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Celeri 28 - Juni 2008
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Inhalt

Freude vermehrt sich

Quasselstrippe V

Schwemmholz

Der freiwilligste Aufsatz

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 29 erscheint Anfang Juli 2008)

 

Freude vermehrt sich

Es war einmal ein Mann, der lebte in einem kleinen Häuschen und besaß ein Gärtlein dahinter, ein kleines. Es war einmal ein Mann, aber ein anderer, der lebte in eben dem kleinen Häuschen daneben und besaß auch ein Gärtlein dahinter, ein ebenso kleines, und beider Männer Gärtlein waren durch einen Zaun getrennt. Eines Abends sah der eine Mann aus dem Fenster und dann gings ihm so durch den Kopf und plötzlich gelüstete ihm nach des andern Mannes Gärtlein und er überlegte hin und her, wie er’s anstellen könnte, daß dessen Gärtlein sein wurde. Dann hatte er’s, nahm das Beil, klopfte beim Nachbarn am Hintertürchen und wie der öffnete schlug er’n tot. Und weil er das Beil eben zur Hand hatte, denn praktisch war er, schlug er den Zaun weg und hackte ihn klein und schichtete’s säuberlich auf. Da hatte er reicher’s Holz für’n Winter und doppelt so großen Garten. Wär allein der doppelte Garten schon doppelte Freud gewesen, so ergab er mit dem zusätzlich Holz mehr als dreifache Freude. Nach ein paar Tagen ging er zu des toten Nachbarn Anverwandten und sprach: „Schauet doch einmal bei eurem Gevatter nach dem Rechten. Er ist wohl verreist und hat was im Topf vergessen und nun stinkts.“ Die Anverwandten fanden ihn aber tot und luden den Mann zum Beerdigen und Totenschmausen. Und so kamen zur dreifachen Freude am doppeltgroßen Gärtlein, am Holz für’n Winter, nun auch noch Bratwürst und etliche Glas Wein. Wer wollte da klagen? Einer der Anverwandten hatt’ aber Verdacht gelöffelt, hatt’ sich gewundert über des Mannes Reden beim Leichenschmaus, was er mit seinem großen Garten alles anfangen werde, hatt’ bei sich gedacht „hatte unser Oheim denn nicht auch sein Gärtlein?“, war hingeschlichen, hatt’ das Zaunholz geseh’n und im Verschlag die noch blut’ge Axt gefunden, und so kam’s, daß eines Tages an des Mannes Tür geklopft ward und er, obwohl er grundarglos tat, abgeführt wurde. Seine Schuld war bald erwiesen, weil er sich dumm verplapperte. Als der Richter frug: „Habet Ihr denn nicht Euren Nachbarn eigenhändig mit der Axt erschlagen?“ hatte er entgegnet. „Nicht mit der Axt, Herr Richter, mit dem Beil.“ Er hat sich die Hand vor den Mund geschlagen, aber da war’s schon heraus. Und so war die ganze Freud dahin, die mehrfache und er hatt’ nach drei Tagen selbst kein’ Kopf mehr. Merke: Vermehrte Freud verkürzt die Zeit.

Quasselstrippe V

Themenkreis Bürgerbegehren
Na, wenn’s ihnen an den Kragen geht, dann werden sie munter, sammeln sie Unterschriften, die Belegschaften. Auf eine Art verständlich. Sind ja Menschen. Aber jetzt ist trotzdem Schluß mit dem Wohlfahrtsstaat. Was zählt ist der Profit. Aber wie Sie ihn erzielen ist letztendlich wurscht. Wenn die Marge stimmt, dann fragt zuletzt niemand mehr, wie sie zustande gekommen ist. (Grüßt jemand und prostet ihm zu). Wo warn wir? Richtig : Unterschriften. Und da sind wir gleich auch bei Bürgerbegehren. Was soll der Quatsch? Was der Bürger begehrt, das wissen wir doch : Fernsehn, Ficken, Fressen, Fußball. Und das verkaufen wir ihm. Aber was erwarten die mit ihrem Bürgerbegehren, oh, Mist! (hat sich in der Erregung Majonäse von seinem Lachsbrötchen aufs Hemd getropft) na, weiß auf weiß, könnte schlimmer kommen, gut dasses nich der Kaviar war, das sähe nich so gut aus ... aber was denken die sich denn? (mit nöliger Stimme) Produktionsbedingungen, soziale Gerechtigkeit ... denken die, daß wir sagen : Huch, wußten wir gar nicht. Unmenschliche Zustände! Wie schlimm! ... naiver geht’s doch nicht mehr, oder? Argumente! Wenn ich das höre: Argumente. Eine in die Fresse. Das beste Argument. Wenn se quasseln wollen, sollen sie doch unter sich bleiben, Mensch! - - - Also, ich staun ja immer, wie die so viel Unterschriften zusammenklauen. Zuerst denkt man natürlich, die haben sie doch alle gefälscht, abends bei ner Flasche Rotwein, die ganze WG am Küchentisch und Listen ausfüllen, aber nee : wenn man nachprüft : sind alle echt. Würd man nie denken, daß es soviel Verblendete gibt – Moment ma, Frollein, haben Sie nicht einen Zahnstocher? Wär furchtbar nett – Ich mein, alle schreien Pisastudie! Pisa! Pisa! als ob davon Deutschland unterginge, aber ich sags Ihnen ehrlich : ne gesunde Analphabetenquote verträgt doch jede Wirtschaft. Braucht man sogar. Wo kämen wir hin, wenn alle das Kleingedruckte lesen könnten? Schon rein rechnerisch wärs eine Entlastung. Bedenken Sie mal, was der ganze Schulzirkus alles kostet. Und das für welche, aus denen sowieso nix wird. Was soll’n das!? ... klar, für die Bildzeitung wärs ne Einbuße. Irgend jemand hat immer das Nachsehen. Aber die könnten ja ne Art Comiczeitung rausbringen, ohne Worte. Dann hätts jedenfalls ein Ende mit Listen von Bürgerbegehren ausfüllen. Aber womöglich – Ah! der Zahnstocher! Danke (reißt das kleine Tütchen auf) - wären die so dämlich und würden ihre Bürgerbegehren mit dem Fingerabdruck unterzeichnen. (Hält sich eine Hand vor den Mund und werkelt mit dem Zahnstocher). Da hätten wir auf einen Schlag tausende Daumenabdrücke (lacht. Wieder Hand vor den Mund. Zahnstocher. Inspiziert schließlich das Bohrgut. Steckt sich den Zahnstocher noch mal in den Mund, lutscht ihn sauber). So! Wenn was zwischen den Zähnen hängt, das macht mich ganz wuschig. Und gesund ist es auch nicht : Keime!“ (Knickt den Zahnstocher und sieht sich suchend um).


Schwemmholz

Kauft man etwas Neues, so weiß man immer, daß man mehr bezahlt, als es wert ist – Alter Mann: Ich bin kein Raucher, kein Trinker, spiele nicht gern Karten. Eigentlich habe ich nichts mehr zu tun im Leben – Sie hatte mich mit ähnlichem, aber falschem Namen angeredet, und ich hatte sie nicht korrigiert. Als ein Mann hinzutrat und sie auf ihren Irrtum aufmerksam machte, war es ihr sichtlich peinlich, und sie entschuldigte sich. Ich beruhigte sie: kein Grund, davon Aufhebens zu machen. So unterschiedlich seien die Menschen nicht, daß Namensfehler von Bedeutung wären. – In dem kleinen Weiler lebten nur noch wenige, hochbetagte Menschen. Der Ort würde aussterben, aber das würde noch dauern, denn sie starben hier selten – Ein gutes Unternehmen legt Wert darauf, daß seine positiven Wirkungen die Nachteile überwiegen – Fröhlichkeit wie Blasen auf belasteten Seen - Das Unangenehme an der Hölle sind die zahlreichen Musiker, die, aus ihrer unseligen Freude an Radau, auch hier fortfahren, zu musizieren – In ihrem Stammlokal verzehren sie mit fachmännischer Sinnlichkeit Delikatessen und kriegen von schlechtem Käse schlechte Laune und von Knoblauch Mundgeruch – Legte Wert auf größtmögliche Klarheit der Gedanken. Wäre schon etwas, denkt er im Stillen, wenn er sich ab und an wüsche – Gutachter. Für Geld bezeichnen mit akademischen Orden klimpernde Professoren jede Lüge als wissenschaftliche Wahrheit. Ist die Bezahlung gut, nimmt man es in Kauf, daß es einmal herauskommen könnte – ein geöffneter Geldbeutel bereinigt gründlich von jeglichem Gewissen – Eben erfahren: Die Rühreier backen nicht mehr an, weil uns die Weltraumfahrt die Teflonpfanne beschert hat. Allerdings kriegt man leichter Krebs. Alles hat seine Schattenseiten – Wieviel Energie, Erfindergeist und Gedankenreichtum wird für Nützliches und Unschädliches verwendet? – Bach als Selektionshilfe; er hört nur Musik von Bach oder Musik, die mit Bach zu tun hat – Die Welt ein Wühltisch, das Leben ein Schnäppchen – Ein Kunstsammler. Er erklärte mir, daß ich für meine Zeichnung Tusche plus zweierlei Farben verwendet und Feder mit Bleistift kombiniert hatte. „Bleistift?“ wunderte ich mich und beugte mich vor. „Tatsächlich! Sie können’s aber problemlos rausradieren.“ Er rüschte mißbilligend den Mund und versank wieder in Betrachtung und nickte dann bestätigend seinen eigenen Gedanken zu. „Blau und Braun“, meinte er. Ich schwieg, und er behauptete: „Sie verstehn.“ Ich nickte und wiederholte denkerisch: „Blau und Braun“. „Das Ozeanische und das Chtonische ... ich deute bewußt nur an.“ „Ach, das meinen sie!“ – Eigenartig, wie in Träumen frühere Träume auftauchen und fortgesetzt werden, träume, von denen ich, wach, bis dato nichts gewußt hatte. Sie haben also schon „die ganze Zeit“ in mir existiert, ich kenne mich in ihren Architekturen, Landschaften und Zeitverläufen aus – Die Lebenden schließen den Toten die Augen. Die Toten öffnen den Lebenden die Augen – tatendurstig vor Langeweile – Alle sind tot, nur ich nicht. Was ist falsch? Alle leben, nur ich nicht. Was ist falsch? – Gott ist verärgert, weil seine Schöpfung nicht gelungen ist. Er zürnt. Noch mehr, als ihm die Priester seiner Schöpfung zu verstehen geben, daß sie halt auch nichts dafür können, wenn schon bei der Herstellung so viel gepfuscht worden sei.

Der freiwilligste Aufsatz

Daß irgend etwas falsch war, das konnte ich schon daran sehen, daß beim Verteilen der Aufsatzhefte, die entsprechend der Sitzordnung penibel vorgeordnet waren, so daß der Lehrer sie von links vorn nach hinten, und dann von rechts hinten wieder nach vorne verteilen konnte, daß bei dieser sinnreichen Vorordnung also, ich, der ich irgendwo rechts in der Mitte saß, kein Heft ausgehändigt bekam. Ich seufzte innerlich.
Nachdem das letzte Heft verteilt war, fragte der Lehrer scheinheilig:
„Hat jeder sein Aufsatzheft?“
Ich hob die Hand und sagte: „Nein“.
Er wies mich zurecht: Erst die Hand heben, das Aufgerufenwerden abwarten, aufstehen, die Frage des Lehrers abwarten, und dann, erst dann, die Antwort geben.
„Aber seis drum ...“, er machte eine Geste der Hoffnungslosigkeit und seufzte und nahm mein Aufsatzheft von seinem Tisch, wo es liegengeblieben war, kam zu mir, legte es vor mich und fragte, was das solle?
Diese Frage liebte er ebenso wie ähnliche, auf die niemand eine Antwort geben könne. Was ich mir denn da gedacht hatte? Wie ich denn auf so was käme? Woher ich denn so was habe?
Und so weiter, er klapperte all seine Frägelchen ab, und nachdem er sich an diesem antwortlosen Fragespiel einige Minuten erfreut und gesättigt hatte, wurde er präziser, was ich an der aus der Reihe fallenden Frage bemerkte, daß mein Vater, soweit er sich nicht irre, doch Gärtner sei, oder?
Ich bejahte.
Er hat also nicht seinen Beruf gewechselt?
Nein.
„Und wie kommt es ...“, fing der Lehrer an, als es mir dämmerte, daß ich das Aufsatzthema – „Der Beruf meines Vaters“ – falsch verstanden hatte. Ich hatte meinen Vater zu einem „Unterwasserforscher“ gemacht, der allmorgendlich mit seiner umfangreichen Tauchausrüstung das Haus verläßt, um auf dem Grunde des Sees seiner Arbeit – der Suche nach der tiefsten Stelle – nachzugehen. Zur Mittagszeit ruderte meine Mutter zu jener Boje auf den See hinaus, die den Aufenthaltsort meines Vaters in der Tiefe verriet, und ließ von dort, in einem wasserdichten Behälter, sein Mittagessen zu ihm hinab. Darum, wie man unter Wasser sein Mittagessen verzehrt, hatte ich mich herumgemogelt. Stolz aber war ich auf mein Beatmungssystem, daß ich mir für ihn ausgedacht hatte: Etliche große Ballons, die mittels Steinen unter Wasser versenkt wurden, und aus welchen mein Vater einatmete, um daraufhin in andere Ballons auszuatmen und mit diesen schließlich gefüllten Ballons allabendlich wieder zur Wasseroberfläche empor zu segeln.
Ich erklärte meinen Irrtum. Nie und nimmer hätte ich gedacht, daß ich den tatsächlichen Beruf meines Vaters hätte beschreiben sollen. Ich war davon ausgegangen, daß meine Aufgabe darin bestand, mir für meinen Vater einen Beruf auszudenken.
Wie ich das denn meine? Nie und nimmer – das klinge ja, als ob ich von dem Aufsatzthema gar nichts hielte. Und ob mir der Beruf meines Vaters nicht gut genug sei?
„Doch.“
Aber warum ich ihn denn dann zum Unterwasserforscher gemacht hatte?
Der Lehrer war ein rechtes Trotzköpfchen. Obwohl er sicher verstanden hatte, wie es war, tat er so, als hätte er nicht verstanden. Nur um seine absonderlichen Rückschlüsse ziehen zu können.
Wie ich denn darauf gekommen sei? Unterwasserforscher! Was um Himmels Willen mich denn darauf gebracht habe? Ob ich denn überhaupt wisse, was ein wirklicher Unterwasserforscher tue? Und so weiter und weiter, wieder lauter Fragen, die keiner Antwort bedurften.
Irgendwann – die Erdkundelehrerin hatte zur Türe hereingesehen und gefragt, ob wir denn nicht zum Unterricht herüberkommen und er hatte beschwichtigt – hatte sein kopfschüttelndes Fragespiel ein Ende genommen, und es wäre gut gewesen, aber dann gerieten wir doch noch aneinander. Er sagte, er käme nicht umhin, mir eine Strafarbeit aufzugeben: den Aufsatz noch einmal schreiben, diesmal aber richtig.
Ich beschwichtigte ihn. Er bräuchte es mir nicht als Strafarbeit aufgeben, ich würde den Aufsatz freiwillig noch einmal schreiben.
„Und ob. Er ist eine Strafarbeit.“
„Nicht nötig. Ich schreibe ihn freiwillig.“
„Er ist eine Strafarbeit.“
„Aber wenn ich ihn doch freiwillig schreibe.“
„Du kannst ihn so freiwillig schreiben wie ich will: er ist und bleibt eine Strafarbeit.“
„Auch wenn ich ihn so freiwillig wie nur möglich, am freiwilligsten schreibe?“
„Freiwillig kann man nicht steigern.“
„Aber ja. Wenn ich normalerweise um halb Sieben aufstehe, tue ich das nicht gern, aber freiwillig. Wenn ich am Mittwoch, wo die erste Stunde ausfällt, um halb acht aufstehen darf, tue ich das schon viel freiwilliger. Am freiwilligsten aber stehe ich in den Ferien auf, wenn ich ausschlafen darf.“
Er schüttelte den Kopf und blieb dabei: Freiwillig kann man nicht steigern.
Ich sah ihn an. Er war ein unbelehrbarer Sturkopf. Hatte ich ihm nicht soeben, anhand eines leichtverständlichen Beispiels, gezeigt, daß man konnte?
Er bemerkte meinen Trotz und sagte, daß er sich genötigt sehe, mir nicht nur den Aufsatz als Strafarbeit aufzugeben, sondern zusätzlich, zwanzig Mal den Satz „Freiwillig kann man nicht steigern“.
Am nächsten Tag begleitete mich meine Mutter, bat um Entschuldigung dafür, daß ich meine Hausaufgaben nicht vollständig gemacht habe, aber dafür sei sie verantwortlich. Sie habe mich dabei angetroffen, wie ich soeben begonnen habe, „Freiwillig kann man nicht steigern“ zu schreiben. Ich habe ihr nicht erklären können, was das heißen soll. Mein Vater habe es sich gleichfalls nicht erklären können. Und auch im Lebensmittelladen, wohin sie das Aufgabenheft mitgenommen habe, sei niemand der anwesenden Frauen einschließlich der Ladnerin, darauf gekommen, was „Freiwillig kann man nicht steigern“ bedeuten könnte, worauf sie sich sicher gewesen sei, daß ich die Aufgabe falsch verstanden habe. Da sie sich gedacht habe, daß es ja wohl nicht in seiner, des Lehrers, Absicht liegen werde, die Kinder Fehler zwanzigmal wiederholen zu lassen, habe sie mir das weiterschreiben untersagt und sei nun hier, um die Sache zu erklären.
Der Lehrer, von den Verständnisversuchen meiner Mutter immer stirnrunzliger geworden, begann fahrig zu berichten, was ich für ein braver Schüler sei, wie ich so herzerfrischend rein und schön singe, was ich für schöne Purzelbäume zu schlagen verstünde, was für eine Freude meine muntere Teilnahme am Unterricht, wie noch aus meinen Fehlern ein mitdenkendes Gemüt zu lesen sei, und was für Ideen ich hätte, wenn es darum ginge ...
„Ja, Ideen hat er, nicht wahr?“, fiel meine Muter begeistert ein. „Erst der Aufsatz neulich. Sein Vater als Unterwasserforscher! Wir hatten sonntags Besuch und mußten es gleich zwei Mal vorlesen. Köstlich, nicht wahr?“ Sie wandte sich an mich: „Was hast du eigentlich dafür bekommen?“
„Ich hab ihn noch mal geschrieben.“
„Was? Aber mein Schatz, da hast du doch schon wieder was falsch verstanden. Nicht wahr Herr Lehrer?“
Der Lehrer käute und stimmte zu, es sei ein wirklich erstaunlicher Aufsatz gewesen ...
„Nicht wahr? Darauf muß man erst Mal kommen: sein Vater als Unterwasserforscher!“
Der Lehrer nickte, sicher, das sei ungewöhnlich, wenn auch ...
„Also ich käm gar nicht auf so was. Ich hätte glattweg den ganz gewöhnlichen Beruf beschrieben. Aber er ...“, sie sah mich stolz an.
Der Lehrer entschuldigte sich, aber man sei schon über der Zeit.
„Aber ja doch, Herr Lehrer, ich will Sie nicht abhalten. Nur noch kurz: diese Hausaufgabe da, wo es um das freiwillige Steigern geht ...?“
Was das angehe, das wolle er mir wegen all meiner sonstigen Vorzüge nur zu gern erlassen.
„Ach!“ jubelte meine Mutter. „Das freut mich aber. Hast du gehört, mein Schatz?“ Ich nickte artig.
Sie wandte sich noch einmal an den Lehrer:
„Wissen Sie, wenn die Kinder so nette Lehrer haben, gehen sie doch gleich viel freiwilliger in die Schule, nicht wahr?“
Der zweite Aufsatz war nun aber schon geschrieben. Herr Lehrer war nicht recht zufrieden. „Zu trocken. Korrekt, zweifellos. Aber viel zu trocken.“
Es sei auch nicht nötig gewesen, das Gehalt meines Vaters zu erwähnen ... oder die Regelungen zu den Urlaubs- und Krankheitszeiten ... und gar so penibel zu beschreiben, wie das Gießen an heißen Sommertagen zu erfolgen hat ... „Korrekt, zweifellos ...“
Zwar hatte ich beste Vorsätze gehabt, aber beim Schreiben war mir rasch langweilig geworden. Da war mir eingefallen, daß mein Vater vor einiger Zeit eine Auseinandersetzung mit seinem Chef wegen eines „Arbeitsvertrags“ gehabt hatte. Dieser Arbeitsvertrag lag noch auf der Anrichte. Ich hatte ihn mir geholt und daraus soviel abgeschrieben, bis die erforderlichen zwei Seiten Aufsatz voll waren.
„Zu trocken. Zweifellos korrekt, aber gar nicht lebendig.“
„Soll ich’s noch mal versuchen, lebendiger?“ fragte ich unlustig. „Nein, nein“, beeilte er sich. „Jetzt wollen wirs gut sein lassen. Aber das nächste Mal bitte wieder mit mehr Lebendigkeit.“

Hausaufgaben

Denken Sie sich mal einen Beruf für sich aus und beschreiben Sie ihn. Aber recht lebendig!

Viel Spaß dabei und
Au revoir
wünscht

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014