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Celeri 37 - März 2009
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Inhalt

Schwemmholz

Tagebuch des Frommen

Möglichkeit der Entschuldung

Anliegen an eine Hexe

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 38 erscheint Anfang April 2009)

 

Schwemmholz

Die Erniedrigten und Beleidigten; sie wären zwar froh, wenn sie endlich nicht mehr erniedrigt und beleidigt würden; aber noch schöner wäre es, wenn sie selber erniedrigen und beleidigen könnten – Ich wurde herumgeführt. Aus einem Haus drangen Klagelaute. Ein Sterbehaus. Wer denn gestorben sei, will ich wissen. Die alte Soundso, sie sei allerdings noch nicht tot, sondern liege erst im Sterben. Grauenvoll, man stirbt, und um einen herum das Geflenn und Gejammer, mit dem sich die Angehörigen an Trauer zu überbieten suchen. Können sie nicht wenigstens die Fenster zumachen? Aber dann erführe ja niemand etwas von der Trauer der Hinterbleibenden – Eine Sekte, die einen Katalog der durchnumerierten biblischen Lehren hat, in dem festgehalten ist, welches Gebot im Fall des Aufeinandertreffens die unter ihm stehenden bricht; welche Gebote also Gültigkeit haben, solange kein übergeordnetes eintritt. Um die drei oder vier ranghöchsten Gebote mogeln sie sich, unter Hinweis auf Mystik, anscheinend herum – Eine Vierundzwanzigjährige, sie wollte sich geistig entwickeln und hatte sich deswegen an verschiedene Religionen gewandt. Das Christentum war für sie bereits nach kurzer Prüfung ausgeschieden. „Eine geistige oder auch geistliche Entwicklung ist darin je nicht vorgesehen. Wenn du fragst, welche Aufgaben dir das Christentum stellt, dann wissen sie nichts zu sagen. Dann fallen ihnen die zehn Gebote ein. Aber dazu brauchst Du nicht Christ sein. Sie wissen gar nicht, was du meinst. Es genügt, Christus zu begegnen, sagen sie. Wenn du fragst, was darunter zu verstehen sei, tun sie geheimnisvoll. Man merkt aber, daß sie selbst nicht recht wissen, was das ist. Das ist mir zu wenig. Das ist geistige Faulenzerei.“ – Winter in Bodensee-Dörfern. Noch genau kann ich mich an das Gefühl erinnern, im Fasching maskiert durch den Schnee zu gehen. Sehr angenehm. Vielleicht, weil das verschneite Land mit dem Gefühl das Maskiertseins korrespondierte: daß es auch anders sein könnte; daß unter dem Schnee/unter der Maske, etwas Neues hervorkommen könnte und alles Ungeliebte, Schlechte fort sein könnte. / Das Bodenseeufer im Februar. Unvorstellbar, daß ich hier vor einem halben Jahr gebadet hatte, unvorstellbar, daß ich hier in einem halben Jahr baden würde. Ein Brett mit einem Loch. Es paßt gerade ein gerader Stecken hinein. Ein Stück Papier als Segel. Erst scheint es sich nicht zu rühren, aber dann treibt es langsam auf den See hinaus. Nachts, vor dem Einschlafen fällt mir plötzlich das Boot ein. Jetzt war es mitten auf dem See – „Sie brauchen nicht zu versuchen, die Türen aus den Angeln zu reißen. Wir haben hier Türklinken“. Der Mann fuhr herum. „Sie geht aber nicht auf!“ „Wenn Sie sich mit ihrem Gewicht dranhängen, geht sie nicht auf. Aber schauen Sie“, ich drückte die Klinke herunter. „Auf – zu – auf – zu“. Ich führte es ihm vor – Aus ihrer tiefen Apathie erwachen sie in eine weniger tiefe, in der sie noch fernsehen und einkaufen können - das Buch atmet den Duft intellektueller Latrine - ein altes Photoalbum. Alle Abgebildeten haben auffallend große, abstehende Ohren.

Tagebuch des Frommen

Wieder das Tagebuch des frommen Schriftstellers J.G. Nun sind etwa dreißig Jahre vergangen. Kein Fortschritt, keine persönliche Entwicklung. Man könnte die Tagebucheinträge beliebig austauschen, die des 57jährigen mit denen des 27jährigen, es wäre kaum etwas zu bemerken. Ein gleichmäßig-stetiges Zaudern, Zweifeln, Zögern, Um- und Umrühren der immer gleichen Probleme und Fragen. Ein verbohrtes, manchmal verbiestertes Glauben. Kein Tag, an dem er nicht einmal sagen oder schreiben muß: Ich glaube. Andernfalls würde er nicht glauben; daß er glaubt. Dieses Nicht-Vorankommen ist für einen Leser, der die dreißig Jahre in einigen Stunden absolviert, ausgesprochen ärgerlich. Daran sieht man deutlich, wie sehr Bücher Entwicklung, Fortbewegung brauchen. Ansonsten lesen sie sich wie endlose Reisevorbereitungen zu einer Reise, die nie angetreten werden wird.
Ärgerlich auch die immer wiederkehrende Platitüde, daß man das Wesentliche nicht mit Worten sagen kann. Warum schreibt er dann so unaufhörlich? Er beklagt, daß er nur über Nebensächliches schreibt. Gerade das aber fehlt: irgendeine Notiz zum Aufenthaltsort, zum Wetter, zu einer Nebensache.
Dann seine Neigung zur Mystik. Was ist das, diese Mystik? Er redet von unauflösbaren Geheimnissen der christlichen Religion. Was er aufführt sind dann aber die Ungereimtheiten einer schlecht erfundenen, zusammengebastelten und von vielen Köchen zusammengerührten Geschichte, deren Elemente einander widersprechen.
Er äußert sich wiederholt abfällig und mokant über Neubekehrte, ihren Ernst, ihr Wichtignehmen der Sache. Wieder so eine Rätselhaftigkeit am Glauben: Welchen Unterschied bewirkt die Dauer eines Glaubens? Sind langgediente Gläubige verdienstvoller? Häuft sich da etwas an? Ist Zweifel Schwäche?

Möglichkeit der Entschuldung

Anruf. Er deutet an, daß man wieder etwas gutmachen könne. Im weiteren Gespräch wird klar, daß er meint: sie könne an ihm wieder etwas gutmachen. Sie stimmt zunächst zu. Ihm sei eine Möglichkeit eingefallen ... es klang, als ob er jahrelang überlegt habe und jetzt endlich fündig geworden sei. Sie merkt, während er immer mehr andeutet, daß sie keine Lust hat, etwas gutzumachen, weder an ihm, noch in der von ihm vorgeschlagenen Form, noch überhaupt. Selbst ein gemeinsames Erinnern und der Versuch, den damaligen Streit zu rekonstruieren ... wäre es nicht überflüssig? Es befremdete sie zunehmend, daß jemand einen Groll bewahrt hatte, auf eine Sache, an die sie sich nur noch ungefähr erinnern konnte. „Hast du denn nicht gemerkt, wie sehr mich das verletzte?“ Neben ihrer Unlust spürte sie auch Empörung. War, ab einem bestimmten Alter, nicht jeder „schuldig“ geworden, an anderen, und war es nicht unerheblich, an welchen anderen? Diese Art der hierzulande üblichen, „Schuld“ genannter Sich-gegenseitig-auf-die-Zehen-Treterei. Sollten etwa alle irgendwann anfangen, einander ihre Schuld vorzuhalten und gutzumachen? Vor lauter Herumwühlerei im Gestern versäumen, heute etwas Gutes zustande zu bringen. Wozu Schuld gegeneinander aufrechnen? Womöglich, um zuletzt festzustellen, wer schuldiger war? Nahm man durch die Beschäftigung mit Schuld nicht sich selbst etwas zu wichtig? Mit Schuld sollte man ebenso leben können wie damit, ungerecht behandelt worden zu sein. Besser: mit dieser hierzulande üblichen, läppischen Art von Schuld braucht niemand zu leben. Das Schlechte läßt man zurück und kümmert sich um Besseres.
Auf dem Balkon tauchte die Katze auf. Sie ging hin und öffnete die Tür. Als sie zurückkam, lag der Telephonhörer auf dem Tisch. Er klang bös. Wenn sie sich vorbeugte konnte sie ab und zu das Wort „Schuld“ aus dem Gequäke heraushören. Als das Kleingeschrei in Fragen überging („Hörst du? Oder drückst du dich? Warum sagst du nichts?“), legte sie auf.

Anliegen an eine Hexe

Die Zauberin war damit beschäftigt, für ihre kleine Tochter zweierlei Perlen aufzufädeln. Ich sah auf die zwei Farben – hellgelb und rosa – und dachte ...
„Scheußlich“, sagte sie. Die rosa Perlen waren ein Geschenk der Tante, und als es darum ging, für eine Kette eine zweite Farbe auszusuchen, hatte ihre Tochter darauf bestanden, hellgelbe zu nehmen.
„Und welche hättest du selbst herausgesucht?“ fragte ich die Zauberin.
„Rosa und Hellblau.“
Scheußlich, dachte ich.
Ich sah eine Weile dem Gefädel zu, dann rückte ich mit meinem Anliegen heraus:
„Was hältst du davon, wenn ich auch die Hexerei erlerne?“
Sie hielt im Perlenfädeln inne, musterte mich brauenrunzelnd und fragte schließlich:
„Wozu denn das?“
„Um ein bißchen zu hexen.“
„Ein bißchen hexen“, wiederholte sie und verzog das Gesicht.
„Ja. Jemanden verhexen ...“, fuhr ich fort.
„Wen denn?“
„Nun ...“, fing ich an. In Wahrheit hatte ich mir noch nichts überlegt. „Nun, ich könnte unseren dicken Bundeskanzler in den Papst, und den Papst in unseren dicken Bundeskanzler verwandeln. Stell dir mal vor, der Papst bei der Messe, beteuert händeringend: Ich bin nicht euer Papst, bitte glaubt mir, ich bin euer Bundeskanzler.“
Man sah ihr nicht an, ob sie es auch interessant fand.
„Und der wirkliche Papst, der findet es ganz interessant. Ist vom Papst – der beteuert, nicht der Papst zu sein - belustigt, weil er ihn eh nicht leiden konnte. Schaut sich alles an, erkennt, seine Möglichkeiten, führt als Bundeskanzler allerhand kirchenfreundliche Maßnahmen ein. Beten im Parlament und so.“
Sie sah kurz vom Auffädeln hoch:
„Das sind Faxen. Deswegen hext man nicht.“
Da hatte sie recht. Ich überlegte.
„Ich könnte Gutes tun.“
„Was denn?“
„Hungersnöte beenden.“
„Und wie?“
„Na, Essen herhexen.“
„Essen kann man nicht herhexen.“
„Wenn man Menschen verhexen kann, dann wird man doch ein paar Scheiben Brot herbeizaubern können.“
„Verhexen ist was ganz anderes, als etwas herhexen. Du kannst nicht etwas herbeizaubern, das es vorher nicht gab.“
„Nicht?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dann könnte ich aber – durch Verhexen – für Gerechtigkeit sorgen“, schlug ich vor.
Sie lachte. „Gerechte Strafen, wie?“ Sie schüttelte wieder den Kopf. „Und Du entscheidest darüber, wie? Ohne über Schuld und Unschuld Bescheid zu wissen. Jeder ist schuldiger, als er selber denkt, und jeder ist unschuldiger, als andere denken. Und deswegen gibt es weder eine gerechte Strafe noch einen gerechten Freispruch.“
Perlenaufgefädel.
„Ich könnte den Rechtlosen eine Stimme verschaffen.“
„Das kannst du auch so. Dazu brauchst du nicht zu hexen.“
„So? Und wie?“
„Heb deinen Hintern hoch und mach deinen Mund auf.“
Sie sah sich suchend auf dem Tisch um. Ich reichte ihr Perlen.
„Und wozu dann das Ganze?“ fragt ich verdrossen.
„Was?“
„Die Hexerei. Wenn man nichts damit anfangen kann.“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Die meisten Menschen stellen ohne Hexerei irgendwelchen Mist an, glauben aber, daß sie, wenn sie Hexen könnten, keinen Mist damit anstellen würden.“
„Nun ja ...“, sagte ich und zögerte, als ob ich vor lauter Gegenargumenten nicht wüßte, mit welchem anfangen. Aber mir fiel nichts mehr ein.
Perlenaufgefädel. Sie sagte nichts mehr. Dann:
„Denkst du denn, daß Machtlose, wenn sie Macht haben, plötzlich anfangen, Gutes zu tun?“
„Na gut“, lenkte ich ein. „Dann nicht.“
„Soll ich jetzt im Wechsel abwechselnd immer weniger Perlen von jeder Farbe nehmen, was meinst du?“
Ich verstand nicht.
„Erst fünf gelbe und fünf rote, dann vier gelbe und vier rote, und so weiter.“
„Das könnte ganz hübsch aussehen“, meinte ich.
„Ich täte mir leichter, wenn du sie mir schon abgezählt hinlegst.“
Ich fing damit an.
„Außerdem: Du bist kein Hexer, mein Lieber“, sagte sie und griff mir an die Ohren. „Hexer haben nicht solche Ohren. Und wenn du keiner bist, dann kannst du auch keiner werden. Ein Hexer kann zwar drauf verzichten, zu hexen. Aber ein Nichthexer kann sich nicht versagen, zu hexen, sobald er nur weiß, wie man es macht. Und dann passiert es dir früher oder später, daß du mitten im Hexen steckenbleibst oder drauskommst, und dann: dann ist’s um dich geschehen.“
Fädelte weiter, sah mich an und murmelte später noch kopfschüttelnd: „Hexen wollen ...“

Hausaufgaben

Zweifeln und zweifeln Sie nicht! Immer im Wechsel. Eine Stunde lang. Ohne nachzulassen. Dreißig Jahre lang. Dann resümieren.

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014