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Celeri 26 - April 2008
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Inhalt

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Schwemmholz

Quasselstrippe III

Wallfahrtssonntag

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 27 erscheint Anfang Mai 2008)

 

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Im Jahr 2007 unternahm ich den Selbstversuch, pro Tag einen Gedanken zu fassen. Es war nicht leicht, aber ich habe es – im Großen und Ganzen – geschafft. Überraschende Erkenntnis: Es ist nicht unbedingt nötig, täglich einen Gedanken zu haben.
Als Kind füllten einige meiner Schulkameraden jene kleinen Notizhefte, in denen wir unsere Hausaufgaben eintrugen, mit nichts anderem, als mit Autokennzeichen parkender oder vorbeifahrender Autos – eine Sammelleidenschaft, die mich befremdete und mir etwas sinnlos vorkam. Ich selbst hatte ein Büchlein, in das ich alles eintrug, „was man mal beschreiben sollte.“ Zum Beispiel die Bretter, aus denen das Bootshäuschen gebaut ist. Oder die Türklinken unseres Dorfes. Oder die Hühner. Ziel war ein dickes Buch, in dem man zu jedem Ding und Lebewesen auf der Welt etwas nachschlagen könnte. Das sollte man irgendwann einmal machen. Beim Anblick der Pflastersteine auf unserem Hof – die natürlich auch alle in diesem Buch zu finden sein sollten – wurde mir mulmig, und ich nahm von diesem Vorhaben Abstand. Mir schwante, daß die Dicke dieses Buches beträchtlich sein würde und der Zeitaufwand ebenso. Später redete ich mir ein, daß es etwas unnötig wäre, von etwas, das ich ohnehin vor Augen hatte, eine Beschreibung zu lesen. Ich ahnte, daß Sammeln, und sei es in schriftlicher Form, etwas mit Besitzgier zu tun hat.

Schwemmholz

Auf dem Flohmarkt ein Mann, der die unterschiedlichsten Dinge kauft, Zeug und Plunder, das eigentlich in die Mülltonne gehört. Doch er geht mit erkennbarer Zielstrebigkeit zu Werk, scheint genau zu wissen, wonach er sucht. Ich frage ihn. „Ich kaufe Messergriffe, Holz für Messergriffe; ich bin Messerschmied.“ – Man sollte vermeiden, das allgemeine Rauschen durch seine Beiträge leichtfertig zu erhöhen, weder durch Bücher noch durch gesprochene Worte - Wenn ein einziger Tropfen Wasser vom Himmel fällt, nennt man das auch Regen? Einem solchen Tropfen sah ich gerade hinterher - Sie übergeben sich im Viertelstundentakt - ein bunter Ball, der überall im Weg war – Der Geistliche, der sarkastisch auflacht, als ich ihn nach seinem Glauben frage. „Schon lange nicht mehr.“ Später: „Sicher gibt es da und dort gläubige Geistliche. Aber das dürften Ausnahmen sein. Je intellektueller und je höher in der Hierarchie, desto atheistischer. Ein Papst der glaubt? Undenkbar.“ – Das Leben; wir reisen darin wie in einem Zug, den wir für ein Beförderungsmittel halten, nicht ahnend, daß er außer uns eine Gruppe Goldgräber, den Leichnam eines erdolchten Königs sowie den seines erschossenen Mörders und, im Gepäckwagen, einen Käfig voller niedlicher Küken transportiert – Aufrecht bleiben in einer Umgebung, die einen hinsetzen und hinlegen (reinlegen?) will. Frau von Arnim liest gern im Stechlin; ein Buch aus einer Zeit, als es noch aufrechte Menschen gab; Menschen, völlig frei von Egoismus.

Quasselstrippe III

Themenkreis Werte, Politik, Märchenbücher, Internet.
„Interessant, daß Sie jetzt auf Werte zu sprechen kommen. Werte sind ja groß im Kommen. Pflichtgefühl, Fleiß, Belastbarkeit, Anklopfen, eh man die Türe aufmacht und so. Ist schon wichtig. Was man eben so braucht, wenn man in unserer Wirtschaft mitmachen will. Das Problem für unsereins ist dabei ja immer dasselbe : Wie kriegst du die Leute dazu, sich nach Werten zu richten, nach denen du dich gar nicht richten kannst. Nicht, wenn du profitabel wirtschaften willst. Es ist ja so : Werte müssen wir vertreten, verbal meine ich, aber wir können sie nicht wirklich brauchen. Wenns nach Werten ginge, also ich mein natürlich nicht Markt- oder Geldwerte, sondern das ethische Zeugs, also da könnten wir doch einpacken. Da ginge nichts voran, aber gar nichts. Aber die Politik muß es ja nach außen hin vertreten, das wird erwartet, das bringt Anerkennung : praktizierender Christ; Familienmensch; Naturfreund; Tierfreund; Kinderfreund; Frühaufsteher ... na, sie kennens ja, braucht man ja bloß den Wahlkampf abwarten und schon liegen die Schwafelbroschüren im Briefkasten und die alten Schautafeln stehn wieder am Straßenrand ... da können Sie die gemeinste Fresse im Land haben, fürn Wahlplakat reichts immer noch - - - (kaut und seufzt) - - - Familie - klar klingt das gut. Aber wer braucht denn intakte Familien? Is doch n Privatvergnügen, von dem niemand was hat, niemand als die Beteiligten. Klar isses schön, wenn der Papa abends Märchen vorliest. Aber wer hat denn was davon? Vermutlich nicht mal die Märchenbuchindustrie, denn das gute Stück ist vermutlich noch aus Omas Zeiten. Nee : Was wir brauchen sind verfügbare, gut einsetzbare Einzelkämpfer. Die rechnen sich doch viel besser. Schaun Sie : Ein Paar hat einen Staubsauger, eine Waschmaschine, und so weiter. Zwei Singles haben jeder einen Staubsauger und jeder eine Waschmaschine – verstehn Sie? Umsatzsteigerung um hundert Prozent, ohne daß Sie einen Cent für Werbung ausgegeben haben. Sie müssen das Paar halt auseinanderbringen. Individualisierung, sagen wir. Oder gleich verhindern, daß sie zusammenziehen und ihren Krempel zusammenschmeißen. Da wäre dann umgekehrt ja der Umsatz auf einen Schlag halbiert. Das macht keine Wirtschaft auf Dauer mit. Und Umweltschutz - na, ich kann Ihnen sagen! Dann wärs aus! Und was heißt immer : Kinderfreund! Kinder sind kleine Verbraucher. Muß man doch mal klar sehen. Was wär Kinderporno für n riesiger neuer Arbeits- und Absatzmarkt, wenn die Verbote nicht wärn? Denken Sie mal an die entgehenden Steuern. Und ich sag ihnen ganz offen : warum nicht? Solange die Kleinen ihren Spaß dabei haben. Klar, labern die von Kinderschutz, müssen se ja, aber machen tun sie das Gegenteil. Müssen se ja auch. Oben hängen sie ihre Frömmlersfressen aus dem Bildschirm und labern von Werten, während sie untenrum den Typen vom Fernsehen an den Hosenschlitzen rumfummeln, jetzt bildlich gesprochen. Einerseits müssen sie nach Werten rufen, andererseits müssen se se zerstören. Ja, Sie staunen, aber was is Fernsehen anderes? Wertezerstörung. Also ... Sie wissen doch, was da für Werte vermittelt werden (lacht) ... Denn sehen Sie : Politik, und ich mein : richtige Politik, nicht Verbalpolitik, ist in erster Linie immer Wertevermeidung. Aktive Wertevernichtung, also nicht Geldwerte. Überlegen Sie doch mal, was los wäre, wenn die Werte was ... also wenn’s nach denen ginge - meine Fresse, da könnten ganze Wirtschaftszweige dichtmachen. - - - Und Internet genauso. Wertevernichtung, meine ich. Das Internet ist ja ein Riesenmultiplikator, müssen Sie mal so sehen. Alles wird vervielfältigt. Is natürlich ne Supersache, wenn’s um Werbung geht. Natürlich spricht man immer vom Positiven, mehr Wissen, mehr Bildung, mehr Information, der ganze Quatsch, den sowieso keiner braucht, was wollen Sie denn ständig wissen? Wie gesagt, n Riesenmultiplikator. Aber : alles Kriminelle wird genauso vervielfältigt. Jeder Dreck : mal hunderttausend. Ohne Internet wär Kinderporno doch nicht der Wirtschaftsfaktor, der er ist. Und das wußten natürlich alle vorher. Die ganzen treusorgenden Familienväter haben ihren Servus gern geleistet, ohne mit der Wimper zu zucken. Und die anderen treusorgenden Familienväter holen sich das ins Haus. Dann heißt es : Verantwortungsvoller Umgang (lacht). Aber faß in Hühnerkacke und mach dir die Finger nicht dreckig. Kunststück. Denn eins ist doch klar : die Kinder heute lesen doch keine Märchenbücher mehr, die hängen am Bildschirm. Auch im Internet. Das können die Eltern heut doch gar nicht mehr verhindern. Weil sie selber es ja vormachen. Und nach zwei drei Jahren, ach, was sag ich, das können Sie nach Stunden rechnen, je nachdem, auf welche Seiten die gehen, früher oder später jedenfalls sind die lieben Kids versaut. Klingt jetzt hart, aber man muß auch sagen : jetzt wissen sie, was Sache ist. Und Kinder sind nun mal neugierig. Und die erwachsenen Dreckspatzen, die kriegen sowieso immer raus, wo der Dreck liegt. Immer. Das haben die in der Nase. - - - Ja, der Politiker hat eben immer diese Zweigleisigkeit : das sagen und das Gegenteil davon tun. Ich geb zu, die Politik hats da n bißchen schwerer. Von uns erwartet man so was gar nicht erst. Den Politikern kommt natürlich entgegen, daß die Leute nie sehen, was das, was tatsächlich in die Wege geleitet wird, letztendlich bedeutet ... kapieren sie selber ja auch nicht. Ich sag immer : der Kasper an der Strippe sieht nicht wer die Fäden zieht. Gut, nich? ... sehn Se den da drüben? – Politiker. Kennt man am Grinsen. Gibt ganz den aufgeschlossenen Typ. Mit dem man reden kann ... sehn Sie : hat uns noch nie in seinem Leben gesehn – oder kennen Sie ihn? Auch nicht – aber in unsere Richtung nicken und grinsen, was die Dritten hergeben ... naja ... Für mich wär Politik ja nichts. Ich bin eher der grade Typ. Ohne Wenn und Laber - - -

Wallfahrtssonntag

Im Dorf war es ganz ruhig. Die Hühner glucksten auf den Höfen, und aus den Ställen klirrten Kuhketten.
Ich lief ins Tal hinab, mit den Schuhen in der Hand durch die Wasserwiese, dann den Hügel wieder hinauf, auf dem ganz oben das Rebhäusle stand. Dort stieg ich auf den großen Baum, der den Hügel krönte, bis in die Krone. Ich mußte eine Weile suchen, ehe ich sie gefunden hatte. Da waren sie also erst. Die Prozession bewegte sich, zwar schon in großer Entfernung, aber immer noch in gerader Linie vom Dorf weg. Doch demnächst würde sie nach links schwenken und auf die Zwieradinger Wallfahrtskapelle zuhalten, die, weithin sichtbar, auf einem hohen Hügel stand. Obwohl die Prozession zu weit weg war, glaubte ich, den frommen Gesang zu hören, der sich zuweilen, wenn der Pfarrer dazu aufforderte und die Gesangbuchnummer mit seinem Megaphon durchgegeben hatte, wie das bösartige Gesumm übergroßer Mücken, aus der Prozession erhob. Ich wartete, bis die Prozession nach links schwenkte. Sie würde nun noch eine gute Stunde brauchen, ehe sie bei der Zwieradinger Kapelle angelangt war.
Ich stieg vom Baum herunter. Auf dem Wg zur anderen Hügelseite stopfte ich mir mit vorzeitig abgefallenen Zwetschgen, die im Gras lagen, die Hosentaschen voll - harte, grüne Knollen. Ich ging immer vorsichtiger ... denn auf der anderen Seite lag, in einer kleinen Schlucht, der Schuttplatz. Und auf dem hielt sich manchmal ein Mann auf, der allgemein der „Affenschreiner“ genannt wurde. Dieser Name war so gewöhnlich geworden, daß sich jeder jedesmal, wenn er ihn anredete, erst besinnen mußte, wie er wirklich hieß, Schaffreiner. Er wohnte in einer Art Gartenhäuschen am Dorfrand, war bei der Gemeinde als Schuttplatzwärter angestellt und nahm an den Öffnungszeiten des Schuttplatzes den angefahrenen Müll entgegen.
Der Schaffreiner war faszinierend, hatte aber zugleich etwas an sich, das ich nicht genau zu benennen wußte – unheimlich, abstoßend. Er war der einzige, der mit einer anderen Person Kontakt hatte, der alten Brecheis, einer ständig vor sich hinredenden Frau, die, ähnlich wie er, am Dorfrand wohnte, in einem kleinen Häuschen, vor dem immer ein uralter, großer Hund schlief. Wenn ein Fenster offenstand, hörte man sie lamentieren und herumkommandieren, und manchmal sah man sie hinterm Häuschen des Schaffreiners in einer Blechwanne dessen Kleidung waschen.
Ich schlüpfte vorsichtig in das stachlige Schlehengebüsch, das die Schuttgrabe umgab. Daß der Schaffreiner da war, konnte man schon riechen. Wahrscheinlich verbrannte er wieder etwas vom abgeladenen Müll. Ich spähte hinunter.
Der Affenschreiner saß vor der kleinen Hütte inmitten des Schutts in einem Polstersessel, der einmal der verstorbenen Schwanenwirtin gehört hatte, unter einem Sonnenschirm, hatte eine Zeitschrift aufgeschlagen im Schoß und schlief, den Mund halb geöffnet. Auf dem Benzinfaß, das ihm als Tisch diente, stand eine Flasche Bier. Im Hintergrund schwelte noch ein Haufen, wahrscheinlich von gestern noch.
Den Affenschreiner hatte ich schon oft beobachtet. Wurde Müll angeliefert, dirigierte er die Leute mit ihren Fuhren in die verschiedenen Ecken seines Schuttplatzes, nahm schon das eine oder andere Stück an sich. Manchmal sah man den Affenschreiner, einen Handkarren, der mit der Ausbeute seines Schuttplatzes beladen war, auf der Landstraße ziehen, um bei Alteisenhändlern und Trödlern der Umgebung die Sachen zu verkaufen.
Oft hielt er sich vor oder in der Hütte auf. In der Hütte bewahrte er ein Luftgewehr auf. Aber das wußte ich damals noch nicht ...
Der Affenschreiner konnte keine Kinder leiden und paßte auf, daß wir nichts von seinem Müll entwendeten. Einmal, im nun noch vor mir liegenden Herbst, hatte ich geglaubt, ein großes Segelbootmodell gesehen zu haben und mich zum Schuttplatz hinabgeschlichen. Eben als ich entdeckte, daß es keineswegs ein Segelbootmodell war, sondern ein Vexierbild, das sich beim Näherkommen in eine Hintereinander von Papierfetzen, Schnüren, Stäben und Kunststoffgefäßen auflöste, bemerkte ich, daß sich der Affenschreiner von hinten an mich anschlich und konnte ihm eben noch entkommen, indem ich über den schwelenden Müllhaufen hinwegsprang und den Hang wieder hinaufkletterte. Der Affenschreiner gab dabei keinen Ton von sich, ich hörte ihn nur schnaufen. Als ich oben war und mich umdrehte, kam er eben aus seiner Hütte, blieb stehen und sah mich völlig stumm und reglos an, hob plötzlich die Arme, und ich erkannte gerade noch, daß er sein Luftgewehr hob, duckte mich und rannte davon.
Schließlich blieb ich stehen, tief beunruhigt, und versuchte, Klarheit zu gewinnen. Die Bösartigkeit, die vom wortlos das Gewehr auf mich anlegenden Affenschreiner ausging, ließ mir keine Ruhe und machte mir Herzklopfen. Ich zweifelte nicht daran, daß er abgedrückt hätte. Ein Luftgewehrschuß, das war, zudem auf diese Entfernung, nichts Besonderes, wenn er nicht gerade ins Gesicht ging, tat kaum mehr weh, als ein Hieb mit einer dünnen Rute – aber daß der Affenschreiner mit Absicht auf mich gezielt hatte, das war etwas Ungeheuerliches. Schließlich war ich umgekehrt. Bei der Obstwiese war ich stehengeblieben. Die Zwetschgen waren mittlerweile reif, und auf den heruntergefallenen tummelten sich Wespen mit einem Geknusper und Gesumm, das böse wirkte und mich an den Affenschreiner erinnerte. Ich hatte gehört, daß sich Wespen an reifen Früchten einen Rausch ansoffen. Betrunkene Wespen, das war unheimlich.
Vor einiger Zeit hatte ich mir das Schleuderschießen beigebracht. Ich hatte festgestellt, daß ich aus einer Entfernung von fünf Schritten jedesmal traf, aus einer Entfernung von zehn Schritten nicht mehr immer und aus einer Entfernung von fünfzehn Schritten nur noch manchmal. Daraufhin hatte ich einen Plan entwickelt und, angefangen bei fünf Schritten, den Abstand jeden Tag um einen Schritt vergrößert. Nach einem Monat traf ich sicher auf fünfzig Schritt Entfernung. Die Munition war wichtig. Sie mußte ganz rund sein. Gewöhnliche Steine taugten nicht dazu, sie waren nie ganz rund und bogen irgendwann von der geraden Flugbahn ab. Meine wertvollste Munition waren Kugellagerkugeln, die ich dem Schmied abschwatzte, der regelmäßig ins Dorf kam und Landmaschinen reparierte. Geeignet waren auch kleine Murmeln, aber die waren zu teuer.
Ich schlich mich an den Schuttplatz und spähte vorsichtig über den Rand. Er war noch da und warf Metallteile aufeinander. Ich spannte meine Schleuder und rief hinab: „He! Affenschreiner!“ Er fuhr herum, sah mich nicht, entdeckte mich aber, nachdem er ein Schnappgeräusch hörte, sah einen Jungen, der oben am Hang kniete, die Arme noch gehoben, wollte eben zurückzucken, als ihm die wurmige Zwetschge mitten im Gesicht zerspritzte. Diesmal war er zu hören, er brüllte, schnauzte, schimpfte. Ich kniete, weil ich etwa ein Dutzend der Früchte auf dem Boden liegen hatte und schoß weiter, Zwetschge um Zwetschge zerspritzte an ihm, wo immer ich ihn erwischte, bis mich - „Au!“ - eine der Wespen gestochen hatte, die noch immer auf den klebrigen Früchten krochen. Ich rannte nicht davon, sondern um den Müllplatz herum und versteckte mich auf der gegenüberliegenden Seite. Der Affenschreiner, wieder mit seinem Luftgewehr, kletterte gerade dort hinauf, wo ich gestanden hatte. Oben angekommen, sah er sich um, das Luftgewehr gehoben, bereit anzulegen, den Finger am Abzug. So, auf der anderen Seite der Schlucht, war er zu weit weg, als daß ich mir noch einen Treffer zutraute. Ich lutschte an meinem gestochenen Finger und sah zu, wie der Affenschreiner plötzlich aufschrie und um sich schlug. Vermutlich hatten ihn die Wespen entdeckt. Er sprang den Hang wieder hinab, stellte sich unten in den Rauch eines schwelenden Schutthaufens. Dort blieb er stehen, legte schließlich das Gewehr an und schoß auf seine Schubkarre, die einen scharfen Blechton von sich gab. Er lud nach, immer noch im Rauch stehend, schoß, wieder der blecherne Klang, wieder lud er nach, schoß, immer wieder. Er war wieder nah genug. Mit dem nur aus den Augen gewischten Zwetschgenmatsch sah er aus wie ein Indianer auf Kriegspfad.
Ich wunderte mich, daß ich, obwohl er mit seinem Gewehr nach mir geschossen hätte, es nicht fertigbrachte, mit einer Kugel nach ihm zu schießen. Ich hatte noch eine Zwetschge mitgenommen, und der Moment, als er wieder das geladene Gewehr hob und anlegte, reichte, um ihn zur perfekten Zielscheibe zu machen. Ich stand schräg zu ihm, wartete ab, bis auch er schoß und ich, kurz nach dem scharfen Blechton der Schubkarre die letzte Zwetschge an seinem Kopf zerspritzen sah, rannte davon, so schnell ich konnte und kletterte auf den Heuboden eines Bauernhofes - - - Doch das lag heute, am Wallfahrtstag, noch vor mir. Ich schoß ein paar der grünen Zwetschgen hinab, auf ein großes Blechstück, in einen Haufen Dosen ... es schepperte zwar, aber der Affenschreiner sah nur kurz von seiner Zeitschrift auf. Erst im kommenden Herbst würde ich mit überreifen Zwetschgen auf den Affenschreiner selbst schießen.
Damals war ich im Heuboden tief ins Heu gekrochen und hatte versucht, mir klarzuwerden, was der Vorfall zu bedeuten hätte. Die Sache bedrückte mich. Einige Zeit später sah ich den Affenschreiner, als ich mit anderen Kindern aus der Schule kam und die Dorfstraße hinabging. Erst wollte ich fortlaufen, doch mir fiel noch rechtzeitig ein, daß es kein besseres Mittel gegeben hätte, mich ihm zu erkennen zu geben. So ging ich weiter und behielt den Affenschreiner dabei im Auge. Er hatte aus dem Dorfladen eine Büchse Wurst und ein Brot gekauft, blieb stehen und starrte uns an, während wir an ihm vorbeigingen. Als sein Blick auf mich fiel, machte ich mich bereit, davonzurennen, aber er sah zum nächsten Jungen. Schwatzend gingen wir an ihm vorbei – der Affenschreiner gehörte zu denen, die wir Kinder nicht grüßten. Danach fühlte ich mich wieder sicher, war aber weiterhin auf der Hut.
Das, nämlich vor dem Affenschreiner auf der Hut zu sein, war schließlich nicht mehr nötig gewesen. Die alte Brecheis hatte ihn eines Morgens in seinem Häuschen erhängt vorgefunden. Er hatte noch gelebt, ein Krankenwagen war aufgetaucht, hatte ihn mitgenommen, und er war nie mehr zurückgekommen. Ich war zum Schuttplatzhäuschen gegangen und hatte mit einer Eisenstange die Türe aufgestemmt. Drinnen lagen auf einem Tisch die Zeitschriften, lauter Frauen in Unterwäsche. Das Luftgewehr lehnte in der Ecke, ich nahm es und warf es von der Brücke in den kleinen Fluß. Dort liegt es wohl noch heute. Niemand sprach mehr vom Affenschreiner, es war, als sei er nie im Dorf gewesen.
Jahre später begegnete ich ihm wieder. Ich lag abends in einem Strandbad, im Licht der untergehenden Sonne, bäuchlings auf einer Decke, und der Bademeister ging herum, plauderte mit den wenigen Gästen und teilte ihnen mit, daß er demnächst schließen werde. Als ich meine Sachen zusammengepackt hatte, bemerkte ich einen Mann, der mit einer Sense das Gras der Liegefläche mähte. Der Mann mähte mit sonderbar automatenhaften Sensenschwüngen Gras und machte dazu ein höhnisches Gesicht. Ich war stehengeblieben, um ihn anzureden, aber er sah nicht auf, auch nicht, als ich an ihm vorbeiging.
Vom Schutthaufen des Affenschreiner ging ich ins Dorf zurück. Neben der Brücke stieg ich zum Flüßchen hinunter und ging am Ufer entlang bis zu einer Stelle, wo das Wasser kaum wadentief war. Die unreifen Zwetschgen gingen unter und kullerten über den Grund. Dieser bestand hier aus Kieselsteinen, und mit einiger Geduld fand ich nahezu kugelförmige, mit denen ich meinen Vorrat an Kugellagerkugeln schonen konnte. Ich suchte, bis ich achtzehn runde Kiesel beieinander hatte und verteilte sie auf meine Hosentaschen.
Hinter dem ersten Haus klang ein helles „Pink-Pink-Pink“ hervor – das war der Steinmetz Mosch, der die Abwesenheit der meisten Dorfbewohner ausnützte und am Sonntag – was als pietätlos galt und, falls es ihm zu Ohren kam, vom Pfarrer in der Predigt mit Nennung des Namens, erwähnt wurde – ein wenig zu steinmetzeln.
„Guten Tag, Herr Mosch“, sagte ich artig. „Sie arbeiten ja. Haben Sie vergessen, daß heut Sonntag ist?“
„Du!“ rief er. „Ich geb Dir gleich! Wenn die Racker am Sonntag sterben, dann kann ich wohl auch am Sonntag ihre Grabsteine metzeln. Aber wenn Du jemand davon erzählst, dann kannst Du was erleben!“ Der Mosch war ein Schwätzer.
Der Mosch ließ wann immer es ging durchblicken, daß er was Besseres war als das andere Dorfgesindel. Er metzte nicht nur Steine, sondern auch Verse, die zuweilen im Heimatteil der Zeitung erschienen. Einmal, als ich wußte, daß die gesamte Familie Mosch zu Besuch bei der Oma war, hatte ich das Grabsteinlager des Mosch inspiziert, dabei nicht nur den nahezu fertigen der todkranken Schwanenwirtin entdeckt, sondern auch seinen eigenen, an dem er schon das Geburtsdatum eingemeißelt hatte. Über seinem Namen stand der rätselhafte Spruch: „Hier ruht der Homer dieses Ländleins“. Als eines Tages mein Blick auf das kaum benutzte Schullexikon fiel, schlug ich nach und fand „Homer“, mit einer Abbildung „des größten Dichters der Antike“, und begriff, wofür sich unser dörflicher Versmetz hielt. Der Mosch war ein Depp.
Sein Sohn, der Amadeus, tat mir leid, weil niemand ihn leiden mochte, ich selbst auch nicht. Amadeus roch nach gebratenen Eiern, hatte durchsichtige Schuheinlagen gegen Plattfüße und öffnete jeden Tag, wenn die Kirchenglocke elf Uhr schlug, seinen Federkasten und entnahm ihm eine weiße Pille – wofür oder wogegen sie war, blieb ein Geheimnis. Besonders leid tat er mir aber, wenn er seines Vaters Gedichte öffentlich zum Vortrag bringen mußte, und sich, zum Beispiel an Faßnacht, erst Gehör verschaffen mußte und dann, roten Gesichts und stockender Stimme, ein Gedicht von einem Zettel ablas. Als ländlicher Homer legte der Mosch Wert darauf, daß sein Sohn eine musische Bildung erhielt. Diese bekam ansonsten nur noch der Sohn des Försters, der vom Pfarrer das Orgelspiel lernte. Amadeus hingegen ging zum Fräulein Lehrerin in den kombinierten Blockflöten- und Melodikaunterricht. Am Schuljahrsende, zur Zeugnisausgabe, wenn Gedichte aufgesagt und Lieder gesungen wurden, da tapste dann der dicke, nach Brateiern riechende Amadeus mit seinen Engerlingsfingern auf dem gelöcherten Holzrohr der Blockflöte herum und erzeugte sogenannte Weisen. Er hatte dicke Backen, und wenn er die Blockflöte blies, sah es aus, als sei dies mit enormem bläserischem Aufwand verbunden, und als bräuchte er dafür mehr Luft als der Feuerwehrkapellentrompeter Gschwendtner für sein Fanfarengeschmetter. Und der Gschwendtner blies dabei die Backen schon auf wie ein Teichfrosch. Wenn Amadeus Blockflöte spielte, begleitete ihn das Fräulein Lehrerin auf der Melodika, und wenn er Melodika spielte, auf der Blockflöte. Das festigte in mir den Vorsatz, nie selbst etwas mit Musikausübung zu tun haben zu wollen.
Amadeus war, mit Blockflöte, Melodika und Elf-Uhr-Pille, bei der Wallfahrt dabei. Wahrscheinlich würden er und das gleichfalls mitwallfahrende Fräulein Lehrerin mit ihren Instrumenten den Wallfahrern in der Kirche glaubensstärkende Weisen aufspielen. Und wahrscheinlich mußte Amadeus dann noch ein Gedicht seines Vaters vortragen. Er tat mir leid. Obwohl ich ihn nicht leiden konnte. (Das – nämlich daß er mir leid tat, obwohl und weil ich ihn nicht leiden konnte – war eigentlich verwirrend und unlogisch. Erst viel später würde ich den Namen für Derartiges kennenlernen: Psychologie.)
Ich schlüpfte in das Eibengebüsch am Haus des Briefträgers. Das war ein ideales Versteck, um Beobachtungen anzustellen. Man brauchte nur die breiten Zweige etwas herunterzudrücken, um sich den gewünschten Ausblick zu verschaffen.
Der Mosch pinkte noch ein wenig an einem Stein, und das begann eben langweilig zu werden, als er sich umsah .... an der Hose nestelte ... aha, so machte er das: pinkelte einfach gegen einen Grabstein. Ich legte einen walnußgroßen Stein in die Schleuder, drückte mit dem Ellbogen einen Zweig soweit herunter wie nötig und schoß, der leichteren Treffbarkeit wegen, gegen seine Wellblechgarage. Das prächtige Dröhnen ließ den immer noch wässernden Mosch hektisch um sich sehen. Ein zweites Dröhnen erhöhte die Frequenz seines Kopfwendens. Nachdem er ausgeschüttelt und verstaut hatte was es auszuschütteln und zu verstauen gab, rannte er, eine erhobene Faust schüttelnd, über seinen Hof.
„Wart, Dir geb ich ...“
Aha! Dort vermutete er mich: in der Scheune des benachbarten Bauernhofes.
„Komm augenblicks runter, damit ich dir eine langen kann!“ rief er die Bretterwand hinauf. Der Mosch war ein Dummkopf. Ich plazierte einen dritten Stein auf seine Garage. Das Dröhnen war herrlich. Der Mosch fuchtelte, schrie, „Na wirds bald!“
Der Bauernhof hatte an seinem Dunghaufen einen Mistkran, dessen Blechgehäuse beim Auftreffen eines Steins einen gongähnlichen Klang von sich gab, der, von der anderen Seite der Scheune herkommend, den Mosch sichtlich irritierte. Er sah sich um.
„Glaub bloß nicht, daß du mich zum Narren halten kannst. Ich weiß, wo du steckst!“ redete er schließlich einen kleinen Holzverschlag an. Der Mosch war ein Simpel. Ich unterdrückte ein „Wo denn?“
Drohend riß er die Tür des Verschlags auf. Ein weiterer Stein (Wellblechgarage) ließ ihn wieder aus dem Hüttchen herausschwenken, wie den Schornsteinfeger aus dem Wetterhäuschen. Mit vier oder fünf weiteren Steinen, die abwechselnd seine Wellblechgarage zum Dröhnen und den Mistkran zum Gongen brachten, steigerte ich den Mosch in eine rasereiähnliche Stimmung hinein.
Schließlich, angelockt durch seinen festlich läutenden Mistkran, erschien der Kopf des Altbauern in einem Fenster des Bauernhofes.
„Mosch! Was treibst?“ rief er unwirsch. „Wir haben fei Sonntag!“
Der Mosch lief um die Scheune zum Hof, wo er meinen Blicken entschwand und dem Altbauern etwas erklärte. Dessen Gesicht war zu entnehmen, daß er skeptisch blieb. Ein Stein auf die Wellblechgarage zauberte den Mosch wieder in mein Blickfeld. Mit verzerrtem Gesicht sah er sich um, wobei er sich langsam im Kreis drehte. Wieder ein Stein auf den Mistkran, der Altbauer erschien, verärgert, und rief:
„Mosch! I sags dir: laß die Fürz!“
Als ich eben die Schleuder wieder gespannt hatte, erstarrte ich. Im ersten Stock des Mosch-Hauses stand die Frau des Mosch im offenen Fenster und rauchte eine Zigarette, führte die Hand zum Mund, bekam hohle Wangen, blies den Rauch aus, wobei sie jedesmal die Backen blähte, führte wieder die Hand zum Mund, gleichmäßig wie ein Uhrwerk ... ja, auch deswegen tat mir der Amadeus auch leid, weil er eine verrückte Mutter hatte.
Und während sie auf ihre aufziehpuppenhafte Weise rauchte, sah sie starr zu mir herüber. Ich zweifelte nicht, daß sie mich entdeckt hatte, und überlegte, wie sie sich wohl verhalten würde, als sie plötzlich in meine Richtung zeigte und ein gellendes „Da!“ hören ließ, immer wieder: „Da!“.
Der Mosch sah zu ihr und rief: „Elfriede, geh in Dein Zimmer.“
Ja, der Amadeus tat mir leid, seine Mutter tat mir leid und sogar der Mosch tat mir ein wenig leid. Doch gleich drauf hörte das Mir-leid-Tun wieder auf, als er zu seiner Frau, die keine Anstalten machte, auf ihr Zimmer zu gehen und statt dessen immer hektischer „Da! Da!“ rufend auf die Eiben des Briefträgers zeigte, hinaufschrie: „Mach jetzt bloß, daß du reinkommst, du dumme Sau!“
Die Frau verschwand, und der Mosch drehte sich um und kam über die Straße an den Gartenzaun des Birner und hatte eben angefangen, von dort, sich bückend, zwischen die Eibenzweige hindurch zu blicken zu versuchen, als aus dem Fenster seines Hauses Bücher herausgeflogen kamen, Kleidungsstücke, gefolgt von lautem jammerndem Greinen.
„Elfriede, hör auf mit dem Gejammer und mach das Fenster zu“, schrie der Mosch, und als er mir dabei den Rücken zuwandte, schlüpfte ich aus dem Eibengebüsch hinter das Briefträgerhaus und klopfte dort an das Küchenfenster. Der Briefträger Birner öffnete, kauend.
„Herr Birner, ich wollt nur kurz Bescheid sagen, aber ich glaub es ist jemand in ihrem Garten.“
Das war geschickt, denn daß die Dorfbevölkerung kein anderes Sinnen und Trachten kannte, als aus seinem Hausgarten Gemüse zu entwenden, war die fixe Idee des Briefträgers Birner. Und das war auch insofern geschickt, als der Birner und der Mosch sich nicht leiden konnten. Der Mosch verübelte dem Birner, daß der gelegentlich die Briefe schon geöffnet zustellte. Und der Birner verübelte es dem Mosch, daß der ihm das verübelte.
Das Küchenfenster wurde denn auch sofort zugeschlagen, aus dem Hausinnern klangen die pantoffelpatschenden Schritte des Birner und gleich darauf wurde es auf der anderen Seite laut. Als ich vorsichtig um die Hausecke spähte, sah ich den fuchtelnden Birner, den ihm einen Vogel zeigenden Mosch, den „selber Vogel“ rufenden Birner, die wieder am Fenster stehende Frau Mosch, den Altbauern, der sich zur größeren Behaglichkeit beim Beobachten der Szenerie ein Kissen für die Arme auf die Fensterbank gelegt hatte. Im Fenster des Mosch-Hauses stand wieder die Frau des Moschs, paffend wie eine Aufziehfigur, abwechselnd hohlwangig und blähbackig und sah dem Geschehen ebenfalls zu. Der Altbauer hielt bald eine Hand zur Schallverstärkung hinters Ohr, um die gegenseitigen Schmähungen besser würdigen zu können. Der Birner nannte den Mosch einen Steinklopfer, der, kaum daß der Pfarrer wegen der Wallfahrt aus dem Dorf sei, an seinen Grabsteinen herumklöpfele, er habe es sich gleich gedacht, daß er was gehört habe – er solle einmal in sich selbst hineinhorchen, dann werde er sehen, daß das Klopfen, was er draußen zu hören meine, aus seinem eigenen maroden Inneren stamme – er sei doch selber nicht ganz dicht, erst recht bei dieser Frau (die, angesichts des auf sie gerichteten Zeigefingers, die Backen nun so stark aufblähte, daß sie kleinere Augen kriegte) – was er denn für den Wahnsinn seiner Frau könne? – er nichts für ihren, aber sie für seinen, da Wahnsinn bekanntlich ansteckend sei, er brauche nur seine Alte anschaun, dann sehe er, wohin’s mit ihm in spätestens zwei drei Jahren komme, und wenn er, der Briefträger, sich vorstelle, dereinst einmal einen wahnsinnigen, mit Hammer und Meißel hantierenden Steinmetz direkt über die Straße zum Nachbarn zu haben, da trete ihm jetzt schon der Angstschweiß ... ich verdrückte mich.
An einem der Höfe war ein kleiner Anbau, das Austragshäusel für die alten Bauern. Aber hier hausten nicht die altgewordenen Hofbauern.
Ich stieg auf die Obstkiste, die unter dem offenen Fenster stand und sah hinein. Drinnen klang leise Musik aus einem Radio auf einem Nachttisch, und in einem Bett, lag der Hopfenwieder und schlief, den Kopf schräg gehalten, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet – es sah aus, als besinne er sich auf eine Melodie. Vor sich, auf der Decke, lag seine kleine, sechseckige Ziehharmonika.
Das Bett hatte anstelle der Füße vier Räder, am Kopfende zwei große und am Fußende zwei kleinere. Der Hopfenwieder war krank, dauerkrank, lag den ganzen Tag in diesem Bett, weil er sich bauchabwärts nicht bewegen konnte. Seine Schwester versorgte ihn und wenn sie ihn bei schönem Wetter auf den Hof schob, hatte ich ihr schon oft geholfen, das Rollbett über die Türschwelle zu stemmen.
Schließlich schnaufte der Hopfenwieder und öffnete die Augen.
„Ah, du bists, Bub“, sagte er und sah mich an und schaltete das Radio aus.
„Warum bist Du nicht bei der Walfahrt nach Zwieradingen?“ fragte er nach einer Weile.
Der Hopfenwieder ließ zwischen allen seinen Sätzen immer ein Weilchen verstreichen. Vielleicht, weil er überhaupt viel Zeit hatte. Um es ihm gleich zu tun, wartete ich ebenfalls immer ein wenig, zählte manchmal, wenn ich in Plapperlaune war, zur Sicherheit langsam bis acht, ehe ich antwortete. Schließlich sagte ich:
„Nicht fromm genug.“
Der Hopfenwieder lachte. Dann meinte er:
„Wenns danach ginge, dann müßt die Monstranz allein nach Zwieradingen hupfen.“
Die Vorstellung brachte wiederum mich zum Lachen.
„Ja, ja“, sagte der Hopfenwieder schließlich. Dieses „Ja, ja“ und seine Pausen zwischen seinen Sätzen, das waren seine Sprecheigenarten.
Der Hopfenwieder hörte oft die Radionachrichten und war der Mann im Dorf, der am besten Bescheid wußte. Er hatte es gern, wenn man ihn nach den Neuigkeiten fragte.
„Was gibts Neues in Amerika, Herr Hopfenwieder?“
Der Hopfenwieder winkte ab und machte ein geringschätziges Gesicht. Er hielt nicht viel von den Amerikanern.
Aber die Radioberichte von dort waren doch am interessantesten. In Amerika hatten sie zum Beispiel ihren König ... - „Bub: man sagt nicht König bei den Amerikanern. Präsident heißt er, der Amerikanerkönig, Präsident.“ - in Amerika hatten sie also ihren Prädi... - „Präsident“ - Präsident ermordet. Aber damit nicht genug: Dann war der Mörder ermordet worden. Und dann war der Mördermörder ermordet worden.
„Ja, ja, die Amerikaner ... die kommen halt über ihren Wildwest nicht hinweg ... ja, ja ...“ Der Hopfenwieder schüttelte den Kopf.
„Und wer ist das, dieser Wildwest?“ hate ich einmal gefragt und erfahren, daß die Amerikaner eine extra Gegend hatten, eigens um aufeinander zu schießen.
„Aber dieser Prä... – sident – ist aber schon so was wie ein König, oder?“
„Na ja ... so ganz ungefähr kommts hin ... stell dir halt unsern Bürgermeister vor. Nur für ein ganzes Land.“
„Kann unser Bürgermeister auch Mörder ermorden?“
„Nein, nein. Das Mörderermorden ist bei uns längst abgeschafft. Bei uns kommen sie ins Gefängnis. - - - Ja, ja, die Amerikaner ... die kommen halt über ihren Wildwest nicht weg. Was ihnen nicht ins Sach paßt, wird ermordet.“
„Und bei den Schinesern?“ lenkte ich ab. „Was gibts da Neues?“
„Die lassen nix raus. Da erfährt man kaum was. Wahrscheinlich ganztags am Reisessen. Sind ja lauter so kleine Körner. Bis so ein Teller aufgepickt ist haben sie schon wieder Hunger.“
„Und sonst? Die Russen?“
Er überlegte.
„Heut haben sie noch nichts gebracht.“
Er schaltete das Radio wieder an, drehte ...
„Du Bub!“ sagte er plötzlich. „Sei so gut und verstell mir die Antenne.“
Ich ging zur Antenne, die außen an der Hauswand angebracht war. Da ich sie schon öfter verstellt hatte, wußte ich, wie man das machte. Aus dem Zimmer des Hopfenwiders rief es dazu: „Noch ein bissele ... das war zviel .... stop ... jetzt rauschts bloß noch ... ja, besser ... halt ... zurück ... ein ganz kleinen Tupfer in die andre Richtung ... jetzt! ... Jetzt ist es gut!“
Wir horchten ein Weilchen der Musik.
„Herr Hopfenwieder, soll ich Sie ein wenig im Dorf herumschieben?“
„Würdest Du das tun?“
„Freilich.“
Ich rangierte das Bett aus dem Zimmer und stemmte es vorsichtig durch die Tür. Das Zimmer lag zwar ebenerdig, aber eine Stufe gab es doch.
Das Rollbett hatte der Landmaschinenmechaniker gebaut, von dem ich meine Kugellagerkugeln bezog. Die hinteren Räder stammten von einem Fahrrad, die vorderen waren kleiner, stammten von einem Kinderroller und ließen sich in alle Richtungen drehen. Eine schöne Idee des Mechanikers aber war gewesen, hinten ein Rohr anzuschweißen. Darin konnte man nämlich bei Ausfahrten eine Stange stecken, an der ein gelbgrüner Wimpel flatterte. Als das Bett aus dem Haus war, ging ich denn auch erst zum Schuppen und holte die Wimpelstange von dort.
Auf der Straße, dorfauswärts in Höhe des Mosch-Hauses kam mir eine Idee. Ich bückte mich und legte, hinter dem Kopfteil des Bettes, einen Stein in die Schleuder.
„Bub, was ist?“
„Der Schuhbändel ist aufgegangen.“
Ich hustete, um das Losschnappen der Schleuder zu übertönen. Die Wellblechgarage dröhnte, der Mosch schwenkte hinter dem Haus hervor, wieder wie das Männchen vom Wetterhaus, Hammer und Meißel in der Hand, den Mund zum Schreien geöffnet. Der Hopfenwieder hob die Hand zum Gruß.
Dem Mosch wurde bewußt, daß er Hammer und Meißel in der Hand hielt. „Mir ist gerade eingefallen, daß ich gestern Abend das Werkzeug draußen hab liegen lassen“, sagte er. Der Mosch war ein Blödian.
„Wohin sollen wir denn jetzt fahren, Herr Hopfenwieder?“
Er überlegte.
„Ein bissel über die Felder wär schön“, sagte er zaghaft. Ich wußte, daß er sich gern durch die Felder schieben ließ, aber ein schlechtes Gewissen hatte, weil sein Bett auf den ungeteerten Wegen schwer zu schieben war.
„Machen wir.“
Wir bogen in einen Feldweg ein. Hier bot sich nun von der anderen Seite ein Blick in den Hof des Mosch. Ich bückte mich – „Schon wieder der Schuhbändel!“ – , schoß, richtete mich blitzschnell wieder auf, wobei ich die Schleuder unter das Kopfkissen des Hopfenwieders steckte. Das Husten, mit dem ich die Schleuder übertönt hatte, ließ den Mosch aufsehen, er erblickte uns: mich, beide Hände am Rollbett des Hopfenwieders, den Hopfenwieder, ihm zuwinkend, als die Garage hinter ihm erdröhnte – mit Absicht hätte ich es nicht so perfekt hingekriegt.
Der Mosch Als er sich wieder wegdrehte, spannte ich wieder die Schleuder.
„Bub, du hast heut ein Gehuste“, meinte der Hopfenwieder.
„Ja. Hab was in den Hals gebracht.“ Die Garage dröhnte.
„Räuspern. Nicht husten“, schlug er vor.
„Was bloß mit dem Mosch seiner Garage ist“, sagte der Hopfenwieder nach einer Weile. „Die scheppert heut arg.“
„Wellblechzeugs“, meinte ich geringschätzig und schob meine Schleuder unter sein Kopfkissen.
„Geht’s?“ fragte er nach einer Weile. Er meinte das Schieben.
„Ganz leicht“, sagte ich, obwohl ich sehr stemmen mußte.
Während einer kleinen Pause bemerkte ich, daß er sehnsüchtig zu einem nahegelegenen Hügel sah, auf dem neben einem Andachtskreuz eine Bank stand.
„Ja, das Luitgard-Kreuzle“, sagte ich unwillkürlich.
Er seufzte.
„Da fahren wir jetzt hin.“
„Bub! Wie willst du denn das Bett den Berg hinaufbringen?“
„Das schaff ich“, sagte ich unbekümmert und schob wieder an.
Aber ich schaffte es nicht. Der Weg zum Luitgard-Kreuzle war steil, und ich hatte den Hopfenwieder in seinem Rollbett erst ein kleines Stück hinaufgeschoben, als ich das Gefährt kaum noch weiter voranbrachte.
„Bub, ist es doch zu schwer?“
„Nein, Herr Hopfenwieder, ich verschnauf nur ein bißchen.“
Das Bett hatte keine Bremsen. Mit dem Fuß angelte ich mühsam einen großen Stein heran und schob ihn hinter eines der Räder. Immerhin brauchte ich mich jetzt nicht mehr mit voller Kraft gegen das Bett stemmen. Ich sah mich um – das Fazit war niederschmetternd. Ich hatte kaum zehn Meter des steilen Wegs geschafft. Das Luitgard-Kreuzle zeichnete sich hoch über uns vor dem Himmel ab, und ich wußte, daß ich das Rollbett niemals aus eigener Kraft dort hinauf bringen würde. Und mir war zudem klar geworden, daß ich das Bett auch nicht mehr hinab bringen konnte. Kaum ließ ich etwas nach mit Dagegenstemmen, schien sich der Druck des Bettes gegen mich zu vervielfachen. Ich drohte, von ihm niedergeworfen und überrollt zu werden, ehe es mitsamt dem Hopfenwieder immer schneller den Weg hinabrasen würde ... ich war den Tränen nahe, als ich eine Stimme hörte. Der Bauer Träubling, ein Okuliermesser in der Hand, kam auf uns zu und fragte, ob er was helfen könnte.
„Ja. Schieben“, sagte ich gepreßt.
Mit seiner Hilfe kamen wir zum Luitgard-Kreuzle hinauf. Dort wechselten er und der Hopfenwieder noch ein paar Worte, dann ging er wieder den Hang hinab, quer über die Wiese, um weiter zu okulieren.
„Wars doch zu schwer, hm?“, sagte der Hopfenwieder nach einer Weile.
Ich nickte.
„Aber jetzt sind wir oben“, meinte er und fügte, nach der üblichen Pause, an: „Und grad schön ist es, gelt?“
Ja, es war schön. Die Sonne schien, und obwohl sich kaum ein Lüftchen regte, glitten zahlreiche einzelne Wolken rasch über den Himmel und von hier oben sah man ihre Schatten wie ein geflecktes Tierfell über das Land rutschen.
„Schad, daß wir die Ziehharmonika nicht mithaben“, sagte er.
Als es nach einiger Zeit etwas kühler wurde und der Wimpel zu flattern begann, sagte er: „Der Träubling ist fort.“ Ich verstand erst mit Verzögerung, was er meinte – es stellte sich die Frage, wie wir wieder von hier fortkämen.
Das Luitgard-Kreuzle stand am Ende eines Hügelrückens, und so würde es das Beste sein, auf diesem das Bett zurück zu rollen, dann die Straße hinüber zum kleinen Weiler Bärensegel und von dort auf das Dorf zu. Das war ein Dreiviertelkreis um das Dorf herum, aber alle kürzeren Wege wären zu steil.
Der Hopfenwieder entschuldigte sich.
„Bub, daran hätt ich denken müssen. Jetzt hast mich den ganzen Tag am Hals.“
„Macht nix, Herr Hopfenwieder, ein schöner Ausflug ists trotzdem, oder?“
Auf der asphaltierten Straße war das Bett leichter zu schieben als auf den Feldwegen.
„Es geht ganz gut vorwärts, gelt, Herr Hopfenwieder?“
Er antwortete nicht. Als ich zur Seite trat, sah ich, daß er eingeschlafen war.
„Herr Hopfenwieder ...?“
Aber er wachte nicht auf, murmelte nur etwas wie „wei ... wei ... wei ...“ - auch gut. Kinder schob man auch im Wagen, weil sie davon müde wurden.
Angesichts seines Schlafes gestattete ich mir etwas, das mir sonst nicht erlaubt war, nämlich dem Rollbett Schwung zu geben und mich dann hinten auf die Querstange zu stellen. Bald hatte ich gut heraus, wie man dabei das Lenken anstellte – mit der Schuhsohle vorsichtig eins der Hinterräder abbremsen – und so ging es flott voran. Bald kam der Weiler Bärensegel in Sichtweite, eigentlich kein Ort, sondern nur ein Bauernhof, der aus mehreren Gebäuden bestand. Da Bärensegel in einer leichten Senke lag, rechnete ich mir aus, daß etwas mehr Schwung ausreichen sollte, um uns die Steigung auf der anderen Seite wieder hinaufzutragen. Es war nur eine leichte Senke, aber der Schwung war schließlich doch größer, als ich erwartet hatte, zudem durch nichts mehr zu bremsen, und so durchfuhr ich, den mittlerweile gemütlich schnarchenden Hopfenwieder vor mir, den knatternden Wimpel über mir, Bärensegel mit Karacho.
Der Hopfenwieder kriegte nichts davon mit, er wachte erst auf, als das Bett über ein unebenes Straßenstück rollte und er geschüttelt wurde.
„Bub, wo sind wir denn? Ist noch weit bis Bärensegel?“
Ich sprang von der Querstange und schob wieder normal.
„An Bärensegel sind wir vorbei“, sagte ich stolz und zeigte an seinem Kopf nach vorn, wo schon die ersten Häuser unseres Dorfes zu sehen waren..
Im Dorf kamen uns die zurückkehrenden Wallfahrer entgegen. sie sahen alle müde aus, der Pfarrer sogar mißmutig (er hatte, wie ich später erfuhr, beim Betreten der Zwieradinger Kapelle übersehen, daß noch eine weitere Treppenstufe kam und war mitsamt der von ihm getragenen Monstranz erst ins Straucheln, dann ins Vorwärtslaufen geraten und dann, schon in der Kirche, über einen knienden Gläubigen gestolpert und schließlich, unter aufhorchenmachendem Monstranzengeschepper, zu Boden gegangen. Die Monstranz war hin und mußte repariert werden und es war zweifelhaft, ob die Wallfahrt als Erfolg gewertet werden durfte).
Die Schwester des Hopfenwieders half das Rollbett wieder ins Zimmer zu bugsieren und holte dann die Bettpfanne, weil der Hopfenwieder mal mußte.
Als ich wieder auf der Obstkiste stehend ins Zimmer schauen durfte, brachte sie jedem von uns ein großes Speckbrot. Das schmeckte. Der Hopfenwieder ließ Radiomusik dazu laufen.
Als ich fertig gegessen hatte, sagte ich: „Ich geh jetzt.“
„Danke, Bub“, sagte er.
„Herr Hopfenwieder“, begann ich: „Könnten Sie mir nicht den ‚Schlittschuhläufer’ vorspielen?“ Das war mein Lieblingsstück. Der Hopfenwieder schüttelte den Kopf.
„Der ‚Schlittschuhläufer’ ist ein Winterlied. Jetzt aber haben wir fast Sommer.“
Ich seufzte, die Antwort hatte ich vorausgesehen. In solchen Dingen war der Hopfenwieder akkurat. Er spielte auch nie eines der schönen Beerdigungslieder. Es sei denn, man schob ihn in seinem Rollbett auf den Kirchhof, wenn dort ausgesegnet wurde.
„Und ‚Nehmt Abschied, Brüder’?“
„Das geht.“
„Aber erst, wenn ich schon ein Stück fort bin“, bat ich.
„Ruf halt, wenn’s soweit ist.“
Ich verabschiedete mich und ging ein paar Schritte und rief dann: „Ab jetzt!“
Und während ich mich von dem kleinen Häuschen entfernte, klang die schöne Melodie hinter mir drein, wurde immer leiser und ferner
... und immer noch die leise Melodie im Ohr war ich plötzlich stehengeblieben: mein Blick war auf den Hügel mit der Schuttgrube gefallen. Dort, vor dem hellen Abendhimmel, stieg Rauch auf ... und ich ging noch einmal über die Felder zu dem Hügel hinüber.
Ich war später ausgeschimpft worden, weil ich so spät heimkehrte, aber von dem Bild des Affenschreiner, der mit der langen Stange am Feuer zugange war, hatte ich mich nicht losreißen können ... wie er, immer mehr zum Schattenriß werdend, vor dem Feuer hin und her ging, ab und zu etwas hineinwarf und mit der Stange darin herumstocherte; das Feuer, in dem zwischen anderem brennbarem Gerümpel die drei kaputten Stühle loderten, die eine zeitlang auf dem Hof des Wirtshauses gestanden hatten; die Funken, die hoch aufstoben, als er einen Schrank in das Feuer kippte, und das Prasseln und Flackern, als dieser plötzlich Feuer fing, die Müllgrube taghell erleuchtete und der Affenschreiner ein paar Schritte zurückwich; auf dem Weg vom Dorf hierher war ich an der Schloßallee vorbeigekommen, und hatte dort im Gras Kastanien vom Vorjahr liegen gesehen. Daß ich davon zahlreiche in das Feuer schoß, merkte der Affenschreiner nicht; er bückte sich immer wieder zu der am Boden stehenden Flasche, setzte sie an und trank; das Feuer, das, wenn er dann hineinspuckte, überraschenderweise nicht zischte, sondern grell aufflammte; der Gestank, der sich verbreitete, als er einen Kinderwagen hineinwarf; das Platzen von Flaschen, gefolgt von hochpuffenden Flammengarben; dazwischen immer wieder hörbar sein kleines Radio, in dem das abendliche Wunschkonzert kam; die nach dumpfem Knall aus dem Feuer herausspritzenden, mittlerweile glühenden und glühende Spuren durchs Dunkel ziehenden Kastanien, denen er manchmal ausweichen mußte; das Entsetzen, als ich erkannte, daß der große Klumpen, denn er nach mehrmaligem Hin- und Herschwingen hineinwarf, kein Sack, sondern der kürzlich gestorbene Hund der Brecheis war; der Kinderwagen, an dem alles verbrannt war, was nicht Metall war, und den er mit der langen Stange aus dem Feuer hob und zum Eisenschrott hinübertrug, wo sich das Gestänge noch eine Weile rötlich glühend im Finstern abzeichnete; das dampfende Schwelen zweier Teppiche, die zuerst das Feuer fast zu ersticken schienen, dann aber knisternd aufflackerten; der fette Rauch, der von den zuletzt hineingeworfenen Autoreifen, zusammen mit dem Gestank des verbrennenden Hundes, zu mir her quoll und mich schließlich aus dem Gebüsch vertrieb - - -

Hausaufgaben

Legen Sie eine Liste von (?) an und bemühen Sie sich um Vollständigkeit ...

Viel Freude daran und
Au revoir
wünscht

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014