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Celeri 32 - Oktober 2008
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Schwemmholz V

Ein bunter Ball, der überall im Weg war – Kayf, arab., die Fähigkeit, jederzeit, auch ohne Grund, den Augenblick zu genießen – soziale Mißstände sind immer und überall eine Schande, legen sie doch Zeugnis davon ab, daß diejenigen einer Gesellschaft, die Macht und Mittel dazu hätten, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, es unterlassen – Daß es das Fasten gibt, zeigt, daß Essen nicht satt macht – Im Radio, ein Bedenkengeber: „Wir, die Konservativen, sind gewiß nicht prinzipiell gegen Menschlichkeit, geben aber zu Bedenken, daß zuviel davon der Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen kann“ – Einer sprach sich dafür aus, „nach reiflicher Überlegung“ unsere Truppen zum Einsatz zu schicken; warum eigentlich erst „nach reiflicher Überlegung“?; die man sich doch sparen kann, wenn das Resultat schon feststeht – den einen, einen Greis, der die erreichten Lebensjahre für Meriten hielt, machte alles, was jünger war als er selbst, mißtrauisch, den anderen, einen beschränkten Dumpfkopf, alles, was anders war als er selbst – Kultur in unserer Gesellschaft. Stehempfang. Gespräch zwischen zwei Unternehmern. Man kommt auf den etwas einfältigen und lethargischen Sohn eines Nichtanwesenden. Der sei jetzt endlich untergebracht. Kulturamtsleiter. Wer sonst nichts kann, den kann man immer noch in die Kultur stecken, da kann er nicht viel Schaden anrichten – Photographie eines Platzes in einer asiatischen Großstadt, Menschengedränge, auch in den auf den Platz einmündenden Straßen. Ich stelle mir vor, daß diese Menschen die unterschiedlichsten Charaktere und Lebensläufe haben, dumm oder klug, dumpf oder aufgeweckt sind, boshaft oder freundlich, nachdenklich oder oberflächlich; daß im Kopf jedes dieser Menschen nachts Träume stattfinden; daß jeder dieser Menschen Pläne, Hoffnungen, Ziele hat; kurz, daß es Menschen sind wie ich selbst, wie wir alle auch.

Oratorium, Windelerwägungen und eventueller Mord

Drüben, im rechten Winkel zu meinem Zuhörerblock, saß, in der ersten Reihe, unser Musiklehrer, schlug ab und zu Seiten in einem gelben Buch um, bewegte lautlos den Mund und wackelte manchmal mit dem Kopf. Er las in der Partitur mit, eine, wie ich fand, etwas bemühte Art, Musik zu hören. Aber er tat es, um, wie er sagte, den Genuß zu erhöhen, vermutlich aber, weil er fand, ein Musiklehrer wirke besonders sachverständig, wenn er während des Konzerts in der Partitur mitlas. Zu seinem Erstaunen hatte auch ich mich für eine Partitur angemeldet. Meine Absicht, im Schutze dieser Partitur den „Zarathustra“ weiterlesen zu können, mißlang. Als der Musiklehrer später vorwurfsvoll fragte, warum er mich nicht in der Partitur habe lesen sehen, hatte ich geantwortet: „Zu duster.“
Neben ihm saß der Rektor, der auch den Religionsunterricht gab. Sein derzeitiger Schwerpunkt war der Themenkomplex „Willensfreiheit und Verantwortung“. Die Auseinandersetzung damit hielt er für die Entwicklung eines Jugendlichen zum Erwachsenen für nützlich und unabdingbar. Ich fragte mich manchmal, ob er sich mit dem Sportlehrer abgesprochen hatte, der uns wiederum die Freuden der „Willensstärke“ pries und deren Ausbildung als das eigentliche Ziel der Leibesübungen betrachtete, die er mit uns durchführte.
Der Religionslehrer betonte, daß er die Antwort nicht vorwegnehmen wolle, wir hätten selbst drauf zu kommen - ein Rätselonkel, der eine knifflige Aufgabe gestellt hatte, und den Zettel mit der Lösung hinter seinem Rücken verbirgt.
Ich vermutete, daß er selbst sich nicht sicher war, wie diese Antwort lautete, denn einerseits kam er uns gelegentlich – und nicht ganz frei von Schadenfreude, zum Beispiel, wenn der Wandertag verregnete – mit jenem etwas bäurischen „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ daher. Andererseits war ihm wichtig, daß unser Wille frei war, ansonsten wir ja nicht schuldig werden könnten, und es unnötig wäre, Schuld zu empfinden und Buße zu tun. Ich ärgerte mich darüber, daß mein Wille lediglich dazu frei sein sollte, damit ich Fehler machen konnte und mich für sie schämen konnte.
Daß zumindest der Sportlehrer an die Willensfreiheit glaubte, hielt ich für ausgemacht, denn wozu hätte ich einen Willen stärken sollen, der ohnehin unfrei war? Damit er eindrucksvoller an den Gitterstäben rütteln konnte?
Der Religionslehrer versuchte, unter diversen Aspekten, unser Interesse für den „Problemfall“ Willensfreiheit und dem daran anhängenden Gestrüpp aus Schuldgefühlen, Buße, Verantwortung etc, mit immer neuen Anekdoten, Fragestellungen und Geschichten anzufachen. Sein jüngstes Beispiel – er hatte zu Beginn der Stunde „Willensfreiheit und/oder Zufall?“ quietschend an die Tafel gekreidet – hatte er dem Motorsport entnommen. Bei einem Autorennen war auf der Zielgeraden ein Fahrer in die Seitenbegrenzung der Rennbahn gerast, das Auto hatte sich überschlagen, dabei hatte sich die Motorhaube abgerissen und war, ein rotierender, rechteckiger Diskus, zur Tribüne hinaufgesegelt. Ein junger Zuschauer, der sich eben gebückt hatte, um seine Schuhe zu binden, war, auf einen allgemeinen Aufschrei hin, hochgefahren, um eine eventuelle spannende Szene nicht zu verpassen und hatte, den Hals reckend zur Rennstrecke hinabgesehen, als ihm die Motorhaube den Kopf abschlug. Soweit die Geschichte. Wie immer fragte er, ob wir verstünden? Wie immer verstand niemand, was das mit Willensfreiheit zu tun hatte, und er würde auch noch den Rest der Stunde sowie die nächste dazu brauchen, es uns klarzumachen.
Wir sollten uns zunächst einmal das Furchtbare dieses Unglücks vergegenwärtigen, und dann die tragische Reichweite des Geschehnisses vor Augen halten: Die ganze Zukunft abgeschnitten! Seine Kinder ungeboren! rief der Religionslehrer.
Ich hatte, meine Fähigkeit im Konjunktivischen ausnützend, darauf hingewiesen, daß wohl keine Frau der Welt sich grämen würde, weil sie glaubte, daß gerade dieser unglückselige Enthauptete ihr künftiger Gemahl und der Erzeuger ihrer Kinder gewesen wäre.
Das ganze restliche Leben auf einmal ausgelöscht!
Dieses restliche Leben habe ja noch gar nicht stattgefunden und könne deshalb nicht ausgelöscht werden.
Aber es hätte stattfinden können!
Hätte, hätte, hätte, dachte ich, sagte dann aber, daß niemand wissen könne, was er mit diesem restlichen Leben angestellt hätte.
Wie ich das meine?
Vielleicht wäre er ein Verbrecher geworden. Oder ein mieser Typ, der täglich Frau und Kinder verprügelt. Oder einer jener Politiker, die Abertausende in einen Krieg schicken und wiederum deren restliches Leben auslöschen.
Der Rektor war verstummt und hatte, bestimmt verstimmt, die Lippen aufeinandergepreßt. Dann fand er wieder Worte und versuchte, unsere Phantasie anzuregen: Hätte der Bedauernswerte Mensch nur etwas länger an seinen Schnürsenkeln geknüpft, oder hätte einen Augenblick früher oder später die Tribüne betreten und einen anderen Sitzplatz bekommen ... wenn wir darüber nachdächten, dann bekämen wir eine Ahnung vom Schicksal.
Ich machte den Religionslehrer darauf aufmerksam, wie kurios es doch eigentlich sei, daß jemand kurz vor seiner Enthauptung noch seine Schuhe neu band.
Er wisse nicht, worauf ich hinauswolle. Ob der tragische Tod eines Menschen der richtige Anlaß sei, von „kurios“ zu reden? Ob ich völlig verroht sei und nicht das Furchtbare, das Ungeheuerliche empfände?
Wir sollten uns nur mal vorstellen. So mitten aus dem Leben ...
Ich verspielte meine wenigen Sympathiewerte bei ihm vollends, als ich darauf einwandte, daß für denjenigen selbst, der unvorbereitet getötet wird, sein Tod eigentlich gar nicht so furchtbar ist. Weil er, der Tod, im Grunde gar nicht stattfinde. Er habe seine Schuhe geschnürt, sich auf den allgemeinen Aufschrei hin neugierig aufgerichtet und ... furchtbar sei es allenfalls für die Augenzeugen oder seine Familie gewesen. Er selbst habe seinen Tod nicht kommen sehen, also nicht einmal Todesfurcht empfinden können und ihn, seinen Tod, sozusagen gar nicht bemerkt.
Vielleicht habe er ja eine Ahnung gehabt, bzw. die Motorhaube heransegeln sehen und sich deswegen gebückt, dann gesehen, daß sein Schnürsenkel aufgegangen war, beim Binden desselben vergessen, weswegen er sich gebückt hatte und sich leider zu früh wieder aufgerichtet. Daran sehe man, daß es Situationen gebe, in denen die Willensfreiheit gar nicht zum Tragen komme und es also auch keine Rolle spielen würde, ob es sie gebe oder nicht.
Der Lehrer fing mit einer schwierigen Argumentation an, in der er versuchte, Willensfreiheit und Ernsthaftigkeit der Beschäftigung – worunter man ja den Besuch einer Motorsportveranstaltung schwerlich rechnen könne – zusammenzubacken. Willensfreiheit dokumentiere sich hier im Vermeiden von mit oberflächlichen Beschäftigungen zusammenhängenden Gefahren und in der bewußten und vollverantwortlichen Hinwendung zu ernsthaften, das heißt, auf ernsthafte Ziele gerichteten ...
Ich erinnerte den Lehrer an den Pfarrer des Nachbarortes, der, seit er bei einer ernsthaften Betätigung, nämlich dem Halten einer Predigt, mit der Kanzel aus drei Metern Höhe heruntergefallen war, einen Krückstock benützte.
Das sei kein Beweis, hier streife man den Bereich des Göttlichen, in dem wieder andere Bedingungen gälten. Ich solle hier bloß nichts durcheinanderbringen und versuchen, mit menschlichen Mitteln göttliche Fragen zu klären. Ich solle mich vielmehr der Tatsache zuwenden, daß – weil das Leben ohne eigenes Zutun abgeschnitten worden sei – auch die Möglichkeiten dieses Lebens abgeschnitten worden sei. Und da stelle sich eben die Frage: Ist es möglich, sein Leben aus eigenem Zutun zu beeinflussen? Zum Beispiel etwas zu unterlassen?
Wir sollten uns etwa einmal damit befassen, ob es möglich sei, zum Beispiel statt eines Schurken kein Schurke zu werden?
„Aber weiß ich denn, ob ich überhaupt ein Schurke werde?“
Aber, trumpfte er auf: Du kannst dennoch alles tun, um keiner zu werden!
Obwohl ich womöglich sowieso keiner würde? Es wäre doch gut, seine Kraft nicht auf etwas zu verschwenden, das ohnehin nicht eintritt, sondern lieber erst dann, wenn man merkt, daß man im Begriff ist, ein Schurke zu werden, dagegen anzugehen.
Und das glaube ich tun zu können? Die Frage tönte etwas höhnisch.
„Ich habe nicht vor, ein Schurke zu werden“, stellte ich klar.
„Und wenn du trotzdem einer wirst?“
Mir hingen diese Debatten um Willensfreiheit zum Hals heraus. Wie es sich damit verhielt, das konnte doch jeder sehen, der die Augen offen hielt. Es gab vielleicht ein Stellschräubchen, ein ganz winziges. Ich hatte die Abhängigkeit jeder Regung und jeden Tuns von anderen Regungen und anderem Tun längst bemerkt. Überall stieß man auf Schwierigkeiten, ständig ging etwas schief, trat etwas ein, das gar nichts mit seiner Absicht zu tun hatte, aber sie dennoch vereitelte, ständig kam eine Motorhaube angesegelt, ein Glück, wenn man gerade die Schnürsenkel band. Was sollten da Erörterungen der Willensfreiheit. Erörterungen der Willensfreiheit, das hielt ich für etwas wie die Gespräche von Kindergartenkindern über ihre gewaltigen Fähigkeiten.
Pause. Eine Dame meinte zu einer anderen erbost, daß es ungeheuerlich sei, was dieser Banause (sie wies mit dem Kinn auf meinen Musiklehrer) mit seiner verdammten Partitur für ein Geraschel veranstalte. Sie hätte ihn am liebsten erwürgt – Musik brachte die edelsten Seiten des Menschen zum Vorschein. Die andere Dame erklärte, daß sie Konzerte in der Kirche sowieso nicht liebe; immer diese Bittstellerei, wenn man im Café gegenüber aufs Klo wolle, ohne konsumiert zu haben. Auch wenn die Kellnerin beteuere, daß man, auch ohne zu konsumiert zu haben, gern aufs Klo dürfe – sie sehe ihr doch an den Augen an, was sie wirklich denke. Konsumiere man aber und trinke um des lieben Friedens willen rasch im Stehen eine Tasse Kaffee, dann stehe man eine halbe Stunde später wieder vor demselben Problem, sitze aber nun im Konzert. Ob daran überhaupt jemand denke, daß für jemanden wie sie, die nicht mehr tip-top auf der Blase sei, ein längeres Konzert eine Qual sei? Aber für die Kultur nehme man es halt auf sich. An Konzerttagen höre sie immer schon mittags zu trinken auf. Aber trotzdem. Eine Qual. Sie habe schon Windeln erwogen. Eine Schande sei es, daß man als kulturbeflissener Zeitgenosse überhaupt dahin komme, nämlich den Einsatz von Windeln zu erwägen, um den Messiah genießen zu können, eine Schande.
Nach der Pause sah ich meinen Musiklehrer, hinter ihm die Windelerwägerin mit Leidensmiene und seine eventuelle Mörderin, die böse über die Schulter auf seine noch zugeschlagene Partitur spähte. Er tat mir irgendwie leid. Der Dirigent hob den Stab. Es ging wieder los.
Was die Willensfreiheit anging, hatte ich mich längst entschlossen, das Ganze anders zu sehen. Ich glaubte nicht an die Willensfreiheit, auch wenn es sich so anfühlte, als ob man eine besäße. Daß es keine gab, war offensichtlich. Ich konnte keinerlei Anzeichen entdecken, die dafür sprachen. Ich konnte mich nicht erinnern, schon jemals etwas aus freiem Willen getan zu haben. Doch: Als Kind, als ich riet, in welcher geschlossenen Hand das Grashälmchen verborgen war, das darüber entschied, wer suchen mußte, und wer sich verstecken durfte. Waren denn eine freie Willensentscheidung etwas anderes als ratlose Raterei? Man fällte doch alle Entscheidungen aus Gründen – erwartbare Vorteile oder Nachteile, Bequemlichkeit, Ängstlichkeit, ein unbedingter Wunsch nach etwas. Für den Hundertmeterlauf etwa trainierte ich nicht aus freiem Willen, sondern weil ich die Anerkennung wollte. Auch im Leben keines mir bekannten Erwachsenen schien je eine Willensentscheidung gefällt worden zu sein. Doch: als meine Eltern sich im Urlaub verfahren hatten und mein Vater an der unbeschilderten Straßenkreuzung entschied, wohin wir abbiegen würden. Eine freie Willensentscheidung war nicht nur völliger Quatsch gewesen, sondern auch eine Pein; falls es nämlich dabei um eine wichtige Sache ging. Denn wer zog in einem solchen Fall gern an einem Grashälmchen? Man suchte doch stets nach Gründen, die es einem erließen, frei entscheiden zu müssen.
Aber ganz gleich, ob es sie gab oder nicht, und ganz gleich ob ich an sie glaubte oder nicht: Wichtig war doch, daß ich bei meinen Entscheidungen immer davon auszugehen hatte und so zu tun hatte, als gäbe es sie. Auch wenn ich vom Gegenteil überzeugt war! Ansonsten machte ich mich doch zum Kasper und führte ein Leben und täte zugleich so, als sei es nicht meines und alles was ich unternahm sowieso nicht meine Idee.
Zwar war ich mir noch nicht im Klaren, was ich mit meinem Leben anfangen würde, aber wenn ich davon ausginge, daß es ohnehin nicht in meiner Hand liege, dann wäre doch alles, was ich tat, Faxenmacherei – eine Beleidigung.
Der Musiklehrer hob er den Kopf und sah sich dezent nach seinen Schülern um und nickte ihnen, soweit er sie entdeckte, unmerklich zu. Ich verstand: gleich käme das berühmte Halleluja, das wir schon etliche Male im Unterricht gehört hatten. Er hatte uns, zur Verdeutlichung immer wieder die Faust ballend, darauf hingewiesen, wieviel Freude und Optimismus das Stück ausdrückte. Wie mitreißend es sei (Wir hatten den Rhythmus klatschen müssen. „Fühlt ihr es?“). Daß es wie ein Ruck durch einen gehe. Daß einen die Begeisterung packe. Daß es einen geradezu hochrisse. (Wir sollten es nur einmal probieren, indem wir alle gleichzeitig aufsprangen und die Fäuste ballten, vielleicht auf „Lu“? ... nein, besser gleich auf „Ha“ ... nein, noch besser, die eine Klassenhälfte auf „Ha“, die andere auf „Lu“).
Ich sah mich um. Hier riß es niemanden hoch. Die Zuhörer waren, völlig entgeistet, hingestreckt in der Debilität ihrer musikalischen Vollnarkose. Der Rektor saß da, als hätte er vergessen, wer er war und bemühe sich, es sich nicht anmerken zu lassen. Eine ältere Frau schräg vor mir schien etwas zu merken, tauchte aus ihrem Halbschläfchen auf und blickte sich fragend um („Was’n los?“). Der Musiklehrer und versuchte auszusehen, als koste es ihn Überwindung, nicht aufzuspringen, nicht merkend, in welcher Gefahr er schwebte, hatte sich doch seine mögliche Mörderin vorgebeugt und mit Abscheu ihre Augen auf sein den Rhythmus markierendes Fäustchen geheftet. Ihre Nachbarin hatte das „Halleluja“ ebenfalls erkannt und wohlig die Augen geschlossen, als genösse sie die Klänge wie plötzlich sich ausbreitende Wärme.

Jubiläen, Nachrufe und längst vergangene Neuigkeiten aus ländlichen Anzeigern III

In Birnbaumbellenbach ist seit einiger Zeit ein überdurchschnittlich hohes Vorkommen von Anonymität zu beobachten. Grüße mit namentlicher Anrede kommen praktisch nicht mehr vor. In völliger Anonymität etwa durchquerte am Freitagnachmittag ein männlicher Ortsfremder den Ortsteil Pfeilgrad. Für die Vermutung, daß es sich dabei um einen ortsunkundigen Gelegenheitsdieb, der sowohl sein Vorhaben als auch das Tatwerkzeug vergessen habe, konnte keine Bestätigung aufgetrieben werden.

Ein ca. 55jähriger Beifüßler erklärte: „Wenn ich gewußt hätte, was da auf uns zukommt, hätte ich es nicht so weit kommen lassen.“ Aber jetzt müsse man halt das Beste draus machen. Offen ist die Rede von Trittbrettfahrern.

Das Familienoberhaupt äußerte angesichts seiner vier Kinder Zweifel. Er könne sich beim besten Willen nicht erinnern, mehr als drei gezeugt zu haben. Der Umstand des vierten Kinds habe zu erheblichen Verstimmungen zwischen ihm und seiner Frau geführt, die mittlerweile allerdings schon verstorben sei. Die Herkunft des vierten Kinds habe nie zweifelsfrei geklärt werden können

Ein Arzt erlebte nach seinem jährlichen Wanderurlaub im Schwarzwald eine böse Überraschung. Seine Urlaubsvertretung, ein Arzt gleichfalls mit Praxis im hiesigen Städtchen, hatte zwei seiner Patienten geheilt. Der vertretende Arzt beteuerte, nicht gewußt zu haben, daß deren Krankheit unheilbar seien. Der mittlerweile wieder tätige Hausarzt äußerte sich menschlich zutiefst enttäuscht von der Einmischung eines Kollegen in seine Krankheitsfälle. Mit der Heilung dieser Patienten, die nun schon jahrelang in seiner Obhut lägen, gehe ihm eine schöne Einnahmequelle verloren. Er erinnere an die Volksweisheit: „Die Toten und die G’sunden, sind nicht des Arztes Kunden“. Anderen Kollegen die Geschäftsgrundlagen zu vernichten ... nun, man werde schon sehen, wie lange die vermeintliche Heilung halte.

Schade

Flaniere abends durch die fremde Stadt, kehre in einem Gasthaus ein. Am Tisch neben mir fünf Männer. Aus ihren Gesprächen entnehme ich, daß es Buchhändler sind.
Über die Äußerung eines von ihnen muß ich lachen, man prostet sich zu, man bittet mich an den Tisch. Ich erfahre, daß es der monatliche Buchhändlerstammtisch ist. Ich gebe mich als Schriftsteller zu erkennen.
Zwei haben schon mal ein Buch von mir verkauft, einer sogar zwei Exemplare, einer hat schon mal von mir gehört, die anderen beiden sind sichtlich verlegen.
Ich frage, was der Grund für das monatliche Treffen ist. Zögern.
„Trost und Zuspruch“, sagt schließlich einer. Lachen.
„Aber im Ernst: Bißchen Quatschen, was Trinken, später ne Kleinigkeit essen. Wissen Sie“, erklärt mir einer, „für unsereinen ist das Thema Literatur nach zwei drei Abenden abgegrast. Da gibts nichts mehr zu sagen. Und keiner hat Lust, jedesmal aufs Neue das Alte durchzukauen.“
Man beschließt aber, aus Anlaß der Anwesenheit eines leibhaftigen Schriftstellers wieder einmal das Thema „Literatur“ als Gesprächsgegenstand zu wählen.
Man kommt auf das Thema „Das Gute Buch“ und wie man Leser für dasselbe finden könnte.
Ich habe die Idee, daß hier ja die Schulen einiges leisten könnten und ... riesiges Gelächter.
„Der war gut!“ ruft einer. „Den bauen Sie bitteschön im nächsten Buch ein. Die Lacher werden auf Ihrer Seite sein. Die Lehrer als Hüter und Beförderer der Literatur und die Schulen als Brutstätten künftiger Leser! Wirklich gut.“
Ich frage, was denn daran so abseitig sein soll. Immerhin würde im Deutschunterricht doch auch Literatur be... ich breche ab, weil mich alle sehr grinsend ansehn. Als warteten sie darauf, welchen Irrsinn ich noch alles äußern würde.
„Wissen Sie“, setzt einer an. „Da kennt sich jeder von uns aus und kann Ihnen sagen, was vom Deutschunterricht zu erwarten ist. Bei uns bestellen nämlich auch die Lehrer ihre Bücher, die Bücher wohlgemerkt, die sie privat lesen oder verschenken.“
„Und?“
Sie sehen sich an, wer die Antwort geben darf. Einer sagt schließlich.
„Bescheiden.“
„Wirklich?“ frage ich ungläubig.
Man nickt.
„Da wird über die Jugendlichen gemosert, gern auch von ihren eigenen Deutschlehrern, daß sie nur noch am Bildschirm hängen und nichts mehr lesen, aber wenn sie die Lektüre der Deutschlehrer anschauen: die können Sie als Brechmittel verwenden.“
Schade.
„Aber sagen Sie es bloß nicht weiter!“ ermahnen sie mich. Verflixt, jetzt hab ich’s schon aufgeschrieben.
Da fällt es dem Buchhändler, der schon mal von mir gehört hat, ein, daß er mich verwechselt habe. Ihm sei es gleich komisch vorgekommen. Er habe mich mit Soundso verwechselt. Mich, bzw. meine Bücher, kenne er gar nicht.
Schade.

Hausaufgaben

Machen Sie einmal etwas aus freiem Willen. Aber nicht mogeln. (Es muß zum Beispiel etwas Unnötiges sein (Wenn’s nötig wäre, dann würden Sie es ja nicht aus freiem Willen tun).

Viel Erfolg wünscht

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014