste Satz verblüffte mich einigermaßen – ich war Besitzer der „Dritten Walpurgisnacht“ von Karl Kraus geworden.

Pro Tag ein Gedanke – Oktober

1 Fragen an einen Stein: Darf ich Sie etwas fragen? Auch wenn ich nicht weiß, ob Sie mich verstehen. Was könnte ich Sie denn fragen? Wieviel Uhr ist es im Steinreich? Haben Sie dort eine Steinzeit? Haben Sie Angst? Zum Beispiel vor Tieren? (Zahnschmerzen kennen Sie ja nicht). Haben Sie Freunde? Bewegliche? 2 Vier weißgekleidete Jungfrauen trugen auf ihren Schultern das Podest mit dem Heiligen. Der war im hohen Alter den Märtyrertod gestorben und wurde einmal im Jahr, an seinem Namenstag, um die Kirche herumgetragen, die nach ihm benannt war. Er saß dabei auf einem Thron und trug ein kostbares Gewand, dessen Stoffe an mehreren Stellen geschlitzt waren, damit man seine Knochen sehen konnte. Eine Puppe mit Skelettfüllung. Die zierlichen Knochenfinger schauten aus den Spitzenmanschetten und waren mit Ringen besteckt. Er trug ein besticktes Käppi und sein Kopf schien lackiert. Ich fragte mich, ob niemand bemerkte, daß das Skelett einem Menschen von der Größe eines Kindes gehört haben mußte, oder ob alle taten, als bemerkten sie es nicht 3 Etwa fünfhundert Menschen bildeten die Prozession. Weitere fünfhundert sahen, langsam mitgehend, vom Straßenrand aus zu. Nach jeweils hundert Schritten blieb auf ein Bimmelzeichen hin die Prozession stehen, Männer hoben den Thron hoch, damit vier andere Jungfrauen die Trägerinnen ablösen konnten. Währenddessen traten die Menschen der Prozession an den Straßenrand und die bislang Zuschauenden traten auf die Straße 4 Die Prozession wird von einer Blaskapelle begleitet, bestehend aus Mitglieder der örtlichen, freiwilligen Feuerwehr. Diese Blaskapelle spielt insgesamt vier Stücke. In den Zwischenräumen sind sehr auffallende Klänge zu hören. Diese rühren von zwei, jeweils in großer Menge verwendeten „Instrumenten“. Zum einen handelt es sich um ein dünnwandiges, auf einer Seite offenes Silberrohr unterschiedlicher Länge und unterschiedlichen Durchmessers, das an einer dünnen Kette oder einer Schnur, im Kreis geschwungen wird, wobei die über die Öffnung streifende Luft dem Röhrchen, je nach Länge, Durchmesser und Geschwindigkeit, einen heulenden, bis pfeifenden Ton entlockt. In der Prozession werden schätzungsweise an die 100 solcher Geräte mitgeführt. Im anderen Gerät würde, noch weniger wie im zuerst beschriebenen wohl niemand ein Instrument zur Klangerzeugung vermuten. Es handelt sich um eine kleine, ovale und aus Silber getriebene, hühnereigroße Glocke, die allerdings keinen Klöppel hat, und welche gleichfalls an einem Kettchen oder einer Schnur im Kreis geschwungen wird. An der Außenseite des Glöckchens befindet sich ein kleiner, flammenartiger Flügel, welcher bewirkt, daß sich beim Schwingen die Glocke auch um sich selbst dreht, durch die Aufhängung der Glocke verdrillt sich dabei die Kett nicht. Das bei diesem Drehen um sich selbst ertönende, unscheinbare Knackgeräusch würde man wohl für Resultat eines winzigen Defekts in der Aufhängung halten, ist aber beabsichtigt und wird dadurch erzielt, daß eine kleine Ausbuchtung beim Drehen über eine kleine Schwelle rutscht. Das pro Umdrehung 4 – 5 Mal ertönende Geräusch ist unauffällig. In der Prozession werden ebenfalls ca. 100 solcher Geräte mitgeführt. Die Geräte sind nicht Privateigentum, sondern werden, wie ich erfuhr, vor der Prozession am Ausgang der Basilika verteilt und dort wieder eingesammelt. Wer eines der Geräte führt, geht immer in der Prozession und wechselt nie an den Straßenrand 5 Für den Einsatz beider Instrumente gelten zugleich lose und strenge Regeln : in den Passagen, in denen die Blaskapelle nicht spielt. Nie beide Instrumente zugleich. Nachdem die Blaskapelle ihr Stück – einen Choral – beendet hat, hört man eine Zeitlang lediglich das Geräusch der Schuhsohlen, gedämpftes Murmeln sowie – von der Spitze des Zugs – gleichfalls gemurmelte Gebete. Nun setzt eines der Instrumente ein – entweder ein Röhrchen oder eine Glocke; und es gibt keine Regel, wann oder welches zuerst – und sogleich setzten die anderen Instrumente derselben Gruppe ein, um nach spätestens einer halben Minute zu verstummen, wobei dieses Enden erheblich langsamer vonstatten geht als das Einsetzen. Nachdem einige Zeit vergangen ist, hierfür gibt es keine Regel, verfährt die Gruppe mit dem anderen Instrument ebenso. Innerhalb einiger Augenblicke verbinden sich die einzelnen Glocken oder Röhren zu einem ganz eigenen Klanggebilde. Das Pfeifen und Winseln der einzelnen Röhren ergibt nun in der Vielzahl ein summendes Geschwirr und Geheul, dessen Herkunft kein Mensch erraten würde, und das nach dem Verstummen noch eine weile in den Ohren der Prozessierenden nachhallt. Und klingt das Knackgeräusch einer einzelnen, im Kreis geschwungenen Glocke, wie erwähnt, unscheinbar und auch leise, so verliert sich, je mehr der Glocken geschwungen werden, das einzelne Knacken ganz und gar und bildet schließlich ein sonderbar klingendes, lautes Klanggewölk, dessen Herkunft ebenfalls kein Mensch erraten würde und das am ehesten gegen Glasfenster prasselndem Eisregen ähnelt. Beide Klanggebilde wechseln einander ab und überschneiden einander nie. Während aber die in der Prozession Mitgehenden an den Straßenrand gehen – und umgekehrt – geht das Wechselspiel von Röhren und Glocken folgendermaßen vonstatten. Während eine der beiden Gruppen noch zu hören ist, setzt unvermittelt die andere ein, worauf die erste – gleichzeitig dürfen beiden nie zu hören sein – sofort abbricht, um ihrerseits die andere Gruppe unterbricht. Die hierzu nötigen Signale geben sich einige „Musiker“ durch Kopfnicken, worauf auch die, denen nicht möglich war, dieses Signal zu sehen, unverzüglich einsetzen. Die Intervalle des gegenseitigen Abbrechens und Weiterspielens werden immer kürzer, es entsteht der Eindruck eines Wettstreits, von dem aber niemand versteht, worin genau er bestehen könnte und zu welchem Ende er zu entscheiden wäre, der aber dennoch eine Wirkung auf alle Anwesenden hat, die sich unwillkürlich der einen oder anderen Gruppe zuneigen und diese mit Klatschen unterstützen, sich dabei ereifern, ja erhitzen, wodurch die Lautstärke wiederum erheblich steigt. Es ist nicht vorstellbar, daß dies von selbst ein Ende fände, und hier kommt ein ansonsten schweigend mitgehender Trommler zum Einsatz, der den Wechsel der Prozessionsteilnehmer und Zuschauer beobachtet und, wen er es für ausreichend vollzogen erachtet, das Wetteifern der Röhren und Glocken mit einem dumpfen und lauten Trommelwirbel abbricht – ein Zeichen, das zugleich das Signal zum Fortgang der Prozession ist 6 Er betrieb das Schreiben als eine Art Eheanbahnungsinstitut, in dem er Ursache und Wirkung miteinander verkuppelte 7 zwielichtige Stimmung. Hätte ich nicht halblaut vor mich hingesagt: „Das ist eine Katze“, hätte es alles mögliche sein können 8 Als Halbwüchsiger machte ich mir oft Gedanken darüber, warum ich manche Menschen nicht ernst nehmen konnte, obwohl ich sie kaum kannte. Ging ich meine Lehrer durch, so entstand ein eigenartiges Bild: die Angsteinflößenden konnte ich nicht ernstnehmen und andere, von denen ich eigentlich fand, daß sie lächerlich waren, nahm ich ernst. Ich hatte verschiedene Vermutungen, bis ich zu einer gelangte, die mich überzeugte: ich konnte die Menschen nicht ernst nehmen, die ausstrahlten, daß sie sich selbst wichtig, andere aber nicht ernst nahmen 9 Die Brille braucht er nun nicht mehr 10 Pensionierter Richter. Wird im Alter zum Schlaumeier. Seine Entdeckung: Verbrecher haben Dinge begangen, die gegen das herrschende Staatsrecht sind. Also ist es unlogisch, sie mit staatsrechtlichen Methoden zu bestrafen. Sie müßten vielmehr ebenso mit ungesetzlichen Mitteln bestraft werden. Dann verhielten sich die Bestrafenden aber wiederum ungesetzlich, wende ich ein. Das sei ein interessantes juristisches Problem, fand er. Dann, sage ich, könne man das bisherige Staatsrecht abschaffen. Warum? Weil kein Verbrechen denkbar ist, daß innerhalb des Rechts steht. Auch wahr 11 Schriftsteller. Er lamentiert. Über den sog. Literaturbetrieb. Man habe völlig vergessen, daß das Wichtigste an der Literatur die Schriftsteller sind. Was soll man jemandem sagen, der so etwas wirklich glaubt? 12 Schriftsteller. Er lamentiert weiter. Es laufe alles falsch. Man drucke ihn nicht und wenn, dann entstellt, und das dann doch Gedruckte lese man nicht und wenn man es lese, verstehe man es nicht, und wenn ... ich erinnere vorsichtig daran, daß Literatur nicht das Wichtigste ist. Das irritiert ihn. „Das Wichtigste ...“. Er sieht aus, als würde er gleich ein kindlich-quengelndes, trotziges „Gar nicht!“ hervorstoßen. Er wagt die Gegenfrage nicht. Ich weise noch darauf hin, wie schön es doch eigentlich sei, daß die wichtigen Dinge davon, ob es in der Literatur „falsch laufe“ kein bißchen berührt werde. Er schaut mißmutig. Als ob er schwankt, zwischen Weiterlamentieren und Sich-an-das-halten-was-wichtig-ist. Lamentieren würde ihm halt mehr liegen 13 „Warum unser Staat so gut funktioniert? Weil wir uns an ein paar einfache und grundlegende Regeln halten und die so gründlich wie möglich durchsetzen: Möglichst ungerecht. Möglichst unsinnig (staatl. Preise und Auszeichnungen). Möglichst brutal. Möglichst viel Staat. Möglichst viel Kontrolle. Möglichst viel Einmischung. Wenn die Kontrolle gut ist, ist das Vertrauen unnötig. Möglichst viel Gängelung. So käuflich wie möglich. Möglichst asozial. Möglichst verbrecherisch. Möglichst unmoralisch. Möglichst geschmacklos. Möglichst unnötig (Bauvorhaben). Möglichst rücksichtslos. Möglichst verfressen. Aber auch möglichst profitabel. Die Kleinen so halten wir so klein und billig wie möglich, die Großen machen wir so groß und teuer wie möglich. Die Armen ausbeuten und die Reichen mästen. Die Macht möglichst willkürlich und beliebig. Diese und noch ein paar andere Regeln sind unser Erfolgsrezept. Wir wenden soviel wie möglich davon in möglichst jeder Situation an. Das gibt das Klima. Wir sind liberal, unbedingt. Sie können das „möglichst“ auch durch „grenzenlos“ ersetzen. Dann kommen Sie unserem Ideal nahe. Keine Grenzen, keine Hemmungen. Freiheit total. Total liberal. Wir sind Idealisten des Liberalismus.“ 14 Schauspielerwitz: Wer kann keinen Betrunkenen spielen? Ein Betrunkener. Warum eigentlich nicht? Warum soll dann ein Nüchterner einen Nüchternen spielen können? 15 Redet sich ein, daß man sich sein Leben heraussuchen könne und träumt das Märchen vom selbstbestimmten Leben 16 Maikäfer reden auch nicht Deutsch 17 Intellektueller. Spricht von seiner Schwierigkeit, sonnengebräunte und hobbytreibende Menschen ernst nehmen zu können. Ich vermute, daß er eher Schwierigkeiten hat, andere Menschen überhaupt ernst zu nehmen 18 Liest man die Liste der Literaturnobelpreisträger: Größtenteils Namen, die niemand mehr kennt. Man wundert sich. Dann wird einem bewußt: Jedes Jahr ein neuer Preisträger. Macht in hundert Jahren hundert. Soviel faßt das Zeitgedächtnis nicht 19 Die Unsinnskultur verleiht hohe Geldpreise an Leute, die kurz vor dem Tod stehen 20 Wies bescheiden darauf hin, daß seine Gedichte sämtliche zur Musik Johann Sebastian Bachs geschrieben worden waren. Ich ahnte, was er damit sagen wollte 21 Erstaunlich, wie auf den bloßen Namen Elfriede Jelineks hin die Kettenhunde aus ihren Hütten geschossen kommen und ihren Radau aus Kettengerassel und wütendem Gekläff veranstalten 22 einerseits Verschlagerung klassischer Musik, andererseits Schlager im klassischen Kostüm 23 Das halbe Leben in der Erinnerungsarbeit geschuftet und jetzt das: Demenz 24 Sie schlafen, und ihr Schicksal sitzt, die Peitsche im Schoß, neben ihrem Bett und paßt auf und wartet auf den Moment ihres Erwachens. Und auf der anderen Seite des Bettes sitzt, ebenfalls die Peitsche im Schoß, die Gewohnheit und paßt ebenso auf 25 Diskussion über „Probleme der zeitgenössischen Literatur“. Ein Problem wird nicht besprochen: ihre Langweiligkeit 26 er berichtet dem Arzt von seiner gesunden Lebensführung. Sport. Ernährung. Joga. Positiv denken. Gehirnjogging. Alles Maßnahmen zur Lebensverlängerung. Daß die Leute heute im Schnitt fünfzehn Jahre länger leben, betrachte er als ein Angebot, das er nutzen wolle. Der Arzt weist ihn darauf hin, daß er aber einen Großteil dieser fünfzehn Jahre voraussichtlich in der Demenz verbringen werde 27 Neue Musik – auf dem Weg zur Publikumslosigkeit 28 In einer Zeit der Dauerbeschallung, die zugleich eine Zeit ist, in der vom Treteimer bis zur Tretmine alles mit Hilfe von Musik verkauft wird, hat Musik vor allem ein Problem: sich selbst 29 Daß keine Kunst um ihrer selbst willen mehr (welches Verb?) wird 30 Eine kleine Ortschaft in der Normandie. Mittag. Der Markt unterm Kriegerdenkmal ist vorbei. Ein Kehrfahrzeug ist schon unterwegs. Der Obsthändler stellt die leeren Kisten ineinander. Die Andouillette wird zum halben Preis angeboten. Die Blumen der alten Frau auch. Ich nehme alle, einen großen Strauß. Lauter Dahlien. Rot, gelb, blau, oran... Als ich das, später, erzähle, geraten welche aus dem Häuschen. „Was! Bist Du sicher? Dahlien? Blaue?“ Ich verstehe die Aufregung nicht. Ob ich nicht die Blumen verwechsle? Ich weiß sehr wohl, wie Dahlien aussehen, aber man bringt ein Pflanzenbuch. Zeigt mir eine Tafel mit Blumen. Ob die dabei sind, die ich für Dahlien gehalten habe? Ich finde es albern, aber zeige auf die Pflanze. „Die da.“ Nr. 7, laut seitlich abgedruckter Liste: Dahlie. „In blau?“ Ich nicke. Ob ich sicher bin? Aber ja. Wirklich? Es wird mir lästig, und ich sage: vielleicht doch nicht. Jetzt wollen sie aber von meiner Unsicherheit nichts wissen. Vorhin hätte ich die Blume doch zweifelsfrei erkannt! Ja, schon ... na also! Wie der Ort geheißen habe? Ich weiß nicht mehr. Man stöhnt. „Überleg doch mal!“ Ich werde unsicher. Vielleicht war es doch in der Bretagne? Man stöhnt. 31 Ein einzelnes Blatt fliegt, Vorderseite, Rückseite, Vorderseite ...

Traumtraumtraum

Winter. Ich stehe spätabends vor dem alten Bahnhof, es ist bereits Nacht. Ich will, wie früher, vom Internat über ein Reisewochenende nach hause fahren. Ich ahne, daß er mittlerweile stillgelegt ist. Wider Erwarten, läßt sich die Tür aber öffnen. Ich betrete die Schalterhalle, sie ist schlecht beleuchtet und sehr hoch. Am liebsten würde ich noch einmal vor das Gebäude treten, um zu sehen, ob es wirklich so hoch ist, daß eine Schalterhalle dieser Höhe unter das Dach paßt, aber ich habe kaum Zeit. Es ist, wie ich geahnt habe : der Bahnhof ist staubig und stillgelegt. Ich fühle eine Art weinerliche, gedämpfte Verzweiflung. Als ich daran denke, daß ich einen anderen Bahnhof suchen muß, von dem ich hier fortkomme, daß ich das alles zu Fuß werde machen müssen, daß es unendlich langsam und mühsam gehen wird, mit wie gelähmten Füßen und schmerzenden Hüften, und daß dabei soviel Zeit vergehen wird, daß es sich nicht mehr lohnt, überhaupt noch wegzufahren ... gerade als ich das also denke, kommt ein Gärtner von draußen herein, stellt eine Pappwand auf, die wie ein Schalter aussieht und nimmt dahinter Platz. Ich bin sofort belustigt, gehe hin, sage, daß es nicht zu übersehen ist, daß der Schalter nur eine Fassade ist, daß die Seitenwände fehlen, daß ... es scheint ihn zu langweilen. Er schaut mich an. Was ich wünsche? Ich verlange eine Fahrkarte. Er schüttelt den Kopf: „Das hier ist ein Traum.“ – „Na und? Ich möchte trotzdem eine Fahrkarte.“ – „Das hier ist ein Traum.“ - „Warum soll ich nicht trotzdem eine Fahrkarte kaufen können?“ – „Weil das hier ein Traum ist.“ – Ich tue, als sei ich hartnäckig und nenne mein Ziel. Er lacht. „Sie können nicht vom Traum in die Wirklichkeit fahren.“ Ich bestehe auf die Fahrkarte. Er schüttelt den Kopf: „Das ist ein Traum.“ Ich versuche, Überlegenheit herauszukehren: „Das ist doch ein schlechter Witz. Ich verlange eine Fahrkarte, und man verweigert sie mir mit dem Hinweis, das hier sei ein Traum.“ – „Weil Sie träumen. Was ist daran ein Witz? Oder bilden Sie sich etwa ein, wach zu sein?“ - „Es ist doch egal, ob ich träume oder wach bin. Das ist ja so, als ob man mir im wachen Leben eine Fahrkarte verweigert mit der Begründung, daß ich wach sei.“ Etwas irritiert mich selbst an der Logik, aber der Gärtner interessiert sich nicht für meine Äußerung und sieht über meine Schulter an mir vorbei – ich bemerke, daß hinter mir jemand steht. Ich trete zur Seite und lasse der Dame den Vortritt – „Bitte sehr. Wir haben noch etwas zu klären“ – und stelle mich so, daß ich verstehen kann, was sie verlangt. Irgend etwas an ihr ist seltsam. Da ich nicht unverschämt erscheinen will, kann ich sie nur flüchtig mit den Blicken streifen. Es kommt mir vor, als sei sie nur eine halbe Dame, der Länge nach geteilt, ich erkenne nur ein Bein. „Sie verlangt eine Karte, „zweifach, aber einfach“. Als ich unauffällig auf die andere Seite gehe, dreht sie sich, so daß ich wieder nur die anscheinend intakte Seite sehe. Sie geht zur Bank, und da sitzt eine identische Dame, die ebenfalls nur halb aussieht, ihre andere Hälfte, den Moment des Hinsetzens verpasse ich. Die Dame sitzt nun dicht neben der anderen, wie angefügt, es sind zwei Damen und doch eine. Ich trete an den Schalter und verlange eine Fahrkarte zum selben Ziel, wie es die Dame genannt hat. Der Gärtner schüttelt den Kopf. „Das hier ist ein Traum. Sie können hier keine Fahrkarte kaufen.“ – „Aber Sie haben der Dame eine verkauft.“ – „Freilich. Aber die ist ja auch geträumt.“ – „Na und?“ – „Sie sind nicht geträumt. Sie sind Träumer.“ – „Aber ich bin nicht wach. Ich schlafe. Sonst könnte ich nicht träumen.“ – „Na und? Sie sagten vorhin, es sei egal, ob sie wach sind oder schlafen. Das ist es in der Tat. Für uns Geträumte ist es ganz einerlei, ob sie schlafen oder wachen. Sie sind in keinem Fall geträumt. Sie sind keiner von uns. Sie träumen. Ob Sie dabei schlafen oder wach sind, das ist uns egal. Sie können hier keine Fahrkarte kaufen.“ – „Aber wenn ich aufwache“, fällt mir ein, „dann ist der Traum zu ende.“ – „Für Sie.“ – „Was heißt ‚für Sie’!. Für Sie ist auch.“ – „Machen Sie das im Wachsein auch so?“ – „Wie meinen Sie das?“ – „Daß Sie glauben, wenn Sie nicht an etwas denken, dann hört das auch zu existieren auf?“ – „Das ist was anderes. Da ich Sie träume, hören Sie auch auf, wenn ich aufhöre zu träumen.“ - „Wie kommen Sie denn darauf? Keineswegs. Die Träumer gehen. Der Traum bleibt.“ – „Ha! Das höre ich ja zum ersten Mal. Das glaube ich nicht.“ – „Das ist unsereins egal, was ein Wacher von Träumen glaubt oder nicht.“ Ich stehe vor dem Bahnhof, hinter dem, in der völlig schwarzen Nacht – ich sehe es nicht, aber ich weiß es - ein Zug angehalten hat. Er fährt an. Gleich werde ich aufwachen, ich fühle es schon. Aber der Zug wird weiterfahren, in die Traumwelt, wird noch fahren, wen ich längst wach bin. Langsam wird der Bahnhof zweidimensional. Das ist ganz logisch: mit dem Abfahren des Zugs wird er immer flacher.

Hausaufgaben

Lesen Sie mal das Necronomicon.

Au Revoir,

Ihr
Rainer Braune

 

 Celeri-Übersicht
© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014