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Celeri 31 - September 2008
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Inhalt

Schwemmholz IV

Dietrich von Fern

Jazzkonzert

Frei von Schnickschnack

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 32 erscheint Anfang Oktober 2008)

 

Schwemmholz IV

Er redete gern von ... tja, das war nun nicht leicht, aber er wollte es versuchen zu erläutern ... er redete gern davon, daß er gern davon redete, gern davon zu reden, daß er gern vom Reden redete. In Kürze könne man natürlich auch sagen, daß er gern davon redete, gern zu reden. Aber wie gesagt, nur in Kürze. Genau treffe es diese Aussage nicht – Ein junger (auf Nachfrage, ca. 50jähriger) Literat forderte mehr Kühnheit, kündigte Revolutionierung der Literatur an. Man müsse dem Leser was zumuten, ihn herausfordern. Und wie? Er denke an Collagetechniken. Neuen Sinn herstellen, indem man Texte aufsprengt, die Teile hart aneinander heranführt ... ist ein noch älterer Hut zu finden? Seit man auch in der Literatur Experiment und Neuerungen versucht, verfällt alle zehn Jahre jemand auf Collageverfahren - Der Bub war ein sogenannter „schlechter Esser“, dazu wählerisch; man hatte längst aufgegeben, ihn zum Essen der gewöhnlichen Gerichte zu nötigen; die Mutter kochte ihm, damit er aß, ausgewählte Speisen, in denen er dennoch argwöhnisch herumstocherte, ehe er davon einen Bissen zu sich nahm, immer bereit, etwas schlecht zu finden – Früher war ich ein schlechter Leser gewesen, dazu anspruchsvoll; weswegen ich nur sogenannte „gute“ Bücher vertrug und eine Art Befriedigung darin fand, Schwächen in ihnen aufzuspüren und mit anderen Nörglern jene Streitgespräche zu führen, in denen es vor allem darum geht, sich gegenseitig die Irrigkeit des Urteils nachzuweisen. Daß ich ein besserer Leser geworden bin, merke ich daran, daß ich nicht mehr auf jene „guten“ Bücher angewiesen bin; ja, es ist mir nicht mehr so wichtig, ob ein Buch gut oder schlecht ist. Ich habe festgestellt, daß ich auch aus sogenanntem „Schund“ eine Menge herauslesen kann und dafür weder die literarische Qualität des Gelesenen noch meine Zustimmung zum Inhalt eine Voraussetzung ist – Als ich entdeckte, daß der Sportlehrer in einem Schachmagazin Schachaufgaben („Matt in fünf Zügen“) veröffentlichte, schrieb ich ihm anonym, als angeblicher Schachbegeisterter. Er habe übersehen, daß das Matt schon nach vier Zügen erfolge und zudem nicht schwarz, sondern weiß trifft. Ob es ihn zum Grübeln gebracht hatte?

Dietrich von Fern

Im neuen Schuljahr übernahm der Rektor den Religionsunterricht. Für die Beurteilung und Einteilung der Lehrer gab es eine handvoll Kategorien. Tauchten neue Lehrer auf, wurden sie einige Wochen beobachtet, ehe man sie einstufte und einen Spitznamen suchte. Der Rektor war so farblos, daß er es auch in anderen Jahrgängen noch zu keinem Spitznamen gebracht hatte. Nach längerer Zeit ohne besondere Vorkommnisse herrschte in der Klasse immer noch Unklarheit. Die einen, die Stets-Gehässigen, machten kurzen Prozeß und zählten ihn zu den Trotteln, die anderen, darunter ich, vermuteten in ihm eine sog. Witzfigur, der es bislang nur an Gelegenheit gefehlt hatte, sich als eine solche zu erweisen. Er fiel zuweilen etwas lästig durch eine nicht nachvollziehbare Begeisterung für ein Thema (wenn er uns etwa durch einen schwärmerischen Bericht über Missionsarbeit in Afrika „mitreißen“ wollte und wir nicht verstanden, was daran mitreißend war, wenn den armen Negern ihre Naturgötter abspenstig gemacht wurden), aber ich hielt ihn im Großen und Ganzen für harmlos (bis auf seine Marotte, einem gelegentlich überraschend mit der flachen Hand ermunternd auf den Hinterkopf zu schlagen). Nach einem Vorfall beäugte ich ihn jedoch mißtrauischer.
Einer von den Schülern war ein zierlicher Junge, rotbackig, mit seitengescheitelten, goldblonden Haaren. An Reisewochenenden fuhr er fast nie fort, da er soweit entfernt wohnte, daß sich die Fahrt nicht gelohnt hätte. Deswegen, und weil er Dietrich hieß, wurde er anfangs Dietrich von Fern genannt. Da das aber im Alltag zu umständlich war, wurde er kleiner Dietrich gerufen – nicht weniger lang, aber mundgerechter.
Eines Tages, in der Religionsstunde, wurde eine technische Neuheit unter den Bänken weitergereicht. Ein Vierfarbkugelschreiber. Sein stolzer Besitzer ließ ihn herumgehen, und eben war er beim kleinen Dietrich angelangt, der ihn fasziniert betrachtete und ihn hin und herdrehte, die verschiedenen Minen herausschob, Striche auf dem Heftdeckel machte, und, wie wir alle, zu verstehen versuchte, wie das kleine Wunder wohl funktionierte. Der Rektor hatte ihn etwas gefragt, aber der kleine Dietrich war ganz von dem Schreibspielzeug in Anspruch genommen, hatte die Frage nicht gehört und ließ, mit breitem Lächeln, die Minen hinein- und hinausschnipsen. Der Rektor war leise hinter ihn getreten und hatte ihm, zu der Frage: „Na, wird’s jetzt?“ mit der flachen Hand auf den Hinterkopf geschlagen. Sogleich war ein Geräusch zu hören gewesen, das demjenigen glich, wenn der Englischlehrer, genervt von unserem Un- oder Mißverständnis seiner Konversationsversuche, seine schwere Brille auf den Tisch warf. Auf dem Tisch vor dem kleinen Dietrich lag aber keine Brille, sondern etwas, das uns alle erstarren ließ: ein Gebiß. Der kleine Dietrich hielt immer noch den Vierfarbkugelschreiber in der einen Hand, die andere hatte er vor den Mund geschlagen, aus dem schreckliche, heulende Laute drangen. Wir alle hielten den Atem an. Ich wußte nun, warum er beim Sport so ängstlich war, beim Fußball jedesmal, wenn ein Ball auf ihn zuflog, den Kopf abwandte und die gespreizten Hände in Richtung Ball hielt und warum ihn eine ausbrechende Schneeballschlacht in Panik versetzte. Wir alle träumten von Mädchen, und da uns bereits ein Pickel an der Nase oder die Entdeckung einer winzigen Unregelmäßigkeit am Ohrläppchen in tiefe Hoffnungslosigkeit stürzte, ahnten wir, was ein Gebiß bedeutete ...
Der Rektor hatte vor Schreck den Mund aufgerissen, und dann zwei oder drei der bei Lehrern beliebten Fragen – „Was soll das denn nun?“ – gestellt. Der kleine Dietrich gab nur jenes wimmernde Heulen von sich, vor dem ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Der Rektor schüttelte panisch den Kopf, streckte die Hände nach dem Gebiß auf dem Tisch aus, riß sie wieder zurück, eilte zur Tafel, nahm die Kreide, als ob er etwas anschreiben wolle, schüttelte den Kopf, warf die Kreide auf den Tisch, faßte sich in den Mund, holte von dort ein Gebiß heraus, wollte etwas sagen, setzte das Gebiß wieder ein, stammelte, „... bist ja nicht der Einzige ... habe vollstes Verständnis ...“, riß die Tür zum Klassenzimmer auf und rief hinaus: „Kann mal jemand ...“, verstummte, wohl weil ihm nichts eingefallen war, was jemand hätte können sollen, schlug die Hände überm Kopf zusammen, schüttelte immer wieder den Kopf – als habe er plötzlich Gefallen an diesem Theaterstück gefunden, jener Posse „Der Läppische“, in der er die Hauptrolle spielte, die er nun mit immer neuen Einzelheiten ausgestaltete. Dann war draußen eine Stimme zu hören, der Lateinlehrer, der nach ihm dran war und wohl im Lehrerzimmer gewesen war, der Rektor ging hinaus, man hörte ihn aufgeregt reden, „Streich“, „aufmunternder Klaps“, „werde mich zu wehren wissen“, „Spaß hin, Spaß her“, „geht zu weit“ – einer von uns schloß leise die Tür.
Der kleine Dietrich saß zusammengekauert an seinem Tisch, das Gebiß vor sich. Bis einer sagte: „Jetzt tu’s halt wieder rein!“ und er sich eine Hand vor den Mund hielt und mit der anderen das Gebiß wieder hineinschob. Als einer fragte: „Wie kommt denn das?“ flüsterte er mit gesenktem Kopf: „Autounfall“.
Der Rektor bekam nun doch einen Spitznamen.

Jazzkonzert

Der berühmte Trompeter stand zusammengebuckelt da, die Schultern hochgezogen, den Kopf vorgereckt wie ein gotischer Wasserspeier, die Trompete senkrecht nach unten haltend, als sei sie ein Ungeziefervernichtungsgerät und er lauere auf Kriechinsekten, um sie sogleich mit einem gezielten Trompetenstoß zu vernichten. Nach jeder Tonsalve käute er, als habe er nicht in das Instrument hineingeblasen, sondern den vernichteten Käfer damit zu sich heraufgesogen. Der Saxophonist wand und schwang sich um sein Instrument herum. Es schien, als ob er etwas ausdrücken, womöglich sogar sagen wolle, das Instrument ihm aber dabei ständig im Weg sei und er es, wie er sich auch winde und verbiege, nicht vom Mund fortbringe und auch nicht auf das Naheliegende komme, es nämlich einfach abzusetzen und in einfachen Worten zu sagen, was ihm auf dem Herzen lag. Dem Gitarristen ging es ähnlich, er war mit einem breiten Ledergurt an sein Instrument gefesselt, aus dem – in heimtückischer Weise an sein Spiel gekoppelt – offenkundig starke Stromstöße in seinen Körper geleitet wurden, man sah an seinen Grimassen, wie er litt. Er versuchte, durch überraschende Duck- und Ruckbewegungen, bislang aber erfolglos, aus der Fesselung zu entkommen. Der Schlagzeuger, schräg nach hinten blickend, als empfange er von dort Weisungen, schlug im wahrsten Sinn des Wortes um sich, wohl um dadurch dem schrecklichen Schicksal zu entgehen, das man ihm angekündigt hatte für den Fall, daß man ihn dabei erwischte, in einer Sekunde weniger als drei Schläge unterzubringen. Der Kontrabassist war die Ruhe selbst; alt, schwarzhäutig, weißhaarig, hornbrillig; stoisch zog er an den dicken Saiten und ließ sie wieder schnappen, als sei er seit langem taub und habe längst vergessen, wozu man das Ganze mache.

Frei von Schnickschnack

Pause während einer Radltour. Bank im Park einer Klinik. Auf der Bank war eine Zeitschrift liegen geblieben und während ich einen Schokokeks aß, blätterte ich ein wenig darin. Das Sportereignis, der Sportler, die gutgekleidete Prinzessin, die Hungerkatastrophe, der schreckliche Unfall, der schlechtgekleidete Filmstar, das Attentat, der ehemalige Superstar und seine Figurprobleme, Sind wir zu geizig?, Sonderbeilage Lebensstil. Darin die Rubrik „fein essen“ plus Rezeptteil zum Nachkochen. Eingangs wurde die Philosophie erläutert: Kochkunst als Voraussetzung von Eßkunst; Genußfähigkeit als Bestandteil von Lebensstil – das machte mich nachdenklich. Lebensstil gibt (u.a.) auch Verhaltensweisen für den Umgang mit den Unausweichlichkeiten des Lebens an die Hand – wozu neben Tragischem und Schicksalhaftem ja auch zahlreiche Banalitäten wie Zahnschmerzen, die Grenzen der eigenen Person, Zufälle, Nahrungsaufnahme (ja, mancher mag es vergessen haben, aber: Essen ist nicht freiwillig!) zählen ... daß jedoch Kochen und Essen Bestandteil des Lebensstils sind – gewagt. Hier handelte es sich wohl um jenes sich verbreitende Verfahren, große, einst inhaltsschwere Wörter der Vergangenheit als Verschönerungsvokabular für Jetztzeit-Banalitäten zu benutzen. Hatte ich nicht erst kürzlich einen wackeren Metzgermeister von „Verkaufskultur“ reden hören? Und ließ sich das Wort „Philosophie“ mittlerweile nicht an so ziemlich alles anhängen? Marschälle, Admirale und Kardinale früherer Zeiten, die immer noch als würdige Müllmänner und Türsteher Verwendung finden.
Ein Bericht über zwei Spitzenköche sowie einen kombinierten Koch- und Eßkünstlers, der regelmäßig in Zeitschriften berichtete, wie ihm was wo geschmeckt hat (das fand ich schon immer pfiffig: sich sein Brot damit zu verdienen, daß man berichtete, wie einem eben jenes Brot geschmeckt hatte). Rezeptteil. Die drei hier schienen um die Kantine einer Geisterbahn zu konkurrieren: der eine pochierte Hirnscheiben, der andere briet Därme und der dritte kochte Kaldaunen. Jeder zeigte, wie man was „draus machen“ konnte.
Der eine versuchte sich als uriger Typ (als obs nicht allerorten schon genug derartige Darsteller gab) und lag ständig auf der Lauer nach Gelegenheiten für drastische Bemerkungen. Der zweite gab sich bodenständig-bescheiden: „Mein Leben ist Kochen“ (oh je, der Ärmste! War denn da gar nichts zu machen?). Der Dritte sah seine Rolle in der des „unbequemen, kämpferischen Verfechter einer kompromißlos klaren Linie“, was für einen Außenstehenden ziemlich rätselhaft klang, wenn man auch ahnte, daß es darum ging, worum es immer geht, wenn kämpferische Kompromißlose am Werk sind: Verbote und Ächtungen. Stets ulkig, wie die Bewohner von Rand- und Spezialgebieten (begrifflich korrekt übrigens sog. „Idioten“) aus einem selbsterfundenen, oft schrulligen, meist aber von Wahnhaftigkeiten nicht ganz freien Regelwerk sich eine Umzäunung zimmern, innerhalb derer sie ihren Laubenpiepereien nachgehen können und an der sie eine Hausordnung („Zutritt nur für ...“) anbringen können.
Seine Hausordnung, also seine Kompromißlosigkeit und seine klare Linie, besagte, daß nichts auf den Tisch gehört, was nicht zum Essen gehört. Keine Musik. Kein Tischschmuck. Kein Firlefanz. Frei von Schnickschnack.
Dies verdeutlichte Frei von Schnickschnack, der alte Possenreißer, hin und wieder, indem er vor dem verdutzten Kellner ein Blümchen aus der Tischdekoration beknabberte und als unschmackhaft zurückgehen ließ. Ha, ha. Würde mich interessieren, wie weit er geht. Sind Tischdecken erlaubt? Oder kaut er auf denen auch herum? Und das Tischgespräch? Das hätte ja, nach dem Edikt „Nichts, was nicht zum Essen gehört“ über das Essen geführt werden müssen (was nach dem, wie ich es „gelernt“ hatte, geschmacklos und tabu war). Oder wurde finster-kartäusisch geschwiegen? Und sich ganz dem Verzehrvorgang gewidmet?
Ich erinnerte mich an ein Mahl (Einlösung eines Geschenkgutscheins) in einem bekannten Feinschmeckerrestaurant. Auch dort war alles Drumherum ausbürgert, herrschte keusch-kühle Asketik, und die zum Speisenverzehr nun einmal unverzichtbare Sinnlichkeit wurde – ein Kontrollmechanismus, der prüfte, ob alles richtig gemacht worden war – völlig in den Mundinnenraum verbannt. Die Kellner beäugten mich kritisch; ob ich wohl in der Lage war, die Speisen zu würdigen? An den anderen Tischen beugten sich die Genießer kompetent über ihre Teller, auf denen ein fachmännisch zubereitetes Fleischstück nebst Gemüse und Beilage nach Art eines Gebrauchsgraphikers angeordnet war. Es wurde auch gesprochen, allerdings so gedämpft, daß ich nicht mitbekam, worum es dabei ging (gelegentlich hörte man ein „vorzüglich“ mit einem sehr langen O, oder ein „delikat“, in einzelne Silben zerlegt, als werde es diktiert).
Feinschmecker stehen im Ruf, „auch sonst“ sinnlich zu sein, aber so recht kann ich das nicht glauben. Fachmännisch betriebene Sinnlichkeit ist nicht sinnlich; niemand, der es so genau nimmt und derart eifrig über Grenzen wacht, ist sinnlich. Frei von Schnickschnacks Genußfähigkeit zeigte sich auch bei Auswahl von Kleidung, Fahrzeugen, Damen, Wohnungseinrichtungen etc. Genuß, so Frei von Schnickschnacks Diktum, war nur durch gut geschulte Sinne möglich – das war freilich professionelle Lebensfreude, nicht einfach so unqualifiziert drauflos gefreut. Irgendwie paßt diese im Ruf der Sinnlichkeit stehende Feinschmeckerei in unsere Zeit, die sich auch sinnlich gibt, aber ganz und gar antisinnlich ist.
Photos: die zwei andern im Kochkostüm. Frei von Schnickschnack sah irgendwie nach ... gehobenem Herrenausstatter aus, er lächelte zwar, aber das lebenslange kritische Begutachten von Speisen hatte ihm eine Note steter Nörgelbereitschaft ins Gesicht geprägt. „Seit fünfzig Jahren im Dienste der Eßkultur“ - daß er fünfzig Jahre lang ausschließlich wohlschmeckende Speisen zu sich genommen hatte, sah man Frei von Schnickschnack irgendwie dann doch nicht an. Er sah, ansonsten schön feist und rosig, immerhin nicht so aus, als ob er in den vergangenen fünfzig Jahren jemals Hunger gehabt hätte. Gründlich enthaart und abgeschrubbt hätte ihn kein Kannibale zurückgewiesen.
Und während ich bei einem zweiten Schokokeks über den Themenkreis „Kompromißlosigkeit, Kaldaunen, Laubenpieper, Schnickschnack“ nachdachte, fiel mir auf, daß es bei mir fast genau umgekehrt war, als bei Frei von Schnickschnack. Ich habe nichts dagegen, wenn eine Speise gut schmeckt, aber es reicht mir völlig, wenn sie „nicht schlecht“ schmeckt. Am Essen ist mir vor allem wichtig, daß es: schön aussieht.
Speisen, deren einziger Vorzug in ihrer Schmackhaftigkeit besteht – ist das nicht etwas kläglich? Dafür lohnt sich nicht das Platznehmen und erst Recht nicht das Opfern des Appetits, gar des Hungers. Es ist mir klar, daß jene Spitzenköche gar nicht in der Lage sind, schönes essen zu kochen, ja vermutlich gar nicht wüßten, was damit gemeint sein könnte.
Und was das „Nichts, was nicht zum Essen gehört“ angeht: Das Drumherum ist mir weit wichtiger als die Speisen und deren Geschmack. Da ich schlichte Speisen schätze, die nun eben auch schlicht aussehen, macht sich ein unschlichtes Drumherum zuweilen ganz gut. Für einen Teller kann ich mich so begeistern, daß es mir nahezu egal ist, was ich davon esse, ja, daß auch ein gewöhnliches Butterbrot davon geadelt wird, auf diesem Teller vor mir zu liegen. Beim Tischschmuck gehe ich gern ein wenig über ein Blumensträußchen hinaus: Spielzeug, alte Bücher, Bilderbücher, ausgestopfte Tiere, Gemüse, Steine, Schädel, Schwemmholz, Puppen, Herbstlaub ... (meine prachtvollen Blumengestecke stammen übrigens vom Friedhof – nein, nein, ich bin kein Grabschänder, aber neben dem Friedhofsportal findet sich ein Container, der von der geschäftigen, auf Umsatz bedachten Friedhofsgärtnerei täglich mit den herrlichsten – und wie mir scheint, zuweilen kaum einen Tag alten – Blumengebinden gefüllt wird. Und wenn einem die mißbilligenden Blicke der anderen Friedhofsbesucher nichts ausmachen, kann man armvoll üppigen Blumenschmuck nach hause tragen). Meine Freude am Drumherum führt sogar soweit, daß ich zuweilen das Essen gleich ins Freie verlege. Musik (erst recht jene aus dezent angebrachten Lautsprechern verübte Beschallung mit klassischem Unrat – womit wohl den Gästen geschmeichelt werden soll, indem man tut, als glaube man, daß sie sogar beim Verzehr von Speisen wie auch bei der Entledigung von denselben ihren Mozart brauchen) ist in der Tat eine Unsitte. Aber etwas Radau ist recht hübsch: Spieluhren (mehr als zwei!), Aufziehspielzeug, ein eiernder Plattenspieler, ein Vogelbauer : wunderbar. („Richtige“ Musik hingegen finde ich an sich schon scheußlich, beim Essen nicht weniger. Höchstens ein kleiner Stehgeiger. Aber nicht zu nah!).
Ein Mann tauchte auf, verlegen, die Zeitschrift da ... sie gehöre ihm ... er habe sie versehentlich liegengelassen ... wenn es mir nichts ausmache ...
„Aber natürlich. Bitte.“
„Danke.“ Er sammle die Rezepte ... zum Nachkochen ... als Überraschung zum Hochzeitstag ...
„Was denn? Die Hirnscheiben?“
„Nein. Die Gekrösebratlinge.“
Ich holte noch einen Schokokeks aus der Packung. Ein kleines Mädchen hatte mich mal gefragt: „Wie heißt das Innere von Schokokeks?“ Meine Vermutung – „Schokoladencreme?“ – war falsch gewesen, und sie hatte mich belehrt: „Okokek“. Ich aß also, während ich dem sich entfernenden Hobbykoch hinterher sah, einen okokekgefüllten Schokokeks.

Hausaufgaben

Welchen Spitznamen hätten Sie dem Rektor gegeben?
Überraschen auch Sie Ihre Lieben mit selbstgebratenen Därmen.

Viel Erfolg und guten Appetit wünscht

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014