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Celeri 36 - Februar 2009
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Inhalt

68

Schwemmholz

Literatur zum Leben

Stippvisite

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 37 erscheint Anfang März 2009)

 

68

Das Jahr 1968 begann. Das später berühmt werdende Jahr 68 war schon vorbei. Es hatte im Jahr 1967 stattgefunden. Rudi Dutschke hatte sich in der nahen Kleinstadt angekündigt und alle politisch Angeschirrten zur Teilnahme an einer Kundgebung mit anschließender Demonstration mit anschließender Podiumsdiskussion aufgefordert. Wir hätten dem keine Aufmerksamkeit geschenkt, wenn nicht unsere Lehrer uns mit ihrem „Daß ihr euch untersteht ...!“ nicht neugierig gemacht hätten.
Wir lasen den Zeitungsartikel noch einmal. Auch wenn wir nicht verstanden, um oder gegen was es ging, war unsere Klasse sofort gespalten. Die einen waren dagegen, die anderen – darunter ich – waren dafür, was für uns kompliziert war. Denn indem wir für die Demonstration waren, waren wir dagegen, wußten aber noch nicht, wogegen. Der rasch im Lexikon nachgeschlagene Begriff „Imperialismus“ brachte keine Klarheit. Die anderen, die dagegen waren, hatten es leichter: sie waren dagegen, dafür zu sein.
Der Sonntag kam, zwei Schülergruppen – die dagegen und die dafür - brachen zur Kleinstadt auf. Dort, beim Studium eines Flugblatts, sah ich, wie man „angeschirrt“ tatsächlich schrieb. Die Kundgebung fiel aus, Rudi Dutschke war noch nicht eingetroffen. Als ein anderer, eigens angereister Studentenaktivist ankündigte, an Rudi Dutschkes Stelle eine Rede zu halten, beratschlagten wir, ob wir nicht lieber ins Kino gehen sollten. Da traf Rudi Dutschke doch noch ein. Wegen der Verspätung übersprang man die Kundgebung und begann gleich mit der Demonstration.
Ich hatte mir bis zuletzt noch offengehalten, ob ich mitdemonstrieren würde. Aber als sich der Zug formierte, war schnell klar, auf welche Seite ich gehörte: die am Straßenrand Stehenden waren eindeutig unsympathischer. Allerdings sah ich, daß unter den sich fäusteschüttelnd an Rudi Dutschke Kuschelnden auch die unangenehmsten Großmäuler der höheren Klassen unserer Schule waren.
Rudi Dutschke, war, äußerlich betrachtet, eine Enttäuschung. Unmöglicher Haarschnitt, unmöglicher Pullover, unmögliche Ledertasche, Hosen zum Augenverdrehen, Rentnerschuhe, Stimme wie ein Billiger Jakob, der schon zu lange aus seiner Bude Schnürsenkel anbietet ... na, wenn so die personifizierte Revolte daherkam! Dann hatte ich so meine Zweifel.
Das Parolenrufen machte Spaß. Durch geschicktes Nachfragen brachte ich unauffällig heraus, was es mit dem rätselhaften „Ho-ho-hotschimin“ auf sich hatte. Am Straßenrand standen die Dagegenseienden, zeigten uns einen Vogel und buhten. Das tat gut. Die Parole wechselte. „Amis raus aus Vietnam.“ Im Geheimen fragte ich mich, wem wir das hier, in einer weltvergessenen Kleinstadt, denn zuriefen? Am Straßenrand entdeckte ich unseren Deutschlehrer. Er hatte sein gestrenges Gesicht aufgesetzt, wohl der Meinung, allein sein Anblick würde genügen, die eventuell mitdemonstrierenden Schüler aus dem Zug zu scheuchen. Ich winkte ihm zu. Er ärgerte sich. Als er mich am nächsten Tag zur Rede stellte – was ich mir denn da bloß überlegt habe? – sagte ich, daß ich überlegt habe, warum wohl mein Deutschlehrer mich plötzlich nicht mehr zurückgrüße.
Danach gings zur Diskussion in eine Turnhalle. Zu meiner Überraschung saß unser Lateinlehrer auf dem Podium.
Als er von dem anderen Studentenaktivisten als „Gegner“ vorgestellt wurde, korrigierte er: nicht Gegner sei er, sondern Gesprächsteilnehmer.
Was er dann hier auf der Bühne zu suchen habe? Mein Lateinlehrer meinte, um an einem Podiumsgespräch teilzunehmen, sei seines Wissens nicht Voraussetzung, Gegner von irgend etwas zu sein (das gefiel mir) und bot an, wieder zu gehen. Der Studentenführer ging nicht darauf ein. Sonst wäre als „Gegner“ ja auch nur noch der Stadtpfarrer dagewesen, dem man am wutverzerrten Gesicht schon ansah, wie ihm der Geifer durchs Hirn schäumte. Kaum war er vorgestellt worden, platzte er denn auch geradezu, wies den Studentenführer, der das Gespräch lenken wollte, mit mehrfach geschrienem „Ruhe! Jetzt red ich!“ zurecht, verschluckte sich dann aber, kam aus dem Husten nicht mehr heraus, verließ, hochrot und hustend den Raum. Von draußen hörte man ihn noch geraume Zeit bellen.
Rudi Dutschke eröffnete die Diskussion. Er war eine Phrasendreschmaschine, die, wenn man ihr nur einen Begriff zuwarf, losging und nicht mehr aufhörte. Wir hatten schon gelesen, daß er ein bedeutender Redner war. Zu seinen rhetorischen Talenten zählte jedoch nicht die Gabe der Verstehbarkeit. Seine Repliken schienen mir nicht nur keinen Bezug zu den seltenen Bemerkungen meines Lateinlehrers zu haben – genau genommen verstand ich überhaupt nicht, was er meinte. Ich spendete ihm trotzdem heftigen Beifall, während meine Hochachtung vor meinem Lateinlehrer wuchs. Aber auch Rudi Dutschke gefiel mir mehr und mehr. Ich fand ihn, unabhängig von meinem Nichtverständnis, sympathisch. Was mich nicht wenig verblüffte, hatte ich doch vorausgesetzt, das Verhältnis zu Menschen wie ihm bestehe einzig darin, ihm entweder inhaltlich zuzustimmen oder zu widersprechen. Aber wie er sich, ein Trapezkünstler der Abstraktion, von Satzkette zu Satzkette höher schwang, schloß ich ihn in mein Herz. Sein Pullover und sein Haarschnitt rührten mich, sie waren das richtige Kostüm für einen Akrobaten dieser Art. Er kam mir zunehmend entrückt vor und erinnerte mich an jene Musiker, die ihre Improvisationsgabe von einer Sequenz zur nächsten trug, ehe sie sich wieder zu ihren Mitmusikern hinabsenkten und dort, mit leichter „War-ich-das?“-Verwirrung, wieder aufwachten. Auch wenn ich nichts verstand, beneidete ich Rudi Dutschke. Denn es mußte ja „da oben“ etwas geben, von dem er berichtete, wenn er, getragen einzig von seinem Zungenflügel, über der gemeine Welt kreiste und, vielleicht aus Abscheu vor den Niederungen, noch einen Nebensatz anhängte, und noch einen. Und dann noch einen, ehe er wieder bei uns landete. Ich hätte auch gern etwas besessen, von dem man so lang und inbrünstig und unverstehbar reden konnte. Nicht für das also, was Rudi Dutschke sagte (ich verstand es ja nicht), bewunderte ich ihn, sondern dafür, daß er etwas zu sagen hatte, genauer: daß er etwas wußte, wovon er mit solcher Inbrunst reden konnte.
Der andere Studentenaktivist, der „es“ nicht so gut konnte, sah ihm mit neidischem Stolz zu, neidisch und stolz auf Rudi Dutschkes Unverständlichkeit. Wenn er gelegentlich etwas sagten, klang alles ziemlich hausbacken und war so verständlich, daß sogar mir gleich Einwände dazu einfielen.
Fragen aus der Zuhörerschaft. Unser Musterschüler (zu meinem geheimen Ärger hatte er sich „dafür“ ausgesprochen) meldete sich zu Wort. Stille Schadenfreude meinerseits, als er das Wort „Bombardement“ nicht korrekt aussprach und Lacher erntete.
Mit dem Gefühl, etwas geleistet zu haben, machten wir uns Spätnachmittags auf den Heimweg. Wir waren stolz, daß nicht wir randaliert hatten, sondern die „Spießer“ gezeigt hatten, wes Geistes Kind sie sind: einer von ihnen hatte anonym weiße Farbe auf den Demonstrationszug geworfen. Feigling. Unterwegs fiel uns das Parolenrufen ein. Mit „Ho-ho-hotschimin“ durchquerten wir ein Dorf. Einem schimpfenden Bauern erklärte ich, „Ho-ho-hotschimin“ sei Latein und bedeute: „Gelobet sei der Herr“. Das nächste Dorf erschreckten wir mit „Amis raus aus Vietnam“. Danach nahmen wir uns auch andere Texte vor, die wir auf unserem Marsch entdeckten und verwandelten sie in Sprechchöre. „Buttermilch, Buttermilch!“ oder „Hofeinfahrt freihalten“. Ein Polizeiauto hielt neben uns. Wenn wir nicht augenblicklich Ruhe gäben ... kleinlaut trollten wir uns.
Als das Jahr 67 dann vergangen war, hatten man gar nicht gemerkt, daß es etwas Besonderes gewesen war und einmal „68“ heißen würde.

Schwemmholz

Der Pianist kündigte an, sich zu bemühen, möglichst fehlerfrei zu spielen. Das Publikum dankte es ihm mit warmem Applaus – Fahrt mit dem Bummelzug über Land. Langsam an Wohngebieten vorbeirollen. Die Gärten sind mit Deko-Ramsch vollgestellt: Wanderschuhe als Blumengefäße, Plastik-Spielhäuser, Masken, Kugeln, Gipsfigürchen. Geschmackvoll wirkte ein Garten manchmal einfach, wenn in ihm nichts von diesem Plunder zu sehen war – „Mit wem nichts los ist und wer nichts hat, der fängt an zu sparen. Und weil er sonst nichts Nennenswertes hat, spart er an allem, was Geld kostet“ – A: Komisch, daß Frau Harke so doof ist. Wo ihr Mann doch Professor ist. B: Und ich wollt grad sagen: Komisch, daß der Harke so doof ist. Wo er doch Professor ist - Sie hatten sich über das schöne Streit-Thema alte und neue Rechtschreibung in die Wolle gekriegt. Ulkig war die Vehemenz der Auseinandersetzung, dabei schrieb kaum jemand noch mehr als einen Einkaufszettel oder eine Kurzmitteilung am Handy. Mein Beitrag: Sich nicht drum kümmern. Schreiben Sie, wie Sie wollen. Wir haben viele Probleme. Die Rechtschreibung ist keines davon – Der „große“ Gläubige J.G. und sein sonderbarer Stoßseufzer, daß er dankbar sei, nie Gefahr gelaufen zu sein, Atheist zu werden; stellt er sich vor, ein Atheist sei einer, der ständig klage: „Ach, wie schlimm, daß ich Atheist bin!“? – Er wird gelobt, weil er neue Formen des Buches erfand; wären neue Inhalte nicht besser? – „Das Problem ist nicht, daß es zu viele Bücher, sondern zu wenig Leser gibt.“ – Wasser, in dem sich ein mißmutiger Mensch die Hände gewaschen hat – Wieder J.G. Er berichtet von dem seelischen Desaster, in das er stürzte, als der Krieg ausbrach; Desaster, nicht weil der Krieg ausbrach, sondern seine Gebete ihm keinen Trost gaben, er sich nicht in Gottes Hand fühlte und sein Glaube ihm keinen Halt bot. Das bringt mich auf die Frage, wie sich Christen eigentlich das „Funktionieren“ von Gebenten vorstellen? Glauben sie, Gott dadurch vertrauter zu werden? (Ach der ... der hat schon öfter angerufen, nicht? ... Bandscheibenprobleme, nicht wahr? Mal sehen, ob ich was für ihn tun kann.“) Glauben sie, daß sich Gott zu Betenden anders verhält als zu nicht Betenden? Und wie hätte es J.G. sich denn vorgestellt, in Gottes Hand zu sein? Daß ihm der Krieg dann nicht naheginge? Oder stürzte J.G. in diesen seelischen Abgrund, weil er befürchtete, daß sowohl die Schützen dieses Kriegs als auch ihre Erschossenen beide in Gottes Hand waren? Gibt es denn etwas auf dieser Welt, das nicht in Gottes Hand ist? Kümmert sich Gott um Gläubige anders oder mehr, als um Ungläubige? Was heißt „stark im Glauben sein“? Warum sind auf Kirchen Blitzableiter? – Er nahm vorsichtshalber eine Taschenlampe mit ins Kino. Der Film, hatte er gehört, sei über weite Strecken ziemlich dunkel, man müsse mehr ahnen, was vor sich gehe, als daß man etwas erkennen könne. Da konnte eine Taschenlampe nicht schaden – Trotz Finanzkrise: die Möbelhäuser melden prima Umsätze. In ruppigen Zeiten kauft man kuschelige Möbel – das Personal der christlichen Welt, nicht ohne Schrulligkeit: der „empfindungsstarke Mystiker“, der nach dem Besuch der Prostituierten diese (ein Geben und ein Nehmen) zu bekehren versucht – Er klagt über die nachlassende Glaubensstärke und malt sich ein Schreckbild aus: eine Handvoll Glaubender, angeführt von einem alten Mann in weißer Soutane, die sich vor den Verfolgungen in Katakomben verstecken. Das scheint zum Selbstbild zu gehören: daß man, wenn man in der Minderzahl ist, verfolgt wird. Vielleicht kommt es ja ganz anders: die Handvoll Glaubender und der alte Anführer wie gehabt, aber nicht verfolgt, nicht einmal geduldet, sondern unbeachtet, allenfalls belächelt, wie die Heilsarmee – die oft erwähnte Banalität des Bösen; ist denn das Banale nicht an sich böse?

Literatur zum Leben

Jede Jugend – die heutige auch? – hat ihre bevorzugten Bücher; jene, die ihnen Wege in das sogenannte Leben oder Lebensmuster zeigen. Zu meiner Jugendzeit gehörten dazu vor allem die Bücher Herrmann Hesses, die uns dazu inspirierten, selbst auch ein ganz eigenes, neues, anderes Leben beginnen zu wollen.
Später – beim Wiederlesen (und wer mittlerweile etwas von C. G. Jung gelesen hatte, erkannte, was für dünn-läppelige, verplapperte Aufgüsse Hesses Bücher davon waren) – erkannten wir nicht mehr wieder, was wir so anregend gefunden hatten und unsere ehemalige Begeisterung verwandelte sich in kopfschüttelndes Befremden und die Peinlichkeit angesichts unseres eigenen Geschmack in eine Empörung, die wir dem längst verstorbenen Herrn Hesse wie einen an uns persönlich begangenen Verrat vorwarfen. Noch später wurden wir nachsichtiger mit Herrn Hesse; als wir erfuhren, daß es mit der Weisheit, Abgeklärtheit und dem Verständnis der Welt, um die es in seinen Büchern so oft geht, bei ihm selber nicht weit her war und er eigentlich da von etwas schrieb, das er selbst schmerzlich vermißte. Und noch später wurde uns – genauer: wurde mir (denn die Kontakte zu anderen waren abgebrochen) klar, daß es ganz unerheblich war, was ich von einem Buch hielt.
Einige Zeit nach Steppenwolf und Siddharta kamen zwei andere Bücher in Schwang. Bei diesen Büchern, so hatte ich in Erfahrung gebracht, handelte es sich um die Werke eines früheren Präservativ-Fabrikanten, der das erste Buch (Kunst des Liebens) wohl verfaßt hatte, um auf die Einsatzmöglichkeiten seiner Artikel hinzuweisen und das andere (Haben und Sein), weil er – vielleicht durch den Erfolg seiner Verhütungsmittel sowie des ersten Buchs nachdenklich geworden – zur Einsicht gelangt war, daß materieller Besitz nicht alles sei. Ich las keines der beiden Bücher; zugegeben : eine etwas kindliche Art, Individualismus gewissermaßen zu erzeugen, indem man das, was viele taten, nicht mittat.
Statt dessen mühte ich mich durch ein Buch von Kant, Immanuel. Ich hatte mit „Kritik der Urteilskraft“ angefangen, war dann aber zu „Kritik der reinen Vernunft“ übergegangen. Die war dicker. Diese Lektüre trug mir zwar Ruhm und Ehre ein, machte aber einsam, denn ich fand keine Gesprächspartner – was gut war, denn ich verstand von dem Gelesenen sehr, sehr wenig. Wie wenig, das merkte ich, als mir zwei Menschen begegneten, angehende Theologen, die das Buch schon gelesen hatten („durchgearbeitet“ sagten sie). Ich konnte zu einem Gespräch praktisch nichts beitragen. Und wenn ich den beiden zuhörte, verstand ich nahezu nichts. Ein anderer Umstand irritierte mich zusätzlich: ich konnte mit den beiden Burschen selbst auch nichts anfangen. Sie langweilten mich entsetzlich und weckten keinerlei Interesse in mir, weder an ihnen noch am Buch. „Trockene Fürze“, nannte ich sie – die beiden – im Stillen und schämte mich gleichzeitig ein wenig dafür. Das führte dazu, daß ich die „Kritik der reinen Vernunft“ beiseite legte. Ein schönes Viertel blieb ungelesen – vermutlich der Teil, der das Wichtigste enthielt. Ich rekapitulierte schriftlich, was ich bislang der „Kritik der reinen Vernunft“ entnommen hatte (es kamen drei blähsüchtige Sätze dabei heraus, für deren jeden ich hatte „spicken“ müssen. Die drei Sätze füllten kaum die erste Seite des zu Rekapitulationszwecken extra angeschafften Schreibheftes) und kam zu dem Schluß, daß mein Geist für die Auffassung von derlei Lektüre nicht angelegt sei. Mein Fazit ging dahin, daß die „Kritik der reinen Vernunft’ praktisch null Einwirkung und Nutzen auf mich gehabt hatte, ja, wegen meines Nichtverstehens, gar nicht haben hätte können. Daß Kant gern zu den Sternen aufsah – schön, das hatte ich selbst auch ohne ihn schon gern getan; der kategorische Imperativ: den kannte (und anerkannte) ich schon seit meiner Kindheit, von Wilhelm Busch besser formuliert („Was du nicht willst, daß man dir tu ...“ etc.) - - - Kurz: Die bislang gelesenen ca. 300 Seiten „Kritik der reinen Vernunft“ waren, so gestand ich mir ein, vergeudete Zeit gewesen. (Damals dämmerte mir die Gleichung: Lesezeit ist Lebenszeit) Und hörte ich den beiden Theologen zu, so handelte es sich auch bei denen zwar um (vermutlich) besseres Verständnis, aber eben Verständnis einer unnützen Sache. („300 Seiten, und wenn Du was dazu sagen kannst ist bestenfalls Gestammel ...“ ich winkte innerlich ab, „... wenn das jemand wüßte!“ Kant war mein düsteres Geheimnis.)
Ich saß im Garten und zeichnete an Illustrationen zu einem Tierbuch für Kinder – eine Bärenmama strickt unter den Augen ihres Töchterchens einen Pullover – , als sich eine junge Frau (Besuch bei den Nachbarn) zu mir an den Tisch setzte und „Haben und Sein“ aufschlug. Ob ich es auch schon gelesen habe, lautete denn bald auch die unvermeidliche Frage. Noch nicht, sagte ich. Durch das „noch“ sollte es klingen, als liege es schon auf meinem Nachttisch bereit. Ich solle nur recht bald damit anfangen, empfahl sie. Es sei unglaublich toll. Es sei toll, wie er über „das Leben“ schreibe.
„Aha“, sagte ich, während ich überlegte, ob ich dem Pullover eine Struktur geben solle.
„Ja. Er zeigt, wie wir über das Habenwollen versäumen, zu sein. Daß wir unfähig sind, auch mal einfach nur zu sein. Du kriegst den Spiegel vorgehalten.“
Ich fragte, was sie mit diesem ‚einfach nur zu sein’ meine.
Sie besah mich, als frage sie sich, ob es wohl mein Ernst sei, eine derart einfältige Frage zu stellen? „Da haben wir es schon. Du kannst dir nicht mal vorstellen, was ‚einfach nur sein’ ist.“
„Erklär mir bitte, was das ist: ‚einfach nur sein’?“
„Einfach nur sein ... einfach so ... nur sein ... ohne gleich wieder was tun oder besitzen zu wollen ...“, erläuterte sie.
„Einfach nur sein“, sagte ich, „ohne gleich wieder etwas zu tun ... und ohne gleich wieder etwas besitzen zu wollen ... ... hm“.
„Was heißt da „hm’?“ fragte sie, schon recht angepört und streitlüstern.
„Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.“
„Weil du dir Sein eben nur als Habenwollen vorstellen kannst!“
Ich wiegte den Kopf.
„Doch. Da gibts nichts daran zu deuteln, daß wir vor lauter Besitz das Leben versäumen!“
„Hm.“
„Schon wieder „Hm’.“ Ich solle doch zugeben, daß ich vor allem mit Besitzen und Besitzvermehren beschäftigt sei. Ich überlegte und sagte schließlich: „Auch, aber nicht vor allem!“
„Du willst es eben nicht sehen. Und deswegen liest du natürlich auch das Buch nicht: weil du nämlich Angst hast vor der Selbsterkenntnis. Auf mich jedenfalls hat das Buch einen gewaltigen Einfluß.“
Wohl weil ich nichts sagte, beantwortete sie die ungestellte Frage ‚Inwiefern?’
„Es öffnet mir die Augen.“
„Wofür?“
„... daß alles so oberflächlich ist. Daß man falsche Werte hat. Alles ein Rumgehetze mit sinnlosen Beschäftigungen. Hauptsache haben, haben, haben.“
Das erinnerte mich an meine Fähigkeiten, über die „Kritik der reinen Vernunft“ zu sprechen.
Dazu bräuchte man aber, erwiderte ich betont leichthin, eigentlich kein Buch zu lesen.
„Wie?“
„Ich meine: um zu sehen, daß viel mit sinnlosen Beschäftigungen rumgehetzt wird und daß Habenhaben nicht alles ist, dazu braucht man kein Buch zu lesen.“
„Du vielleicht nicht.“
Der Hohn hatte in das Gespräch Einzug gehalten.
„Oder wie stellst Du Dir das vor?“ fragte sie pampig. Ich ließ etwas Zeit verstreichen, ehe ich, möglichst streitvermeiderisch betulich, antwortete.
„Nun, wenn man merkt, daß man mit sinnlosen Beschäftigungen rumhetzt und bloß ans Habenhaben denkt, dann kann man ja damit aufhören.“
„Ts!“ platzte sie heraus. „Du hast Vorstellungen! Aufhören! Ganz einfach, wie?“
„Wieso denn nicht?“
„Würde er denn ein Buch schreiben, wenn es so einfach wäre?“
Die Frage schien mir etwas sonderbar, aber ich antwortete nicht.
„Einfach nur sein ... wie soll das gehen?“, dachte ich wieder und merkte, daß ich es dummerweise laut gedacht hatte.
„Du kannst es dir eben nicht mal vorstellen.“
„Wie soll es gehen? Dasitzen und stillhalten? Man kann überhaupt nichts einfach nur so machen.“
„Und ob.“
„Was denn? Kochen? Einfach so? Aus dem Fenster schauen? Einfach so? Autofahren? Ohne Absicht, ohne Ziel? Das wäre ja geradezu eine philosophische Übung.“
„Ich rede vom Sein, und dir fällt Autofahren ein! Und gerade du mußt von Philosophie reden!“
Ich war nahe daran, zu erwähnen, daß ich immerhin einige hundert Seiten Kant gelesen hatte. Aber ich ließ es bleiben. Gegen Fromm war Kant vermutlich ein Würstchen.
„Es ist nämlich eine Lebensaufgabe!“
„Was?“
„Den Sinn des Lebens zu finden.“
„Lebensaufgabe? Und wenn ich ihn nicht finde?“
„Na und? Der Weg ist doch das Ziel.“
Ich schüttelte den Kopf. Sicher war der Weg wichtig, aber man durfte doch nicht den Fehler machen, ihn mit dem Ziel zu verwechseln.
„Er ist“, fügte sie an, „doch geradezu der Sinn des Lebens.“
„Was? Der Sinn ist der Sinn des Lebens?“
„Mach dich bitte nicht lustig.“
„Der Sinn des Lebens ist die Suche nach dem Sinn des Lebens“, sagte ich und fuhr fort: „Merkst Du denn nicht, daß da was nicht stimmt?“
„Was denn?“
„Die Suche nach dem Sinn kann doch nicht der Sinn des Lebens sein. Der Sinn des Lebens kann doch nicht darin bestehen, den Sinn des Lebens zu suchen!“
„Und warum nicht?“
War das ein rhetorischer Kniff? Sie sah mich böse an. Ich erwog einen Rückzug und überlegte mir einen Vorwand. Sie fuhr fort:
„Du hast doch keine Ahnung! Und fliehst vor der Selbsterkenntnis bist. Wenn du fähig wärst zur Selbstkritik, dann würdest du nicht so daherreden.“
„Ja willst Du im Leben nichts machen. Ich meine, außer Sinnsuche?“
„Was meinst Du denn damit?“
„Na, womit willst du dich außer mit Sinnsuche befassen? Hast du keine Neigung zu nichts? Was ist mit einem Beruf?“
„Was hat denn das damit zu tun? Einen Beruf hab ich doch längst. Aber der kann mich doch nicht abhalten, den Sinn weiterhin zu suchen.“
„Was? Du suchst nach dem Sinn, und Deinen Beruf betreibst du, sozusagen sinnfrei, nebenbei? Kein Wunder, wenn Du am Rumhetzen bist, wie Du sagst; wenn du zwei Dinge am Laufen hast.“
Sie sah noch böser drein.
„Dann sag mir doch mal bitteschön, worin dein Lebenssinn besteht?“
Ich tat, als würde mich das Zeichnen plötzlich ganz besonders beanspruchen.
„Aha, du drückst dich!“
„Ich hab nicht aufgepaßt. Was wolltest du wissen?“
„Worin dein Lebenssinn besteht.“
Jetzt, fühlte ich, würde alles lachhaft klingen, was ich sagte. Dennoch antwortete ich tapfer:
„Ich zeichne“, sagte ich und zeigte auf mein Blatt.
„Teddybären! Ist das alles?“
„Reicht das nicht?“
Sie schnob verächtlich.
„Und sonst?“
„Ansonsten verhalte ich mich ruhig.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Klar, daß Du alles tust, um ja nicht in den Spiegel zu schauen. Wäre besser, wenn Du das Buch liest“, sagte sie und deutete auf ‚Haben und Sein’, fügte an: „Wäre wirklich besser“, machte mit derselben Hand aber dann gleich die Hopfen-und-Malz-verloren-Geste.
Vielleicht ein Vorurteil, aber ich wollte kein Buch eines Verhütungsmittelfabrikanten lesen – es schien mir etwas widersinnig, wenn er über „das Leben“ schrieb; etwas, das er mit seinen Verhütungshüten ja zu unterbinden trachtete.

Stippvisite

Ein Außerirdischer auf der Durchreise. Viel Zeit hat er nicht (ihm gefällts hier nicht sonderlich. Die Venus war besser), aber ein paar Stunden will er immerhin dennoch opfern, um Eindrücke von Planet und Leuten mitzunehmen. „Und! Was macht ihr so?“ Während ich noch eine bündige Antwort zusammensuche, fragt er weiter. Ihm sei oft das Wort „Wohnung“ aufgefallen. Oder „wohnen“. Häufig auftauchende Vokabeln deuteten auch auf Charakteristisches, Bedeutsames hin. Was das also sei? Was wir denn da in unseren „Wohnungen“ machten, wenn wir „wohnen“?

Hausaufgaben

Beantworten Sie die Frage des Außerirdischen.

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014