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Celeri 35 - Januar 2009
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Inhalt

Sammeln

Philosophische Haarspaltereien bei Tisch

Der Teufel

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 36 erscheint Anfang Februar 2009)

 

Sammeln

Er gestand, daß er Sammler sei. Und zwar leidenschaftlich. Seine Sammelobjekte machten mich ratlos. CDs. Sammeln ist an sich etwas Merkwürdiges. Ein freiwillig zugelegtes Krebsgeschwür. Aber daß jemand industriell gefertigte Massenware sammelt, billigen Plastikplunder – ich wußte nicht, was ich davon halten soll. Und dann noch mit Leidenschaft. Er bemerkte wohl meine Zurückhaltung. Um mein Interesse zu wecken, erwähnte er, daß er natürlich auch viele Raritäten habe. Fehlpressungen, Raubkopien aus Fernost, Vorabveröffentlichungen in kleiner Auflage, nicht mehr Erhältliches. Ich erwähne, daß ich auch eine Rarität habe, eine Schellack-Aufnahme von Maria Callas. Er winkt lachend ab: „Wenn ich damit auch noch anfangen würde ...“ Das verstehe ich, man muß Grenzen ziehen. Ich mache ihn auf die Punk-Szene aufmerksam, wo die Bands oft nur hundert CDs veröffentlichen. Garantiert rar. Es ist ihm unbehaglich. Ich verstehe: er will Mainstream, aber seltenen. Er führte mich in sein Archiv, ein temperiertes Dachzimmer. „Und hier“, scherzt er, indem er mir den Vortritt läßt, „das Allerheiligste.“ An die 8.000 CDs. „Rund ein Viertel von dem, was Sie hier sehen, können Sie nicht mehr im Handel bekommen. Keine Chance!“ Ich bemühe mich um einen „Ach!-Schade“-Gesichtsausdruck. Sehr ordentlich. Ein Zimmer voller Regale voller CDs sieht aus wie eine Karikatur einer Bibliothek, in der alle Bücher gleich groß sind. Ich sehe kein Abspielgerät. Er schüttelt den Kopf und belehrt mich: „Abspielen heißt Abnützen.“
Einige Tage später klingelt das Telephon. Es dauert einen Moment, bis ich weiß, wer dran ist: Der CD-Sammler. Er habe aus Neugier mal recherchiert (von „recherchieren“ reden Internetbenützer, wenn sie „was nachgucken“ meinen). Er ist offenkundig aufgeregt. Ob ich denn wüßte, was die Callas-Schellackplatte unter Sammlern wert sei? Ich beruhige ihn erst einmal. Weise drauf hin, daß ich kein Sammler bin, sondern ganz einfach Callas-Fan. „Sie sollten die Platte auf keinen Fall abspielen.“ Ich beruhige ihn. „Schallplatten werden mit jedem Abspielen schlechter und verlieren an Wert.“ Ich sage ihm, daß ich nicht deswegen die Platte nicht abspiele, sondern weil die Einspielung nichts Besonderes ist. Maria Callas sollte ihre Höchstform erst viele Jahre später erreichen. Technisch, fügt er an, könne man alte Aufnahmen ja sowieso vergessen. Ich ergänze, indem ich ihm erzähle, daß legendäre Aufnahmen oft in recht schlechter Aufnahmequalität vorlägen, oder in Konzertmitschnitten mit vielen Nebengeräuschen. Das versteht er nicht; daß auf einer miesen Aufnahme gute Musik sein soll? „Das macht doch keinen Spaß. Wenns ständig knistert und rauscht?“ Das mache nichts, versichere ich ihm, ich höre ja nicht auf die Schallplatte, sondern auf die Musik. Kleine Pause seinerseits. Vermutlich um ein paar Vokabeln wie „Volldepp“ etc. im Geiste auf mich anzuwenden.
Er konzentriere sich in seiner Sammlertätigkeit ja eher auf moderne Musik, habe aber der Vollständigkeit halber auch die zwei berühmten Opern von Verdi. „Toschiata“ und ... na, er komme jetzt grad nicht drauf (schade, ich war schon gespannt, wie die andere hieß). Da singe eine junge Russin. „Also 1a!“ Und ebenso 1a die Leistung der Toningenieure. Wir kamen auf Studiotechnik zu sprechen und ich erwähne, daß ich mir demnächst eine Oper anschauen, bzw. anhören werde. „Konzerte sind nichts für mich“, sagt er sofort. „Zu viele Nebengeräusche. Wenn ich Musik höre, dann nur in absoluter Stille.“ Die, wende ich ein, gebe es aber doch gar nicht. „Aber freilich. Ich höre Musik nur mit einem erstklassigen Kopfhörer.“ Still sei es trotzdem nicht, beharre ich ein. „Aber sicher, absolut still sogar. Das ist kein gewöhnlicher Kopfhörer, wie Sie ihn sich vielleicht vorstellen. Meiner blendet jedes, aber auch noch das leiseste Außengeräusch weg.“ Die Außengeräusche vielleicht schon, wende ich ein, aber nicht die Innengeräusche. Was das heißen solle? Ob ihm, frage ich, noch nicht aufgefallen sei, wie laute seine Eigengeräusche gerade dann werden, wenn die Außengeräusche wegfallen. Eigengeräusche? „Das Schlucken des Speichels. Das Atmen. Und wenn es sehr still sei, dann hören Sie eventuell auch ihren eigenen Herzschlag, ja, vielleicht sogar das Schlagen ihrer Augenlider – letzteres können Sie vielleicht unterlassen, aber die anderen Geräusche können Sie kaum für längere Zeit, und sei es einen kurzen Schlager, abstellen.“ Das machte ihn nachdenklich. Dann fiel ihm wieder Maria Callas ein. Ob ich sicher sei, daß es wirklich die Schellackaufnahme von Maria Callas sei? Ich bat um etwas Geduld, legte den Hörer ab, wartete ein Weilchen, nahm den Hörer wieder auf. „Sind Sie noch dran?“ „Ja, und? Ist es die Callas-Schellack?“ Tja, sie sei es, gewesen, denn während ich das Etikett studiert habe, sei mir die Platte aus den Händen geglitten und ... „Was!“ schrie er. „Und jetzt?“ – „Sie wissen ja, Schellack: Das zerspringt in Hunderte von Scherben ... nichts mehr zu machen.“ – „Das gibts doch nicht!“ schrie er. Ob ich wisse, wieviel in Sammlerkreisen ...

Philosophische Haarspaltereien bei Tisch

Ich hörte, wie am Nachbartisch des Internats-Speisesaals ein Gespräch im Gange war. Der Sportlehrer hatte während seiner Studienzeit einige Vorlesungen Philosophie gehört und stachelte uns mit Berichten davon nun manchmal zu Haarspaltereien an. Heute war es um „die beste aller Welten“ gegangen. Das hatte einigen Widerspruch hervorgerufen, aber unser Klassenprimus hatte sich, wie immer, sogleich auf die Seite des Lehrers geschlagen und wiederholte nun in selbstgefälligem Tonfall dessen Ansichten.
Ich drehte mich um und warf in das Gespräch ein:
„Wir leben nicht nur in der besten, sondern zugleich in der schlechtesten alles Welten.“
Er wies mich sofort zurecht: das eine schlösse das andere aus.
„Aber nein“, widersprach ich. „Wenn wir in der besten aller Welten leben, dann müssen wir sogar zugleich auch in der schlechtesten leben. Und außerdem“, fügte ich an: „leben wir zugleich in der gelbsten aller Welten.“
„In der gelbsten?“ staunte der Primus.
„Jawohl! Es hat zwar zweifellos schon gelbere Welten gegeben, vergangenen Herbst etwa, aber momentan ist diese Welt zweifellos die gelbste. Weil – (ich beeilte mich, denn ich hatte den tadelnden Blick des die Aufsicht führenden Lehrers bemerkt; Gespräche von Tisch zu Tisch waren nicht gern gesehen) – weil du (Trottel, dachte ich mit) jedes beliebige Adjektiv in den Superlativ setzen und in diesen Satz einfügen kannst: er stimmt immer.“

Der Teufel

Ein windiger Tag. Ich ging spazieren, schlug einen Weg ein, den ich noch nie gegangen war, einen Hang hinauf zu einem Waldrand, ging am Waldrand entlang, bis ich auf eine Bank stieß. Ich war erstaunt, hier eine Bank zu finden, setzte mich, der Wind blies kräftig, ich wickelte mir den Schal um Hals und Ohren, steckte die Hände in die Jackentaschen. Man sah weit ins Land hinaus, in der Ferne, aber scheinbar nah, die Alpen. Obwohl es kalt war, fühlte ich mich schläfrig. Noch während mir die Augen zufielen wunderte ich mich darüber. Aber so warm eingehüllt hatte es auch etwas Gemütliches, im kalten Wind zu sitzen. Ehe ich die Augen wieder öffnen konnte, faszinierte mich ein Traumbild : ich sah mich selbst, wie ich gerade auf der Bank einschlief, und zwar verwandelte sich das Bild, je mehr ich einschlief, desto mehr in eine Federzeichnung Alfred Kubins, bis schließlich nicht mehr ich im kalten Wind saß, sondern das Blatt mit der Zeichnung im Wind flatterte. Ich betrachtete fasziniert die Zeichnung, auf der, das wußte ich, ich selbst zu sehen war, wie ich im nämlichen Augenblick aussah.
Mich begann mehr und mehr zu beschäftigen, wer, wenn das auf dem Bild ich war, dann der Betrachter des Bildes war, als ich unversehens wieder aufwachte.
Ich wandte den Kopf und sah, daß ich nicht mehr allein war. Neben mir saß ein Mann auf der Bank, mit stark fliehender Stirn und eigenartig nach hinten ausgebuchtetem Schädel. Er wandte den Kopf. Seine Augen waren zugleich sehr eng stehend und schräg. Mir schien, ich müßte schielen, wenn ich ihm in die Augen sehen wollte. Ohne, daß ich bewußt überlegt hätte, dachte es in mir : das ist der Teufel.
Sogleich aber fiel mir ein: Nein. Denn der Teufel versucht, angenehm zu erscheinen, und nimmt deswegen stets ein den Menschen angenehmes Äußere an.
Da sprach mich die Gestalt an.
„Ich fand Sie hier sitzen. Merkwürdig, wie mir schien. Erst hielt ich sie für tot. Dann sah ich, daß sie atmen. Ich beschloß, mich zu setzten und Wache zu halten.“
Ich wußte nicht, was sagen und sah ihn weiter an, das Schielen-Wollen meiner Augen bekämpfend.
„Wenn Sie gestatten, gehe ich nun wieder.“
Endlich fand ich Worte.
„Bitte sehr.“
Er stand auf, nickte mir zu und ging. Nach einer Weile machte ich mich auch auf den Weg. Ich war schon ein Stück hangabwärts gegangen, als ich wieder stehenblieb: Etwas war doch komisch gewesen an dem Mann: er war direkt hinter der Bank in den Wald gegangen. Dort war doch kein Weg gewesen ...
Ich ging zurück. Hinter der Bank war tatsächlich kein Weg. Ich betrat den Wald. Um mich nicht in dem dichten, niederen Geranke wilder Himbeeren zu verfangen, mußte ich die Beine mit jedem Schritt hochheben. Bald begann das Gelände steil abzufallen. Ich blieb stehen. Auf dem Hang unter mir war der Wald stark gelichtet, überall waren Baumstümpfe zu erkennen, dazwischen ragten zwei einzelne, hohe und gekrümmte Stämme auf, die lediglich ganz oben einige Äste trugen, ansonsten nicht nur kahl, sondern auch frei von Rinde waren. Dann entdeckte ich den Teufel. Er stand, mit dem Rücken zu mir, reglos im unteren Teil der Lichtung und sah etwas zur Seite, wo der Wald wieder dichter wurde. Er regte sich nicht, und ich konnte zunächst nicht entdecken, wohin er so starrte.
Dann bemerkte ich, noch weiter unterhalb, eine Bewegung von etwas Blauem und Rotem. Der Teufel setzte sich in diese Richtung in Bewegung.
Ich steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Der Teufel fuhr herum, suchte den Hang über sich ab. Als er mich entdeckt hatte, winkte ich ihm zu. Auch die andere Gestalt hatte sich aufgerichtet – ich sah nun, daß es eine Frau war –, entdeckte mich, entdeckte dann den Teufel, sah zwischen uns hin und her, hob etwas auf – ich erkannte nun, daß es ein Fahrrad war –, stieg auf und fuhr davon.
Auch ich ging zurück und sah, als ich mich noch einmal umdrehte, daß auch der Teufel begonnen hatte, den Hang wieder heraufzusteigen. Ich lief den Hang hinab und duckte mich auf halber Höhe hinter ein Thuja-Gebüsch und sah zurück. Keine zwei Atemzüge später trat der Teufel aus dem Wald und suchte sorgfältig den Hang ab. Auch nachdem er wieder verschwunden war, sah ich noch lange zum Waldrand hinauf.
Einige Zeit später fuhr ich mit dem Fahrrad durch das Dorf, als ich eine Gestalt die Außentreppe der Metzgerei hinaufgehen sah. Im Vorbeifahren erkannte ich den Teufel.
Ich kehrte um, stellte das Rad ab und stieg ebenfalls die Treppe zur Metzgerei hinauf. Der Teufel zahlte gerade und ging, ohne zu mir herüberzusehen.
Als die Verkäuferin fragte, was ich wünsche, sagte ich:
„Ich nehm’ dasselbe.“
Sie war irritiert. Als der Teufel seine Bestellung gemacht hatte, war ich ja noch nicht im Laden gewesen. Doch schließlich nahm sie eine Wurst, die noch auf der Arbeitsplatte lag und ging zur Schneidemaschine. Als sie mich fragte, obs ein bißchen mehr sein dürfe, wußte ich, was der Teufel in einer Metzgerei kauft: Hundert Gramm gemischten Wurstaufschnitt.

Hausaufgaben

Setzen Sie einen Kopfhörer auf und horchen Sie: auf sich selbst.

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014