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Celeri 23 - Januar 2008
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Inhalt

Maiandacht

Augentrost

Pro Tag ein Gedanke - Dezember

Belcanto – Divenklagen

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 24 erscheint Anfang Februar 2008)

 

Maiandacht

Ich hatte mich in einem Gebüsch versteckt und sah zur Kirche, die Türe stand auf, und der fromme Maiandachtsgesang drang heraus. Dann war Stille und die Kinder kamen heraus, alle hatten den Mund geöffnet wie beim Singen – „schön weit, daß man ein Taubenei aufrecht auf einem Teelöffel in den Mund heben kann ohne anzustoßen“, sagte die Lehrerin immer – aber keines sang mehr. Dann klappten sie den Mund zu und gingen, und als alle weg waren lief ich zur Kirche, probierte, ob die Türe noch offen war und schlüpfte rasch hinein. Groß und dunkel, viel Schatten, viele Bänke, jeder Tritt ein Schall mit Echo. Dann hörte ich etwas, es raschelte, und als ich mich umsah, entdeckte ich den Herrn Jesus Ant, er war eben vom Kreuz gestiegen und zog sich noch den letzten Nagel aus dem Fuß. „Heil Ant!“ sagte ich und machte den Hitlergruß. „Ha!“ rief er, „du kommst mir grad recht! Da, halt mal!“, und reichte mir seine Nägel, aber mir grauste es vor den blutigen Dingern und ich wollte weg, aber er packte mich am Kragen, „Halt, hiergeblieben! Dich brauch ich noch!“, und zog mich durch die Kirche, ganz nach hinten, wo die Krüpda war, diesmal war das Eisentor unten auf, eine Treppe ging hinab, und er schubste mich vor sich her, und unten war es riesig unter einer niederen Decke und warm, lauter dicke Säulen, um die huschte es dauernd herum, aber nur, wenn ich nicht hinsah, wie Eichhörnchen die um den Baum in Spiralen rennen, aber es waren größere Wesen, dauernd sah ich sie nur im Augenwinkel, nein, schön war das nicht, und wenn wir weitergingen hopsten sie zur nächsten Säule, nein, das war nicht schön, und hinten war ein großer Saal, die Decke so hoch, daß man schon die Sterne sehen konnte, und Jesus Ant rief: „So, und hier nagelst du mich wieder hin, aber dalli!“ und zeigte auf ein großes leeres Kreuz an der Wand und hielt mir wieder die Nägel hin, aber ich schüttelte den Kopf. Ich ärgerte mich schon. daß er meinte, er könne mich herumkommandieren, und alles habe nach seinem Kopf zu gehen. „Dann nagele ich eben dich an!“ rief er und machte ein Gesicht, das er vermutlich für drohend hielt. „Nein“, sagte ich. „Oho!“ rief er, „Das werden wir ja sehen!“. – „Dann passen Sie mal auf!“, sagte ich und hob den Finger. Erstaunt sah er mich an, bös aber neugierig. Dann ließ ich erst einen Furz, schallend und mit Echo, und dann wachte ich auf, und als ich im Bett lag, hörte ich noch sein keifendes „Das gilt nicht! Das gilt nicht!“.

Augentrost

Eine Alte bekamte schlecht Augn und wurdn sie ihr immer schlechter und so gingte sie zu eim Augentokter und erflehete rat und bekamte also solchselbigen, sie solle nemlich Augentrost essen. War aber zu ihrn maledeiischen Augen auch harthörig und hatte es also fallsch verstunden, nemlich, daß sie Augen tot solle zu sich nehmen, murrete zwar, tat aber so, schlich zur Nacht in die Kapellen worein die Toten auf Schragen gelegen ehe sie zur Erde gesenkt werden, klaube also einem von ihnen die Augen ausm Schedl und verschlung sie sogleich noch eh sie wieder aus der Kapellen war und erstauntete selber, daß sie schon am nechsten Tag, kaum daß die Sunn hervorgebrochen, besser sehen konnt und lobete also den Rat des Augentokters nemlich das Verschmausen von Todtenaugen.

Pro Tag ein Gedanke – Dezember

1 Wartezimmer im hellen Morgenlicht. Außer mir sind drei Blinde da. In ihre Privatfinsternisse gehüllt sitzen sie im strahlenden Sonnenschein 2 Bücherei. Ein Kind möchte lesen, wie es dem Fliegenden Robert weiter erging. Man lacht. Kinder! Zu herzig. Das Kind ist sauer. Als ich ihm zwischen den Regalen begegne, rate ich ihm zu Robinson Crusoe 3 Er informierte sich täglich darüber, „was so los ist“ und sah im Fernsehen zu, wie der kleingeschnittene Bildersalat gemischt wurde. sagte „Aha“, oder schüttelte kritisch den Kopf 4 In einer Kirche. Die Altarkerzen wirken irgendwie seltsam. Ich stelle fest, daß sie oben eine Vertiefung haben, in die Teelichte hineingesetzt werden. Beim Fortgehen Überlegungen, was mit einer Kirche los ist, die an ihren Altarkerzen spart, um nicht zu sagen, schummelt, indem sie mit kleinen Kerzen große vortäuscht 5 Daß man vorbildlich sein sollte. Gerade, wenn man mit Kindern zu tun hat. Eltern etwa. Als ob man wahlweise entweder Vorbild sein oder nicht sein könnte. Sich klar machen, daß man, auch ohne vorbildlich zu sein, in jedem Fall Vorbild ist. Als ob man überhaupt nicht Vorbild sein könnte. Auch Eltern, die nölend vor der Glotze sitzen, die Politiker anpöbeln und ansonsten kuschen, sind Vorbilder 6 Da der Lehrer wiederholt vom ungeheueren „Beschenktsein“ durch die Musik Johann Sebastian Bachs gesprochen hatte – beschenkt durch ihre Tiefe, ihren Geist –, hatte ich mich zu einem Besuch des Weihnachtsoratoriums entschlossen. Das Münster war zusätzlich bestuhlt worden. Die Zuhörer saßen hufeisenförmig um den Altar, mir war ein Platz in der ersten Reihe angewiesen worden. Die Musiker, die sich auf der Empore befanden, konnte ich wegen der Pfeiler nicht sehen. Die Besucher in der Mitte des Kirchenraums hätten sie sehen können – wenn sie sich umgedreht hätten. Ihnen wurde ins Genick musiziert. Ich versuchte, dem Umstand, daß für mich die Musik von irgendwoher drang (wegen der Akustik nicht einmal aus Richtung der Empore) einen Reiz abzugewinnen. Der Lehrer hatte mehrfach hervorgehoben, wie sehr ein wirkliches Konzert einer Schallplattenaufnahme überlegen sei. Ich überlegte, was das in diesem Fall – ich sah ja nichts von den Musikern – bedeutete. Es wurden vier Teile des Oratoriums gegeben. Zur Entspannung und „Vergrößerung der Einkehr“ wurden zwischen den Teilen von Mitgliedern des Kirchengemeinderats Lesungen abgehalten, dadaistisch anmutende Bibelpassagen. Während der Aufführung trat ein Umstand erst immer deutlicher, dann immer unangenehmer in den Vordergrund: die Zuhörer, wollten sie nicht zum Altar oder auf den Boden starren, mußten einander ansehen. Wandte man den Blick ab, schaute man in die Gesichter im mittleren Kirchenraum. Lauter still sitzende Menschen, die ihre Blicke betont gleichgültig über die anderen gleiten ließen. Das war mehr als sonderbar: dieses einander beim Zuhören von etwas Unsichtbarem zusehen 7 Das blinde Kind hält die Hand in den fallenden Schnee 8 Schüler, 14: „Wir waren ja auch im Bundestag. Sehr interessant. Personenkontrolle. Das Gebäude und so. Viel Glas. Daß das hält!? Alles ganz durchsichtig. Dann die Sitzung. Es gab extra ein Jugendthema. Zukunft der Jugendlichen, Berufsausbildung, Arbeitsmarkt, und so. Wir saßen auf den Zuschauerbänken. Dann kamen noch zwei andere Schulklassen. Erst dachte ich, das Haus wäre zu groß geplant worden. Die Bänke, also die unten, bei den Abgeordneten, waren höchsten zu einem Drittel besetzt. Dann erfuhren wir, daß nur ein Drittel gekommen war. Komisch. Wußten die nicht, daß Schüler kommen zum Zuhören? Oder war das denen Wurscht? Kriegen die eigentlich ihr Geld auch wenn sie nicht da sind?“ 9 Bestialität kommt wieder in Mode. Die sog. „politische Unkorrektheit“ als Ausdruck von Individualität. Rassismus etwa. Jemand gilt als „erfrischend ehrlich“ und „kommt gut an“, wenn er sagt, daß er Türken nicht ausstehen kann. 10 Kneipe. Ein unterhosenes Völkchen war mit der Herstellung von Gemütlichkeit beschäftigt und neckte sich gegenseitig. Beliebt waren Androhungen kurioser Tötungs- und Folterungsmethoden. Sowie Unterstellungen, schon wieder Lust auf Geschlechtsverkehr zu haben 11 Menschen, die aussehen, als seien sie nicht gewohnt, mehr als dreißig Schritt zu Fuß zu gehen 12 Der lang gewünschte Hund steht nun knurrend im Hof und rasselt mit der Kette 13 Party zur Einweihung der neuen Wohnung. Der Gastgeber hat auf dem Dachboden eine alte Illustrierte gefunden, 1935, komplett dem Besuch des Führers gewidmet. Man blättert darin. Die Bevölkerung am Straßenrand. Hochgehaltene Kinder. Arbeiter mit geschulterten Spaten. Eintrag ins Goldene Buch. Stadt im Flaggenschmuck. SS marschiert. Jubelnde Frauen und Männer. Der Führer am Tisch, seine Bewunderer hängen mit Irrenhausaugen an seinen Lippen. Massen beim Hitlergruß, etc. „Da wären wir auch dabei gewesen“, sagt eine Frau. Zustimmung. In jener Selbstgefälligkeit, die sich darin gefällt, sich selbst nichts vorzumachen. Immer wieder fallen Sätze wie: „Wir wären auch nicht anders.“ „Wir wären mitten unter denen.“ Schließlich reichts mir, und ich weise darauf hin, daß es auch heutzutage doch wohl noch genügend Möglichkeiten gebe, sich als Nazi zu betätigen. Sie sind empört. „Nazi“ sei ein starkes Wort. Das ließen sie sich nicht bieten. Ich zeige auf die Illustrierte: Ob das Nazis seien oder nicht? – Natürlich seien es welche. Zumindest Mitläufer. - Und hatten sie hier nicht gesagt, daß sie auch welche von denen wären? – Ja, aber damals. Damals. Nicht heute. Das sei doch wohl ein Riesenunterschied. Heute sei man strikt antifaschistisch. Ich äußere Zweifel: Es sei doch Unfug, sich sicher zu sein, damals Mitläufer gewesen zu sein, und sich gleichzeitig sicher zu sein, heute keiner mehr sein zu können? Weitere Empörung. Es fallen Begriffe wie „Dialektik, „verurteilen ist leicht“, „dazugelernt“ und „selten überheblich“. Ich selbst, fahre ich fort, käme gar nicht auf die Idee, daß ich „einer von denen“ sein könnte und zeige auf eines der Bilder. Einer fragt pampig zurück: „Woher willst du das denn wissen? Du wärst wohl Widerstandskämpfer gewesen, wie? Hättest uns befreit, wie?“ – „Befreit?“, wundere ich mich. „Euch? Wovon denn? Ihr wärt doch treue Anhänger gewesen, schon vergessen? Als solche hättet ihr mich ja mit Begeisterung gelyncht.“ Kopfschütteln. Ich wisse ja nicht, was ich da rede. - - - Mal im Ernst: Es mag wohl sein, daß mich eine gewisse Feigheit eine zeitlang lähmen würde, aber ich bin sicher, daß ich zumindest zu jener niedersten Form des Widerstands, nämlich des Nicht-Mitmachens, bald meinen Weg finden und vermutlich dann auch einen Weg vom untätigen zum tätigen Widerstand finden würde. Zudem kann ich feierlich versichern, daß es auch unter den mir bekannten Politikern der Gegenwart, gleich welchen Geschlechts, keinen gibt, bei dem ich eine Ausstrahlung (erst recht nicht das vielbeschworene Charisma) erkenne; der mir Respekt abnötigt oder der auf mich auch nur im Ansatz anziehend oder verführerisch wirkt; oder dem ich die Absicht zutraue, etwas für die Bevölkerung zu tun 14 Ein Mensch, der aussah, als ernähre er sich von gesalzenen Trockenpflaumen oder mit Butter bestrichenen Automatenphotos seiner selbst 15 Die Sonne schien. Sie hätte ebenso die Taschenlampe eines verstörten Riesen sein können, der einen Blick auf unsere Welt wirft 16 Schnee fällt leise wie Fußtritte. Unzählige. Draußen aber ein Land ohne Fußspur 17 Unersättlich. Sie hatte das frustriert-gierige Gesicht eines Menschen, der von allem etwas erwartete, das dieses gar nicht hergeben kann; vom Leben, von der Musik, von Menschen 18 Durch lärmendes Geschimpf am Stammtisch über das Rauchverbot ermuntert, hatte er beschlossen, sich nicht um jenes zu kehren. Er würde weiterschmauchen. Und zwar öffentlich. An seinem Stammtisch. Formulierungen wie „Nest des Widerstands“, „bairischer Dickschädel“, „Urgestein“ oder „ein Unbeugsamer“ und dergleichen kamen ihm in den Sinn. Man würde aufhorchen. Man würde nach ...ried schauen. So einfach würde er es den werten Herrschaften da oben nicht machen. So mir nichts dir nichts eine liebe alte Gewohnheit per Dekret verbieten. Andere würden vielleicht kuschen. Nicht aber er. Man würde ihm Achtung zollen, er würde Aufmerksamkeit erregen. Allmählich bekäme er einen Ruf wie die Wilderer der alten Tage. Die lokale Presse hatte sich interessiert gezeigt. Interview, leider nur telephonisch. Aber dann hatte sich noch ein Photograph angekündigt und ein Bild gemacht, natürlich mit Zigarette. Erwartungsfroh hatte er das nächste Wochenblatt aufgeschlagen. Aber er war enttäuscht. Das klang vielleicht ... „Glimmstengelrebell“ ... : deppert klang das. Dann „Ein Robin Hood der Zigarettenindustrie.“ Also! Noch depperter. Als ob er denen zuliebe rauchte. Besonders enttäuschend aber waren die Worte von Alois, dem Wirt seiner Stammwirtschaft. Er, so Alois, werde jeden Gast, der rauche, auffordern, dasselbige unverzüglich bleibenzulassen, also einzustellen oder ihn widrigenfalls hinauswerfen. Jeden. Und wer schon mit der Ankündigung sein Lokal betrete, hier zu rauchen, den setze er stantepede wieder vor die Tür. Stantepede. 19 A. Schw., Wirt. „Wia i ois Wirt des sieh? Viele vo de Wirt san dageng, song Si? ... ja mei, de wearn hoid seiba raucha, ned wahr? Klar, daß na dageng san. Bairische Wirtshauskultur? A so a Schmarrn! Ham mia bis heit oane ghobt? In an bairischn Wirtshaus brauchats do koa Kultur! I bitt Eahna! Mia drinkn a Bia, essn a amoi a Schweinerns mit Knedl dazua. Wenns a Kultua meng, na drah i Eahna s Radio o. Jetz schaungs do amoi: i muaß doch als Gschäftsmo denga. I mach mein Umsatz mitn Bia und mitn Bratn, oba ned mit de Zigareddln, wo de Heaschaftn raucha. Dreiviardl vo de Daidschn, hob i gheart, san koane Raucha. Jetz stelln S Eahna amoi vor, Sie mechatn a guats Geid vadiena: vo weicha Bevölkerungsgrubbm dadn jetz Sie Eana Eanare Kundschaft wünschn? Vo dem Dreiviartl oda vo dem Viartl Keichhiastla? Sengses, so einfach is des. Wann do oana kimmt und moant, ea muaß mit dem Viardl sei Geschäft macha, na ko i als Gschäftsmo bloß song: schee bleed. Mei feste Übazeugung is: de Raucha ham mia bis jetz de meiste Kundschaft vatriem! Oba des ändat sie jetz. I sogs Eana: in drei Monat redt koana mea üba des Thema. Koana. Und in oam oda a zwoa Jahr siecht mei Umsatz ganz anderscht aus wia heit, des garantier i Eahna. Mengs no a Hoibe?“ 20 Am Rand des Dorfs im Schneetreiben, zitternde häßliche Hunde 21 Gesualdo. „Die strafwürdige Unsitte des Vibrato. Eine der von Musikern ersonnenen Methoden, um die Aufmerksamkeit von der Musik auf sich zu lenken. Dazu gesellt sich die ebenso strafwürdige Dreistigkeit zu behaupten, für die Musik unerläßlich zu sein. In Wahrheit sind Musiker Knechte, ganz gewöhnliche, die an Stelle der Heugabel oder des Kochlöffels ein Musikinstrument zu handhaben wissen. Und ähnlich ist im Übrigen der Stand des Komponisten einzuschätzen: ein Diener, der eine Tätigkeit erlernt hat. Die Befähigung zu dieser ist ebensowenig sein Verdienst wie seine Lebensumstände. Es besteht also auf keiner Seite ein Grund, Stolz zu zeigen. Vielmehr ist Bescheidenheit die immer und überall passende und angemessene Haltung eines jeden Menschen.“ 22 Im ganzen Haus gab es ein Buch, ein einziges, ein zerlesener Roman mit dem unheilverkündenden Titel: „Zeit der Reise.“ und Seiten, die dick und fleischig waren, als seien sie vom vielen Gelesenwerden entzündet. - - - „Von wegen einzig!“ sagte die Frau und nahm ein Buch aus einem Regal, wo es zwei Marmeladengläser mit ihren glänzenden Bäuchen eingeklemmt hatten und hielt es mir hin. „Handbuch des Wissens“ verkündeten unheilvolle Blockbuchstaben. „Hier steht alles, aber auch alles drin, was man wissen muß.“ Ich nahm es und wußte schon Augenblicke später, daß die Dardanellen eine Meerenge sind, die Asien von Europa trennt. Und Tanker waren a) Schiffe zur Beförderung von Flüssigkeiten oder b) tankende Menschen 23 Ein Kranich im Schnee. Ich nieste. Als ich aufsah, war der Vogel verschwunden 24 Der Hohepriester entschleimt sich auf der Kanzel 25 Was ist falsch, wenn sich zeitgenössische Komponisten über Popmusik aufregen? 26 Schneeflocken. Ob es schön ist, so zu fallen? 27 Afrikanischer Arzt nach einem Aufenthalt in Europa: Krankenhäuser voller Gesunder, die ständig am Nörgeln sind 28 „Leben“, wie er seine zwischen Gaff- und Raffgier eingeklemmte Apathie nannte 29 Sprichwörter: Die Hunde bellen, das Tretauto rollt weiter. - Stetes Klopfen stört das Schwein 30 ein kleines Mädchen steuert durch ihre Gedanken Mückenschwärme fern 31 Erst eine Flöte, mit angenehm heiserem Ton. Dann ein Cymbal mit einer ähnlichen Melodie. Zigeunertonart. Spärlich. Ohne Takt. Nahegehender und heimatlicher, warmer Eindruck. Leere, aber angenehm. Weite. Und zwar: eine Weite, aus der wir herkommen. Was könnte das für eine Weite sein, aus der wir herkommen? Oder ist es nur der Wunsch, daß es solch eine Weite gibt, in der unsere Heimat liegt?

Belcanto - Divenklagen

Ja, ich bin Opernsängerin ... aber glauben Sie mir, das ist heutzutage ein Beruf, der, wenn man ihn ernsthaft ausüben möchte, geradezu grotesk, eigentlich unmöglich, auf jeden Fall aber völlig anachronistisch ist. Es gibt keine Kenner mehr, die imstande sind, Gesangskunst einzuschätzen. Und das gilt längst auch für die Sänger. Unsere Welt funktioniert – ein passender Ausdruck übrigens – nach bestimmten Gesetzen und Maßstäben und nach diesen wird auch die Oper beurteilt und bewertet. Keiner kann mehr Ornament von Emotion unterscheiden. Diese Verwechslung von Ornament und Wirklichkeit, die Verwandlung von Echtem in Dekoratives, das erscheint mir symptomatisch für unsere Zeit. Das Ornament in jeder Hinsicht, die ornamentale Funktion und Verwendbarkeit, bestimmt unsere Künste. Man betrachtet Kunst auf ihre Brauchbarkeit und Verfügbarkeit hin, auf ihre Dekorationstauglichkeit, sucht seine Bilder danach aus, ob sie zur Couchgarnitur passen oder Rendite versprechen. Als Opernsängerin haben Sie einen Beruf, für den es keine Abnehmer mehr gibt. Sie singen für Leute, die ein Headset aufhaben und sich nicht vorstellen können, mit reden aufzuhören. Musik wird zwischenzeitlich längst als etwas anderes verhökert. Hintergrundsmusik fürs Klingeln von Proseccogläsern und Handys. Manche Konzerte sind ganz darauf abgestimmt, die Zuhörer zu beruhigen und zu entspannen – Beschallung für Nervenheilanstalten.
Und man versteht nicht nur nichts mehr von Musik und Gesang, sondern man führt auch kein Leben mehr, in dem diese eine Rolle spielen könnten. Man kennt auch die in der Oper vorkommenden Emotionen nicht mehr. Liebe? Was ist das? Muß wohl so eine Art Besitzgier sein. Zorn? Ein anderes Wort für den Ärger bei Autopannen und Kursverlusten. Überraschend und paradox : Auch wenn alle bei allen Gelegenheiten von „sinnlich“ reden und ohne sexuelle Anspielung nichts mehr „geht“ : Sinnlichkeit ist heutzutage nahezu unbekannt. Man kann sich nichts anderes mehr darunter vorstellen als Sex oder gut essen. Das andere: keine Oper, ohne daß irgend jemand anfängt, von „großen Gefühlen“ zu quasseln. Was soll denn das bitteschön sein? Wie auch immer ... wer nur noch kleine Gefühle hat, plappert von großen. Mein Eindruck ist der: für ein zwischenmenschliches Gefühl kriegen die meisten doch nicht einmal den Hintern aus dem Fernsehsessel. Aber wenn sie die Freßlust packt, dann buchen sie sogar eine Fernreise. Und die vielbeschworene Leidenschaft ist doch heute unbekannt. Außer Raffgier und Freßlust kennt doch der Bürger der westlichen Zivilisationen keine Antriebe mehr.
Es ist kein Geheimnis, daß für die Opernsängerin der Jetztzeit das Aussehen das Wichtigste ist. Die gesanglichen Fähigkeiten sind zweitrangig. „Schön“ muß nicht nur Musik, sondern auch die Musikerin sein. Es gibt immer mehr Musikhörer, die sich nicht vorstellen können, was Musik außer schön noch sein könnte. Eine Schlagersängerin singt Händel – auch gut, findet man. Auch als Opernsängerin haben Sie nun also auch „schön“ zu singen. Aber fragen Sie lieber nicht, was mit „schön“ gemeint ist. Was gestreßte Nervenbündel, die nichts anderes im Kopf haben als Geld, unter „schön“ verstehen.
Man erkennt, daß es seinen Sinn hat, daß man beim Konzert stillsitzen muß. Wenn man die Leute machen ließe, sie würden augenblicklich ungerührt zu quatschen anfangen. Wenns sich einrichten läßt, es gibt ja mittlerweile genug „events“, dann lassen sie während der Musik ihren MP3-Player weiterlaufen oder telephonieren. „Du, Gertie, rat mal, wer eben neben mir steht und singt?“ Es packt einen überhaupt das kalte Grausen, wenn man sich vorstellt, was sie machen, wenn sie sind, was sie so gern sind, nämlich „ganz zwanglos“. Manchmal denke ich: Vielleicht war das schon immer so. Aber dann war es eben schon immer jämmerlich.

Hausaufgaben

Haben Sie mal ein Großes Gefühl.

Au Revoir,

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014