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Celeri 39 - Mai 2009
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Inhalt

Schwemmholz

Zukunftsträchtige Ernährungsmethode

Auf der Gass’ und im Bügelzimmer

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 40 erscheint Anfang Juni 2009)

 

Schwemmholz

Irritation (und auch Neid?) angesichts fundamentalistischer Kämpfer. Die einen kämpfen, die anderen machen ihren Job. Die einen sterben für eine Idee. Die Soldaten von Berufs wegen – Der Minister warnt davor, zu lange abzuwägen und aus lauter Unsicherheit über das richtige Vorgehen, gar nichts zu tun. Also besser etwas Falsches, als nichts tun – Schriftstellerin. Sie liest einen Text vor. Ihre Frage, wie ich den Text verstehe, verwundert mich. Ich finde, es gibt keine Verständnisvarianten. Ich antworte, daß es sich um die Studie einer farblosen, jungen Frau handelt, die mit diversen, teils grotesken, stets jedoch vergeblichen Aktivitäten („Faxen“ denke ich für mich) versucht, Profil, Charakter, Konsistenz, Wirklichkeit oder wie auch immer, zu erringen. Ein Vergleich fällt mir ein: die Protagonistin erinnert mich an jemanden, der durch Tätowierungen Individualität zeigen will. Irgendwie gelingt es ja auch, aber andererseits gerade auch nicht, weil jeder weiß, daß es nicht genügt, sich Bilder in die Haut ritzen zu lassen, um Individualist zu werden. Die Schriftstellerin ist sichtlich pikiert. Wie ich denn darauf komme? Es sei das Porträt einer unkonventionellen Frau, die unkonventionelle Dinge tut. Hatte ich es also doch ganz falsch verstanden – Haiku. Erstaunlich, daß der Übersetzer in die drei kurzen Zeilen noch einen Ton von hohl-geschwätzigem Pathos hineingebracht hat. Keine Miniaturen, sondern aus Epauletten und Bilderrahmen ausgesägte Broschen – Der große Entertainer im Gespräch. (Worin ist eigentlich ein Entertainer groß?). Ein Frettchen. Hält sich aber für löwenartig. Peinigend gewöhnlich. Kennt und schätzt nur das Be- und Anerkannteste. Intelligent. Jene Intelligenz, die nur zu persönlicher Vorteilnahme, also Geschäftstüchtigkeit und Wichtigtuerei, aktiv wird. Demzufolge raffgierig. Erzählt stolz, mit welchem Nichtskönnen er derzeit wieder einen Reibach macht. Seine Fans beneiden ihn, weil sie auch gern für ihr Nichtskönnen bezahlt werden würden. Berühmt, nur weil sie so sind wie sie sind. Attestiert sich selbst ulkigerweise etwas Päpstliches. Wenn, wie ich hörte, Fernsehen die Kirche der Verblödung ist, wäre er also der Papst dieser Verblödungskirche. Angeblich Provokateur. Weil er vor den Spießern, aus denen sein Publikum besteht mit noch größerer Spießigkeit prahlt? Weil er die Verlottertheit, die sein Publikum immerhin zu haben bestreitet, überspitzt? nur zustimmt, wo die Mehrheit zustimmt? die verheerendsten Zustände unserer Gesellschaft gut findet und ihre dämlichsten Promis bewundert? Beschäftigt einen ganzen Stab von Pointenschreibern. Wie verdumpft das Ganze ist, sieht man daran, daß das einfach so mitgeteilt wird. Eingekauftes zur Eigenleistung umetikettiert und weiterverhökert. Eine Miss Germany, bei der gleich der Schönheitschirurg und die Kosten der Operation mitgenannt werden und die Konkurrentinnen vor Neid erblassen. – Schriftsteller. Er möchte unsere Lesegewohnheiten hinterfragen. Warum denn? Soll er doch seine Hinterfragungsgewohnheiten hinterfragen; Maler. Er möchte unsere Sehgewohnheiten hinterfragen. Warum denn? Usw. – Große Bücher kann man nicht nur lesen; sie selbst lesen einen auch. Kleine Bücher kann man nur lesen.

Zukunftsträchtige Ernährungsmethode

Ein Kurzhosiger und ein Bunthemdiger überlegen, ob aus tierischen Exkrementen hergestellte Lebensmittel als vegetarisch angesehen werden können. Der eine findet „nein“, der andere kommt am Ende einer raffinessenreichen Argumentation zu einem „ja“. Einig sind sie sich, daß derartige Lebensmittel nicht vegan seien, enthielten sie doch tierische Fette und Eiweiße.
Sie postulieren einen deutlichen (vor allem von der Lebensmittelindustrie zu machenden) Unterschied zwischen den Exkrementen von fleischfressenden und pflanzenfressenden Tieren.
Kurzhose geht noch weiter: Er findet auch die Herstellung von Lebensmitteln aus menschlichen Exkrementen vorstellbar. Aus bewußtem Verzehr wertvoller Nahrungsmittel resultierende Exkremente enthalten wertvolle Bestandteile. „Wer gesund und achtsam lebt, Makrobioten, Veganer und Vegetarier z.B., dessen Exkremente sind nicht schädlich.“ Zustimmend verweist Bunthemd auf die gesundheitfördernde Wirkung von Eigenurin.
Die Idee als solche findet ihre wärmste Befürwortung. Der Wiederverwertungsgedanke. Kläranlagen seien in diesem Sinne als Wertstoffverschleuderungsanlagen einzustufen – Teil unserer kommerzlastigen Verschwendungsgesellschaft, die alles und jedes möglichst rasch ausrangiert, um zu erneutem Konsum aufrufen zu können.
Ich bringe die Unappetitlichkeit zur Sprache. Verständnis. Aber stoße Neues nicht immer auf Anfangsschwierigkeiten? Kurzhose verweist auf Beethoven, Tabak, Eisenbahn. Das alles habe seine Zeit gebraucht. Aber diese Zeit sei schließlich doch gekommen. Natürlich seien dumme Witze absehbar. Aber es stehe ja kein Teller im Klo, der dann, frisch soz., auf den Tisch komme. Es gehe nicht um direkten Verzehr. Um Gotteswillen. Man rede von Weiterverarbeitung. Fermentation, Verkäsung, milchsaueres Vergären, Verpulverung nach diversen Trocknungsvorgängen, etc.
Ob mir klar sei, was in herkömmlicher Wurst z.B. alles so drin sei? Ich hatte schon davon gehört. Dagegen, so Bunthemd, seien Exkremente die reinste Frischkost.

Auf der Gass’ und im Bügelzimmer

Ich war hinaus – auf die Gass’ – geschickt worden. Im Haus störte ich nur. Aus dem kleinen Hinterhof her klang es wie hölzernes Gelächter, dort hackte der Katzenberger Holz, und in der Küche kniete seine Frau vor dem Geschirrschrank, zwischen den ausgeräumten Töpfen und Tellern und wischte die Schränkböden aus.
Am Straßenrand lag ein Nagel, so ein rostiger, der sich im Staub krümmte, den hob ich auf und sprach zu ihm: „Du sagst mir jetzt, wohin’s geht“, und warf ihn hoch. Mit leisem Geklingel hüpfte er auf dem Bürgersteig herum, ehe er liegenblieb. So ging’s nicht, denn seine Spitze zeigte auf die Mauer. Dahin konnt ich ja nicht gehen.
„Dummer Bub!“ hörte ich eine Männerstimme hinter mir. „Siehst du denn nicht, daß die Tür drei Schritt weiter ist?“
Zur Sicherheit hatte ich gegen die Mauer gepocht und gehorcht, falls doch jemand in der Mauer wohnte und „herein!“ rief. Wer weiß, vielleicht kannte sich der Nagel ja besser aus, als ich dachte. Aber in der Mauer war es ganz still. Nun tat ich aber so, als ob es allerlei zu hören gab, worauf mich der Mann beiseite schob und ebenfalls das Ohr an die Mauer legte. Ein altes Ehepaar kam um die Ecke, besah sich stirnrunzelnd den Mann, die Frau tippte sich an die Stirn und beide gingen kopfschüttelnd vorüber. Der Mann hörte auf zu lauschen, sah mich kopfschüttelnd an und tippte sich auch an die Stirn, ehe er weiterging.
Ich warf den Nagel noch einmal. Diesmal zeigt er auf das Haus gegenüber. Zunächst ging ich aber noch zur Tür drei Schritt weiter. Sie führte in die Metzgerei. Heute war nur die junge dicke Verkäuferin hinter der Theke. Gut. Ich bat um ein Rädchen Wurst. Sie reichte mir eine Scheibe Gelbwurst.
„Könnte ich noch eine Scheibe haben?“
„Noch eine?“ Sie runzelte die Stirn.
„Bitte!“
„Na gut, ausnahmsweise.“
Sie schnitt noch eine herunter. War die Metzgerin selber da, bekam man nur eine Scheibe Wurst, und die auch nur, wenn man in Begleitung eines Erwachsenen war.
Mit meinen beiden Gelbwurstscheiben ging ich wieder hinaus, hob den Nagel auf und suchte weiter vorn, wo die Mauer nicht verputzt war, eine geeignete Stelle, möglichst weit oben. Dort, in eine Lücke, legte ich eine Gelbwurstscheibe, darauf den Nagel und deckte ihn mit der zweiten Scheibe zu. Ein Gelbwurstbettchen, das war für einen Nagel was ganz Besonderes, da würde er herrlich schlafen. „Träum was Schönes“, flüsterte ich ihm dann zu, dann ging ich zu dem Haus gegenüber, zu dem er mich gewiesen hatte.
Als ich näherkam, hörte ich ein Quieken und Pfeifen und Scharren.
Ach, der arme Siegfriederich, er hatte Geigenstunde bei seiner Tante und mußte auf seiner Geige spielen. Eine Geige, das war eine Art hölzernes Schwein, das er sich unters Kinn klemmte und mit einem schnurbespannten Stock kitzelte, daß es jaulte und quiekte.
Ich stieg auf den schmalen Absatz, der unten rund um das Haus lief und blickte in das Zimmer. Da saß mit dem Rücken zu mir die Nachbarin Ascher-Sonntag auf dem Sessel und vor ihr stand der Siegfriederich, spielte auf seinem Holzschweinchen, einen Ton, einen höheren, noch einen höheren, dann wieder einen tiefen, einen langen, einen kurzen, dann mehrere kurze hintereinander, und so weiter, hoch und tief und lang und kurz – er tat mir leid, daß er so was machen mußte.
Der Siegfriederich wäre gern mein Freund geworden, aber ich mochte ihn nicht leiden. Er tat mir leid, aber leiden konnt ich ihn dennoch nicht. Er hatte so einen komisch großen Kopf und roch immer nach verbrannter Milch.
Anfangs hatte ich mit ihm gespielt. Aber er hatte gar nicht wirklich gespielt, sondern mir beim Spielen nur zugesehen und war dabei immer geistesabwesender geworden.
„Was ist? Willst Du lieber nach hause?“ hatte ich ihn einmal gefragt. Er hatte zwar bestritten, daß ihm langweilig sei, aber ich hatte ihn trotzdem aufgefordert:
„Wenn du was anderes spielen willst, dann sag es halt.“
Er hatte mich lang angesehen und dann plötzlich gefragt, ob er mir mal seinen Popo zeigen solle? Das hatte mich nicht interessiert. Er beschwichtigte mich: in seinem Zimmer sei das ganz gefahrlos. Die Bodendielen würden nämlich so laut knarren, daß man unweigerlich hören würde, wenn jemand durch den Flur kam.
Als ich dennoch ablehnte, bot er als Dreingabe an, mir auch zu zeigen, wie er A-a macht. In seinem Zimmer sei das möglich.
„Auf den Teppich?“ fragte ich. Daran hatte er nicht gedacht. Er überlegte.
„Ich leg einen Teller auf den Boden.“
Das klang interessant. Ich zögerte. Dann war ich einverstanden, verlangte aber, daß er nicht in seinem Zimmer auf einen Teller A-a machte, sondern vom Kirchturm herunter.
„Vom Kirchturm?“ staunte er. „Wie sollen wir denn da hinaufkommen?“
„Nicht ‚wir’. Nur du. Ich schau doch von unten zu.“
Die Kirchentüre war zwar auf, die Tür zum Turm aber abgeschlossen.
„Das macht nichts. Du gehst zum Pfarrer und sagst, du willst mal vom Turm runterkucken.“
Ich schickte ihn nach nebenan zum Pfarrhaus.
„Mit U“, mahnte ich noch, ehe er klingelte.
„Wie?“
„Runterkucken mit U. Nicht mit A.“
„Ja, ja.“ Den Spaß verstand er nicht. Unverrichteter Dinge kam er wieder. Der Pfarrer war nicht da, nur die Pfarrköchin, und die wollte niemanden auf den Turm hinauflassen. Er solle bis zur Kirchweih warten, dann könne sowieso jeder auf den Turm.
„Dann geh’n wir eben doch in mein Zimmer“, meinte der Siegfriederich, als die Pfarrköchin die Türe wieder geschlossen hatte. Aber ich hatte keine Lust.
Nachdem unser Spiel nun stets bei dieser Frage landete, hatte ich aufgehört, mit Siegfriederich zu spielen. Aber er versuchte weiterhin, mit immer neuen Angeboten, meine Freundschaft zu erringen. Eines Tages hatte er mich an sein Fenster gewinkt, wo er ein Kamel und einen Engel aufs Fensterbrett gestellt hatte. Wenn ich mit ihm spielen würde, dürfte ich mir eins von beiden auswählen. Das Kamel war nicht schlecht. Aber was sollte ich denn damit?
„Wir könnten damit ‚Wüste’ spielen“, sagte Siegfriederich.
„Wüste?“
„Ja. Wir durchqueren die Sahara.“
„Was ist ‚Sahara’?“
„Die Wüste. Sand, Sand, und noch mal Sand. Wie ein Meer. Aber aus Sand. Und sooo heiß.“ Er blies die Backen auf. „Man ist tagelang unterwegs. Nur Sand. Und in der Hitze verdurstet man beinahe, wird aber kurz vorm Verdursten gerettet.“
Darauf hatte ich keine Lust.
„Der hat aber keinen Kopf!“ bemängelte ich und zeigte auf den Engel.
„Früher hatte er einen“, behauptete er. „Bei Engeln sind die Köpfe überhaupt nicht wichtig.“
Ich blieb skeptisch.
„Bei Engeln sind die Köpfe nicht wichtig“, setzte er nach.
„Kann er fliegen?“ fragte ich und zeigte auf die Flügel, die er hinten hatte.
Siegfriederich wußte nicht, was er sagen sollte.
„Wenn er Flügel hat, aber trotzdem nicht fliegen kann ...“, setzte ich nach und ließ den Satz unvollendet. Unnötig, zu beschreiben, was das für ein Reinfall wäre.
„Und was spielt man mit dem?“ wollte ich schließlich wissen.
„Himmel.“
„Wie geht das?“
„Du fliegst von Wolke zu Wolke, und wenn du dich mal ausruhen willst, darfst du neben dem Lieben Gott sitzen.“
Nicht schlecht. Aber da ich dann lieber den Lieben Gott gespielt hätte, konnte ich den Engel gar nicht gebrauchen. Und wenn der Siegfriederich der Engel wäre und dann neben mir ausruhen würde, würde er unweigerlich fragen, ob er mir mal seinen Popo zeigen solle.
Als die Geigenstunde zuende war, kam der Siegfriederich heraus und fragte wieder, ob wir zusammen spielen sollten. Diesmal hatte er ein neues Angebot. Er machte es flüsternd.
„Wenn du willst, zeig ich dir meine Tante nackt.“
„Wirklich?“
„Ja. Gegen fünf zieht sie sich für die Abendmesse um, da kann man sie beobachten, wenn man sich vorher im kleinen Zimmer daneben versteckt.“
Die Ascher-Sonntag, nackt – eigentlich fand ich es nicht interessant, sagte aber, daß ich es mir überlegen würde.
„Spielen wir solang?“ fragte Siegfriederich schnell.
„Geht nicht, ich hab zu tun“, log ich.
„Was denn?“ rief er mir hinterher. Aber ich war schon in unserem Haus.
Aus dem kleinen Hof klang es immer noch von den gespaltenen Scheiten, aus der Küche grummelte es, dort saß die Katzenberger am großen Tisch und schnitt, die Augen glotzend aufgerissen, daß sie schielte, und die Zunge im Winkel des ebenfalls weit aufgerissenen Mundes, neues Schrankpapier zu.
Von oben hörte man leises Pfeifen. Ich stieg hinauf. Das Pfeifen kam aus dem offenstehenden Zimmer am Flurende. Dort stand Fidli und bügelte und pfiff sich eins. Ich setzte mich auf den Stuhl und sah ihr zu.
Sie war eine junge Frau und man hatte mir eingeschärft, ich solle nett zu ihr sein. Sie sei nicht die Hellste und das solle ich sie keinesfalls fühlen lassen.
Sie tauchte ab und zu die Hand in ein Näpfchen und schüttelte dann Wasser auf den Stoff. Dann zischte es, wenn sie weiterbügelte. Das hörte sich gut an, zudem roch ich den Duft der heißen nassen Wäsche gern.
„Na? Langweilig?“ fragte sie nach einer Weile.
„Nö. Und dir?“
Sie zuckte die Schultern. „Naja, wenn’s so viel Wäsche ist, dann wirds allmählich langweilig.“
„Ich schau gern zu, wenn’s dir langweilig ist.“
„Davon wird mirs auch nicht lustiger.“
„Pfeif doch wieder“, sagte ich.
„Keine Lust mehr.“
„Warst du schon mal in der Ahara?“
„Wo soll das sein?“
„Sand, Sand, Sand. Und dann verdurstest du.“
„Danke. Kein Bedarf.“
Da mußte ich ihr Recht geben. Nach einer Weile schlug sie vor: „Erzähl mir doch was.“ Ich überlegte.
„Also“, fing ich dann an. „Es war einmal ein Mann, dem war es auch langweilig, furchtbar langweilig, ganz furchtbar, furchtbar langweilig, er überlegte dauernd, aber nichts fiel ihm ein, nur noch langweiligeres Zeug, dann ging er in ein anderes Zimmer und setzte sich hin, aber da war ihm gleich noch langweiliger, aber so richtig langweilig wurde ihm ...“
„Hör bloß auf mit dem Quatsch. Da wird’s einem ja ganz anders. Was soll denn das für eine Geschichte sein?“
Ich war beleidigt. Dann sollte sie doch bügeln und sich langweilen.
„Hast du denn nichts Besseres zu erzählen?“ fragte sie nach einer Weile.
Mir fiel gleich was ein:
„Stell dir mal vor, Fidli, du hättest eine schöne Bettdecke und ein schönes Laken.“
„Hm. Und?“
„Und beides wär aus Gelbwurst, Gelbwurstscheiben, groß wie Bettdecken!“
„Igitt!“
„Wieso denn? Wär das nicht toll? In einem Gelbwurstbett zu schlafen!“
„Wenn dir nichts anderes einfällt, als Quatsch, dann halt lieber den Mund.“
Ich sah ihr verdrossen zu.
„Immer noch langweilig?“ fragte ich nach einiger Zeit. Sie antwortete nicht. Mir war nämlich noch etwas eingefallen.
„Du, Fidli?“
„Hm.“
„Hättest du Lust, die Ascher-Sonntag anzuschaun?“
„Wozu denn das? Die hab ich heut schon gesehen.“
„Nein, nicht einfach so. Nackt.“
„Was? Nackt? Die Ascher-Sonntag? Da kann ich mir was Besseres vorstellen, als die hagere Hexe nackt.“
„So gegen fünf könnte man sie nackt anschaun“, lockte ich.
„Es ist erst vier.“
Noch eine ganze Stunde. Da konnte man freilich nichts machen ... ich sah ihr beim Bügeln zu. Plötzlich schreckte ich hoch. Fidli lächelte mich an:
„Bist eingeschlafen, wie? Hast du auch was Schönes geträumt?“
Ich überlegte. ich konnte mich zwar an keinen Traum erinnern, wollte Fidli aber trotzdem etwas erzählen und nickte.
„So? Und was hast du geträumt?“
„Daß ich schlafe.“
„Wie?“
„Ich hab geträumt, daß ich schlafe.“
„Du hast doch geschlafen.“
„Ja. Und dabei hab ich geträumt, daß ich schlafe.“
„Das geht doch gar nicht.“
„Doch. Man kann alles mögliche träumen. Warum soll ich nicht träumen, daß ich schlafe?“
„Na ... vielleicht ... aber ein richtiger Traum ist das nicht.“
„Einen richtigen Traum hab ich ja auch noch gehabt.“
„So? was für einen?“
„Nachdem ich eine Weile geträumt habe, daß ich schlafe, habe ich geträumt, daß ich beim Schlafen träume.“
„Also! Das ist doch Quatsch! Man kann nicht träumen, daß man träumt.“
„Ich hab aber geträumt, daß ich träume!“
„Erzähl mir doch nicht so einen Mist. Träumen, daß man träumt! Und was hast du da geträumt, als du geträumt hast, daß du träumst?“
„Das weiß doch ich nicht! Ich hab nur geträumt, daß ich was geträumt hab, aber was ich geträumt hab, das weiß ich doch nicht, ich konnte ja nicht in mich reinschauen, wenn ich schlafe, also wenn geträumt habe, daß ich schlafe.“
„Und woher willst du wi...“
„Was ist denn da oben los?“ Die Katzenberger rief von unten. Wir waren laut geworden.
„Wir unterhalten uns“, rief Fidli hinunter.
„Unterhalten! Geschrei nennt man das! Kann man nicht mal fünf Minuten seine Ruhe haben?“
„Fünf Minuten“, grummelte Fidli halblaut. „Die ist gut. Den ganzen Nachmittag war von uns nichts zu hören.“
„Ich hab was gefragt!“ rief die Katzenberger von unten.
„Was denn?“
„Ob man nicht mal fünf Minuten seine Ruhe haben kann?“
„Doch! Ich schau ab jetzt auf die Uhr.“
„Noch frech werden, was?“
„Ab jetzt sind wir artig und leise, Frau Katzenberger“, rief ich schnell dazwischen. Aus Erfahrung wußte ich, daß solche Wortwechsel zwischen Fidli und der Katzenberger kein Ende nahmen. Die Katzenberger hatte drei oder vier Bemäkelungen, die sie ungerührt wiederholte, wenn sie damit durch war, und Fidli fielen dazu immer bessere Erwiderungen ein, sie kam geradezu in Schwung dabei.
„Ich glaub, ich geh jetzt mal rüber und schau mir die Ascher-Sonntag nackt an“, sagte ich.
„Weißt du was ...“, Fidli zog den Stecker aus der Steckdose. „Ich komm doch mit ... kleine Pause kann nicht schaden.“
Ich ging noch auf den Hof. Der Katzenberger stapelte das gehackte Holz an der Wand auf.
„Herr Katzenberger? Wollen Sie mitkommen und die Ascher-Sonntag nackt anschaun?“
„Ich geb dir gleich ...“, sagte er und hob drohend ein Scheit.
Die Katzenberger brauchte man nicht zu fragen. Sie war immer und mit allem unzufrieden und versuchte, auch andere unzufrieden – und wenn sie’s schon waren, noch unzufriedener – zu machen.
Lobte ich die Marmelade, sagte sie, ich solle froh sein, daß ich überhaupt welche bekomme. Beklagte ich die glitschigen gekochten Zwiebeln in der Suppe, sagte sie, daß es Millionen gebe, die froh wären, wenn sie glitschige Zwiebeln zum Essen hätten. Als von meinem Roller das Gepäckträgerchen anfing, beim Fahren nach hinten zu klappen, meinte sie, nicht genug, daß Bengels wie ich überhaupt einen Roller hätten, fingen sie dann auch noch an, sich zu beklagen, nur weil ... Als ich für ein Buntstiftbild gelobt wurde, stimmte sie zu; es sei nicht schlecht, bleibe aber zuletzt halt doch Kindergekritzel. Ihre Unzufriedenheit war so alltäglich, daß längst alle dran gewöhnt waren. Ihr Mann bekam noch viel mehr Gemurre ab. Arbeitete er langsam und sorgfältig, so zischte sie ihm zu: er mache ihr Schande mit seiner ewigen Bummelei. War er rasch fertig, so maulte sie: wenn er nur zuhause auch einmal so ein Tempo vorlegte. Oder sie schalt ihn wieder: ob er denn immer so herumschludern müsse?
Durch die offene Küchentür sah man nun die Katzenberger vor dem Büffet knien und schwer schnaufend Geschirr einräumen.
„Nenn sie übrigens nicht immer Ascher-Sonntag. Sonst passiert’s Dir noch mal, daß Du sie selbst mal so anredest“, mahnte mich Fidli, während wir zu Siegfriederich hinübergingen. Ich nickte und klingelte. Nach einer Weile öffnete er.
„Da wärn wir. Es ist gleich fünf“.
„Und? Was wollt ihr?“
„Deine Tante nackt anschaun. Fidli interessiert sich auch dafür.“
„Ihr spinnt wohl.“
„Du hast es aber gesagt.“
„Gar nicht.“
„Doch.“
„Aber nur dir.“
„Aber Fidli ...“
„Siegfriederich! Wer ist denn da?“ Hinten tauchte Siegfriederichs Tante, noch angezogen, auf.
„Guten Tag Frau Asch...“ Fidlis Ellbogen fuhr mir in die Seite.
„Wir wollen mit Siegfriederich spielen“, sagte sie schnell.
Als die Ascher-Sonntag Fidli erkannte, blickte sie noch strenger als gewöhnlich. Auf Fidli war sie nicht gut zu sprechen.
Früher waren Siegfriederichs Geigenstunden, wenn es die Temperaturen gestatteten, immer bei offenem Fenster abgehalten worden. Als ich mit Fidli vom Einkaufen gekommen war und wir eben unter dem Fenster vorbeigingen, war dort Siegfriederichs Tante aufgetaucht und hatte gefragt, ob es nicht erstaunlich sei, welche Fortschritte Siegfriederich mache? Jetzt schon Haydn!
„Komm ruhig her, zeig dich mal. Nicht so bescheiden“, hatte sie ins Zimmer gewendet gesagt. Als Siegfriederich ebenfalls im Fenster erschien, und seine Tante uns fragte: „Nun, was sagen Sie zu dem kleinen Virtuosen?“ hatte ihm Fidli lachend zugerufen:
„Na, kleiner Krachmacher!“
Seitdem fanden die Geigenstunden bei geschlossenem Fenster statt.
„Das geht jetzt nicht“, beschied uns nun die Ascher-Sonntag. „Wir kleiden uns gerade für die Abendmesse um.“
Aha! Ich sah bedeutsam zu Fidli, ob sie auch verstanden hatte: Jetzt würde sich Siegfriederich im Zimmer daneben verstecken und seine nackte Tante beobachten.

Hausaufgaben

Übertreffen Sie sich selbst.

Ihr
Rainer Braune

 

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© Rainer Braune, 2006-2014 | Impressum
Stand: 25. Februar 2014