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Celeri 24 - Februar 2008
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Ein einzelnes Auge

Im Stall des Schlosses standen neben einem Esel auch zwei Pferde, die, da sie kaum geritten wurden und sich niemand mit ihnen beschäftigte, recht verwildert waren.
Der Schloßbesitzer ließ, vielleicht aus dem Bedürfnis, auch einmal eine heraldische Figur abzugeben, gelegentlich den Hengst satteln, schwang sich hinauf, verschwand zu einem Ausritt, von dem, nach etwa einer halben Stunde, erst das munter tänzelnde Pferd, dann, nach einer weiteren Stunde, der Besitzer zurückkehrte, meistens in unheraldischer Derangiertheit.
Einmal war der Schloßherr wieder ausgeritten. Das Pferd war bereits wieder zurück, und mein Vater, als Gärtner auch für die Tiere zuständig, hatte es kommentarlos in den Stall geführt und abgesattelt. Ich ging in den Schloßpark, wo ich bald den hinkenden Schloßherrn auftauchen sah.
Als er mich erblickte, blieb er stehen. Ich wunderte mich, warum er mir so zuzwinkerte. Das, und daß er gar nicht mehr damit aufhören wollte, wirkte, wie ich fand, ziemlich läppisch. Dieses läppische Gezwinker erklärte sich, als er mich zu sich winkte. Sein Pferd habe gescheut und er habe beim ‚Absteigen’ sein Glasauge verloren. Wenn ich es ihm wiederbringe, dann gebe es eine Belohnung. Er beschrieb mir die Stelle – der kleine Bach im Tal unten. Den hatte er überspringen wollen, das Pferd aber war im letzten Moment abrupt stehen geblieben, so daß es ihn aus dem Sattel gerissen hatte. Und so hatte er fliegenderweise den Bach überquert, nicht nur allein, also ohne Pferd, sondern auch bereits einäugig. Ob ich das Glasauge suchen wolle?
„Wie genau sieht es denn aus?“ fragte ich. Das war ein Scherz, aber er bemerkte es nicht und zeigte ernst auf sein anderes Auge und sagte: „Wie das hier.“
Ich ging ins Tal hinunter, fand aber das Glasauge weder in der Wiese noch im Bach.
„Ich wette, du siehst mich und lachst Dir ins Fäustchen.“ Beim Versteckspielen konnte man manche Kinder damit zum Kichern bringen, so daß man hörte, wo sie waren. Aber hier blieb es still.
„Los, roll mal! Sonst setzt’s was!“, sagte ich drohend, mußte dann aber selber lachen: „setzt’s was“ klang ulkig. Als sich nichts rührte, wollte ich eben wieder heimkehren, als mir eine Idee kam – richtig: es war in den Bach gefallen, aber schon ein Stück am Grund entlang weiter gerollt.
„Ha!“ rief ich, nachdem ich es geschnappt hatte und hochhielt. „Wolltest abhauen. Ins Meer, wie? Aber nix da. Hiergeblieben. Weitergeschaut wird.“
Ein Glasauge war eine rare Sache, und so beschloß ich, vor seiner Rückgabe damit noch eine Runde durch das Dorf zu machen. Aber es war schon so spät am Abend, daß kein Kind mehr auf der Straße zu sehen war, dem ich es hätte zeigen können.
Auf dem Heimweg kam ich am Wirtshaus vorbei, die Tür stand weit auf und Stimmengewirr drang heraus. Der Stammtisch war vollbesetzt. Die Bauern tranken Bier, und es ging hoch her, sie schimpften, weil ihnen die „Bolledicker“ ans Geld wollten. Aber als ich das Auge auf den Tisch legte, kehrte Stille ein.
„Wo hast du das her?“
„Es gehört dem Schlosser.“ (so wurde der Schloßbesitzer im Dorf genannt). „Dem ist es beim Reiten rausgefallen.“
Während das Auge von Hand zu Hand ging, bekam ich ein Glas Sinalco und ein Paar Saitenwürste mit Brot und Senf serviert. Das erschien mir seitdem für lange Zeit als die Idealkombination eines Abendessens: Saitenwürstchen mit Brot und Senf, dazu ein Glas gelbe Limonade.
„Aufpassen! Bloß nicht runterfallen lassen!“ mahnte ich, während sie, einer nach dem andern, das Auge beäugten.
„Und jetzt sieht er, eh du’s ihm zurückbringst, nix mehr, der Schlosser, wie?“ fragte der Bierbrunner, ein Mann mit einem üppigen Bart, der Vater eines Schulfreunds.
„Ah, du saudummer Kerle,“ rief ein anderer. „Der sieht auch mit dem Aug nichts.“
„Und warum hat er’s dann überhaupt?“ frage der Bierbrunner beleidigt.
„Wegen der Schönheit.“
Da mußte der Bierbrunner lachen.
„Er sieht schon etwas, aber bloß mit dem anderen Auge“, warf ich ein.
„Ja wie jetzt? Ist das andere nicht aus Glas?“
„Nein. Sonst könnt er doch gar nichts sehen.“
„Ah!“ maulte der Bierbrunner. „Das ist jetzt doch aber a halbe Sach!“
„Und wo ist überhaupt das andre?“ wollt einer wissen.
„In sei’m Kopf.“
„Nein, das richtige. Das wo da drin war, wo jetzt der Glasbollen drin ist.“
„Ach so.“ Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich kaute und überlegte. „Das steht in einem Glas Vitriol im Kühlschrank.“
„Dann kann er’s ja einsetzen.“
„Ja. Aber er hat es bei Verwandten in der Schweiz.“
„Im Kühlschrank in der Schweiz? Wieso denn in der Schweiz?“
Lügen machte Spaß. Man kam vom Hundertsten ins Tausendste.
„Weil er dort Ski fährt. Und dafür braucht man zwei Augen.“
Sie sahen mir zweifelnd zu, wie ich aß.
„Das hier ist sein Werktagsauge“, sagte ich. „Er hat noch ein anderes. Ganz aus Gold.“
„Jesses!“ das war die Wirtin, die sich zu uns gesellt hatte.
„Er setzt es nur an Weihnachten ein.“
„An Weihnachten?“
„Ja. Es sieht ziemlich komisch aus. Aber es ist festlicher.“
Sie sahen sich an. Was man mit Augen alles machen konnte.
„Er hat noch einen künstlichen Arm und einen künstlichen Fuß“, berichtete ich. „Wenns geht, bringe ich sie auch einmal vorbei. Der Fuß ist interessant. Der kann alleine gehen. Manchmal, wenn morgens der Schlosser noch schläft, tappt er ganz allein durchs Schloß.“
Sie hingen an meinen Lippen.
„Einmal hat er sich verlaufen, der Fuß, da mußt ich ihn auch suchen. Wie das Auge. Im Stall hab ich ihn gefunden und als ich ihn fangen wollte, hat er nach mir getreten.“
„Bub, das ist doch gelogen!“ rief der Bierbrunner und drohte mit dem Finger.
„Ach was!“ fuhr ihm einer über den Mund. „Die machen heutzutage noch ganz andere Sachen, die Technigger. Dein Traktor, der fährt doch auch von allein, oder?“
„Ja, der hat aber auch einen Motor, und der Motor braucht Benzin, und der Mensch hat das Herz als Motor und das Blut als Benzin, und das mit dem Fuß, das wär ja, wie wenn ein Rad vom Traktor allein über den Acker rollt, versteht ihr, denn wenn der Fuß so alleinigs ist, so abgetrennt, dann kann er doch auch ni...“
„Ich bring den Fuß her, wenn der Schlosser nix merkt“, unterbrach ich ihn, ich hatte längst kapiert, worauf er hinauswollte. „Dann lassen wir ihn auf dem Tisch herumlaufen“, sagte ich. „Aber die Tür müssen wir zumachen. Wenn er nämlich spitzkriegt, daß die aufsteht, haut er ab. Dann krieg ich Ärger.“
Sie überdachten das alles kopfschüttelnd, während das Glasauge weiter von Hand zu Hand ging; es hatte schon an die drei Runden um den Tisch gemacht. Als es wieder zum Bierbrunner kam, hielt er es sich vor das eine Auge und kniff das andere zu und probierte, ob er durch das Glasauge hindurchsehen könne.
„Und? Siehgst jetzt besser?“ neckte ihn einer. Da steckte der Bierbrunner plötzlich das Auge in den Mund, daß es dort, zwischen den Lippen heraussah und drehte den Kopf hin und her.
„Nicht schlucken!“ rief ich.
Eingeschüchtert sahen wir auf das uns aus dem behaarten Maul des Bierbrunners anstarrende Auge.
„Und? Siehst Du jetzt etwa mit dem Maul?“ fragte schließlich einer.
Der Bierbrunner antwortete nicht, nahm das Auge heraus und putzte es mit seinem großen Sacktuch sauber.
Bei der Rückgabe des Auges erhielt ich einen Zehnmarkschein. Jedesmal, wenn ich danach den Besitzer traf und ihm in die Augen sah, mußte ich daran denken, wie einmal das linke Augen dem Bierbrunner aus seinem bartumwachsenen Mund herausgeschaut hatte.


Protestbuch eines Todkranken

Erbärmliches Buch. Ein junger krebskranker Wohlstandsbürger empört sich, daß er nicht alles kaufen kann, jedenfalls nicht das Leben, und daß er nicht sein Erbe antreten kann, jedenfalls nicht das Leben; macht gewaltige verbale Randale; stilisiert sich im Krankenbett zum Rebellen; vermutlich wäre das Fäusteballen und Krachschlagen augenblicks vorbei wäre, wenn ihm jemand einen Diagnoseirrtum und seine baldige Genesung verkündete. Er bleibt bis zuletzt, noch auf dem Sterbebett, ein überheblicher Armleuchter, der den Menschen der Dritten Welt abspricht, ein persönliches Leben zu haben, da sie ja in einer Art fliegenschwarmartigen Existenzform, bewußtlos und wertlos, dahinvegetieren, eh nichts zu erwarten haben vom Leben und deswegen auch nicht weiter der Rede wert ist, wenn sie krepieren – ganz anders bei ihm, der hochwertigen Brillanzfigur. Welche Fähigkeiten blieben da ungenützt. Auf was die Menschheit alles zu verzichten hätte. Wie ungerecht war das alles. Daß auch er zum Krepieren gezwungen war. Randaliert weiter, klagt an. Macht Schuldige aus, nämlich – welche Überraschung – die Eltern; herzlos wie noch was, nur Geld im Kopf. Laut Klappentext waren schon Abertausende Leser erschüttert. Worüber?

Quasselstrippe I

Themenkreis: Jugend, Bildung, Erziehung.
„Klimaschutz ist ja jetzt ganz aktuell. Merkt man daran, dasses auch die Politiker ständig aus der Maultasche ziehen. Bin ja immer gespannt, was als nächstes ganz oben auf der Quasselhitliste steht. Jetzt vorm Wahlkampf dreschen se vorübergehend auf Jugendliche ein. Will ich Ihnen ganz ehrlich sagen: kann gar nicht schaden. Denen n bißchen die Flügel stutzen. Jugend braucht klare Grenzen, sag ich immer. Is ne anerkannte Tatsache. Klare Grenzen. Ich sag immer: hart aber fair. Erziehungslager – warum denn nicht? Sonst denken die doch, sie könnten machen was sie wollen, die Schlawiner. Statt „Lager“ nennen sie’s jetzt „Camp“. Weil „Lager“ ist zu sensibel. Meiner Meinung nach schon ein Fehler. Kommt denen doch bloß entgegen, mit ihren englischen Wörtern für alles und jedes. Die können doch kaum noch richtig deutsch. Und „Lager“, ich mein, da ham wir doch wohl eine große Tradition. Da sind wir ... warn wir führend. Vorreiter. Kompetenz in Konzeption, Einrichtung und Führung. Und um jedes know how, das brachliegt is es doch schade. Ungenutztes Wissen. Klar, n bißchen über die Stränge geschlagen sind sie damals schon. Aber andererseits: hats groß geschadet? Sehn Sie! Ich sag immer: Hart aber fair. Warn eben Kinderkrankheiten. Schaun Sie, is doch so : wenn n neues Auto rauskommt, egal ob n Opel oder n BMW, n neues Modell hat immer Mucken. Deswegen baun die ja erst n Prototyp. Aber wir hatten ja keine Chance, aus den Fehlern zu lernen. Hat man uns die Sache ja gleich aus der Hand genommen. Konnten ja gar nicht zeigen, daß wir’s auch besser machen können. Aber jetzt ist genug Zeit vergangen. Ich mein, irgendwann is Schluß. Ich kanns nich mehr hörn! Man möchte doch einfach wieder sagen dürfen, was man denkt, ohne ständig aufzupassen, ob es auch korrekt ist, oder? Mann! ... daß Strafen keine abschreckende Wirkung auf die Täter haben – wer bestreitet denn das? Als Bürger wollen Sie doch Vergeltung, oder nicht? Dazu sind Strafen da. Wen interessiert denn, ob die jungen Verbrecher auch was davon haben? Ab in Knast. Aber nicht zu kurz, ja? Sozialarbeit? Nix da. Wenn Sie ein paar Jahre im Bau sitzen, dann kommen sie zum Nachdenken. Was heißt ‚sitzen’. Arbeiten! Wenn se schon keine Aussichten aufn Ausbildungsplatz haben, kann man se ja doch wenigstens ins Arbeitslager stecken, nich wahr? Daß sie Kraft haben, das sehen wir ja. Sollen sich mal nützlich machen. Arbeit gibts genug. Und wenn sie später wieder rückfällig werden: wieder ab in die Zelle. Ich sag immer: hart aber fair.“

Die schönsten Wörter der Welt

Als Kind hatte ich Gefallen an geschriebenen Texten gefunden und war fasziniert davon, daß man etwas aufschreiben konnte. Schloß ich das Schreibheft, war das Geschriebene wieder fort. Aber las es jemand, dann entstand es in seinem Kopf wieder.
Ich merkte bald, daß die Erwachsenen ihre Hochachtung nicht gleichmäßig verteilten. Das Kuchenrezept auf der Mehltüte konnte noch so schön sein, es galt weniger als ein Gedicht.
Nahmen wir in der Schule ein Gedicht durch, konnte man davon ausgehen, daß es sehr, sehr langweilige Stunden werden würden. Wir lasen das Gedicht, alles war klar, spätestens beim zweiten Mal, beim dritten Mal paßten wir schon nicht mehr auf. Alles war klar, wir hätten weitermachen können, aber der Lehrer fing mit dem Deutschunterricht an. Er fragte uns. Ob wir bemerkt hätten, wie Goethe es schafft, eine unheimliche Stimmung zu erzeugen? Ich hatte das für eine Fangfrage gehalten und den Lehrer darauf aufmerksam gemacht, daß der Erlkönig keineswegs unheimlich war. Er widersprach energisch, aber es gelang ihm nicht, mich dazu zu bringen, den Erlkönig unheimlich zu finden.
„Aber stell dir doch mal vor: Nachts im Wald. Nebel. Du siehst, wie sich im Dunst etwas bewegt. Hörst Stimmen ... unheimlich, oder?“
Ich überlegte noch einmal und sagte dann:
„Nein.“
„Aber stell dir doch mal vor: was würdest du denn sagen, wenn du entdeckst, daß das Kind in deinen Armen tot ist?“
Ich überlegte. „Armes Kindchen“, vermutete ich.
„’Armes Kindchen’!“ rief er. „Unheimlich ist das!“
„Also ich finde es nicht unheimlich. Und ihr?“ Ich wandte mich an die anderen.
Ein Lämmerchor aus „nein – nein – doch – ä-ä – ja – nöö – nein – doch – m-m – nein – doch“ ertönte.
„Wer hat ‚doch’ gesagt?“ rief der Lehrer flehend.
Drei Kinder meldeten sich unbegeistert – war das der Lohn für die Parteinahme? Drangenommen zu werden?
„Du, Sybille“, rief er und zeigte auf unsere Klassenbeste.
„Natürlich ist es unheimlich. Wo das Kind doch tot ist.“
„Siehst du!“ wandte sich der Lehrer an mich.
„Wenn er’s erst umgebracht hat“, sagte ich schulterzuckend.
„Aber es war doch nicht der Vater, der das Kind umgebracht hat!“
„Ich meine ja auch nicht den Vater, ich meine Goethe.“
„Aber Kind! Goethe hat das Kind erst recht nicht umgebracht. Was für eine aberwitzige Idee!“
„Hat er das Gedicht geschrieben?“
„Natürlich, aber ...“
„Er hat es sich also ausgedacht, oder?“
„Ja. Aber was heißt ‚ausgedacht’. Bei Gedichten redet man nicht von ‚ausgedacht’. Man sagt vielmehr ...“
„Egal, aber dann hat er sich auch das tote Kind ausgedacht.“
Der Lehrer winkte ab.
„Verstehn Sie doch, Herr Lehrer: ohne Goethe gäbe es das Gedicht ja nicht. Und auch das Kind im Arm des Vaters nicht. Also war er es, der es umgebracht hat“, erläuterte ich ihm.
Der Lehrer winkte noch heftiger ab.
„Ruhe!“
Wenn mir Gedichte zwar gefielen, so fand ich doch, daß das Verhältnis der schönen Stellen, genauer: der schönen Wörter zu den belanglosen ungünstig war. Zählte ich nach, so kam ich darauf, daß auf dreißig Wörter ein interessantes oder schönes kam.
Gedicht kam von „dicht“, und Dichtkunst war, so der Lehrer, die Kunst des Weglassens. Wenn nun aber von dreißig Wörtern eines schön war, warum also die anderen 29 nicht gleich weglassen? Wenn das Wort „Winterlicht“ schön war, warum dann längs und breit dazuschreiben, daß im fahlen Winterlicht die Einsamkeit der Landschaft noch größer wird und man sich nach dem warmen Herd sehne? - - - Weil die Kunst des Weglassens in Wahrheit Unsinn war. Wenn ich etwas wegließ, dann entstand Murks. Zum Beispiel: Der Hund bellt im Hof. – Egal, welches Wort ich wegließ: es war Murks. Verbesserungen erzielte ich durch Hinzufügungen. Der nasse Hund bellt im Hof. (Natürlich strich ich Ungelungenes, aber das war ja sowieso klar. Das machte doch jeder. Aber durch Rausstreichen von Fehlerhaftem entstand ja nicht gleich was Gutes. Wenn man Pech hatte, blieb einem ein einziger Satz, der für sich wiederum wenig Sinn ergab. Dann konnte man den auch wegschmeißen).
Gedichte hatten immer diese kurzen Zeilen. Ich probierte es auch:
Eines
Tages
hatte ich
großen
Hunger
Nicht, daß es mir gefallen hätte, aber irgend etwas war daran besonders, auch wenn ich nicht draufkam, was.
Ich beschloß, noch mehr in der Art zu verfassen, aber das Ungleichgewicht zwischen schönen und banalen Wörtern von vornherein zu vermeiden. Nichts einfacher als das. Ich legte mir eine Liste schöner Wörter an. Nicht zuviel. Nur die Wichtigsten. Und ich stellte fest, daß zur Erzielung eines hervorragenden Gedichts eines dieser Wörter reichte.
Mein erstes Gedicht in diesem Stil lautete: Heuschreck.
Ich war sehr zufrieden.
Heuschreck - schon ein einziges Wort enthielt eine ganze Geschichte. Zum Beispiel das Wort ‚König’. Ich machte einen Versuch mit mehreren Personen, Kindern und Erwachsenen. Ich sagte ihnen das Wort „König“ und befragte sie dann. Und es stellte sich heraus, daß jede Person den König gesehen hatte. Mit blauem Umhang. Zu Pferd. Von oben. In Rüstung. Mit Krone. Mit Jagdhund. Mit Pelzkragen. Und all diese Einzelheiten, obwohl ich nichts dergleichen erwähnt hatte. Ich hatte nur „König“ gesagt.
Dann entdeckte ich die Freuden der Erfindung neuer Wörter, und zwar durch Kombination zweier schöner Wörter.
Hechtstiefelette.
Mein Deutschlehrer, der an meinen dichterischen Versuchen Anteil nahm, fand es ebenfalls schön, fragte aber, ob ich nicht noch etwas hinzufügen wolle?
Was denn?
Na irgendwas. Damit man sich vorstellen kann, was es mit der Hechtstiefelette auf sich hat.
Ach für Begriffsstutzige!
Nun, man ist nicht gleich begriffsstutzig, wenn man bei einem einzelnen Wort sich fragt, was es damit auf sich hat.
Ich beließ ihn in dem Glauben und schrieb ihm zuliebe: Am Bach standen zwei Hechtstiefeletten.
Es gefiel mir selbst auch ganz gut, auch wenn es Verrat an der reinen Lehre war. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, für Begriffsstutzige einige Beispiele in der Art zu verfassen. Wie im Deutschbuch. Oder im Mathebuch. Da gab es zu den gestellten Aufgaben manchmal auch ein oder zwei Beispiele.
Am Bach standen zwei Hechtstiefeletten - - - das gefiel mir sogar recht gut. Was für eine Fülle von Fragen warf dieser einfache Satz auf! (Was macht der Hecht? Wo ist er denn? Ist er schwimmen gegangen? Kommt er zurück? Ist ihm etwas passiert? Ist er ertrunken?) Und wieviel Stimmung. Ich fand es sogar ein wenig unheimlich. Wenn ich mir vorstellte, ich stieße am Bach auf zwei Hechtstiefeletten ...
Allerdings fand ich, daß Hechtstiefelette allein noch viel mehr dergleichen auslöste, sowohl Fragen als auch Stimmungen.
Wenn ich etwas dazuschrieb – (am Bach standen zwei) – schränkte ich die Zahl der möglichen Fragen und Stimmungen ja erheblich ein. Und das würde mit jedem weiteren Wort noch mehr der Fall sein. Es fehlte dann nur noch eine törichte Erläuterung (für die, die zur Begriffsstutzigkeit auch noch mit Dummheit geschlagen waren), etwa: Der Hecht war nämlich schwimmen gegangen.
Allerdings entschloß ich mich nach einiger Zeit doch noch, ein Wort hinzuzufügen: Am Bach standen plötzlich zwei Hechtstiefeletten.
Ich war fasziniert. Allein durch das Wort Plötzlich schuf ich die Tatsache, daß bis eben am Bach noch keine Hechtstiefeletten gestanden hatten.
Mein Lehrer war immer noch nicht recht zufrieden. Es sei noch immer sehr wenig. Etwas mehr könne ich durchaus noch schreiben.
Mehr? Was denn noch? stöhnte ich.
Na zum Beispiel etwas zur Farbe. Oder eine kleine Vorgeschichte.
Hatte ich nicht eben festgestellt, daß sämtliche, ja unzählige Geschichten schon im Wort enthalten waren? Und jetzt sollte ich eine davon ausplappern?
Die Leser wüßten ja auch gar nicht, was eine Hechtstiefelette sei, oder?
Ich sah ihn an, ob er das ernst meinte? Lesen war eine freiwillige Sache. Niemand verlangte es von Idioten. Und niemand sollte etwas schreiben, nur damit auch ein Idiot einmal etwas zu entziffern hat. Wer nicht schwimmen kann, der braucht sich noch lange nicht mit einem Schwimmreif lächerlich zu machen, für ihn gibt es auch an Land genug zu tun.
Ich lehnte ab.
Dann müßte nach meiner Einschätzung Goethe – wir lasen gerade den Erlkönig – recht geschwätzig sein, oder? fragte der Lehrer, und der stichelige Tonfall ärgerte mich. Geschwätzig, das wäre noch das vorteilhafteste, was ich von Goethe zu sagen gewußt hätte. Der Lehrer hielt ihn für „den Größten“ und hatte uns zur Demonstration zwei Geschichten und mehrere Gedichte vorgelesen. Da ich ihm nicht die Freude verderben wollte und künftig von seinen Verbesserungsvorschlägen unbelästigt sein wollte, sagte ich, der Erlkönig sei natürlich eine großartige Sache, aber soweit sei ich halt noch nicht (in Wahrheit hätte ich für den Erlkönig keine drei Wörter gebraucht). Da lobte er mich sehr für meine Bescheidenheit.
Als er wieder einmal fragte, ob es neue „Werke“ gebe, log ich. Nein, ich habe die Schreiberei aufgegeben.
Aber warum denn? rief er in ehrlicher Bestürzung.
Ich habe eingesehen, daß ich an Goethe nie herankäme. Er seufzte. Ich solle doch nicht gleich gar so hoch hinaus wollen. Ich schüttelte den Kopf, mir sei es gründlich vergangen.
Schade, rief er.
Ja, bestätigte ich und ließ den Kopf hängen.
Aber ab jetzt hatte ich Ruhe. Eine Ruhe, in der ich ‚heimlich’ weiterschrieb.
Mein heimliches Schreiben und das Schreiben, das andere lesen durften, das waren zwei ganz verschiedene Angelegenheiten. Zum Beispiel die Schulaufsätze. „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Ich hatte längst verstanden, daß es hier darauf ankam, möglichst breit und trampeltierhaft von etwas zu berichten, das eigentlich nicht der Rede wert war. Meine private Version war da viel eindrücklicher und erlaubte dem Leser viel mehr Gedanken und Vorstellungen: „Fast ertrunken“. Beschrieb ich es in allen Einzelheiten und hielt die zeitliche Reihenfolge ein, dann lobte mich der Lehrer zwar, aber was war der Text anderes, als eine Gebrauchsanleitung für Begriffsstutzige?
Das Schreiben von Gedichten ließ ich dann wieder bleiben. Man konnte nicht vorwärts kommen darin. Zusammengesetzte Wörter – gewiß, ganz nett, aber im Grund eine Alberei. Man konnte sich in der Gedichtschreiberei nicht verbessern. Denn weniger als ein Wort, das ging nun mal nicht.
So wandte ich mich vermehrt dem Nicht-Gedichtlichen zu. Allerdings hatten meine Entdeckungen aus dem Gedichtbereich hierauf durchaus Einfluß. Ich entwickelte eine Neigung zum Ein- oder Zwei-Satz-Text. „Mein schönstes Ferienerlebnis“ lautete hier, in der heimlichen Variante: „Als ich das Ufer erreichte, war ich doch nicht ertrunken. Glück gehabt.“

Hausaufgaben

Gedicht kommt also von „dicht“. Machen Sie aus Ihrem Lieblingsgedicht mal ein richtig gutes! Durch Kürzen. Erst auf die Hälfte. Dann auf ein Viertel. Dann auf einen Satz. Dann auf eine Wortfolge. Dann auf ein Wort.

Au revoir

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014