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Celeri 45 - November 2009
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Inhalt

Gespräch im Park

Schwemmholz

Hausaufgaben

(Anm.: Celeri Ausgabe 46 erscheint Anfang Dezember 2009)

 

Gespräch im Park

„Können Sie sch noch erinnern, wie wir Sie aus der Irrenanstalt abholten?“
„Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre“, sagte ich.
„Stop!“
Ich hielt.
„Was ist das für eine Pflanze?“
Ich sah mich um.
„Nach meinem Dafürhalten eine Gunnera.“
„Große Blätter, wie?“
„Ja. Sehr große“, bestätigte ich.
Er sah sehr lange in die Richtung. Er war nahezu blind. Was für einen Sinn hätte es gegeben, ihm zu sagen, daß dort, wohin er den Kopf wandte, keine Gunnera stand, sondern eine Mauer war. Dann sagte er: „Weiter bitte.“
Ich schob den Rollstuhl wieder an. Er konnte zwar gehen, aber wenn er an meinem Arm ging, fühlte er sich ständig unsicher, und so waren wir für unsere Spaziergänge durch den Park auf den Rollstuhl verfallen.
„Sie fragten“, fing er an, „nach der Kultur.“ Ich bog in die Allee ein.
„Heutzutage wird ja alles, wo Kunst für Kommerz und Unterhaltung – was ja eigentlich dasselbe ist – benützt wird, als Kultur bezeichnet.“
„Das meine ich nicht.“
„Ich vermutete es. Aber ich wollte nur klarstellen ...“
Wir bewegten uns langsam weiter.
„Sie müssen wissen, daß wir den Begriff nicht kennen, das heißt: nicht benützen. Wir brauchten ihn nicht.“
Musik setzte ein, von hoch oben, flatterte durch die Bäume. Der neue Bediente war Rameau-Fan. Eine Opernarie. Sie drang aus einem der oberen Fenster und schien vom Wind verdreht zu werden wie ein langes Stoffband. Als sich aus den Kastanien Blätter lösten, schien es, als sei nicht der Wind die Ursache, sondern die Arie.
„Natürlich kannten wir den Begriff. Aber wir benützten ihn nicht. Er paßte auf nichts. Es war ein Begriff des Gesindels, wenn er unsere Lebensweise meinte.“
Nach einer Weile sagte er:
„Sicher entsetzt Sie der Begriff Gesindel, nicht wahr?“
„Ja.“
Er ging nicht weiter darauf ein und fuhr fort:
„Wir hatten auch keinen Ersatzbegriff. Weil wir keinen brauchten. Unsereins lebt recht streng. Wir haben einen Kodex. Ein strenges Reglement. Und nach dem leben wir. Egal, ob das sogenannte Ich nach seinen Plaisieren ruft. Und dieser Kodex ... das ist vielleicht, in etwa, das, was Sie mit Kultur ansprachen. Welcher Kies ist das, der da knirscht?“
„Die Allee.“
„Man braucht nicht sehr alt zu werden, ehe man bemerkt, wie grausam das Leben sein kann. Daran gibts nicht zu rütteln. Wer glücklich sein will und nach einem schönen Leben jammert, der will das nicht wahrhaben.“
„Wir können uns allenfalls glücklich schätzen, überhaupt zu sein. Aber“, er lächelte, „wenn wir nicht wären, könnten wir uns auch nicht darüber grämen. Drollig ... Stop! Was ist das?“
„Eine Ente.“
„Eine Ente? Was macht die hier?“
„Es ist eine der Teichenten. Sie hat ihre Flügel ausgeschüttelt.“
„Aha. Ist denn der Teich in der Nähe?“
„Rechter Hand.“
„Sind wir nicht mehr in der Allee?“
„Nein, wir sind auf Höhe des Brunnens nach rechts, in Richtung der Gewächshäuser abgebogen.“
„Ach so. Davon merkte ich nichts.“
„Merken Sie eigentlich an nichts, daß wir neben dem Teich sind?“
Er besann sich. „Nein. An nichts. Jetzt, wo ich es weiß, bilde ich mir natürlich ein, das Teichwasser zu riechen.“
Von oben war wieder ein wenig Rameau zu hören, sozusagen vom Wind zerzauster Rameau.
„Wie die Zeit vergeht ...“, murmelte er. „Deswegen höre ich so ungern Musik. Es heißt, daß sie die Zeit stehenbleiben läßt. In Wahrheit macht die Musik aber ihr Vergehen hörbar. Ist einem das erst einmal bewußt geworden, wird einem Musik unerträglich. Eine klingende Erinnerung ans Älterwerden.“
„Als ich mit der Schule fertig war, wollte ich etwas Interessantes tun ... studieren ... ich gab mich der Sache gehörig hin ... nach einer gewissen Zeit mit ca. 30 gestand ich mir ein, daß ich unsere Zeit abscheulich fand ... ich glaube, jeder möchte gern in seiner Zeit leben ... aber mir gefiel sie nicht, ganz und gar nicht ... ich konnte mir nicht mehr verhehlen, daß auch die interessantesten Gebiete in den lächerlichen Rahmen alberner Berufe praktiziert wurden ... nur die Künste schienen mir davon ausgenommen ... aber zu meinem Bedauern hatte ich keinerlei künstlerisches Talent ... nein, ich liebte meine Zeit nicht ... dumme Ideen, dumme Ideale, dumme Leute ohne Ziele, die außerhalb des Geldbeutels lagen ... und die Künste ... sie hätten davon frei sein können, aber da sie sich nach ihrer Zeit richteten und diese darstellten, waren sie meistens ebenso läppisch. Und alle, die da mittun, einem zurufen, so sei nun mal das Leben, es komme drauf an, was man draus macht: da haben sie das Gesindel ... Meinungshaber, Wähler, Preisvergleicher ... Trottel niederster Gesinnung, die von der Freiheit des menschlichen Willens überzeugt sind ... und so weiter ... all das Gesindel, das dafür sorgt, daß die Welt ein ...“
Er fuhr nicht fort, aber ich konnte mir vorstellen, was er meinte. Ich fragte:
„Haben Sie denn noch nie gewählt?“
Er ging nicht darauf ein.
„Ich wollte etwas Ernsthaftes. Da habe ich mich auf mein Schloß zurückgezogen. Und im Nu waren vierzig Jahre vergangen.“
„Immerhin hatte ich das Glück, meiner Frau zu begegnen ... wenn man bedenkt ... wie wenig genügt hätte, und die Begegnung hätte nicht stattgefunden ... zum Beispiel die Brille ... ich ging an dem Tag noch einmal zurück, um die Brille zu holen ... vielleicht eine halbe Minute, die ich deswegen später losfuhr ... aber ohne diese halbe Minute hätten wir uns verpaßt ... stellen Sie sich nur mal Ihr Leben vor ... als eine unablässige Folge nicht eingeschlagener Wege ... wo sind wir?“
„Bei der Remise.“
„Anfangs verzichtete ich sogar darauf, Elektrizität legen zu lassen.“
„Ich erinnere mich. Ich denke immer noch gern daran, wie lange es dauerte, bis es mir auffiel.“
„Ja, man gewöhnt sich sehr leicht daran. Nur wer Radio und Fernsehen gewöhnt ist, klagt. Unsere damalige Köchin berichtete gern von den sagenhaften Eigenschaften moderner Staubsauger. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich ihr auseinandersetzte, daß eine Anschaffung sinnlos sei, solange kein Strom im Haus war. Als meine Tochter wieder herzog, haben wir dann das Schloß an die Elektrizität anschließen lassen ... jetzt hören die Bedienten auf ihren Schallplattenspielern Opern ...“
„Was hätte ich tun sollen? ... Wenn die Zeit so ist, daß das Leben in ihr falsch ist und wenn man ein Leben außerhalb als Weltflucht empfindet ... schwierig, nicht wahr? ... Wie geht’s denn Ihnen damit?“
„So ähnlich.“
„Und wie leben Sie?“
„Ich halte mich fern von allem, was mir mißfällt.“
„Geht das?“
„Naja ...“

Schwemmholz

Frühmorgens an den Häusern mit einzelnen, schon erleuchteten Fenstern vorbei. Hinter denen sich Menschen fertigmachen für die Fahrt zur ungeliebten Arbeit, zur Ausübung eines ungeliebten Berufs. Das halten sie für „Das Leben“. Und das für „Das Leben“ zu halten, halten sie erst recht für „Das Leben“. Doppelt falsch oder richtig – Das Abokonzert beginnt. Der Klodeckel hebt sich: es ist angerichtet - Er verachtet die Philister und schwärmt von den freien Taugenichtsen, verfaßt das Lob der letzteren in der Sprache der ersteren – Man hatte sich, auf Wunsch der Gastgeberin, in historischen Kostümen eingefunden. Alle fanden sich etwas lächerlich und fingen gerade an, sich in ihren Rollen einzugewöhnen, als ein Herr mit der Nachricht eintrat, daß der Sohn der Gastgeberin tödlich verunglückt war. Man fühlte sich sogleich doppelt ungebührlich und beschloß, sich wieder umzuziehen. Als man sich dann in der Halle wieder einfand, fühlte man sich jedoch erneut kostümiert – Manche TV-Serien beanspruchen, die „ungeschönte Wirklichkeit ganz normaler Menschen zu zeigen.“ Man sieht Kuscheleien, Kabbeleien, Mißverständnisse, Häme, Neid, Schicksalsschläge, usw., ist erstaunt, wie unterhaltsam derlei Banalitäten, die Realitäten eben, sind, als einem einfällt, daß es doch nicht realistisch ist. Denn man liest, daß im Schnitt jeder Deutsche zwischen zwei und drei Stunden vor dem Fenrsehgerät verbringt. Das sind, genau betrachtet, nicht zwei bis drei Stunden von vierundzwanzig, sondern von sechzehn. Denn in der anderen Zeit schläft ein Mensch. Zwei Stunden von sechzehn, das ist ein Achtel. Da auch die genannten Fernsehserien vornehmlich in der Wachzeit der Menschen spielen, meistens sogar nur in der arbeitsfreien Zeit, müßten also, um reallitätsgetreu zu sein, in einer 60-minütigen Sendung sieben bis acht Minuten lang Menschen beim Fernsehen zu sehen sein. Das wiederum wäre seltsam, denn von diesen acht Minuten müßten diese Fernsehzuschauer (vorausgesetzt, sie haben gleichfalls eine auf Realitätsnähe bestehende Serie eingeschaltet) eine Minute lang gleichfalls andere Menschen beim Fernsehen sehen – Fernsehprogramm: Fernsehzuschauer schauen Fernsehzuschauern zu, die Fernsehzuschauern zuschauen – Sich nicht für allzu klug zu halten, hält er schon wieder für klug.

Hausaufgaben

Woran merken Sie, daß Sie es selbst sind?

Ihr
Rainer Braune

 

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Stand: 25. Februar 2014