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Celeri 29 - Juli 2008
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Schwemmholz II

Kreuzworträtsel? Nein, mach ich nicht gern Ich schau lieber zu – Plot: Eine Frau und ein Mann getrennt auf Reisen, Affäre mit einem Mann/einer Frau, die ihr/ihm seltsam bekannt vorkommt. Monate später dämmert ihr/ihm, daß es sich um ihren eigenen Mann/seine eigene Frau gehandelt hatte. Daher die das sonderbare Gefühl, „ich kenn dich doch“. Problem: Hat er/sie mich erkannt? War es für ihn/sie gar kein Fehltritt? Blieb der Tatbestand des Ehebruchs bestehen, weil sie/er ja geglaubt hatten, ihren Mann/ihre Frau mit einem/einer anderen zu betrügen? Ein Plot, so dämlich, daß ihn nicht einmal eine deutsche Schriftstellerin/ein deutscher Schriftsteller in Betracht zöge – Er bestreite die ihm vorgeworfenen Taten ja gar nicht, betone aber, daß er nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt habe, da er a) damals nur den Befehlen der Vorgesetzten nachgekommen sei, sich also völlig loyal und legal verhalten habe und b) damals ja noch gar nicht gewußt habe, daß Juden auch richtige Menschen seien. Als er das erfahren habe, habe es ihm sofort leid getan – Ungesunde und lebensgefährliche Politiker fordern ihre Bevölkerung zu gesünderem, verantwortungsbewußtem Leben auf – Ein Kriegsberichterstatter will dafür bewundert werden, daß er sich für die Sonderzulage in Gefahr begibt und bezeichnet die daheimgebliebenen Kollegen als Bürohengste. Als es ihn dann „erwischt“, bezeichnet einer der daheim gebliebenen Bürohengste andere Bürohengste als Bürohengste – Sieben/Waagrecht: Denksport für Hirnlose (15 Buchstaben) – Der Dreckfaktor im Essen steigt, die Regierung kürzt die Mittel für die Lebensmittelkontrollen – Es scheint eine Art sportlicher Ehrgeiz zu sein, der die Fleischfabrikanten gepackt hat. Wieviel Unrat läßt sich den Kunden als Essen vorsetzen? Ein schönes Beispiel war der „Deftige Bauernleberkäse“, der neben 55 % Fett noch 35 % Fäkalien und 10% Schlachthauskehricht, Chemikalien und Gewürze enthielt. „Kenner schätzen den herzhaften Geschmack“. Die Kunden finden’s gar nicht so schlimm. „Wieso? Hat doch geschmeckt.“ „Wenn der Preis stimmt und wenn’s als solches deklariert ist, würd ich Gammelfleisch kaufen. Biss’l mehr würzen, is ja klar.“ „Genau! Wenn’s draufsteh’n tät, wär’s ne ehrliche Sache. Aber daß se’s einem nicht sagen, das ist die Schweinerei“. „Zum Grillen. Ideal.“ „Schimmel? Ist doch rein pflanzlich.“ – Er betonte, daß er ein stolzer Mensch sei. Auf Nachfrage stellt sich heraus, daß er auf lauter Dinge stolz ist, für die er nichts kann, Name, Geburtsort, Familie, Augenfarbe. Das, wofür er etwas kann (schlechte Laune, schlechtes Benehmen, schlechter Charakter, schlechte Haltung, schlechte Gedanken, alberne Kleidung) ist nichts, worauf er stolz sein könnte – Essen, appetitlich anzusehen, aber vom Husten des erkälteten Kellners unbrauchbar gemacht – Ich hoffe, diese Lügen sind nicht ganz bedeutungslos – Ich hatte Shakespeare gelesen (alles), Tschechow (alles, das meiste mehrmals), Tolstoj (vieles), Turgenjew (alles, teils mehrmals), Jean Paul (fast alles), Stifter (das meiste), und so weiter. Und jetzt? War ich irgendwie ... wertvoller? Besser? Umgab mich das Gelesene jetzt wie eine Aura? War alles völlig privat? Und wenn mich jetzt ein Blitz erschlüge, wäre es dann gleich, ob und was ich gelesen hätte? – Die pfiffigen Frettchengesichter, derer, die bei allem und jedem überprüfen, worin der Nutzen für sie selbst liegt.

Suche nach Helden oder Feiglingen

Auf die Frage, ob er wirklich bereit sei, auf die gestellten Fragen zu antworten, zeigte er sich leicht erstaunt, bejahte und wies darauf hin, daß er, nachdem man auf ihn zugekommen sei, doch bereits zugestimmt hatte.
Klärung der Daten. Vorgeschichte. Beruf. Dann seine Rolle in der betreffenden Zeit.
Ob er nie erwogen habe, durch öffentliches, mutiges Auftreten seinen Widerstand zu zeigen und damit anderen ein Vorbild zu geben.
Er verneinte. Aus zweierlei Gründen habe er dies nicht getan. Erstens sei er hierfür zu ängstlich gewesen (Auf die Zwischenfrage, ob das Wort „feige“ nicht angebrachter wäre, antwortete er, daß man für alles auch herabsetzendere Worte finden könne. Aber wenn es ihm, dem Zwischenfrager, ein Bedürfnis sei, solle er sich nicht scheuen). Zweitens habe er gesehen, daß dieses Volk Vorbilder dieser Art weder gesucht noch geschätzt habe. Falls er, der Fragesteller, den Begriff „Vorbild“ ins Spiel gebracht habe, weil er davon ausgehe, daß das Volk nur auf ein Vorbild gewartet habe, dem es sich anschließen könnte um sich zu empören, so verkenne er die damalige Situation völlig. Niemand hätte sich aufgelehnt, obwohl es ja immer wieder Vorbilder gab. Diese seien nicht bewundert worden. Vielmehr habe das Volk, wie er in einigen Fällen habe beobachten können, gefaßte Widerständler mit Häme bedacht, ihrer Verurteilung mit Spott beigewohnt und ihre Hinrichtung mit Genugtuung und Schadenfreude kommentiert.
Frage: Es habe ja bekanntlich Witze und Anekdoten über die Diktatoren und ihre Greueltaten gegeben. Ob er eine Vorstellung davon habe, wie verbreitet sie waren und wie ernst sie genommen wurden?
Der Herr Fragesteller möge berücksichtigen, daß diese erwähnten Witze und Anekdoten nicht von irgendwoher kamen, sondern aus dem Volk selbst, und sie nicht aus Entrüstung, sondern zur eigenen Belustigung erzählt wurden, daß diese Witze somit also nichts anderes seien, als Ausdruck der Schadenfreude und Häme und des gewissermaßen kichernden Einverständnisses mit den Greueltaten. An der Tatsache derselben habe niemand gezweifelt. Und wenn doch, so könne man getrost annehmen, daß das Bedürfnis, darüber Scherze und Witze zu machen, nur den Wunsch zeige, sie mögen wahr sein.
Er habe also ganz bewußt sein Volk im Stich gelassen.
Nein. Er habe es nie so sehen können, daß dieses Volk von ihm im Stich gelassen werden könne, weil das Volk auf die Zugehörigkeit von jemandem wie ihm keinen Wert gelegt hätte. Dieses Volk sei nicht sein Volk gewesen. Dieses Volk sei mit seinen Beherrschern doch ganz zufrieden gewesen und habe auch Greueltaten, wenn sie bekannt wurden, gutgeheißen oder mit einem Achselzucken abgetan. Dieses Volk sei ein Volk gewesen, das sich längst aufgegeben und allen Anstand, alle Ehre und Achtung längst abgelegt und in den Schmutz getreten habe, das moralisch nicht nur völlig verwahrlost war, sondern mittlerweile daran Gefallen fand, sich in bösartiger Unmoral abzuhärten und zu perfektionieren und das von niemandem, allenfalls von ihren angebeteten Greuelherrschern, habe im Stich gelassen werden können.
Hätte dieses Volk – das er nicht von seinen Herrschern getrennt sehe – für sich gelebt, seine Bösartigkeit nach innen auf sich selbst gerichtet, so hätte er es für unnötig gehalten, etwas zu unternehmen. Aber da dieses Volk seine Bösartigkeit bekanntermaßen im Innern nur auf eben jene gerichtet habe, die offensichtlich nicht „mitgemacht“ hätten und durch den herrschenden Vereinheitlichungszwang nicht zu unterjochen gewesen seien, habe er sich schweren Herzens verpflichtet gesehen, etwas zu unternehmen – nicht dem Volk zuliebe, sondern denen zuliebe, die unter ihm litten.
Von ihm seien allerdings keine Aktivitäten bekannt.
Das sei nicht verwunderlich. Er habe Anschluß an eine Gruppe gefunden, die ein Attentat planten ...
Zwischenfrage: er habe also bewußt den Tod von Menschen angestrebt?
Er bejahte.
Wann und wo dieses angebliche Attentat denn stattgefunden habe?
Das Attentat sei kein angebliches. Es sei allerdings ein geplantes geblieben. Es sei nicht mehr dazu gekommen. Das Kriegsende sei dazwischen gekommen.
Ob er Beweise für die Richtigkeit dieser Behauptung beibringen könne, andere Beteiligte, Zeugen, Schriftstücke?
Rückfrage: Weshalb?
Weil es schwerfalle, diese wohl kaum nachprüfbare Geschichte zu glauben.
Das sei auch nicht wichtig. Zumindest ihm selbst sei nicht wichtig, ob ihm, wer auch immer, glaube oder nicht. Er wisse ja, daß er die Wahrheit sage.
Nach einer Pause fügte er an.
Er sei zwar mit sich im Reinen. Aber um auf die eingangs gestellte Frage noch einmal zurückzukommen: Im Hinterher bedauere er übrigens dennoch, damals nicht öffentlich etwas gesagt zu haben. Hätte man ihn dafür hingerichtet – wie es einem Bekannten, einem mittlerweile völlig vergessenen Komponisten widerfahren sei, der sich skeptisch über die Politik geäußert hatte –, wäre es ein ehrenhafter Tod gewesen. Jetzt habe er Krebs und einen jämmerliches Ende vor sich. Er frage sich, ob es die zehn, zwölf Jahren, die er wegen seines Schweigens länger gelebt habe, Wert gewesen seien, ob er ihnen soviel Wert gegeben habe, daß es gerechtfertigt gewesen sei, dafür den Mund gehalten zu haben. Er vermute nein. Der Tod durch Ehrlichkeit, durch öffentliches Bekennen, erscheine auf den ersten Blick nutzlos. Aber niemand könne wissen, ob davon nicht doch eine Wirkung ausgegangen sei, die womöglich den Krieg verkürzt hätte. Und selbst wenn es sich dabei nur um einige Sekunden gehandelt hätte, so wären in diesen wenigen Sekunden zahlreiche Menschen eben nicht mehr getötet worden. Diesen Getöteten stehe nun sein Leben gegenüber. Das er durch Mundhalten gerettet habe. Im Grunde habe er das getan, was alle immer tun: für einen eigenen Vorteil einen größeren Nachteil für andere billigend in kauf zu nehmen. Aber niemand könne wissen, ob diese Gedanken richtig oder unsinnig seien.


Quasselstrippe VI, die Letzte

Themenkreis Vielfalt. „Na ja, ich hab ja eigentlich keine Zeit für son Quatsch, aber ich hab mir mal die Mühe gemacht und denen ihren Wisch gelesen. Da kann man nur den Kopf schütteln. Ich möcht mal wissen, wer sich so was ausdenkt! Umweltschutz. Klimaschutz. Artenvielfalt. Dann ihre Vorwürfe : Plattmacher, Vereinheitlicher, na, und so weiter. Die reden daher! Was s für Verblendete gibt, Sie, das glauben Sie nicht! Zerstörer der Vielfalt! Ha! Aber dazu will ich Ihnen bloß sagen : ich bin auch für Vielfalt. Aber echte Vielfalt : Da ist hier eine hochmoderne achtspurige Autobahn und da ein Biotop – das ist Vielfalt. Die Vielfalt, die die da wollen, das ist doch nur ... die wollen doch bloß, daß es nur das gibt, was sie für richtig halten, wenn Sie verstehen, was ich meine. Das ist doch nicht Vielfalt. Ich mein, Vielfalt haben wir doch faktisch, auch menschlich. Türken, Italiener und ... na, ich komm jetzt nicht drauf, wie sie heißen, die Turbanträger ... Inder! richtig (haben während der Arbeit natürlich den Turban nicht auf, denn tragen sie nur zu hause). Sind super Computerfachleute. Möcht mal wissen, wie die das in ihren Hütten da in Indien hinkriegen. Und dann beim Essen : Döner, oder wollen Sie vielleicht auf Pizza verzichten? Na, sehn Sie! - - - jetzt kommt grade das Fräulein noch mal mitm Tablett ... mhm, Häppchen, wie gerufen. Haben Sie keine Teller mit, Fräulein? Nich? ... ich glaub, wir nehmen jeder auch noch mal n Glas, oder? Sie nich? Ich schon. Sie, Fräulein! Noch mal so was Hellrotes, wie hieß das? Aperol? ja genau so was, ham Sie nur die kleinen Gläser? Könnten Sie sich doch die Wege sparen. Na gut, kommen Sie eben später nochmal - - - Knickrig, wie? Gläser, in die grade mal ein kräftiger Schluck paßt. Und keine Teller für die Häppchen. Nur Spieße. Damit ja keiner zwei nimmt - - - Was wollt ich sagen? ... richtig ... bei der Vielfalt waren wir ... Schaun Sie mal : Mein einer Schwager ist Ingenieur. In der Rüstung. Sein großes Spezialgebiet : Tretminen. Ja, da schaun Sie jetzt etwas betreten, aber ich sag Ihnen : er sagt immer : machs nicht ich, machts n anderer. Also machs lieber ich – Und Tretminen, Sie, das ist jetzt längst nicht mehr so, wie Sie vielleicht denken. Da hat sich einiges getan! Er hat mal welche mitgebracht. Vielleicht denken Sie jetzt an so graue Dinger, Tellerminen, oder was Handgranatenähnliches, was irgendwie bedrohlich aussieht. Aber gar nicht. Die sehen heutzutage ganz anders aus. Ganz bunt! Wie Spielzeug. Sie, da greift jedes Kind automatisch danach. Jetzt denken Sie vielleicht : das ist ja gemein. Kinder! Hätten Sie ja auch recht, aber mein Schwager geht weiter : er dachte sich auch : eigentlich gemein. Aber warum denn das Kind gleich umbringen? Reicht doch, wenn’s ihm Arme oder Beine abreißt. Als künftiger Soldat scheidet er dennoch aus. Sehen Sie! Da haben wir, mitten in der Rüstung, noch den humanistischen Aspekt mit drin. Aber ich wollte auf was anderes hinaus : Mein anderer Schwager ist nämlich Bio-Bauer, verstehn Sie? Nein? Na, ich mein so : da haben Sie doch die Vielfalt. In einer Familie. Er, also der Bauer, und meine Schwester sind Vegetarier. Aber die ganz stramme Sorte. Mit nem Mondkalender, danach kommen die Rüben raus oder rein. Jetzt der Witz : mein anderer Schwager ist auch Vegetarier. Da könnte man doch meinen, die haben da jetzt eine Gemeinsamkeit, was, worüber sie sich austauschen können. Gegenseitiges Verständnis und so. Aber nix da : meine Schwester und ihr Bauer tauchen bei Familientreffen gar nicht erst auf. Dabei is mein Schwager, also der Ingenieur, schwer in Ordnung. - Daß er Vegetarier ist, da machen wir ja so unsere Späße drüber, aber gutmütig, nur gutmütig, er lacht selber mit, hat ja Humor. Der nimmt im Gasthaus eben die Gemüseplatte oder fragt in die Runde : Will wer mein Kotelett? Sagt immer, er brächte es nicht runter, wenn er dran denkt, daß das mal n lebendiges Tier war, da schüttelts ihn. Ist eben n bißchen sensibel. - - - Und was machen Sie so? Beruflich? - - - Schriftsteller? In welcher Branche? - - - Aha, so harrypottermäßig, wie? Ist ja auch ein Riesenreibach, nich? - - - Nicht? Naja, ist eben wie überall : das ganz große Geld ist nur für ein paar wenige, alle können nun mal nicht ran. Das ist in der Politik so, das ist beim Lotto so, bei den Managern, überall, das ist unser System, aber jetzt seh ich grad n Kollegen, mit dem muß ich mal n paar Worte wechseln, also, vielleicht laufen wir uns ja noch mal übern Weg, nich? ...“

Zwei sich selbst (un)ähnliche Typen

Einer erzählt mir, daß er zwar Joseph Feucht heiße, in Wahrheit einen anderen Namen habe. Welchen denn? Joseph Feucht. Der sei aber sehr ähnlich. Ja, nicht wahr? In Klang und Schrift völlig identisch, aber trotzdem gleichzeitig nicht. Es sei ein Versehen. Versuche, die Sache zu berichtigen, seien am mangelnden Verständnis behördlicherseits gescheitert. Im Grunde habe er sich aber mittlerweile mit der Sache arrangiert. Die große Ähnlichkeit der Namen erleichtere es ihm ja auch. Er habe es aufgegeben, andere Menschen über die Sache aufzuklären und ich solle ruhig Joseph Feucht zu ihm sagen. Aber so heiße er ja doch, meine ich. Er seufzt. Eben da habe man ja wieder das Mißverständnis.
Im Zug, mir gegenüber, ein junger Mann in Frauenkleidern, Rock, Bluse, blickdichte Strumpfhose, Wanderschuhe. Als wir allein sind, sucht er das Gespräch. Ziel der Reise etc. Er wird schnell vertraulich. Er fahre zu seinem Therapeuten. Auch wenn ich es nicht glaube, aber so wie ich ihn vor mir sehe ... ich würde staunen, wenn er mir die Wahrheit erzählen würde. Ja, sage ich, mir sei natürlich schon aufgefallen, daß er Frauenkleider trage. Was das heißen solle? Nun, es fiele eben auf, wenn ein Mann Frauenkleider trage. Er ist erbost. Das sei das erste Mal, daß das jemand sage. Bislang hätte noch nie jemand gemerkt, daß er keine Frau sei. Ich verschweige, daß ich nie auch nur auf den Verdacht gekommen wäre, daß er kein Mann sei. Ich schäme mich irgendwie. Aber war ihm wirklich noch nie aufgefallen, daß keine Frau der Welt einen derartig schauderhaften, wie aus einem störrischen Lodenmantel angefertigten Rock und eine derartige Blusenkarikatur trug und zudem derart schlampig rasiert unter die Leute ging? Er sei ein Mann, sagt er, als habe ich eben daran Zweifel geäußert. Aber er fühle als Frau. Und das hier, er klatschte auf seinen Rock, sei eine gesetzlich vorgeschriebene Maßnahme zur Vorbereitung einer Geschlechtsumwandlung. Sein Therapeut verlange von ihm, in Frauenkleidern zu den Sitzungen zu erscheinen. Ob ich mir überhaupt vorstellen könne, was er mitmache? Nein, woher denn auch? Ich könne mir ja nicht mal vorstellen, daß er etwas mitmache. Unvermittelt: Er liebe eine Frau. Das sei dann aber, fange ich vorsichtig an, doch schade ... mit einer Geschlechtsumwandlung ... Das sei eben das Außergewöhnliche bei ihm, sagt er. Er fühle zwar als Frau, aber als Frau, die sich zu Frauen hingezogen fühlt. Er lasse sich also nicht bloß in eine Frau umwandeln, sondern in eine lesbische Frau. Das sei, räume ich ein, in der Tat verwirrend und sortiere innerlich die Sachlage: Mann liebt Frau und wird eine Frau um als eine solche deren Liebhaberin zu werden ... kompliziert? Er könne doch, fällt mir ein, Mann bleiben und ihr als Mann den Hof machen? Er schüttelt den Kopf: er fühle doch als Frau, als lesbische Frau. Ach so, richtig ... aber, frage ich nach einer Zeit des Nachdenkens und Vergegenwärtigens, ob denn diese Frau nicht nur ebenfalls lesbisch empfinden würde, sondern auch ihn, später, nach erfolgter Geschlechtsumwandlung dann, lieben würde? Das wisse er nicht. Er hoffe nur, daß sie ebenfalls lesbisch sei, er habe die Vermutung, es gebe Hinweise, er habe aber über diese ganze Sache mit ihr noch nicht gesprochen, nur Andeutungen gemacht, von denen er aber nicht wisse, ob sie sie verstanden habe, beziehungsweise, ob er ihre Entgegnungen auf seine Andeutungen richtig interpretiere. Daß sie ihn zur Geschlechtsumwandlung mal ermuntere, ihm ein Andermal abrate, mache ihm abwechselnd Hoffnung und Kopfzerbrechen, er mache vielleicht was mit! Und dann sei da ja auch die immerhin bestehende Möglichkeit, daß sich nach seiner körperlichen Umwandlung in eine Frau auch eine Veränderung der Gefühlslage vollziehe und er anfange, Männer zu lieben. Dann könne er zwar der Frau vorschlagen, sich in einen Mann verwandeln zu lassen, aber erstens wisse er nicht, ob sie diesem Vorschlag zustimmen würde, und zweitens bestünde ja immerhin theoretisch die Möglichkeit, daß sie nach der körperlichen Umwandlung in einen Mann gefühlsmäßig eine Frau bleibe und also gewissermaßen homosexuell sei und anfange, beziehungsweise fortfahre Männer zu lieben und sie also beide homosexuell zu sein hätten, um eine befriedigende Beziehung führen zu können. Ob ich mir jetzt vorstellen könne, was er mitmache? - - - Ich habe das Gefühl, einem Wahnsinnigen gegenüberzusitzen, der beginnt, mir seine Wahnvorstellungen plausibel zu machen und bin dankbar, als mein Reiseziel aufgerufen wird.

Hausaufgaben

Stellen Sie sich vor, sie wären gar nicht der, der Sie sind, trügen nur dessen Namen.

Au revoir
wünscht

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014